
Der Titel ist eine Provokation, und er ist es mit Absicht. Lob der Überwachung – das klingt zunächst wie ein Verrat an allem, wofür die netzpolitische Linke seit dem Volkszählungsboykott 1983 steht. Bertolt Brechts Lob des Kommunismus schwingt mit, und Timo Daum, Physiker, Autor und seit Jahren einer der klügsten Beobachter des digitalen Kapitalismus, weiß genau, welchen Reflex er auslöst. Er löst ihn aus, um ihn zu untersuchen.
Bei 99 ZU EINS war Daum jetzt zu Gast, um das Buch zu besprechen – ein gutes, weil an den entscheidenden Stellen bohrendes Gespräch. Es ist der ideale Einstieg, bevor man zum Buch greift.
Der Reflex und sein blinder Fleck
Fragt man Linke nach Überwachung, kommt zuverlässig dasselbe Bild: der Staat, der linke Gruppen bespitzelt, der Verfassungsschutz, die Vorratsdatenspeicherung, Palantir. Daum stellt diesem Reflex einen Disclaimer voran, den man ernst nehmen sollte: Er ist berechtigt. Staatliche Überwachung linker Bewegungen hängt an Repression, das war immer so und bleibt so.
Aber – und hier setzt das Buch an – der Begriff hat zwei Gesichter. Daum borgt sie beim Überwachungssoziologen David Lyon: Control und Care. Kontrolle, Zurichtung, Beherrschung auf der einen Seite; Fürsorge, Schutz, Steuerung auf der anderen. Die Überwachung der Lebensfunktionen auf der Intensivstation ist Care. Die Überwachung von Trinkwasser, Lieferketten, Lenkzeiten ist Care. Wir wünschen uns diese Überwachung – und merken nicht, dass wir sie so nennen könnten.
Der eigentliche Vorwurf des Buchs richtet sich deshalb weniger gegen den Staat als gegen die Linke selbst: Sie habe kaum eigene Konzepte entwickelt und rede beim Datenschutz kaum anders als der bürgerliche Mainstream – bis hin zum Schulterschluss mit den Cyberlibertären des Silicon Valley, die aus ganz anderen Gründen „möglichst wenig Staat” fordern. „Meine Daten gehören mir”, „mein Impfstatus geht niemanden etwas an”, „meine Geschwindigkeit ist Privatsache”: Das ist, so Daum, ein wirklicher Individualismus, in den die Linke immer wieder tappt.
Privacy ist eine Eigentumskategorie
Das stärkste Kapitel ist das über die Privatsphäre. Daums These: Privacy ist kein überhistorisches Schutzgut, sondern eine mit dem Bürgertum entstandene Eigentumskategorie. Der Hausherr – historisch immer ein Mann – will den Staat aus seinen Geschäften und seinen Privatgemächern heraushalten. „My home is my castle.” Dass diese Privatsphäre von Anfang an herrschaftsförmig ist, zeigt die feministische Kritik „das Private ist politisch” an einem Datum, das erschreckend nah ist: Vergewaltigung in der Ehe war in Deutschland bis 1997 straffrei – und der heutige Bundeskanzler Friedrich Merz gehörte damals zu den Abgeordneten, die gegen die Reform stimmten, die sie unter Strafe stellte.
Im Digitalen wiederholt sich die Figur. Daten entziehen sich zwar dem klassischen Eigentum, aber das Recht holt sie über Nutzungsrechte wieder ein. Der Lizenzvertrag spricht uns als „souveräne Eigentümer” unserer Daten an und bietet einen Deal: Daten gegen Convenience. Und der Datenschutz? Er ist, entgegen dem Gefühl, kein Schild. Die DSGVO schützt laut Gesetzestext den freien Datenverkehr. Sie organisiert und legalisiert genau den Handel, gegen den wir sie in Stellung bringen wollen. Daums Formel, geborgt aus der Softwarewelt: „It’s not a bug, it’s a feature.”
Daraus folgt die unbequemste Pointe des Buchs: „Meine Daten gehören mir” ist kein Widerspruch zum Überwachungskapitalismus, sondern seine Affirmation. Es ist strukturgleich mit dem Arbeitsvertrag, der die Ausbeutung innerhalb der acht Stunden legalisiert, während er nach außen als freier Tausch unter Gleichen erscheint. Wer nur „meine Daten gehören mir” ruft, hat den Rahmen schon akzeptiert.
