Vollzug ohne Urteil: Wie Autistici/Inventati in elf Tagen verschwand
Am 8. September 2026, zwei Tage nachdem sich das Kollektiv Autistici/Inventati aufgelöst hatte, beantwortete noblogs.org noch immer Anfragen. HTTP 200. Die reguläre Startseite, mit Anmeldeformular und Registrierungslink, ohne Abschiedshinweis. Auch inventati.org löste auf, auf dieselbe IP-Adresse.
Nur autistici.org nicht. Diese Domain hatte zu diesem Zeitpunkt seit elf Tagen keinen DNS-Eintrag mehr.
Die deutschsprachige Berichterstattung hatte zu diesem Zeitpunkt bereits geschrieben, das Kollektiv sei „Geschichte”, es „gibt auf”, es werde „abgeschaltet”. Keines dieser Verben trifft, was tatsächlich geschah. Abgeschaltet hat niemand etwas. Es wurde ein Name aus einem Verzeichnis genommen und ein Bankkonto gekündigt — und das genügte.
Der Vorgang ist deshalb interessant, weil er so wenig Substanz hat. Kein Polizeieinsatz, keine Beschlagnahme, keine Löschungsanordnung, kein Richter, kein Bescheid, gegen den man hätte klagen können. Am Ende steht trotzdem die Auflösung einer Infrastruktur, die fünfundzwanzig Jahre bestanden hatte.
1. Was passierte
Zweimal überlebt
Autistici/Inventati entstand im März 2001 aus dem medienaktivistischen Umfeld, das sich in Rom um das besetzte Zentrum Forte Prenestino sammelte — Indymedia, Tactical Media Crew, Candida TV. Wenige Monate später schoss in Genua ein Carabiniere auf Carlo Giuliani, und die Polizei stürmte die Diaz-Schule, in der das Media Center untergebracht war. Aus dieser Erfahrung entstand das Projekt: E-Mail, Webhosting, Mailinglisten, später die Blogplattform NoBlogs — kostenlos, werbefrei, ohne Tracking.
Zweimal hat der italienische Staat danach direkt zugegriffen, und zweimal überstand das Kollektiv es.
Am 15. Juni 2004 erschien die Polizia postale auf Anordnung der Staatsanwaltschaft Bologna in einer Serverfarm des Providers Aruba bei Arezzo. Der Server wurde kurz abgeschaltet und sein Inhalt kopiert. Aruba erklärte den Ausfall zunächst als technische Störung. Vom Umfang des Zugriffs erfuhr das Kollektiv erst ein Jahr später: rund 5.000 Mailboxen, hunderte Websites, Listen mit zehntausenden Teilnehmern. Die Antwort war der „Piano R*” — die Server wurden über mehrere Länder verteilt.
Acht Tage nach dem Zugriff, am 23. Juni 2004, reichte Trenitalia beim Gericht Mailand einen Eilantrag ein. Anlass war eine Satireseite unter autistici.org/zenmai23/trenitalia, die die Startseite der Staatsbahn nachbaute und deren Dienstleistungen so umbenannte, dass Waffentransporte für den Irakkrieg als das eigentliche Geschäft des Konzerns erschienen. Am 3. August unterlag das Kollektiv in erster Instanz. Am 7. September 2004 hob die sezione feriale des Gerichts Mailand — jene Kammer, die während der italienischen Gerichtsferien die eiligen Sachen übernimmt — den Beschluss auf, wies Trenitalias Anträge ab und verurteilte den Konzern zu 5.100 Euro Kosten. Begründung: Satire sei „besondere Ausdrucksform der Meinungs- und Kritikfreiheit” und damit von Artikel 21 der Verfassung gedeckt.
