illustration: Eine große orangefarbene Weltkugel auf tiefschwarzem Grund, das Gitternetz aus Längen- und Breitengraden hart in Schwarz hineingeschnitten. Auf der Kugel liegen sechs schwarze Datenpunkte, durch Linien zu einem Netz verbunden. Hinter dem Kugelrand kommen helle Verbindungslinien hervor, verzweigen sich an weiteren Knoten und laufen an allen Bildrändern aus dem Bild hinaus – wohin, bleibt offen. Der Hintergrund ist ein feines graues Punktraster; unten schneidet ein harter schwarzer Balken die Kugel ab.


Es gibt in der c’t-4004-Folge #32 vom 30. Juli eine Bewegung, die man leicht überhört, weil sie so beiläufig gemacht wird. Zuerst das Flock-Segment: Michael Stevens, als Vsauce Betreiber eines Kanals mit rund 25 Millionen Abonnenten, ruft am Ende eines Videos dazu auf, die Kameras des Überwachungsanbieters Flock zu zerstören. Die beiden Moderatoren finden nicht den Aufruf bemerkenswert, sondern seine Normalität – zumal die Missbrauchsfälle dokumentiert sind: Polizisten, die das System nutzen, um Ex-Partnerinnen und Frauen nachzustellen, die sie attraktiv finden. Jan-Keno Janssen zieht die Diagnose: „Dass der Staat die Leute offenbar so wenig schützt, dass sie zu Selbstjustiz greifen. … Das ist ein schlechtes Zeichen für den Zustand dieses Landes.” Christian Lutz-Weicken schärft nach: Wenn der Staat mit diesen Firmen gemeinsame Sache mache, „dann bleibt uns nichts, außer die Dinger zu zerkloppen”.

Und dann, drei Minuten später, der Übergang zum nächsten Thema: „Also schwierig – ich sag mal, wenn Überwachung, dann mit World Monitor.”

Das ist ein rhetorischer Schwenk von bemerkenswerter Eleganz. Er nimmt die Ohnmacht des vorigen Segments und dreht sie in ein Werkzeug. Zwei Minuten später steht die politische Begründung: „Wieso sollen nur die Mächtigen irgendwie Zugriff auf diese Informationen haben? Diese Informationen sind public.” Und am Ende, als Schlusspointe der ganzen Folge: „More Power to the people.”

Das ist, in vier Sätzen, eine Asymmetrie-Umkehr. Es ist – ohne dass die beiden ihn nennen – exakt die Figur, die Timo Daum Unterwachung nennt: nicht weniger Überwachung fordern, sondern die Richtung umdrehen. Und es ist ein Satz mit Vorgeschichte. „Computing power to the people” ist Ted Nelsons Parole aus Computer Lib von 1974, und was aus ihr wurde, ist gut dokumentiert. Dazu später.

Zuerst die Frage, ob der Frame trägt. Ich habe World Monitor zwei Tage lang installiert, aus dem Quelltext gebaut, selbst gehostet und vermessen. Die kurze Antwort: Das Projekt kopiert die Oberfläche der Macht, nicht die Macht. Das ist ein realer Gewinn – aber ein anderer als der, den „More Power to the people” verspricht.

Was das Ding ist

Erst die Beschreibung, dann die Deutung. World Monitor ist ein OSINT-Dashboard: ein Weltlagebild aus öffentlich zugänglichen Quellen. Über 500 kuratierte Live-Feeds von mehr als 65 Anbietern, per Sprachmodell in 15 Kategorien sortiert – Militärbewegungen, Cybervorfälle, Naturkatastrophen, Flugdaten, Handelsrouten, Wirtschaftsereignisse. Darüber 56 frei schaltbare Kartenlayer, wahlweise auf einem 3D-Globus (globe.gl) oder einer 2D-WebGL-Karte (deck.gl). 25 Sprachen, darunter ein vollständiges deutsches Interface. Ein „Country Instability Index” für 31 Länder. Sechs unterschiedliche Site-Varianten aus einer einzigen Codebase. Geschrieben in Vanilla TypeScript, ohne UI-Framework. Lizenz: AGPL-3.0, also die strengste Copyleft-Variante, die es gibt.

