illustration: Ein Balkendiagramm der meistgeblockten Bluesky-Konten am 18. August 2026. Fünf Balken bestehen aus grauem Punktraster, einer sticht als massive orangefarbene Fläche heraus: Attie auf Platz 2 mit 155.984 Blocks — mehr als The White House mit 124.184 und ICE mit 113.839, nur JD Vance liegt mit 182.717 darüber. Auf den Plätzen 5 und 6 zwei weitere KI-Konten.

Es gibt auf Bluesky eine Rangliste, die niemand anstrebt: die der meistgeblockten Accounts. Ich habe sie am 18. August 2026 über die öffentliche Schnittstelle des Tracking-Dienstes ClearSky abgefragt. Sie sieht so aus:

#AccountBlocks
1JD Vance, Vizepräsident der USA182.717
2Attie155.984
3The White House124.184
4ICE, die US-Einwanderungsbehörde113.839
5Now Breezing, ein KI-Bot95.152
6Go4Know, ein KI-Blog90.120
8Homeland Security81.921

Attie ist kein Politiker und keine Behörde. Attie ist ein Produkt von Bluesky selbst — der KI-Assistent, den die Firma im März vorgestellt hat. Er steht zwischen dem US-Vizepräsidenten und dem Weißen Haus, und er wird häufiger geblockt als die Behörde, die in den USA Abschiebungen vollstreckt. Drei der ersten sechs Plätze belegen KI-Accounts.

Zum Vergleich: Attie hat 3.390 Follower. Auf jeden Menschen, der dem Account folgt, kommen 46, die ihn weggeklickt haben.

Ich habe das Werkzeug in den vergangenen Tagen selbst benutzt — Zugang zur geschlossenen Beta, zwei Feeds gebaut, im Programmcode herumgeschraubt, die Belege gegengeprüft. Und ich habe die Rezeption nachrecherchiert, auf Bluesky wie in der Presse. Was dabei herauskam, ist unbequemer, als es beiden Seiten lieb sein dürfte.

Was passiert ist

Am 28. März 2026 stellte Bluesky-Mitgründerin Jay Graber Attie vor. Sie ist seit Anfang des Jahres nicht mehr CEO, sondern Chief Innovation Officer. Der Ankündigungspost bekam 1.951 Antworten und 1.004 Likes.

Dieses Verhältnis ist der eigentliche Befund. Bei Zustimmung liegen Antworten weit unter den Likes — Leute klicken lieber auf Herz als zu tippen. Grabers Post kam auf 1,94 Antworten pro Like. Alle Attie-Posts seit Juli liegen zwischen 0,00 und 0,17.

Innerhalb von rund 27 Stunden war Attie auf Platz 2 der Blockliste. Ein einziger Post„wouldn’t it be funny if EVERYONE blocked this Attie AI account” — sammelte 12.610 Reposts und 15.286 Likes ein, also etwa das Fünfzehnfache der offiziellen Ankündigung. Blockaufrufe liefen auf Englisch, Französisch und Deutsch. Der Moderationsdienst Skywatch Blue musste öffentlich bremsen: „Folks: Please stop reporting @attie.ai. This is out of scope for us.” Es wurde nicht nur geblockt, sondern gemeldet.

Graber antwortete am 30. März in schneller Folge. Die Posts lesen sich wie eine Krisenkommunikation in Echtzeit — und ihre Resonanz sagt genau, was ankam und was nicht:

Der Satz, der am schlechtesten ankam, war das Eingeständnis, dass Bluesky auch sonst mit Claude Code gebaut wird. Der Satz, der am besten ankam, war das einzige konkrete Zugeständnis. Und dazwischen steht ein Satz, den man von einer Firmenchefin über ihr eigenes Produkt selten liest:

we also dislike AI slop. this is why we’re using AI to generate code, not content. feel free to block @attie.ai though — it’s a separate app so you don’t have to use it

155.984 Menschen haben die Einladung angenommen.

Der Vergleich, der wehtut

Um zu verstehen, warum die Reaktion so heftig ausfiel, muss man anderthalb Jahre zurückgehen. Am 15. November 2024 — an dem Tag, an dem bei X neue Geschäftsbedingungen zum KI-Training in Kraft traten — schrieb Bluesky:

A number of artists and creators have made their home on Bluesky, and we hear their concerns with other platforms training on their data. We do not use any of your content to train generative AI, and have no intention of doing so.