2004 traf das Kollektiv also beides gleichzeitig — den Serverzugriff der Staatsanwaltschaft und die Unterlassungsverfügung eines Staatskonzerns. Gegen den Konzern gewann es. Es gab ein Gericht, ein Verfahren, einen Verfassungsartikel und am Ende eine Kostenerstattung — und das alles mitten in der Sommerpause der italienischen Justiz, die damals vom 1. August bis zum 15. September lief. Beide Entscheidungen fielen in diese Wochen. Der Apparat war im Urlaub und arbeitete trotzdem: fünf Wochen von der Niederlage bis zur Aufhebung.
2009 wiederholte sich das Muster ein drittes Mal: Nach einer Anzeige von CasaPound erwirkte die Staatsanwaltschaft Avezzano Rechtshilfeersuchen nach Norwegen, in die Niederlande und in die Schweiz, die Server wurden erneut kopiert. Dank der verteilten Architektur waren die Dienste binnen Stunden wieder erreichbar.
Elf Tage
Am Mittwoch, 26. August 2026, setzte das US-Finanzministerium Autistici/Inventati als Specially Designated Global Terrorist auf die Sanktionsliste des Office of Foreign Assets Control. Rechtsgrundlage ist die Executive Order 13224, die George W. Bush am 23. September 2001 gegen die Finanzierung von al-Qaida erlassen hatte. In derselben Aktion wurden die britische Gruppe Palestine Action, das Netzwerk Masar Badil und zwei Einzelpersonen gelistet. Eine davon lebt in Berlin.
Das Kollektiv erfuhr von der Listung nicht durch eine Mitteilung, sondern aus einem Beitrag von Außenminister Marco Rubio auf X.
Gleichzeitig erließ OFAC die General License 36: Bestehende Geschäftsbeziehungen dürfen bis zum 25. September 2026, 00:01 Uhr Ostküstenzeit, abgewickelt werden. Das ist eine Abwicklungsfrist, keine Erlaubnis zur Fortsetzung — ein Unterschied, auf den das Kollektiv später ausdrücklich hinweisen musste, weil er in der Berichterstattung verrutschte.
Dann ging es schnell.
Freitag, 28. August. Am Morgen ist autistici.org nicht mehr auflösbar; die Domain trägt den Registry-Status serverHold. Der Mailserver ist damit nicht mehr erreichbar — nicht weil er ausgefallen wäre, sondern weil sein Name nicht mehr aufgelöst wird. Techniker verlegen die Daten binnen eines halben Tages auf eine Adresse außerhalb US-amerikanischer Zuständigkeit; die E-Mails sind zurück. Am selben Tag funktioniert das PayPal-Spendenkonto nicht mehr. Am Nachmittag ruft die Banca Etica an und kündigt an, das Konto zu schließen.
Ebenfalls am 28. August dringt jemand in noblogs.org ein, benennt die Plattform für wenige Minuten in „Trumpblogs” um und zieht die Mailadressen der Nutzer samt ihrer verschlüsselten Passwörter ab. Ein anonymer X-Account reklamiert die Tat für sich.
29. August. Jennica Pounds, seit Juli 2026 in nicht näher bezeichneter Funktion für das US-Verteidigungsministerium tätig, kündigt auf X ein Dossier über „mehr als siebentausend” bei NoBlogs gehostete Seiten an — und tauft ihre Suchmaschine „TrumpBlogs”. Denselben Namen, den wenige Stunden zuvor die Angreifer gewählt hatten. Die Rekonstruktion des Vorgangs weist ausdrücklich darauf hin, dass die Namensgleichheit nichts beweist. Am 31. August geht die Karte online. Später präzisiert Pounds, sie habe alle identifizierten Namen an die Behörden gemeldet.
1. September. Die Banca Etica macht öffentlich, dass sie den Kontobetrieb ausgesetzt hat.
3. September. Der Europaabgeordnete Brando Benifei bringt eine Anfrage an die Kommission ein. Am selben Tag veröffentlicht die NGO European Digital Rights einen Solidaritätsaufruf, den über dreißig Organisationen unterzeichnen, darunter der Chaos Computer Club.
