duotone: Offenes Notizbuch und hölzerner Zettelkasten auf einem Schreibtisch – zwei Etappen derselben Praxis

Dies ist Teil 1 einer Serie über Personal Knowledge Management (PKM): was es ist, woher es kommt, wie die verschiedenen Schulen sich unterscheiden – und wie mein eigenes System aussieht.


Am Ende einer durchschnittlichen Woche habe ich – grob geschätzt – drei lange Artikel gelesen, zwei Podcasts gehört, in vier Büchern weitergelesen, zwanzig Bluesky-Threads überflogen und ein paar YouTube-Essays geschaut. Ich habe mir Zeit genommen, mir Notizen gemacht, markiert, was mir wichtig vorkam. Und wenn mich jemand am Sonntag fragt, was genau in dem langen Artikel stand, den ich am Montag gelesen habe – dann stottere ich.

Das ist keine Altersfrage. Das ist nicht einmal eine Frage meines Gedächtnisses. Es ist ein Systemfehler: Ich konsumiere mehr, als ich verarbeite.

Und ich bin damit nicht allein. Wer in den letzten Jahren ernsthaft versucht hat, nicht nur zu lesen, sondern auch etwas davon zu behalten – oder gar daraus zu schreiben – stößt irgendwann auf drei Buchstaben: PKM.

Das Problem: Lesen ohne Behalten

Die Zahlen dahinter sind ernüchternd. Wer heute ein Smartphone besitzt, verbringt mehrere Stunden täglich mit dem Lesen digitaler Texte – Artikel, E-Mails, Nachrichten, Chats, Social Media. Das ist deutlich mehr, als Menschen vor 30 Jahren lasen. Aber von dem, was wir lesen, behalten wir erstaunlich wenig. Psychologen sprechen vom „Familiaritäts-Effekt”: Ein Text kommt uns bekannt vor, weil wir ihn schon einmal gesehen haben – aber das heißt nicht, dass wir ihn verstanden haben. Und schon gar nicht, dass wir ihn abrufen können, wenn wir ihn brauchen.

Das zweite Problem ist die Fragmentierung. Eine gute Recherche verteilt sich heute über zehn Tools: Browser-Lesezeichen, Pocket, PDFs im Download-Ordner, Notizen im Handy, Markierungen im Kindle, Zitate in Screenshots, Sprachmemos, Evernote-Reste, Notion-Seiten. Jedes Tool hat sein Silo. Jedes Silo hat seine Exportprobleme. Und am Ende findet man die entscheidende Stelle genau dann nicht, wenn man sie bräuchte.

Das dritte Problem ist das subtilste: Wer nur sammelt, denkt nicht. Ein hochgeladener Artikel in Readwise ist keine Einsicht. Ein gespeichertes Zitat ist kein Argument. Das Gefühl, „das habe ich doch irgendwo notiert”, ist kein Wissen. Die Psychologie dahinter heißt Collector’s Fallacy: die Illusion, dass Sammeln bereits Denken ersetzt. Tut es nicht. Sammeln ist nur die Voraussetzung. Dazwischen fehlt ein Schritt.

Diesen Schritt – vom konsumierten Input zum verfügbaren, eigenen Wissen – versucht PKM zu leisten.

Was ist PKM überhaupt?

Personal Knowledge Management bedeutet wörtlich: persönliches Wissensmanagement. Der Begriff stammt aus dem Jahr 1999, aus einem Working Paper von Jason Frand und Carol Hixon an der UCLA. Eine brauchbare Kurzdefinition lautet etwa:

Ein Bündel von Methoden und Werkzeugen, mit denen Einzelne ihre Wissensbestände, Informationen und Gedanken so strukturieren, dass sie verantwortlich mit ihnen arbeiten können.

Im Englischen hat sich „PKM” durchgesetzt. Im Deutschen existieren mehrere Übersetzungen – persönliches Wissensmanagement, individuelles Wissensmanagement, persönliche Wissensarbeit –, aber keine davon hat es aus der Verwaltungssprache herausgeschafft. „Zettelwirtschaft” klingt ironisch, „Exzerpieren” akademisch, „Notizführung” harmlos. Das ist mit ein Grund, warum selbst in deutschsprachigen Blogs meistens vom „PKM” die Rede ist: Der englische Begriff hat eine Leichtigkeit, die das Thema auf Deutsch bürokratisch klingen lässt.