Das Wachstum ist der eigentlich verblüffende Teil. Das Repository wurde am 8. Januar 2026 angelegt. Als ich es am 30. Juli über die GitHub-API abgefragt habe, stand es bei 76.913 Sternen und 11.467 Forks. Keine sieben Monate. Die c’t-Folge, die es bespricht, ist selbst Teil der Welle, die diese Zahlen erzeugt.

Zwei Befunde aus dem eigenen Bau relativieren das Bild, ohne es zu entwerten. Der erste: Seit dem 1. März 2026 gibt es kein getaggtes Release mehr. Der letzte Tag heißt v2.5.23. Die Codebase steht bei 2.10.0, die Pull-Request-Nummern laufen inzwischen bis über #5550. Fünf Monate Entwicklung ohne Release – wer auf der Releases-Seite lädt, bekommt März-Software. Man sieht es sogar physisch: 205 MB für das Release-AppImage, 230 MB für meinen Eigenbau aus dem aktuellen Stand.

Der zweite: Die Folge sagt, das Projekt sei „zu 1000 % vibe-gecodet, kann man immer an den Fonts sehen”. Das ist keine Vermutung. Im Repository liegen AGENTS.md, .impeccable.md und compound-engineering.local.md – KI-gestützte Entwicklung ist hier dokumentierte Methode, nicht Verdacht. Das ist zunächst nur eine Feststellung. Interessant wird sie erst, wenn man fragt, wo bei dieser Bauweise die Nähte sitzen. Sie sitzen, wie sich zeigen wird, nicht im Interface.

Die Genealogie des Warrooms

Die Folge macht dabei selbst die klügste Bemerkung des Segments: „Der War-Room ist ja übrigens eine Erfindung aus dem Hollywood-Film.” Die Moderatoren vertagen den Beleg – gemeint ist wohl Ken Adams Kriegsraum aus Dr. Strangelove – aber die Beobachtung sitzt. Die Ästhetik der Lagezentrale ist ein Fiktionsimport, kein Funktionszwang. Niemand braucht einen 3D-Globus, um RSS-Feeds zu lesen.

Wer das für Koketterie hält, sollte nach Santiago de Chile schauen. Allendes Projekt Cybersyn hatte 1972 einen Operations Room mit sieben tulpenförmigen Drehstühlen, Bedienknöpfen in den Armlehnen und Bildschirmwänden, die aussahen wie die Brücke eines Raumschiffs. Dahinter klapperten vierhundert Fernschreiber in einem Land mit vier Großrechnern. Die Formel dafür lautet: Das Wunder liegt im Interface; der Mechanismus dahinter ist improvisierter, als das glänzende Vordergrund-Versprechen zugibt. Ein vibe-gecodetes UI über 500 RSS-Feeds ist exakt diese Konstellation, fünfzig Jahre später.

Nur ist Cybersyn nicht der richtige Ahne. Cybersyn war zentralisierende Kybernetik: ein Nervensystem für eine Volkswirtschaft, gesteuert aus einem Raum. World Monitor ist das Gegenteil – eine Kopie des Lagebilds, die auf einem einzelnen Laptop läuft. Der passendere Vorfahr ist Community Memory, das Terminal, das 1973 in einem Plattenladen in Berkeley stand und sich ausdrücklich als „Antithese zur kybernetischen Technologie” verstand, also gegen „zentralisierte Verarbeitung und Kontrolle von Daten”. Ein „information flea market”, betrieben von einer Technikkommune, die sich Loving Grace Cybernetics nannte.

Diese Unterscheidung ist keine Fußnote. Sie bestimmt, was man von dem Projekt erwarten darf. Cybersyn wollte steuern. Community Memory wollte sichtbar machen. World Monitor kann das Zweite, und es tut gut daran, das Erste gar nicht erst zu versprechen.

Warum Palantir nicht kopierbar ist

Hier liegt die schärfste These, und sie richtet sich nicht gegen das Projekt, sondern gegen seine Etikettierung. „Quasi so ein Palantir in Open Source” ist ein Kategoriefehler.