4. September. Die Bank erklärt in einer Sitzung den einseitigen Rücktritt vom Vertrag. NoBlogs läuft nach dem Einbruch nur noch im Nur-Lese-Modus.
5. September. Die Bank teilt mit, dass die Guthaben auf dem Konto — einige zehntausend Euro aus Spenden — nicht mehr zurückzuerlangen sind. Nach Auslegung ihrer Juristen wäre selbst die Rückzahlung an den Kontoinhaber ein Sanktionsverstoß.
6. September. Autistici/Inventati kündigt die Einstellung aller Dienste und die Auflösung des Kollektivs an.
Elf Tage.
2. Was blockiert wurde
Zählt man nach, ist die Liste dessen, was tatsächlich gesperrt wurde, kurz:
Ein Domainname. autistici.org steht im Status serverHold, der die Veröffentlichung im DNS verhindert. Das Kollektiv vermutet die Public Interest Registry dahinter, die .org verwaltet und ihren Sitz in Virginia hat — markiert diese Zurechnung aber selbst als Rekonstruktion. Eine Stellungnahme der Registry liegt nicht vor. In seinem eigenen Dossier führt das Kollektiv fünf Punkte ausdrücklich als ungeklärt auf, darunter die Frage, ob die Registry auf Anweisung handelte und wie die Entscheidungskette verlief. Die technischen Daten, heißt es dort, dokumentierten den Zustand der Domain, „beweisen jedoch an sich nicht, wer diese Maßnahme beschlossen hat oder aus welchem Grund”.
Ein Spendenkonto. PayPal stellte den Dienst ein. Eine Anordnung ist nicht dokumentiert.
Ein Bankkonto und sein Guthaben. Die Banca Etica kündigte einseitig.
Das ist alles.
Nicht gesperrt wurde: der Server. Er lief durch. Die Registry ist nicht der Hoster, und diese Unterscheidung ist der Kern der Sache. Nicht gesperrt wurden inventati.org und noblogs.org. Nicht gelöscht wurde ein einziger Inhalt. Es gab keinen Bescheid, kein Verfahren, keine Verurteilung.
Und Italien war zu nichts verpflichtet. Das Innenministerium stellte fest, dass eine einseitige US-Maßnahme im Inland keine Anwendungspflicht erzeugt — so war es zuvor auch im Fall der UN-Berichterstatterin Francesca Albanese und der Anarchistischen Föderation. Die europäische Terrorliste folgt einem eigenen Verfahren; eine automatische Anerkennung gibt es nicht.
Die Bank selbst stand auf keiner Liste. Sekundärsanktionen hätten ihre eigene Listung vorausgesetzt; als Präzedenzfall wird eine einzige Bank angeführt, die libanesische Jammal Trust Bank. Alessandro Messina, von 2015 bis 2021 Generaldirektor der Banca Etica, hat den Sachzwang seines früheren Hauses in einem Interview auseinandergenommen: Bancomat und Satispay haben keinen US-Bezug, Visa lief in Europa über die britische Gesellschaft, das Kartengeschäft über den italienischen Anbieter Nexi, an dem die staatliche Cassa Depositi e Prestiti beteiligt ist. Die Bank hätte sich, so Messina, auf den Ausschluss von Visa beschränken können.
Die Bank sieht das anders, und ihre Stellungnahme vom 1. September ist das aufschlussreichste Dokument des ganzen Vorgangs. Autistici/Inventati war seit 2018 Kundin. Das Konto sei stets regulär geführt worden, ohne geldwäscherechtliche Auffälligkeiten, im mittleren Risikoprofil. Erst die OFAC-Listung habe die Bank gezwungen, das Profil anzuheben. Träfen sie Sekundärsanktionen, verlören alle 130.000 Kundinnen und Kunden den Zugang zu Kredit- und Debitkarten und die Möglichkeit, außerhalb des Euroraums zu zahlen — die Bank sieht ihre Existenz bedroht.