Und der Rahmen ist ungleich verteilt. Das ist der empirisch dichteste Teil: Die Unverletzlichkeit der Wohnung endet, sobald man die Miete nicht zahlt; Obdachlose haben keinen geschützten Rückzugsraum – eine „Unverletzlichkeit der Parkbank” gibt es nicht. Wer sich um eine Wohnung bewirbt, macht sich mit einem Dossier aus Einkommen, Familienstand und indirekt sogar sexueller Präferenz vollständig transparent – während Leerstand und Besitzverhältnisse im Dunkeln bleiben und das Bankgeheimnis, die „Rolls Royce der Privatsphäre”, die Vermögenden schützt. In Skandinavien sind Einkommen und Vermögen öffentlich einsehbar; der Gender Pay Gap ist dort niedriger. „Wie viel verdienst du?” ist bei uns Tabu – und mit diesem Tabu, sagt Daum, machen wir „einen Schulterschluss mit den Reichen”.
Wer die Datenschutz-Debatte der letzten Jahre verfolgt hat, kennt diese Stumpfheit. Ich habe sie an anderer Stelle schon einmal beschrieben, am doppelten Kategoriefehler der EU-Altersverifikation: Das Mittel ist gefährlich, das Ziel verfehlt. Daum liefert die politökonomische Tiefenschicht dazu – warum der individuelle Datenschutz strukturell an seine Grenze stößt. Eine niederländische Untersuchung findet für zehn Jahre EU-Gesetzgebung gegen personalisierte Werbung ein vernichtendes Fazit: wirkungslos, eher schlimmer. Der Legalisierungsmechanismus hat das Phänomen, das er bekämpfen sollte, verstärkt.
Unterwachung und die vergesellschaftete Überwachung
Wenn „weniger Überwachung” den Privilegierten nützt, was dann? Daums Antwort ist keine Rücknahme, sondern eine Umkehrung: Unterwachung. Der Begriff spielt auf Steve Manns Sousveillance an – Überwachung von unten, Überwachung der Mächtigen. Eine linke Position müsste schon heute für mehr Transparenz eintreten, nicht für weniger: gegen Steuerhinterziehung (die als Kavaliersdelikt durchgeht), gegen Wirtschaftskriminalität, gegen häusliche Gewalt. Die Anti-Überwachungshaltung, die reflexhaft alles ablehnt, verteidigt am Ende die, die tatsächlich etwas zu verbergen haben.
Der zweite, größere Bogen ist der marxistische: Überwachung ist eine Produktivkraft – wie die Dampfmaschine, die Elektrizität, das Internet. Basistechnologien, im Kapitalismus entstanden, von ihm geprägt, aber nicht deshalb zu zerschlagen. Niemand fordert, überall das Licht auszumachen, weil die Elektrizität eine gewaltvolle Entwicklungsgeschichte hat. Hier wird Daums Verhältnis zu Shoshana Zuboff präzise – und produktiv. Er verdankt ihr viel: Ihr Begriff des „Mehrverhaltens” (analog zu Marx’ Mehrwert) rückt die Überwachung ins Zentrum des digitalwirtschaftlichen Produktionsprozesses. Aber ihre Lösung dreht er um. Zuboff will die Überwachung innerhalb des Kapitalismus abschaffen. Daum will den Kapitalismus abschaffen und die Überwachungsmaschinerie vergesellschaften.
Wohin das führt, ist eine alte Debatte: die um die Planwirtschaft. Amazon und Alibaba betreiben intern keine Marktlogik, sondern datenbasierte Planung; Chinas Staat plant daten- und stimmungsgestützt. Die alte Rechnung von Mises und Hayek – der Markt sei der einzige Mechanismus, weil niemand genug Rechenkapazität habe – ist obsolet geworden. Der schönste historische Beleg dafür ist Chiles Projekt Cybersyn, Allendes kybernetischer Steuerungstraum von 1971, dessen „algedonische” Rückkanäle die Stimmung der Bevölkerung ins System zurückspiegeln sollten – ein vom Kopf auf die Füße gestelltes Panoptikum. Die neue Planwirtschaftsdebatte, so Daums Beobachtung, verhandelt Überwachung längst implizit – nur der Begriff bleibt ein rotes Tuch. Daum will ihn „bei den Hörnern packen”.