Dieser Post hat 102.463 Likes. Die Attie-Ankündigung hat 1.004. Faktor 100.

Streng genommen wurde nichts gebrochen. Attie trainiert nicht auf Nutzerinhalten, es benutzt Anthropics Claude, um Feed-Definitionen zu schreiben. Wer die Zusage von 2024 wörtlich nimmt, findet keinen Widerspruch. Nur hat die Zusage eben ein Publikum eingesammelt, das sie nicht wörtlich genommen hat, sondern als Haltung. Und zwölf Tage später legte Bluesky selbst nach: mit einem Post über „our ongoing efforts to allow users to specify consent (or not) for AI training”. Bluesky hat KI 2024 als Einwilligungsfrage gerahmt. 2026 lieferte es einen KI-Account aus, dem man nur durch Blocken entkommt.

Was Attie tatsächlich ist

Hier wird es interessant, denn fast niemand in der Debatte hat sich das Werkzeug angesehen. Ich konnte es, und die technische Wirklichkeit passt zu keiner der beiden Erzählungen.

Attie hat drei Modi: Feed (eine abonnierbare Feed-Definition), Quest (eine agentische Frage ans Netzwerk) und Page. Der dritte kommt in keiner Pressemeldung und in keinem von Grabers beiden Texten vor.

Wenn ein Feed beschrieben wird, passiert nicht das, was man erwartet. Attie baut keine geheime Empfehlungslogik. Es schreibt ein Programm in vier Stufen, und jede davon lässt sich lesen und ändern:

  1. Sources — Stichwortliste, Sprachen, Zeitfenster, Sortierung
  2. Pre-Filter — JavaScript, in einem Editor mit Zeilennummern
  3. Labeling — ein LLM-Prompt im Klartext plus ein frei definierbares Label-Schema
  4. Curator — JavaScript, das auf die Labels filtert und sortiert

Ich habe die Editierbarkeit getestet. Zwei Zeichen im Pre-Filter geändert, damit nur noch deutschsprachige Posts durchkommen, gespeichert, neu laufen lassen: Von 73 Kandidaten blieben null übrig. Der Eingriff wirkt exakt — und nebenbei beantwortete er die Frage, warum mein erster Testfeed keinen einzigen deutschen Post enthielt. Nicht der Filter war schuld: In der Nische Notizsoftware und Self-Hosting trug schlicht kein einziger Kandidat ein deutsches Sprach-Tag.

Beim zweiten Versuch, mit deutschem Prompt zu KI-Regulierung und digitaler Souveränität, sah es völlig anders aus. Attie erweiterte von sich aus das Zeitfenster von drei auf sieben Tage — mit der Begründung, das Thema sei nischig —, setzte den Sprachfilter hart auf Deutsch, baute ein fünfteiliges Label-Schema mit Relevanzpunktzahl und sortierte nach Relevanz statt nach Engagement. Von 81 Kandidaten blieben 43: netzpolitik.org, D64, das Weizenbaum-Institut, Jürgen Geuter, ein FR-Kommentar zur Geheimdienstreform. Das ist ein brauchbarer Fachfeed.

Zwei weitere Dinge, die in der Aufregung untergingen: Der Feed bleibt Entwurf, bis man ausdrücklich auf „Share” klickt — ich habe nach allen Tests gegengeprüft, dass auf meinem Bluesky-Konto kein einziger Feed liegt. Und der Datensatz wird auf dem eigenen Konto gespeichert, nicht bei Attie.

Warum die Verteidigung stimmte und trotzdem verlor

In Grabers Ankündigungstext steht ein Satz, der das ganze Dilemma enthält. Sie beschreibt darin, was die großen Plattformen falsch machen:

They’re using AI to increase the time users spend on-platform, to harvest training data, and to shape what users see and believe through systems they can’t inspect and didn’t choose.