Entscheidend ist der Halbsatz, mit dem sie das begründet: „In Abwesenheit jeglicher Äußerung und Weisung seitens der italienischen und europäischen Institutionen darüber, wie eine Bank sich in solchen Fällen schützen kann.”
Das ist kein Versäumnis von zwei Wochen. Die Bank arbeitet nach eigener Darstellung seit September 2025 gemeinsam mit dem europäischen Dachverband alternativer Banken an genau dieser Frage — seit die USA Francesca Albanese und Richter des Internationalen Strafgerichtshofs auf die Liste setzten. Sie war bei Parlamentsveranstaltungen, sie schrieb an die Regierung, an italienische Abgeordnete, an europäische Institutionen. Sie bekam keine Antwort.
Die Grauzone, in der die Bank sich entscheiden musste, ist also nicht durch eine Handlung entstanden, sondern durch ein Jahr Unterlassen.
3. Die Konsequenz
Was am 6. September geschah, war keine Abschaltung, sondern eine Entscheidung. Die Erklärung des Kollektivs steht im Aktiv und in der ersten Person: „A/I stellt den Betrieb ein. Das Kollektiv Autistici/Inventati löst sich auf und wird in Kürze alle von uns angebotenen Dienste einstellen.”
Die Begründung ist nicht technisch. Nichts war kaputt. Sie ist fürsorglich: „Die Möglichkeit, dass unsere Arbeit rechtliche und finanzielle Konsequenzen für diejenigen nach sich ziehen könnte, die uns nahestehen — oder auch nur in irgendeiner Weise mit uns zu tun haben —, lässt uns keine andere Wahl.”
Damit ist die eigentliche Wirkungsweise der Sanktion benannt. Sie hat keine Infrastruktur zerstört. Sie hat den Kontakt zu dieser Infrastruktur mit einem Risiko belegt. Wer eine Rechnung stellte, eine Domain registrierte, ein Konto führte oder auch nur spendete, konnte sich damit selbst gefährden — wer spendete, konnte dafür in den USA verfolgt werden, und EU-Bürger können nach Transaktionen mit Gelisteten bei der Einreise Probleme bekommen. Zugespitzt: Selbst wenn die Unschuld des Kollektivs anerkannt würde, setzte die bloße Geschäftsbeziehung Dritte Sekundärsanktionen aus.
Wo nicht die Schuld sanktioniert wird, sondern die Berührung, nützt die Unschuld nichts. Und dann ist der wirksamste Vollstrecker der Betroffene selbst.
Bemerkenswert ist, was in der Erklärung nicht steht. Ein Kollektiv aus dem anarchistischen Umfeld, das sich fünfundzwanzig Jahre als Widerstandsinfrastruktur verstanden hat, schreibt: „Keiner von uns hält heroische Gesten und Märtyrer für besonders wertvoll, daher werden wir auch keine Opfer verlangen. Weder von uns noch von irgendjemand anderem.” Die naheliegende Bewegungsreaktion — durchhalten als Symbol — wird nicht erwogen und verworfen, sondern als Kategorie abgelehnt. Die elf Tage werden nicht als Niederlage gezählt, sondern andersherum: „Jeder Tag, an dem wir nach dem 26. August 2026 online geblieben sind, war ein Sieg.”
Es gibt einen Gegenfall, und er steht in Deutschland. Die Rote Hilfe hat nach der US-Listung der „Antifa Ost” dasselbe Muster durchlaufen — GLS Bank und Sparkasse Göttingen kündigten die Konten. Sie hat es überstanden und führt inzwischen ein Hauptsacheverfahren. Autistici/Inventati hat den Gang vor Gericht nicht versucht.
Der Unterschied ist nicht Mut, sondern Exponierung. Ein Solidaritätsverein gefährdet mit seinem Weiterbestehen niemanden außer sich selbst. Ein Hoster gefährdet alle, die bei ihm liegen. Je mehr Menschen eine Infrastruktur schützt, desto mehr Geiseln hat, wer sie angreift.