Wichtiger als das Label ist aber, was PKM nicht ist.

  • PKM ist keine App. Obsidian, Notion, Logseq, Roam – das sind Werkzeuge. Sie machen PKM leichter, aber keines von ihnen ist PKM.
  • PKM ist keine Ordnerstruktur. Wer glaubt, mit der richtigen Ordnung sei es getan, baut sich einen sehr schönen Dateimanager.
  • PKM ist keine Produktivitätsmethode. Es geht nicht primär darum, mehr in weniger Zeit zu erledigen. Es geht darum, aus dem, was man liest und denkt, etwas machen zu können – einen Artikel, einen Vortrag, eine fundierte Meinung, eine Entscheidung.

Was bleibt, wenn man App, Ordner und Produktivität abzieht? Eine Praxis. Eine Gewohnheit des Umgangs mit eigenen Gedanken.

Eine alte Praxis mit neuem Namen

Diese Praxis ist deutlich älter als die 1990er. Menschen organisieren Wissen – ihr eigenes Wissen, nicht nur das von Institutionen – seit der Antike systematisch.

Aristoteles beschrieb in seinen Topica wiederverwendbare Argumentfiguren, die loci communes, aus denen man schöpfen konnte wie aus einer Werkzeugkiste. Mittelalterliche Mönche legten Florilegia an – Blütensammlungen aus Bibeltexten und antiken Autoren, thematisch geordnet. In der Renaissance führte fast jeder gebildete Europäer sein Commonplace Book, eine persönliche Zitate- und Beobachtungssammlung: Leonardo, Erasmus, Newton, John Locke. 1548 schlug der Schweizer Gelehrte Konrad Gessner den entscheidenden Schritt vor: Notizen aus dem Buchbindermonopol zu befreien und sie in einzelne, bewegliche Zettel zu zerschneiden.

Von dort war es ein weiter, aber gerader Weg: über Thomas Harrisons „Ark of Studies” (1640, der erste Karteikasten-Schrank), über Jean Pauls 2.800 Exzerptseiten („Im Falle eines Brandes zuerst retten”), über Vannevar Bushs Memex-Vision 1945 und Niklas Luhmanns 90.000 Zettel bis hin zu Ted Nelsons Hypertext-Konzept, das am Ende das World Wide Web hervorbrachte.

In fast jeder dieser Etappen wird dieselbe Grundlogik erkennbar:

Lesen → Zerteilen → In eigenen Worten festhalten → Verknüpfen → Wiederfinden.

Die Werkzeuge ändern sich – von der Schriftrolle über den Karteikasten zur Plain-Text-Datei. Die Schleife nicht. Diesen historischen Faden ziehe ich in Teil 2 der Serie aus: Luhmann als Fallbeispiel, an dem man die gesamte Methode in einem einzigen Leben studieren kann.

Warum gerade jetzt?

Wenn PKM so alt ist: Warum ist der Begriff erst in den letzten fünf Jahren ins Allgemeinbewusstsein gerückt? Dafür gibt es im Wesentlichen drei Gründe.

Erstens: die Informationsdichte. Ein durchschnittlich neugieriger Mensch hat heute mehr hochwertige Texte, Podcasts und Videos zur Auswahl, als er in zehn Leben konsumieren könnte. Das ist historisch neu. Noch in den 1990ern war der Flaschenhals der Zugang: Bücher, Bibliotheken, Zeitschriftenabos. Heute ist der Flaschenhals die Verarbeitung. Wer nicht aktiv selektiert und verdichtet, ertrinkt.

Zweitens: der Zusammenbruch des Vertrauens in die Cloud. Evernote, die Leit-App der 2010er Jahre, ist ein Lehrstück. 150 Millionen Nutzer auf dem Höhepunkt, 2023 von der italienischen Firma Bending Spoons übernommen, die komplette Belegschaft entlassen, Format proprietär, Export mühsam. Wer sein gesamtes Notizarchiv dort liegen hatte, musste plötzlich um die eigenen Gedanken bangen. Das hat eine Generation gelehrt: Eigene Gedanken gehören in ein eigenes Format. Plain Text. Markdown. Eine Datei, die auch in zwanzig Jahren noch lesbar ist.

