Hinter den Gittern verdorren die Blumen

Buchcover: Iran – hinter den Gittern verdorren die Blumen

Bahman Nirumand, Rowohlt 1992


1979 machten viele iranische Linke einen Fehler, den sie mit dem Leben bezahlten: Sie glaubten, die Islamische Revolution sei erst der Anfang. Khomeini würde die Monarchie stürzen, dann würde das Volk weitergehen. Die Linke – Kommunisten, Volksmudschaheddin, Sozialisten, Intellektuelle – kämpfte mit, organisierte, demonstrierte, träumte.

Drei Jahre später saßen sie in Evin.


Das Buch

Bahman Nirumand kennt Iran von innen. Als junger Mann in Teheran politisiert, in den 1960ern in Deutschland zur Ikone der Studentenbewegung geworden – sein Persien, Modell eines Entwicklungslandes war ein Standardwerk der APO. Er hat die Hoffnungen der Revolution aus der Nähe erlebt und ihr Scheitern aus dem Exil beobachtet.

Hinter den Gittern verdorren die Blumen ist ein Zeugnis dieses Scheiterns. Nirumand dokumentiert, was die Islamische Republik mit ihren politischen Gegnern gemacht hat: systematisch, geduldig, brutal.

Das Buch arbeitet auf zwei Ebenen. Auf der ersten stehen Einzelschicksale – Gefangene, die er namentlich nennt, deren Verhöre, Folter und Hinrichtungen er rekonstruiert, soweit es Überlebende und Exilquellen erlauben. Auf der zweiten Ebene zeichnet er die Struktur des Repressionssystems nach: die Revolutionsgerichte unter Richter Sadegh Khalkhali, das Gefängnis Evin als Zentrum des Terrors, die ideologische Unterwerfungsmaschine, die aus Kommunisten reuige Muslime machen sollte.


1988: Das vergessene Massaker

Das Herzstück des Buches ist das Massaker von 1988 – eines der größten politischen Verbrechen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, das im Westen kaum bekannt ist.

Im Sommer 1988 erließ Ayatollah Khomeini eine geheime Fatwa: Politische Gefangene, die an ihren Überzeugungen festhielten, seien Feinde Gottes und müssten hingerichtet werden. In Schnellverfahren – Verhöre, die manchmal nur Minuten dauerten – wurden Tausende bereits verurteilte und zum Teil kurz vor ihrer Entlassung stehende Gefangene erneut befragt. Wer sich weigerte, den Islam zu bekennen, wer die Mudschaheddin nicht verurteilte, wer auf seinen Namen bestand: tot.

Die Schätzungen variieren zwischen 3.000 und 5.000 Hingerichteten innerhalb weniger Monate. Die Leichen wurden in Massengräbern verscharrt, den Familien wurde die Herausgabe der Leichen verweigert, der Ort der Gräber verschwiegen. Viele Familien erfuhren den Tod ihrer Angehörigen erst, als man ihnen die persönlichen Gegenstände der Hingerichteten in einer Plastiktüte vor die Tür stellte.

Nirumand hat dieses Massaker früh dokumentiert, zu einem Zeitpunkt, als es im Westen kaum Thema war.


Die Linke, die mitgemacht hat

Was das Buch besonders macht, ist der Blick auf das Scheitern der iranischen Linken von innen. Nirumand erspart sich und seinen Leserinnen die Selbstgerechtigkeit. Er beschreibt, wie die Linke 1979 die Revolution aktiv mitgetragen hat – und wie sie dabei die Zeichen übersehen oder verdrängt hat.

Die Hoffnung war real: Der Schah war gestürzt, SAVAK aufgelöst, politische Gefangene befreit. Viele glaubten, Khomeini sei eine Übergangsfigur. Was folgte, war kein Übergang, sondern ein neues System der Herrschaft – mit einem anderen Gott, aber denselben Kellern.

Die Lehre, die Nirumand zieht, ist keine triumphierende. Er beschreibt eine Tragödie: Menschen, die für eine gerechte Welt kämpften, die benutzt wurden und dann vernichtet wurden. Die Blumen verdorren hinter den Gittern – der Titel ist kein Bild, sondern ein Befund.


Warum jetzt lesen?

Der Iran des Jahres 2026 ist nicht der Iran von 1988. Das Regime hat sich verändert, die Gesellschaft hat sich verändert, die Proteste von 2019 und 2022 haben gezeigt, dass die Bevölkerung das System nicht mehr als legitim akzeptiert.

Und doch: Das strukturelle Erbe ist dasselbe. Evin existiert noch. Die Revolutionsgarden existieren noch. Die Logik der ideologischen Unterwerfung – Geständnisse im Fernsehen, erzwungene Reue, Tod für Beharrlichkeit – ist dieselbe.

Wer den aktuellen Krieg verstehen will, wer verstehen will, warum das Regime kämpft wie es kämpft und warum Teile der iranischen Bevölkerung das Regime nicht verteidigen, sollte wissen, was dieses Regime in den ersten Jahren seiner Existenz getan hat.

Nirumands Buch ist keine leichte Lektüre. Es ist eine notwendige.


Bahman Nirumand: Hinter den Gittern verdorren die Blumen. Rowohlt, 1992.