4. Wie viel ist verschwunden?
Bleibt die Frage, die eigentlich am Anfang stehen müsste: Wie groß war das, was da aufhörte?
Rund 16.000 Postfächer und rund 10.000 Blogs. Dazu rund 1.500 Websites und rund 5.500 Mailinglisten. So steht es in dem Fact Sheet, mit dem das US-Außenministerium die Designation begleitete, und von dort ist es in fast jeden Bericht gewandert.
Das „rund” gehört fester dazu, als es aussieht. Die Zahlen stammen aus der Selbstbeschreibung des Kollektivs; das Fact Sheet gibt sie ausdrücklich als dessen eigene Angabe wieder. Eine unabhängige Erhebung existiert nicht.
Eine zweite Zahl gibt es, und sie kommt aus einer tatsächlichen Messung: gut 7.000 Blogs. Das ist der Umfang der TrumpBlogs-Karte, also des Crawls, den Jennica Pounds Ende August veröffentlichte. Sie widerspricht den 10.000 nicht. Eine Selbstauskunft zählt, was auf der Plattform liegt; ein Crawler findet, was öffentlich verlinkt und erreichbar ist. Dass die zweite Zahl kleiner ausfällt, ist zu erwarten.
Genauer wird es nicht. Wer wissen will, wie viele Blogs und Mailkonten dieser Vorgang gekostet hat, hat die Wahl zwischen der Angabe derer, die aufhören mussten, und der Zählung derer, die sie kartiert haben.
Die Größenordnung steht deshalb trotzdem fest, und sie ist der eigentliche Befund: eine fünfstellige Zahl von Postfächern, eine fünfstellige Zahl von Blogs, aufgebaut in fünfundzwanzig Jahren — beendet in elf Tagen, durch eine Verwaltungsentscheidung, die kein Gericht geprüft hat.
Was daraus folgt
Die italienische Politik hat auf all das nicht mit Abwehr reagiert. Es liegen zwei Anfragen an die Europäische Kommission vor: eine des Sozialdemokraten Benifei, die fragt, wie die Kommission Betreiber und Nutzer vor einer Entscheidung schützen will, die keine europäische Behörde geprüft hat. Und eine aus der Regierungspartei Fratelli d’Italia, die wissen will, ob die Kommission von der Verbindung eines eigenen Beamten zu dem Trägerverein weiß; dazu eine Strafanzeige. Die Kommission prüft. Eine Positionierung der Regierung Meloni zur Sanktion selbst ist nicht bekannt.
Wer erwartet hat, die extraterritoriale Reichweite amerikanischen Sanktionsrechts werde in Europa als Souveränitätsproblem verhandelt, findet stattdessen eine Gelegenheit, die genutzt wird.
Der Vergleich mit 2004 drängt sich auf, und er ist unbequem. Damals klagte ein staatlicher Konzern gegen eine Antikriegssatire und verlor, weil Artikel 21 der Verfassung griff. Es gab ein Aktenzeichen, eine Verhandlung, ein Urteil und eine Kostenentscheidung. Zweiundzwanzig Jahre später ist von diesem Apparat nichts übrig — nicht weil er abgeschafft wurde, sondern weil er nicht mehr adressiert wird. Eine Verwaltungsentscheidung in Washington, ein Registry-Status in Virginia, eine Risikoabwägung in einer Bank in Padua, und das war es.
Am 25. September läuft die Abwicklungsfrist ab. Bis dahin ist ein Teil der Infrastruktur weiter erreichbar, obwohl das Kollektiv, das sie betrieb, sich aufgelöst hat. Was danach von einer Sanktion übrig bleibt, die nie vollstreckt werden musste, wird sich dann zeigen — nachsehen kann das jeder mit einer DNS-Abfrage.
