
Dies ist Teil 1 einer Serie über meinen Schreib- und Publikations-Workflow: vom ersten Gedanken in Obsidian bis zum fertigen Blogartikel auf dieser Seite.
Ich habe viele Jahre lang Notizen verloren.
Nicht weil ich unordentlich bin – sondern weil die Werkzeuge, die ich benutzt habe, meine Gedanken in Schubladen gesperrt haben, aus denen sie nie wieder herausgekommen sind. Ein Ordner in Notion hier, ein Dokument in Google Docs dort, eine Sprachnotiz auf dem Handy, ein Zettel auf dem Schreibtisch. Der Gedanke war da. Und dann war er weg.
Das Problem ist nicht das Vergessen. Das Problem ist das System.
Warum klassische Notiz-Apps scheitern
Notion ist wunderschön. Es macht Spaß, Datenbanken anzulegen, Templates zu bauen, Dashboards zu gestalten. Ich habe Stunden damit verbracht – und am Ende mehr Zeit mit der Verwaltung meiner Notizen verbracht als mit dem Schreiben.
Word und Google Docs sind Werkzeuge für fertige Texte, nicht für Gedanken in Entstehung. Sie denken in Dokumenten. Ein Gedanke, der noch nicht weiß, wohin er gehört, hat dort keinen Platz.
Evernote kenne ich noch aus der Zeit, als es das Werkzeug schlechthin war. Aber Evernote denkt in Notizbüchern, in Kategorien, in Hierarchien. Und Gedanken – echte Gedanken – sind nicht hierarchisch. Sie sind vernetzt.
Das fundamentale Problem aller dieser Werkzeuge: Sie zwingen mich, beim Anlegen einer Notiz schon zu entscheiden, wo sie hingehört. Aber das weiß ich in dem Moment meistens noch nicht.
Markdown: Meine Daten gehören mir
Bevor ich zu Obsidian kam, hat mich etwas anderes überzeugt: Markdown.
Alle meine Obsidian-Notizen sind einfache Textdateien. .md-Dateien auf meiner Festplatte. Kein proprietäres Format, kein Cloud-Abo, keine API, die morgen abgeschaltet werden könnte. Wenn Obsidian morgen aufhört zu existieren, habe ich immer noch meine Dateien – lesbar in jedem Texteditor, auf jedem Betriebssystem, in hundert Jahren genauso gut wie heute.
Das klingt banal. Ist es aber nicht. Ich habe Notizen aus Evernote-Exporten, die ich nicht mehr öffnen kann. Ich habe OneNote-Notizbücher, die ich nie wieder gesehen habe nachdem ich das Microsoft-Konto gewechselt habe. Meine Markdown-Dateien von vor zehn Jahren? Die lese ich problemlos.
Wer viel schreibt, sollte sich fragen: In wessen Händen liegen meine Gedanken?
Der Zettelkasten: Vernetzen statt Ablegen
Der entscheidende Unterschied zu allem, was ich vorher benutzt habe, ist nicht die App. Es ist die Methode.
Niklas Luhmann, der Soziologe, hat in seinem Leben über 70 Bücher und hunderte Aufsätze geschrieben – mit einem System aus Karteikarten. Sein Zettelkasten enthielt über 90.000 Zettel. Das Entscheidende war nicht die Menge, sondern die Verbindungen: Jeder Zettel verwies auf andere Zettel. Das System dachte mit.
In Obsidian funktioniert das über Wiki-Links: [[anderer-artikel]]. Wenn ich über KI schreibe und dabei an einen Gedanken erinnert werde, den ich vor Monaten über Geopolitik notiert habe, setze ich einen Link. Keine Kopie, keine Kategorie – ein Verweis. Mit der Zeit entsteht ein Netz aus Gedanken, das Verbindungen zeigt, die ich selbst nicht geplant hatte.
Das ist der Moment, in dem ein Notiz-System aufhört, ein Archiv zu sein, und anfängt, ein Werkzeug zum Denken zu werden.
Was ein “zweites Gehirn” bedeutet
Der Begriff kommt von Tiago Forte, der ein ganzes Buch darüber geschrieben hat. Die Idee ist einfach: Das menschliche Gehirn ist gut im Denken, schlecht im Erinnern. Ein zweites Gehirn – ein externes System – übernimmt das Erinnern, damit das erste Gehirn frei bleibt fürs Denken.
Was ich damit meine ist konkreter: Wenn ich einen Artikel lese, der mich interessiert, notiere ich nicht nur den Inhalt – ich notiere, was ich davon halte, welche Fragen er aufwirft, welche anderen Gedanken er berührt. Die Notiz ist nicht eine Kopie des Artikels, sie ist mein Gespräch damit.
Monatelange Recherche zu einem Thema landet nicht in einem langen Dokument, das ich nie wieder aufmache – sie landet in vernetzten Einzelnotizen, die ich jederzeit von einer anderen Richtung aus betreten kann.
Wenn ich dann einen Artikel schreibe, suche ich nicht mehr. Ich ernte.
Im nächsten Teil zeige ich, wie mein Vault konkret aufgebaut ist: Ordnerstruktur, Frontmatter, Dataview-Abfragen – und warum die Inbox das wichtigste Konzept des ganzen Systems ist.