Das ist ein Zwei-Teile-Kriterium: nicht einsehbar und nicht gewählt. Und daran gemessen ist Attie ein halber Erfolg.

Einsehbar? Ja, und zwar radikaler als alles, was die Konkurrenz anbietet. Ich habe den Code gelesen und geändert, das ist keine Marketingaussage. Grabers Verteidigung — „we’re using AI to generate code, not content” — ist technisch korrekt.

Gewählt? Nein. Attie erschien als Account im Netzwerk. Wer ihn nicht wollte, musste aktiv blocken. Auf einer Plattform, deren gesamtes Verkaufsargument Nutzerkontrolle ist, war das der Fehler — nicht das Produkt, sondern die Auslieferung. Die fünftmeistgelikte Antwort im Thread des Attie-Accounts war eine Frage, die bis heute unbeantwortet ist: „How do Bsky users opt out of being included in Attie’s searches and feeds?”

Bluesky ist am eigenen Maßstab gescheitert. Nicht an dem der Kritiker.

Und die meistgelikte Antwort in diesem Thread handelte gar nicht von KI. Sie lautete: „You still cant send images in your bluesky DMs.” Ein zweiter Post derselben Stoßrichtung steht ebenfalls in den Top Ten. Ausgerechnet Mike Masnick, der wohlwollendste Kommentator — er hat in seinem Techdirt-Text vorbildlich offengelegt, dass er im Bluesky-Board sitzt — hat diesen Punkt unfreiwillig bestätigt: Attie, schreibt er, „gives you a path to routing around Bluesky’s own design features if you don’t like them”. Das ist als Lob gemeint. Man kann es auch anders lesen.

Die deutsche Lücke

Für einen Vorgang, der die Nutzerschaft einer Plattform mit 43 Millionen Konten in Aufruhr versetzte, ist die deutschsprachige Berichterstattung bemerkenswert dünn — und sie endet abrupt.

heise, t3n und ComputerBase haben den Launch gemeldet, sachlich bis freundlich. Zur Blockwelle: nichts. Das ist zunächst kein Vorwurf, denn alle drei erschienen am 29. und 30. März, bevor die Sache überhaupt eine Nachricht war. Der Vorwurf ist ein anderer: Es kam nie ein Nachtrag. Jede der drei Redaktionen hat zu Attie genau einen Artikel im Archiv. Eine Suche nach deutschsprachiger Berichterstattung über die Blockwelle liefert null Treffer. Und netzpolitik.org, das Medium, dessen Kernthema Plattformmacht und digitale Selbstbestimmung ist, hat zu Attie überhaupt nichts.

Es ist auch nicht so, dass die Geschichte anderswo groß gewesen wäre. Auf Hacker News gab es vier Einreichungen mit zusammen vier Kommentaren; die Backlash-Story wurde dort nie eingereicht. Auf Slashdot kamen 39 Kommentare zusammen, und die drehten sich um Filterblasen, nicht um KI-Ethik. Wer die Debatte nur von Bluesky aus betrachtet, überschätzt ihre Reichweite erheblich.

Der übersehene Punkt

In Atties Einstellungen, unter „AI”, stehen drei Optionen zur Wahl. Zwei sind Claude-Modelle. Die dritte heißt „Bring Your Own LLM — Use an OpenAI-compatible endpoint”. Sie ist nicht ausgegraut, sondern wählbar.

Die KI in Blueskys KI-Werkzeug lässt sich also durch eine eigene ersetzen. Durch ein Modell auf dem eigenen Server, sofern man einen betreibt. Für ein Werkzeug, dessen Kritiker sich an Konzern-KI stoßen, ist das die naheliegendste Antwort überhaupt — und in der gesamten Debatte um Attie taucht sie kein einziges Mal auf. Weder Bluesky hat damit geworben noch hat es jemand entdeckt. Es steht einfach da.