Der Härtetest: Palantir – und die Frage, die offen bleibt
Man kann einwenden: Wie schreibt man ein Lob der Überwachung, während in Washington gerade der Überwachungsfaschismus Gestalt annimmt? Daum stellt sich die Frage selbst. Palantir und Alex Karps Programmschrift The Technological Republic nimmt er ernst – als Versuch, die USA umzucodieren. Daums Deutung setzt hier einen eigenen, interessanten Akzent: Er liest den Schulterschluss von Tech und Trump nicht als Zenit, sondern als Verfallserscheinung – einen Rückzug von der Soft Power („freedom and democracy”) hin zur nackten Brute Force eines Imperiums im Niedergang. Und er zieht, mit Quinn Slobodian im Rücken, den unbequemen Schluss: Privacy und Datenschutz, freedom und democracy stellen kein Bollwerk gegen den Faschismus dar. Bürgerliche Freiheitsrechte gegen den faschistischen Turn hochzuhalten, funktioniert schlecht.
Das ist plausibel. Und trotzdem stößt sich das Buch genau hier an einer Frage, die im 99-ZU-EINS-Gespräch die Moderatorin Hanna zweimal stellt – klug und unbeantwortet: Wer ist eigentlich das Subjekt, das überwacht? Wenn derselbe Staat, der die kapitalistische Gesellschaft am Laufen hält, die Überwachung übernehmen soll – warum sollte er die Asymmetrie umdrehen, statt sie zu vertiefen? Daums Antwort verschiebt die Frage, statt sie aufzulösen: Die Gesetze seien schon zugunsten der Herrschenden gebogen, ihre Übertretung bevorteile die Herrschenden zusätzlich (die Reichen fahren zu schnell, die Armen gehen zu Fuß); und die Fahrscheinkontrolle im Zug akzeptieren wir als Teil eines zivilen Gesellschaftsvertrags, die Kontrolle im individualistischen Auto nicht. Beides stimmt. Aber es ist keine Garantie, sondern eine Hoffnung. Die einzige strukturelle Sicherung, die Daum gegen die autoritäre Lesart von „mehr Überwachung” hat, ist die Asymmetrie-Umkehr selbst – und die setzt genau das schon voraus, was sie erst herstellen soll: einen Staat, der nach unten loslässt.
Der zweite blinde Fleck liegt in China. Daum zeichnet es als am ehesten „digital souverän”, weil es eigene, nationaler Gesetzgebung unterworfene Konzerne großgezogen hat und über mehr Mechanismen verfügt als das bürgerliche Recht – der Alibaba-Crackdown als Beleg. Das ist analytisch nüchtern. Aber die Repressionsseite des chinesischen Systems bleibt auffällig unterbelichtet, im Buch wie im Gespräch. Es ist dieselbe Spannung, die das ganze Projekt trägt: Wer „mehr Überwachung” fordert und zugleich vor der Faschisierung warnt, muss sehr genau sagen können, welche Überwachung, durch wen, mit welcher Kontrolle. An dieser Präzision spart das Buch dort, wo es sie am dringendsten bräuchte.
Einordnung
Lob der Überwachung überzeugt nicht durchgängig – aber es ist genau deshalb wertvoll, weil es an der richtigen Stelle nicht überzeugt. Daum zerlegt den linken Datenschutz-Reflex so gründlich, dass man nach der Lektüre die eigene Position neu begründen muss, statt sie zu wiederholen. Die Diagnose – Privacy als Eigentumskategorie, der Datenschutz als Legalisierungsmaschine, die Asymmetrie der Überwachung – sitzt. Die Therapie – die vergesellschaftete Überwachung als Produktivkraft einer demokratischen Planwirtschaft – ist die kühnere, verletzlichere Hälfte, und sie steht und fällt mit einer Frage, die das Buch offenlässt: Wem gehört die Überwachung, wenn sie einmal „uns” gehören soll?
Vielleicht ist das die produktivste Art, ein Buch zu lesen: nicht als Antwort, sondern als sehr gut gestellte Frage. Man kann Daum bei 2pir.de weiterlesen; das Buch Lob der Überwachung. Für eine kollektive Datenpolitik ist bei Edition Nautilus erschienen. Das Gespräch bei 99 ZU EINS ist der schnellste Weg hinein – und der beste Ort, um zu sehen, wo die Provokation trägt und wo sie sich stößt.