Palantirs Wert liegt nicht in Foundry oder Gotham als Software. Er liegt in Staatsverträgen, in NHS-Patientendaten und einem Zugang zum britischen Staat, in ICE-Biometrie, im Zugang zum israelischen Militär – und in einer politischen Mission, die das Geschäftsmodell trägt. Seit dem 22-Punkte-Manifest vom April 2026 lässt sich das nicht mehr als Datenschutzstreit führen: Ein britischer Abgeordneter nannte das Papier „ramblings of a supervillain”, und es fordert unter anderem das Ende der „Nachkriegs-Entmannung” Deutschlands und Japans. Die Trennung zwischen neutraler Tech-Schicht und politischer Ausrichtung ist damit vom Unternehmen selbst aufgekündigt worden.

Maja Göpel liefert das Prüfwerkzeug dazu. Sie nennt im Gespräch mit Adam Tooze ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von „400 oder sowas” – eine mündliche Schätzung, die man nachrechnen sollte, bevor man sie weiterträgt. Tut man es, kommt man am 31. Juli 2026 auf 138 und auf ein erwartetes KGV von 77. Deutlich weniger dramatisch als die Zahl im Gespräch, und immer noch das Vierfache des Medians der Softwarebranche. Auf die Größenordnung kommt es ohnehin nicht an, sondern auf ihre Struktur: Das ist keine Tech-Prämie, sondern eine Wette auf eine politische Konstante – dass das größte Militär der Welt Kunde bleibt. Göpels Frage an jede solche Bewertung lautet: Welche politische Konstante muss wahr bleiben, damit dieser Preis hält – und wer hat dann ein Finanzinteresse daran, sie wahr zu halten?

World Monitor beantwortet diese Frage nicht. Es muss sie nicht beantworten, weil es sie nicht stellt: Es lebt ausschließlich von öffentlich Zugänglichem. OSINT ist per Definition das, was ohnehin offen liegt. Genau das ist die Stärke des Projekts – es hängt an keinem Vertrag, an keiner Behörde, an keinem Zugang, den jemand entziehen könnte. Und es ist zugleich die Grenze: Es hat keinen Zugriff auf das, was Palantir mächtig macht. Ein Open-Source-Klon repliziert das UI, nicht den Zugang.

Der Kategoriefehler ist trotzdem produktiv, weil er sichtbar macht, worin Palantirs Macht nicht besteht. Sie besteht nicht im Dashboard. Wer glaubt, mit einem nachgebauten Lagebild sei die Asymmetrie umgekehrt, hat das Werkzeug für das Produkt gehalten.

Das mit dem Lokalen war dann doch nicht so einfach

Die zentrale Behauptung der Folge ist überprüfbar, und sie ist der Grund, warum ich das Ding installiert habe: „Ihr könnt das komplett auf eurer eigenen Infrastruktur laufen lassen mit dem Ollama-Backend, wo ihr selber dann das LLM hostet.”

Die Architektur-Doku sagt etwas Genaueres. Die Desktop-App fährt zwar einen lokalen Dienst mit über 60 eigenen Schnittstellen – aber mit einem ausdrücklich dokumentierten stillen Rückfall in die Cloud: Fehlt eine Funktion oder schlägt sie fehl, geht die Anfrage einfach an worldmonitor.app. Dazu kommt ein Relay-Server für alles, was lokal prinzipiell nicht geht: Telegram-Kanäle, israelische Raketenalarme über einen Wohn-Proxy (weil die Gegenseite Rechenzentren aussperrt), Flugdaten, ein Umweg für Nachrichtenquellen, die Cloud-Adressen blockieren. Souveränität ist hier per Default unvollständig. Das ist keine Schlamperei, sondern die Konsequenz daraus, dass „öffentlich zugänglich” eben nicht „frei abrufbar” heißt.

Also gemessen: zehn Minuten Laufzeit, Ollama lokal, keine Schlüssel konfiguriert. Ergebnis: 34 Anfragen, davon 22 lokal und 12 in die Cloud. Gegengeprüft von außerhalb der App, weil ihr eigenes Protokoll Teil des Prüfgegenstands ist.

