duotone: Stilisierte Karte der Straße von Hormuz mit Handelsschiffen und Geschosstrajektorien von der iranischen Küste

Am 3. Mai 2026, 21:35 BST, kündigte Donald Trump auf Truth Social „Project Freedom” an — eine US-Militäroperation, gestrandete Handelsschiffe durch die Straße von Hormuz zu eskortieren. Iran hatte die Meerenge seit Beginn des US-Israel-Iran-Kriegs effektiv geschlossen; rund 1.000 Schiffe mit etwa 20.000 Seeleuten saßen in der Region fest. Centcom kündigte eine „Security Area” vor der Küste Omans an: 100+ land- und seebasierte Aircraft, 15.000 service personnel, Guided-missile Destroyers. Pete Hegseth sprach am Pentagon-Pressepult von „leading with strength, clarity and purpose”; Marco Rubio nannte die Operation „a favour to the world”.

50 Stunden später, Dienstagabend 23:52 BST, twitterte Trump: Project Freedom werde „pausiert für eine kurze Zeit, um zu sehen, ob das Abkommen finalisiert und unterzeichnet werden kann”. Stunden vor diesem Tweet war ein französisches CMA-CGM-Containerschiff in Hormuz von iranischen Geschossen getroffen worden. Lloyd’s List zitierte am selben Abend Reedereien und Versicherer mit der Bilanz, Project Freedom biete „keine ausreichende Klarheit oder glaubwürdige Schutzgarantie, um die Wiederaufnahme des Verkehrs zu rechtfertigen”. Die BBC-Verify-Chronologie hat den Ablauf minutiös dokumentiert.

Sieben Wochen vor dieser Operation hatte Anusar Farooqui — Finanzökonom, PhD McGill, schreibt für New Statesman, Phenomenal World und auf seinem PolicyTensor-Substack — auf dem deutschen Polit-YouTube-Kanal 99 ZU EINS erklärt, warum exakt dieses Szenario eintreten würde. Die Folge (Ep. 633, „Defeated by Iran?”, 20. März 2026) gehört zu den ungewöhnlichen Stücken im 2026er Geopolitik-Podcastregister: nüchterne Modellierung statt Empörung, kein Mainstream-Frame, kein Insider-Geraune. Was an ihr neu war, ist nicht die Schlussfolgerung — Iran wird nicht militärisch zu bezwingen sein —, sondern die Begründung, die Farooqui aus drei klassischen Luftkriegs-Theorien herauspräpariert.

Diese Woche, am 7. Mai, war Farooqui erneut bei 99 ZU EINS zu Gast (Ep. 651, „US empire after Iran war”). Die Folge ist eine analytische Konsolidierung — und eine Erweiterung um eine Theorie-Schicht, die im März noch implizit war: warum eine Außenpolitik, die offenkundig in eine strategische Niederlage führt, trotzdem betrieben wird. Farooquis Antwort führt zurück zu einem akademischen Debattenfaden, der in Deutschland kaum ankommt: zur Israel-Lobby-These von Mearsheimer und Walt, kombiniert mit Thomas Fergusons Investitionstheorie der Parteienkonkurrenz.

Dieser Text rekonstruiert beide Linien — Vorhersage und Bestätigung in der Hormuz-Frage, dann die strukturelle Erklärung dahinter — und nennt am Ende, was die seltene Konstellation einer im Voraus formulierten und empirisch eingelösten Modellierung für die deutschsprachige Iran-Krieg-Debatte bedeutet.

Drei Theorien des strategischen Luftkriegs — und warum keine reicht

Farooqui setzt im März auf einer disziplinär sauberen Ebene an: Die Militärgeschichte kennt drei Hauptansätze, mit Luftgewalt einen Krieg zu gewinnen. Alle drei sind in der Iran-Operation auf den Tisch gekommen, alle drei sind mit empirisch belegbaren Limitationen versehen.

Erstens die Coercion-Theorie nach Giulio Douhet: Bombardierung bricht den Volkswillen, das Regime kapituliert. Belege gegen die These: Deutschland 1942–45, Japan bis Hiroshima, Vietnams Rolling Thunder. Bevölkerungen kapitulieren unter Bombardement nicht; sie radikalisieren oder ertragen.

Zweitens die Decapitation-Theorie nach John Warden, dem strategischen Kopf hinter „Shock and Awe” 1991: Tötet die Führung, der Staat implodiert. In den ersten 72 Stunden des Iran-Kriegs gegen Iran getestet — gescheitert. Iran hatte sich auf das Szenario vorbereitet: dezentrales Kommando mit 32 Regionalkommandeuren, dispergierte Streitkräfte, redundante Befehlsketten.