Quellen
Alle Angaben zum Stand 8. September 2026. Sämtliche Links am selben Tag per curl geprüft.
Der Rechtsakt
- US-Außenministerium: „Designation of Autistici/Inventati as a Specially Designated Global Terrorist” (26.08.2026). Quelle für die Zahlenreihe — und für ihre Einschränkung: Das Fact Sheet referiert sie ausdrücklich als das, was das Kollektiv zu hosten angibt. Wer sie ohne diese Markierung weitergibt, macht aus einer Selbstauskunft einen Befund.
- US-Finanzministerium: die Mitteilung zur Sanktionsrunde mit der Rechtsgrundlage Executive Order 13224. Der Rechtsakt selbst nennt keine einzige der vier Zahlen — eigene Prüfung, 08.09.2026.
- Mario Di Vito: „Terrorista è la piattaforma” (il manifesto, 28.08.2026). Der Frontartikel zur Designation: Sanktionsmechanik, General License 36 mit Frist zum 25.09.2026, italienische Rechtslage — und die Vorgeschichte von 2004 und 2009. Quelle für den Aruba-Zugriff und den „Piano R*”.
Die elf Tage
- Andrea Capocci: „Spenti temporaneamente i server di Autistici” (il manifesto, 29.08.2026) — der Ablauf des 28. August: DNS-Ausfall, Verlagerung binnen eines halben Tages, PayPal, der Anruf der Bank.
- Daniele Gambetta: „Gli attivisti: «Accuse strumentali»” (il manifesto, 28.08.2026), Interview mit dem Kollektiv.
- Andrea Capocci und Stefano Simoncini: „Attacco Usa ai server di Autistici/Inventati e l’altra guerra ibrida” (il manifesto, 05.09.2026). Quelle für den NoBlogs-Einbruch, die Umbenennung in „Trumpblogs” und die Namensgleichheit mit der Suchmaschine — einschließlich des ausdrücklichen Vorbehalts, dass sie nichts beweist. Der Vorbehalt steht hier, weil er in der Quelle steht.
- Andrea Capocci: „Banca Etica impedisce l’accesso ai fondi” (il manifesto, 06.09.2026) — die Stufe, auf der das Guthaben unerreichbar wird.
- Marina Della Croce: „Da Charlie Kirk ad A/I, gli Usa a caccia di antifa” (il manifesto, 06.09.2026) — die Kette der Inkriminierung seit September 2025.
- il manifesto steht hinter einer Bezahlschranke.
Die Bank
- Banca Etica: die Stellungnahme vom 1. September 2026. Das aufschlussreichste Dokument des Vorgangs: Kundin seit 2018, acht Jahre unauffällig, mittleres Risikoprofil — und die Arbeit seit September 2025 mit dem europäischen Dachverband FEBEA an genau der Frage, auf die niemand antwortete. Von dort auch die Folgenrechnung für 130.000 Kundinnen und Kunden.
- Andrea Capocci: „Il problema è l’amministrazione Usa, l’istituto deve mobilitarsi” (il manifesto, 06.09.2026), Interview mit Alessandro Messina, Generaldirektor der Banca Etica von 2015 bis 2021 und 2025 unterlegener Kandidat um die Präsidentschaft. Quelle für Bancomat, Satispay, Visa UK und Nexi. Die Nähe ist Teil der Aussage: Die Kritik kommt aus dem eigenen Haus, von jemandem, der bei der letzten Wahl unterlag.
Das Kollektiv selbst
- Autistici/Inventati: die Pressemitteilung vom 28. August 2026 (deutsche Fassung bei Untergrund-Blättle, 03.09.2026). Quelle für den
serverHold-Status, die Zurechnung an die Public Interest Registry — und für die fünf Punkte, die das Kollektiv selbst als ungeklärt führt. - Autistici/Inventati: die Auflösungserklärung vom 6. September 2026 (Untergrund-Blättle, 07.09.2026). Alle Zitate aus der Erklärung im Text stammen von hier.