Und dann wird es kurios. Alle zwölf Cloud-Anfragen landeten nämlich nicht bei einer Antwort, sondern bei einer Sperrseite von Cloudflare. Die Ursache ist keine fehlende Berechtigung, sondern eine Firewall-Regel, die Programme aussperrt, die sich nicht als Browser ausweisen – und die App weist sich überhaupt nicht aus. Sie schickt schlicht keine Kennung mit. Mit einer beliebigen Browser-Kennung kommt dieselbe Anfrage durch; sogar der Name des Programms selbst hätte genügt. Ein einziger Methodenaufruf im Quelltext würde es beheben.

Die App wird von der Firewall ihres eigenen Herstellers ausgesperrt.

Das verschiebt den Befund. Der Cloud-Anteil ist real, dokumentiert und messbar – das Werkzeug ist im Moment also nicht deshalb lokal, weil es souverän wäre, sondern weil sein Cloud-Weg nicht funktioniert. Souveränität aus Versehen ist keine Souveränität.

Der Rest des Wochenendes ging dafür drauf, den Weg zu gehen, den die Anleitung beschreibt – und der war an mehreren Stellen anders als beschrieben. Der Bau der App meldet Erfolg und liefert ein Paket, dem eine Komponente fehlt; es läuft trotzdem, weil es sich still am System des Nutzers bedient, und den fehlenden Schritt nennt nur die Build-Automatik, keine der Anleitungen. Der dokumentierte Schnellstart für den Server bringt einen von vier Containern nicht hoch, weil ein Passwort, dessen Erzeugung die Anleitung ausdrücklich verlangt, nie an den Dienst weitergereicht wird. Und die Zusicherung, das laufe alles ohne Administratorrechte, stimmt auf einem aktuellen Ubuntu nicht, ohne vorher als Administrator an einer Kernel-Einstellung zu drehen. Auch die freundliche Tabelle „diese Quellen brauchen keinen Schlüssel” stimmt am Ende – aber erst nach einer Einstellung, die in keiner Anleitung steht; ohne sie antworten 75 von 77 Schnittstellen mit einer Fehlermeldung.

Nichts davon ist im Interface sichtbar. Und keiner dieser Punkte ist für sich genommen dramatisch – zusammen ergeben sie ein Muster. Das Wunder liegt im Interface; die Betriebsschicht ist improvisierter, als das Versprechen zugibt. Die Frage stellt sich hier nicht an das Bild, sondern an den Unterbau.

Das ist ausdrücklich kein Vorwurf an ein Projekt, das in sieben Monaten aus dem Nichts entstanden ist – wer schon mal etwas selbst gehostet hat, kennt jede einzelne dieser Hürden aus eigener Anschauung. Es ist eine Aussage über die Distanz zwischen „läuft” und „läuft vollständig auf eigener Infrastruktur”. Diese Distanz ist die eigentliche Einstiegshürde, nicht die Installation. Und sie ist der Grund, warum „komplett lokal” ein Satz ist, den man messen und nicht glauben sollte.

Open Core, sehr professionell

Neben dem AGPL-Kern liegen im Repository Preisliste, Kontoverwaltung, ein Finanz-Premiumprodukt, eine Markenrichtlinie, ein Pressekit und ein Leitfaden für Community-Promotion. Es gibt eine kommerzielle Schnittstelle, Bibliotheken für vier Programmiersprachen, einen MCP-Server für die Anbindung an KI-Assistenten. Wer hinter dem kommerziellen Teil steht – Einzelperson, Firma, wer die Rechnungen stellt –, geht aus dem Repository nicht hervor; die Lizenzdatei nennt einen Namen, mehr nicht.

Das ist kein Vorwurf. AGPL ist die strengste Copyleft-Wahl, die man treffen kann, und Infrastruktur für 500 Feeds kostet Geld. Aber es verschiebt die Lesart: Das ist kein Bastelprojekt, das versehentlich populär wurde, sondern ein Produkt mit Go-to-Market-Strategie.

Und hier wird die Kippfigur von 1974 konkret. Ted Nelson meinte „Computing power to the people” als kollektive Teilhabeforderung. Vier Jahre später warb eine Anzeige mit „The personal computer represents increased personal power” – dieselbe Befreiung, jetzt als Gebrauchswertversprechen der Ware. Fred Turners These dazu, die Jonas Frick übernimmt und ausbaut: Die Gegenkultur war weniger der Gegenspieler als der Katalysator der Marktordnung. „More Power to the people” steht 2026 exakt an dieser Kippstelle. Nicht weil jemand unehrlich wäre, sondern weil der Satz beides tragen kann.

Bemerkenswerterweise fällt die Prüfung dieses Punktes zugunsten des Projekts aus. Ich habe den MCP-Server selbst gehostet und nachgezählt: 59 Werkzeuge, 11 Ressourcen, 6 Prompts, echte Daten – ohne Abo, ohne Tageslimit, ohne den Cloud-Dienst. Der Schlüssel des Betreibers läuft im Quelltext ausdrücklich an den Berechtigungsprüfungen vorbei, mit einem Kommentar, der es benennt: „The ONLY kind that bypasses entitlement checks.” Das Abo kauft nachweislich nur den Betrieb, nicht die Funktion. Bei einem Open-Core-Modell ist das die ehrliche Variante.

Und was ist mit dem Harness?

Ein Einwand aus eigener Erfahrung. Ich habe im Sommer einen autonomen Recherche-Agenten gebaut, der nachts das Web scannt und Lage-Reports schreibt – funktional dasselbe Genre wie World Monitor, nur ohne Globus. Die Lektion daraus war eindeutig: Über einer gewissen Fähigkeitsschwelle entscheidet nicht das Modell über die Qualität der Ausgabe, sondern das Gerüst drumherum – Werkzeuge, Instruktionen, Verifikationsschleife.

Ein Monitor-Agent entscheidet sich also nicht am Interface, sondern an Quellenauswahl, Dedupe und Prüfung. Und dort steht ein Befund, der mich beunruhigt: In einem adversarialen Benchmark mit eingebauten Fallen – widersprüchliche Quellen, vergiftete Inhalte, tote Links, veraltete Meldungen – lösten alle getesteten Modelle fünf von sechs Fallen. Die eine Lücke war modellübergreifend: Keines erkannte veraltete Quellen als veraltet. Für ein OSINT-Lagebild ist das die tödliche Lücke, denn ein Lagebild aus vier Wochen alten Meldungen ist schlimmer als keins – es sieht genauso aktuell aus. Der Fix war eine Prompt-Regel, kein besseres Modell. Das ist die gute Nachricht; die schlechte ist, dass man ihn eingebaut haben muss.

Dazu die Sicherheitsseite: 500 fremde Feeds durch ein Sprachmodell zu schicken, das anschließend kategorisiert und zusammenfasst, heißt, 500 Flächen für Prompt Injection zu öffnen – und bei KI-gestützt entwickeltem Code ist die Sicherheitsbilanz erfahrungsgemäß nicht die Stärke. Und die epistemische Seite, die mir die wichtigere scheint: Ein privates Warroom-Dashboard ist strukturell „do your own research”. Es liefert jedem einzelnen Nutzer sein eigenes Lagebild – nicht geteilte Deutungsarbeit, sondern individuelle Selbstauswertung. Aggregation ist nicht Wahrheit, und ein Globus ist keine Redaktion.

Unterwachung – aber wer ist das Subjekt?

Bleibt die Frage vom Anfang. Was wird tatsächlich demokratisiert?

Nicht der Zugang zu den Daten, die Palantir mächtig machen – die bleiben, wo sie sind. Was demokratisiert wird, ist das Lagebild als Form: die Kommandozentralen-Perspektive, bisher institutionell reserviert, jetzt als Installationspaket. Das ist keine Kleinigkeit. Dass offene Quellen inzwischen reichen, um militärische Lagen zu rekonstruieren, stellt ganze Doktrinen auf den Kopf – die Frage ist nur, wer die Auswertung in der Hand hat.

Daums Unterwachung war bisher eine Forderung mit Beispielen: Vermögensregister, skandinavische Einkommenstransparenz, Cum-Ex-Aufklärung. Alles Daten, die man öffentlich machen sollte. World Monitor ist etwas anderes – Überwachungsinfrastruktur, deren Adressat nicht der Staat ist. Zusammen mit Werkzeugen wie whoidentifies.me, das die 27 nationalen eIDAS-Register zu einem europaweiten Beobachtungsstrom aggregiert, wird daraus ein Muster: eine eigene Klasse zivilgesellschaftlicher Antwort, die weder Schutz-Werkzeug (Tor, Signal) noch Klage-Pfad (Verfassungsbeschwerde, EuGH) ist, sondern Beobachtungs-Infrastruktur. Sie schützt niemanden direkt. Sie macht sichtbar – und damit beklagbar, beforschbar, berichtbar.

Aber Daums offene Flanke bleibt, und World Monitor macht sie schärfer, statt sie zu schließen: Wer ist das Subjekt der Unterwachung? Bei Daum war es, unausgesprochen, ein vergesellschafteter Apparat. Bei World Monitor ist es der einzelne Nutzer an seinem privaten Globus. Das ist eine schwächere Antwort. whoidentifies.me hat Redaktionen, NGOs und Forschende als Anschlussschicht mitgedacht; ein Desktop-Dashboard hat sie nicht. Sichtbarkeit ohne Anschluss ist Aufmerksamkeitskonsum.

Und damit ist man wieder bei 1974. „Computing power to the people” konnte kollektive Teilhabe meinen oder individuelles Vermögen, und es kippte innerhalb weniger Jahre vom einen ins andere. „More Power to the people” trägt 2026 dieselbe Doppeldeutigkeit. Der Unterschied zwischen den beiden Lesarten ist nicht technischer Natur und lässt sich nicht durch bessere Software auflösen. Er lautet: the people – oder me.

Was bleibt, ist trotzdem beachtlich, und es steht im Repository, nicht im Frame. Ein einzelnes Projekt hat in sieben Monaten ein Lagebild gebaut, das man kostenlos installieren, unter AGPL forken und mit ein paar Stunden Arbeit vollständig auf eigener Hardware betreiben kann, samt der 59 Werkzeuge, die anderswo im Abo stecken. Das ist ein realer Zugewinn an Handlungsfähigkeit. Er ist nur kleiner, als der Satz am Ende der Folge nahelegt – und er ist an einer Stelle größer, an der niemand hinschaut: nicht im Globus, sondern darin, dass man nachsehen kann, was dahintersteckt.

Bei Palantir ist der Kasten zu. Das ist der Unterschied.


Quellen

Der Anlass

  • c’t 3003 / heise: „Open-Source-Palantir: World Monitor für alle | c’t 4004 #32” (30.07.2026), Hosts Jan-Keno Janssen und Christian Lutz-Weicken. Das World-Monitor-Segment läuft von 1:25:29 bis 1:29:16; alle Zitate im Text stammen daraus, das Flock-Segment ab 1:16:53. Die dort genannten Kennzahlen (76.000 Sterne, 500+ Feeds, 15 Kategorien, 56 Layer) habe ich gegen die Primärquellen geprüft — sie stimmen alle.

Das Projekt selbst — eigene Erhebung

  • github.com/koala73/worldmonitor — Quelltext, ARCHITECTURE.md, SELF_HOSTING.md und die Desktop-Dokumentation. Der Cloud-Rückfall und der Relay-Server sind dort ausdrücklich beschrieben, nicht von mir unterstellt.
  • Eigene Messungen vom 30. und 31. Juli sowie 1. August 2026: GitHub-API-Abfrage für Sterne, Forks, Anlagedatum und Release-Historie; ein Eigenbau aus dem Quelltext (v2.10.0) im Vergleich zum letzten getaggten Release (v2.5.23); ein zehnminütiger Messlauf der Desktop-App mit Gegenprobe außerhalb der Anwendung; ein vollständig selbst gehosteter Container-Stack samt MCP-Server. Wo Angaben aus Sekundärquellen stammten oder ungeprüft blieben, stehen sie nicht in diesem Text.
  • Laufende Instanz zum Anschauen: worldmonitor.app

Palantir

Genealogie: Warroom, Kippfigur, Gegenkultur

Überwachung und Unterwachung

Werkzeug, Harness, Sicherheit