Drittens der Interdiktionskrieg, die einzige nach Farooquis Lesart ernstzunehmende US-Doktrin: Lieferketten unterbrechen, Iran-Raketen-Inventar erschöpfen, Wiederaufbau verhindern. Hier wird Farooquis Modellierung präzise. Er rechnet mit drei Variablen: Anfangsbestand, Produktionsrate, Interdiktionsrate. Das Ergebnis selbst unter „sehr günstigen Annahmen”: Es dauert Jahre, Iran auf diesem Weg zu entwaffnen. Vier bis fünf Monate Öl jenseits der 100-Dollar-Marke ist die politische Schmerzgrenze für Trump. Und — das ist die empirische Pointe der März-Folge — Iran erhöhte sein Angriffstempo, statt es zu senken. Der Interdiktionskrieg wird nicht gewonnen, er wird verloren.

Daraus folgt der Hormuz-Befund: Iran kontrolliert den Öl- und Gastransit durch die Straße. Die Wirkung auf die Welt ist schmerzhaft, aber verkraftbar. Die Wirkung auf die Golfmonarchien — Saudi-Arabien, VAE, Katar — ist existenziell. „Diese Waffe”, so Farooqui im März, „kann nicht weggenommen werden, solange Iran nicht militärisch besiegt werden kann.” Die Schlussfolgerung: Iran ist die neue Regionalmacht im Golf. Anders als der Schah der 1970er Jahre aber feindlich, revolutionär, antiwestlich.

Drei Szenarien für das Kriegsende formulierte Farooqui im März. Erstens: Die USA gewinnen den Interdiktionskrieg, sein Modell ist falsch — möglich, aber empirisch widerlegt bisher. Zweitens: Bodeninvasion, Sumpf — nicht auszuschließen, aber unwahrscheinlich angesichts iranischer Geographie und Mobilisierungsmasse. Drittens — sein Zentralszenario: politische Kosten zwingen Trump zu einem Waffenstillstand, der als „Sieg” ausgerufen wird.

Project Freedom war kein Waffenstillstand. Aber der Mechanismus stimmt: Demonstrative Operation, Anfangserfolg-Behauptung, schnelle Pause unter dem Druck eines empirischen Tatbestands, den die Operation selbst nicht beheben konnte. Iran hatte die Eskalationsdominanz im März, Iran hat sie im Mai.

Die Mai-Folge: empirische Bestätigung und ein Zusatz-Befund

In Ep. 651 nennt Farooqui die 50-Stunden-Operation einen „cheap trick” — eine Eskorte als Demonstration, ohne reale Schutzfähigkeit. Iran feuerte, der Verkehr brach ein, die USA mussten zurückrudern. Ein Detail, das in der deutschen Berichterstattung untergeht: Bessent, der US-Treasury-Chef, hatte die Verhandlungen in Islamabad zuvor verlassen, die USA hatte einen kurzen Waffenstillstand zurückgenommen, und nun musste sie öffentlich pausieren. Iran befindet sich, in Farooquis Worten, „in einer deutlich stärkeren Verhandlungsposition als vor einem Monat”.

Die Wirtschaftslage hinter der politischen Pause ist schärfer als die deutsche Berichterstattung suggeriert. Brent steht über 110 Dollar (vor dem Krieg: 60). Eine Milliarde Barrel Öl ist offline. Vierzig Prozent des globalen Ölhandels läuft seeborne — und das trifft Asien und Afrika zuerst, dann Europa, zuletzt die USA. Farooquis Vergleichswort: schlimmer als der Ölschock der 70er Jahre, mit globaler Stagflation als Konsequenz. Der innenpolitische Hebel: Benzinpreis über vier Dollar pro Gallone seit zwei Monaten, GOP-Midterm-Druck. Farooqui nennt das einen „sehr gut gerichteten Schmerzvektor” auf die republikanische Politik.

Die Ökonomen, die in den US-Mainstreammedien diesen Befund noch herunterspielen — Brad Setser, Robin Brooks —, klassifiziert Farooqui ohne Umschweife: keine peer-reviewed Ökonomen, sondern „Chart Monkeys”, die für vorhersehbare Blob-Positionen bezahlt würden. Dieser Ton ist im deutschen analytischen Register ungewohnt scharf, und er ist nicht ohne Grund pointiert: Es geht ihm um die Selektionsmechanik im Mediendiskurs. Wer Setsers Position einnimmt, wird platformiert; wer rechnet wie Farooqui, schreibt auf Substack.

So weit die Bestätigung der März-These. Die Erweiterung in Ep. 651 ist die theoretische Schicht darunter.