Drittens: die KI. Große Sprachmodelle können inzwischen Vaults lesen, durchsuchen, zusammenfassen, sogar pflegen. Das bedeutet: Wer heute ein gut gepflegtes persönliches Wissenssystem in offenem Format hat, hat einen Hebel, den es vor drei Jahren nicht gab. Die KI ist kein Ersatz für eigenes Denken – aber sie ist ein sehr guter Leser und ein sehr geduldiger Gesprächspartner. Sie macht PKM zum ersten Mal in der Geschichte asymmetrisch mächtig: Ein einzelner Mensch mit einem vernetzten Vault kann Dinge tun, für die früher ein Rechercheteam nötig war. Davon handelt Teil 7.

Nicht eine App, sondern eine Praxis

Die verbreitetste Enttäuschung beim Einstieg ins PKM ist: Man installiert Obsidian, schaut ein paar YouTube-Videos, legt zwanzig Ordner an – und nach drei Wochen ist der Vault ein Friedhof angefangener Notizen. Das Problem liegt fast nie an der App. Es liegt daran, dass Werkzeuge Gewohnheiten nicht ersetzen können.

Die drei einflussreichsten PKM-Schulen setzen jeweils an unterschiedlichen Stellen dieser Gewohnheit an:

  • Zettelkasten (Luhmann, Ahrens, Tietze): Das Herzstück ist die permanente Notiz – ein Gedanke, den du in eigenen Worten fertig ausformuliert hast. Der Zettelkasten zwingt zum Denken beim Notieren, nicht erst danach.
  • Building a Second Brain (Tiago Forte): Das Herzstück ist der Output. Dein System ist nur so gut wie das, was du damit produzierst. Forte ordnet nach Projekten, nicht nach Themen, und optimiert auf Wiederverwendung.
  • Linking Your Thinking (Nick Milo): Das Herzstück sind Maps of Content – kuratierte Landkarten, die von Hand zeigen, wie dein Wissen zusammenhängt. Struktur entsteht bottom-up, aus dem, was sich als wichtig erweist.

Drei Schulen, dieselbe Grundfrage – nur an unterschiedlichen Enden aufgezäumt. Welche zu wem passt, ist Thema von Teil 3.

Was in dieser Serie kommt

Diese Serie will keine Heilsversprechen machen. Es gibt keine perfekte App. Es gibt keine Methode, die mit drei Klicks aus einem Informationskonsumenten einen Denker macht. Aber es gibt Erfahrungen, die sich in zweieinhalb Jahrtausenden verdichtet haben, und es gibt konkrete, ehrliche Praxisberichte – meinen eigenen eingeschlossen.

Die sieben Teile:

  1. Was ist PKM (dieser Artikel)
  2. Luhmanns Zettelkasten: Wie ein Soziologe 70 Bücher schrieb.
  3. Die Methoden im Vergleich: Zettelkasten, PARA, LYT.
  4. Evergreen Notes & Atomic Notes: Schreiben als Denken.
  5. Die dunkle Seite: Collector’s Fallacy, Productivity Theater und wann PKM zur Beschäftigungstherapie wird.
  6. Mein Setup: Obsidian, Zettelkasten, Claudian – ein ehrlicher Erfahrungsbericht.
  7. PKM + KI: Wenn der Agent mitdenkt.

Wer PKM als Heilslehre verkauft bekommt, sollte misstrauisch werden. Wer es als alte, gut begründete Praxis versteht, an der man ein Leben lang feilen kann, liegt näher an der Wahrheit.


Im nächsten Teil: Niklas Luhmann, seine 90.000 Zettel und die Frage, was genau ein Karteikasten aus den 1950ern uns heute noch zu sagen hat. Spoiler: überraschend viel.


Quellen

Bücher

  • Sönke Ahrens: Das Zettelkasten-Prinzip / How to Take Smart Notes. soenkeahrens.de
  • Tiago Forte: Building a Second Brain (2022). buildingasecondbrain.com
  • Markus Krajewski: Zettelwirtschaft – Die Geburt der Kartei aus dem Geiste der Bibliothek (2002) / engl. Paper Machines (MIT Press 2011). MIT Press

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