- CrimethInc. Ex-Workers Collective: „US Government Designates Host of noblogs.org a Global Terrorist” (27.08.2026), deutsch bei Untergrund-Blättle (31.08.2026).
Die Vorgeschichte von 2004
- Tribunale di Milano, Sezione Feriale, Ordinanza vom 7. September 2004, R.G. 54800/04 — Volltext bei PeaceLink. Der Beschluss hebt die Verfügung vom 3. August auf, weist die Anträge von Trenitalia ab und verurteilt den Konzern zu 5.100 Euro Kosten; Begründung ist Artikel 21 der Verfassung. Streitgegenstand war die Satireseite unter
autistici.org/zenmai23/trenitalia. - Das Archiv des Falls liegt bei A/I selbst unter
inventati.org/ai/trenitalia/. Dieautistici.org-Adresse desselben Dossiers ist gesperrt — die eigene Rechtsgeschichte des Kollektivs ist heute nur noch über die Zweitdomain erreichbar.
Der deutschsprachige Strang
- Die drei Verben aus dem Einstieg, in der Reihenfolge des Textes: taz · heise online · Untergrund-Blättle. Die Kritik gilt den Überschriften, nicht den Häusern: In den Fließtexten steht durchweg das Aktiv des Kollektivs.
- Matthias Monroy: „Neue Finanzrepression” (nd, 27.08.2026). Quelle für den mitsanktionierten Berliner, die Verfolgbarkeit von Spendern und die Einreiseproblematik.
- Markus Reuter: „USA sanktionieren italienisches Internetkollektiv” (netzpolitik.org, 28.08.2026) · Tomas Rudl: „Pauschaler Terrorvorwurf” (04.09.2026) und „Internetkollektiv stellt Betrieb ein” (07.09.2026). Letzterer ist die Quelle dafür, dass die Rote Hilfe ein Hauptsacheverfahren führt und bei A/I ein Gerichtsverfahren offen ist.
- Rote Hilfe e. V.: „Solidarität mit Autistici/Inventati” (07.09.2026). Quelle für den Gegenfall: die Kontenkündigungen von GLS Bank und Sparkasse Göttingen nach der „Antifa Ost”-Listung — und dafür, dass die Konten inzwischen wieder laufen.
Die europäische Ebene
- Emanuela Del Frate und Chiara Sgreccia: zur Sperrung und zur PD-Anfrage im EU-Parlament (Domani, 28.08.2026) und zu den Folgen der Sanktion in der EU (03.09.2026). Quelle für beide Anfragen an die Kommission — die von Benifei und die aus Fratelli d’Italia.
- European Digital Rights: die Solidaritätserklärung (03.09.2026), unterzeichnet von über dreißig Organisationen.
- Salvatore Toscano: zur Designation (L’Indipendente, 27.08.2026) · Walter Ferri: zur Betriebseinstellung (07.09.2026). Von dort der Satz, dass auch eine anerkannte Unschuld die Geschäftsbeziehung nicht entlastet hätte.
Die Kartierung
- TrumpBlogs, die Karte von Jennica Pounds, online seit 31.08.2026. ⚠️ Die einzige unabhängige Messung des Umfangs stammt von der Gegenseite — von jemandem, der die identifizierten Namen nach eigener Angabe an die Behörden gemeldet hat. Wer die gut 7.000 als Beleg für den Schaden zitiert, zitiert das Werkzeug, das ihn anrichten half. Deshalb steht die Zahl im Text neben der Selbstauskunft, nicht an ihrer Stelle.
Eigene Messung
- DNS- und HTTP-Abfragen am 08.09.2026 über einen lokalen Resolver:
autistici.orgohne Auflösung,inventati.orgmit Weiterleitung,noblogs.orgHTTP 200 mit regulärer Startseite. Momentaufnahmen — ein Statuscode 200 belegt Erreichbarkeit, nicht Betriebsfähigkeit.