Ferguson plus Mearsheimer/Walt: warum das Modell trotz besseren Wissens betrieben wird

Farooquis zweiter analytischer Beitrag in Ep. 651 ist ein theoretisch dichter Vorschlag, eine spezifische Frage zu beantworten: Warum betreibt eine Großmacht eine Außenpolitik, die nach allen seriösen Modellierungen in eine strategische Niederlage führt?

Die kürzeste Antwort, die Farooqui zitiert, stammt aus dem Jahr 2006: das London-Review-of-Books-Essay von John Mearsheimer und Stephen Walt, das 2007 als Buch The Israel Lobby and US Foreign Policy erschien. Die These — Farooqui referiert sie ausdrücklich nicht als „Verschwörung” — beschreibt einen Cluster aggressiver Foreign-Policy-Thinker, die in beiden US-Hauptparteien (besonders in der GOP) eine kontrollierende Position eingenommen haben. Sie waren Hauptantreiber des Irak-Kriegs 2003. Sie sind, mit denselben Personalien und derselben Institutsstruktur, Hauptantreiber des Iran-Kriegs 2026.

Die Pointe von Mearsheimer und Walt ist nicht ethnisch, sondern strukturell. Es geht um eine Lobby, die — wie jede andere Lobby auch — über Parteispenden, Think-Tank-Stellen und Medienzugang Politiker:innen-Karrieren konstituiert. Was diese Lobby besonders macht, ist die Aggressivität ihrer außenpolitischen Vorstellung und die Tatsache, dass sie mit der Lobby für eine spezifische andere Regierung — die israelische — strukturell verkoppelt ist.

Die zweite theoretische Säule ist Thomas Fergusons Investment Theory of Party Competition. Fergusons Kernthese, in einer Zeile: Parteien sind primär Investorenkoalitionen, nur sekundär Wählerkoalitionen. Was Politiker:innen versprechen, sagen und tun, bestimmen die großen Geldgeber:innen, nicht die Wähler:innen. Wahlkampfausgaben in den USA sind — selbst nach offizieller Zählung — ein Vielfaches dessen, was in europäischen Demokratien zirkuliert; das Verhältnis zwischen Großspender:innen und Politik ist konstitutiv, nicht peripher.

Farooquis Erweiterung — in einer scharfen Formulierung von Ep. 651:

„Die Israel-Lobby ist die dominante oder hegemoniale Investorenkoalition in der GOP, vor allem dort, aber auch in der Demokratischen Partei.”

Aus dieser Fusion folgt eine spezifische Erklärungslogik. Die Frage „Warum betreibt die US-Regierung einen Krieg, von dem das Pentagon weiß, dass er nicht zu gewinnen ist?” wird unter der Mearsheimer-Walt-Ferguson-Optik nicht mit „weil sie nicht weiß, was sie tut” beantwortet. Sondern: weil das Investorenkonsortium, das die Außenpolitik konstituiert, das Modell hat, der Krieg sei zu gewinnen — und weil es dieses Modell durchsetzt, gegen die internen Stimmen des Pentagon-Apparats, der CIA, der seriösen Akademie. Die Personalisierung ist konkret: Susie Wiles, Trumps Stabschefin im Weißen Haus, war zuvor Wahlkampfstrategin Benjamin Netanyahus. Jared Kushner — die freundschaftliche Nähe zu Netanyahu ist seit Jahren öffentlich. Mike Huckabee, US-Botschafter in Israel, ist ein evangelikaler Zionist mit explizit pro-Genozid-Positionen. Mark Thiessen, Kolumnist der Washington Post, schreibt in der Krise wörtlich:

„Iran’s leaders must be made to understand that their lives literally depend on reaching a negotiated settlement to Trump’s liking. If they refuse to do so they will be killed.”

Eine offen formulierte Politik des Mordes. Farooqui kommentiert, das sei in normalen US-Politanalyse-Räumen so nicht denkbar — und die Tatsache, dass Thiessen weiter publiziert wird, sei selbst ein Datenpunkt für die Selektionsmechanik der Lobby.

Die historisch produktivste Pointe in dieser Linie ist eine Iraq-2003-Parallele, die deutsche Leser:innen kaum kennen. Nach der US-Invasion 2003 wollte der US-Proconsul Paul Bremer Öl-Konzessionen an westliche Konzerne vergeben. Die US-Öl-Konzerne lehnten ab. „Recipe for disaster”, lautete die Begründung. Sie wollten Beratungs- und Engineering-Verträge, keine direkte Ownership in einem Land, das gerade militärisch unterworfen worden war. Die Schlussfolgerung Farooquis: Die Öl-Industrie war 2003 sehr viel klüger als die Lobby. Die Lobby setzte den Krieg durch, die Öl-Industrie sah die geopolitische Falle und hielt sich heraus. Die analoge Lage 2026: Die Öl-Konzerne und das militärische Establishment sehen die Hormuz-Falle und bremsen die Eskalation. Die Lobby drückt weiter — wider besseres Wissen.