Womit ich nicht sagen will, dass Attie fertig ist. Es gibt keine Funktion, um sein Konto zu löschen — ich habe die Einstellungen durchgesehen, dort steht nur „Log out”. Und ein Nutzer berichtete vorgestern, er habe genau das versucht, sei am Token-Limit hängengeblieben und dann vom Hilfe-Chat abgewiesen worden, weil auch der seine Tokens aufgebraucht hatte. Das Limit habe ich selbst nicht erreicht und kann es nicht bestätigen; die fehlende Löschfunktion habe ich geprüft.

Was bleibt

Vier Monate lang schwieg der Attie-Account. 117 Tage genau, vom Launch bis zum 23. Juli, dann kam die Quests-Erweiterung. Grabers Text dazu erwähnt die Blockwelle mit keinem Wort, beantwortet sie aber der Sache nach: „Attie is a tool that you choose to interact with, not one injected into your feed.” Seither postet der Account überwiegend Lob anderer Leute statt eigener Ankündigungen. Aus 1.951 wütenden Antworten im März wurden 14 im Juli. Der Konflikt endete nicht in Versöhnung, sondern in Gleichgültigkeit — während die Blockzahl weiter stieg, um 31.000 seit Ende März.

Beide Seiten haben ihre Position gehalten, und beide haben in ihrer eigenen Logik recht. Bluesky hat ein Werkzeug gebaut, das genau das tut, was Plattformkritiker seit Jahren fordern: die Empfehlungslogik offenlegen und in die Hand des Nutzers geben. Und die Nutzerschaft hat auf eine Weise geantwortet, die kein Missverständnis war, sondern eine präzise Aussage über den Modus der Auslieferung.

Was mich an dieser Geschichte am meisten beschäftigt, ist die Form der Kritik. Es gibt kaum ausformulierte Einwände gegen Attie — kaum Essays, kaum Analysen, auf Deutsch gar nichts. Es gibt 155.984 Blocks. Eine Nutzerschaft, die ihre Kritik nicht schreibt, sondern ausführt, taucht in der Berichterstattung nur als Zahl auf, nie als Argument. Das macht sie leicht abzutun als Stimmung, als Reflex, als „AI hate”. Sie war aber ein sehr genauer Einwand: Ihr habt uns Kontrolle versprochen und dann etwas ausgeliefert, das wir wegklicken müssen.

Vertrauen ist eben keine Funktion, die man nachrüstet. Man kann ein Werkzeug offen bauen, inspizierbar, editierbar, mit austauschbarem Modell und dem Datensatz auf dem eigenen Konto — und trotzdem alles verlieren, weil man vergisst zu fragen.


Quellen

Die Blockzahlen — eigene Messung

  • ClearSky, abgefragt am 18.08.2026: 155.984 Blocks auf @attie.ai, die Rangliste der meistgeblockten Konten über den Endpunkt lists/fun-facts. ⚠️ Alle Medien, die diese Zahl nennen, stützen sich auf dieselbe einzige Quelle. Ich habe unabhängig nachgemessen — aber nicht unabhängig bestätigt, eine zweite Messmethode existiert nicht. Die Zahl wächst weiter; sie ist ein Stand, kein Endwert. (Platz 7 der Rangliste — Jesse Singal, 86.026 Blocks — ist in der Tabelle oben ausgelassen.)

Der Verlauf auf Bluesky

Alle Kennzahlen am 18.08.2026 über die öffentliche AT-Protocol-Schnittstelle abgefragt, nicht über die Weboberfläche — die zählt anders, weil sie Zitat-Posts zu den Reposts addiert.

Der eigene Werkzeugtest

  • attie.ai, geschlossene Beta, 18.08.2026. Zwei Feeds gebaut, den Pre-Filter geändert und neu laufen lassen, Label-Schema und Curator gelesen, die Einstellungen durchgesehen. Die vierstufige Pipeline, der deutsche Fachfeed (43 von 81 Kandidaten), „Bring Your Own LLM” und die fehlende Löschfunktion stammen aus diesem Test, nicht aus Sekundärquellen. Über HTTP ist das nicht nachvollziehbar: Die Seite leitet nicht eingeloggte Clients auf /login — was mit erklärt, warum in der Debatte fast niemand über das Werkzeug selbst spricht.

Die Presse