Daraus zieht Farooqui die finale Pointe der Folge, ungewöhnlich scharf für einen analytischen Podcast: Die Lobby sei nicht nur aggressiv, sie sei inkompetent. „They are morons. They don’t know what they’re doing.” Das Strukturproblem dahinter sei aber nicht die Inkompetenz selbst, sondern die Selektion: Die Lobby kontrolliere die Medien-Platformierung — sie biete den Inkompetenten Bühnen und schließe die Sachverständigen aus. Der Westen verfüge, sagt Farooqui in einem auffällig nüchternen Schlussatz, „über extrem tiefe Sachkenntnis. Aber alle ernsthaften Leute sind aus der Konversation ausgeschlossen, weil die Idioten übernommen haben.”

Was die Vorhersage-Bestätigungs-Struktur leistet

Die Konstellation, dass eine im März öffentlich formulierte Modellierung im Mai durch ein konkretes politisches Ereignis empirisch bestätigt wird, ist im aktuellen Geopolitik-Diskurs selten genug, um sie ausdrücklich festzuhalten. Es ist nicht die Schlussfolgerung („USA verliert in Iran”), die das interessant macht — solche Behauptungen kursieren auf zahllosen Kanälen, mit unterschiedlichen Begründungen und unterschiedlicher Sorgfalt. Das Bemerkenswerte ist die Modellierung, die zwischen Behauptung und Schlussfolgerung steht. Drei Variablen, eine geometrische Struktur, ein Zentralszenario.

Die Pointe für die deutschsprachige Iran-Krieg-Debatte ist eine doppelte. Erstens: Eine Operation wie Project Freedom ist nicht nur strategisch zu kritisieren, sie ist im Vorhinein modellierbar. Wer behauptet, Trump habe „nicht ahnen können”, dass die Operation scheitert, blendet aus, dass dies sieben Wochen vorher öffentlich gerechnet wurde. Zweitens: Die strukturelle Erklärung, warum das Modell trotzdem politisch durchgesetzt wird, ist ohne die Mearsheimer-Walt-Ferguson-Achse nicht greifbar. Eine Außenpolitik-Analyse, die die Lobby-Frage ausklammert, kann „Project Freedom” nur als individuelles Trump-Versagen erzählen — nicht als systemisches Output einer bestimmten Investorenkoalition.

In derselben 99zu1-Folge öffnet Farooqui zwei weitere Linien, die beide eigene Stücke verdienen. Die eine, sein neues Substack-Paper „An Equilibrium Model of Counter-Base War in the Western Pacific”, modelliert die US-Verluste im Falle eines chinesischen Angriffs auf US-Basen in Asien — 75 Prozent der US-Aircraft in der ersten Woche, Größenordnung höher als die schwerste Attrition des sowjetisch-deutschen Kriegs. Die andere, das Konzept des „Neuroyalism” von Stacy Goddard und Sam Newman, deutet die Trump-Administration als rentenextrahierende Familien-Dynastie nach habsburgischem Muster. Beide Linien verlängern die Iran-Analyse in unbequeme Richtungen — die erste nach Asien, die zweite in die innenpolitische Form des US-Empire selbst. Sie bleiben hier offen.

Die produktivste Frage, die Farooquis Doppelfolge an die deutschsprachige Öffentlichkeit stellt, ist eine, die in der Iran-Berichterstattung von Tagesschau bis Spiegel systematisch unterausgesprochen wird: Welcher Investorenkoalition dient die deutsche Iran-Politik? Die Frage klingt zunächst skandalös und ist es nicht. Sie folgt aus einer Theorie, die für die USA als gut belegt gelten darf. Wenn diese Theorie auch für deutsche und europäische Außenpolitik strukturell trägt — und das ist eine empirische Frage, keine ideologische —, dann ist die seit Jahren laufende ELNET-Politiker-Vernetzung in Berlin, Paris, Brüssel die Frühphase eines analogen Aufbaus.

Mit anderen Worten: Was Farooqui im Mai über die USA gesagt hat, ist die Schablone, an der man die deutsche Lage in den nächsten Jahren wird messen müssen. Die Hormuz-Pause war eine 50-Stunden-Demonstration. Die theoretische Linie dahinter wird länger laufen.


Quellen: