
Eine Doppelbesprechung von Jonas Frick, „Computer Liberation” (transcript 2025) und „Downtime. Literatur, Digitalisierung und Klassenkampf” (Westfälisches Dampfboot 2025). Beide Bücher sind Open Access frei verfügbar.
„Die Worte ‚Politik’ und ‚Computer’ werden selten im selben Satz ausgesprochen.” Das schrieb der Informatiker Gary Chapman 1994 — und meinte es als Befund, nicht als Klage. Computer waren da längst aus der Politik herausgewandert: keine Machtfrage mehr, sondern ein Versprechen, das sich von selbst einlöst. Wer 2026 die Pressemitteilungen der KI-Konzerne liest, erkennt den Tonfall sofort wieder. Die Technik kommt, sie ist unvermeidlich, und sie wird die Dinge besser machen — über Politik müssen wir nicht reden.
Dass sich dieser Tonfall so vertraut anhört, ist kein Zufall. Genau das ist die Pointe zweier Bücher, die der Zürcher Literaturwissenschaftler Jonas Frick 2025 vorgelegt hat. Sie gehören zusammen, obwohl sie in verschiedenen Verlagen erschienen sind, und zusammengelesen liefern sie etwas Seltenes: einen Begriffsapparat, mit dem sich der gegenwärtige Tech-Überschwang nicht bestaunen, sondern einordnen lässt — als das, was er ist: eine Wiederholung.
Wie ein Befreiungsversprechen zur Marktideologie wurde
Das erste, dickere Buch — Computer Liberation, gut tausend Seiten — erzählt die Imaginationsgeschichte der Computer- und Netzkultur von 1960 bis 2000. Nicht die Technikgeschichte, wohlgemerkt, sondern die Geschichte der Vorstellungen: Wofür sollte der Computer stehen? Was hat man sich von ihm erhofft, befürchtet, versprochen?
Fricks Antwort hat eine klare Form. Sie verläuft in drei Phasen. In den 1960ern ist der Computer vor allem eine Angst — die Science-Fiction sieht in ihm den entmenschlichten Großrechner, eine unkontrollierbare Macht. Dann, Ende der Sechziger, kommt die Politisierung: Der Computer wird zum Gegenstand politischer Auseinandersetzung. Soll das Netz ein öffentliches Gut sein, organisiert wie das Stromnetz oder die Bibliothek? Die Gegenkultur experimentiert mit lokalen Netzwerken, „Community Memory”, einer Aufhebung der Trennung von Produzent und Konsument. Die Zukunft ist offen. „Computers are too important to be left entirely up to computer people”, heißt es 1977.
Und dann schließt sie sich wieder. Ab den Siebzigern, hegemonial geworden in den Neunzigern, kippt die Befreiungsemphase in ihr Gegenteil: Entpolitisierung. Aus dem demokratischen Zugang wird der libertäre Individualismus, aus „increased personal power” der Werbeslogan, aus der offenen Frage der Technikdeterminismus. Das Silicon Valley feiert sich als „beyond politics”. Bruce Sterling bringt die Wendung 1998 auf den Punkt: „Technology, not ideology, is the twentieth century’s lasting legacy.” Die Technik ersetzt die Politik — das ist die Ideologie, die sich als Ideologielosigkeit ausgibt.
Frick hat dafür zwei Begriffe, die hängenbleiben. Der erste ist die Kippfigur „Computer Liberation” selbst: Befreiung kann emanzipatorisch gemeint sein („Befreiung durch”) oder libertär („Freiheit vom Staat”) — und der Witz der Geschichte ist, wie mühelos das eine ins andere umschlägt. Ted Nelsons Computer Lib von 1974 meinte noch das eine; was sich durchsetzte, war das andere. Der zweite Begriff ist die „ewige Wiederkehr des Technikoptimismus”: Jede neue Technik wird als revolutionärer Bruch gefeiert, als sei nichts dergleichen je dagewesen — und genau diese Geste der Neuheit wiederholt sich seit über hundert Jahren mit ermüdender Regelmäßigkeit.
Wer das gelesen hat, liest die Gegenwart anders. Die Linie vom Cyberlibertarianism der Neunziger — Wired als „Postpolitik”, die „kalifornische Ideologie”, die Fusion von freien Geistern und freien Märkten — zu Peter Thiel, Curtis Yarvin und dem „Muskism” der 2020er — der politischen Wendung des Tech-Kapitals nach rechts — ist keine Analogie, die man konstruieren müsste. Sie ist eine direkte Abstammung. Und der KI-Determinismus von 2026 — die Skalierung kommt, der Fortschritt ist unausweichlich, widerstehen ist sinnlos — ist die jüngste Runde derselben Entpolitisierung. Frick liefert nicht die Empörung darüber — die stellt sich von selbst ein. Er liefert die Genealogie, die zeigt, dass es kein neues Phänomen ist.
Wo der Widerstand noch vorstellbar ist
Das zweite Buch nimmt den Faden dort auf, wo das erste ihn fallen lässt — und dreht ihn um. Downtime fragt nicht, wie das Versprechen entpolitisiert wurde, sondern wo Widerstand gegen den digitalen Kapitalismus überhaupt noch imaginiert wird. Frick durchsucht dafür Romane, Kurzgeschichten, Zines, Reportagen — und findet ein wiederkehrendes Motiv: die Unterbrechung.
Der titelgebende Begriff stammt aus der Maschinenwelt. „Downtime” ist die Ausfallzeit, in der eine Maschine stillsteht. Bei Frick wird daraus eine Doppelfigur: die aktiv herbeigeführte Unterbrechung des Warenkreislaufs — und die selbstbestimmte Rückeroberung gestohlener Lebenszeit. Wo der klassische Streik nicht mehr organisierbar ist, treten andere imaginierte Praktiken an seine Stelle: Sabotage, Zeitdiebstahl, Computerviren, Kurzschlüsse, streikende Roboter. Die fehleranfällige Maschine, die von selbst abstürzt, wird zum Vorbild eines Widerstands, der sich nie ganz unterdrücken lässt.
Das klingt romantisch, und Frick weiß das. Sein Buch ist gerade da am stärksten, wo es die eigene Faszination misstrauisch beäugt. Sabotage ist ambivalent — Ohnmacht oder Gegenmacht? Die Verklärung einer Taktik zur Strategie ist eine ständige Gefahr. Den Automatisierungsfetisch des „Plattformkommunismus” — die Hoffnung, der vollautomatisierte Luxus komme quasi von selbst aus dem 3D-Drucker — kritisiert Frick ausdrücklich. Sein Maßstab ist altmodisch und klar: die Klasse als Subjekt, die Revolution als gemeinsames Projekt, nicht als ästhetischer Reiz. Warum überhaupt Literatur befragen, wenn es um Strategie geht? Frick antwortet mit einem Satz, der das ganze Projekt trägt: „Wo Widerstand nicht einmal in der Fiktion vorstellbar ist, wird er auch in der Realität auf größere Hindernisse stoßen.”
Zwei Bücher, eine Frage
Zusammen ergeben die beiden Bände eine einzige Bewegung. Computer Liberation zeigt, wie die Vorstellungskraft über die Technik enteignet wurde — wie aus einer offenen politischen Frage eine geschlossene Marktideologie wurde. Downtime sucht nach den Stellen, an denen diese Vorstellungskraft zurückerobert wird. Das eine Buch ist die Diagnose, das andere die Suche nach der Gegenbewegung. Die gemeinsame Frage lautet: Wem gehört die Imagination über die Technik?
Man muss Fricks kommunistischen Standpunkt nicht teilen, um den Nutzen zu sehen. Und die Schwächen benennt er meist selbst: Beide Bücher sind bewusst westlich zentriert, Computer Liberation kauft seine enzyklopädische Breite mit mangelnder Tiefe, und eine „klassisch materialistische” Erklärung, warum der Libertarismus in den Neunzigern so dominant wurde, bleibt das Buch schuldig — „Neoliberalismus” ist als Stichwort zu grob. Downtime wiederum bleibt in der positiven Lesart der Unterbrechung programmatisch; die naheliegende Gegenkritik — dass Sabotage den Konflikt individualisiert — lässt Frick offen.
Aber das ist verschmerzbar. Denn was bleibt, ist der Begriff, der die Gegenwart durchschneidet. Wenn die nächste KI-Demo verspricht, sie werde die Welt verändern, und im selben Atemzug nahelegt, dass Politik dabei nur störe, dann ist das keine neue Zukunft. Es ist die ewige Wiederkehr — und Frick hat das Protokoll der letzten Runde geschrieben. Geh einfach schlafen, hieß es schon in den Neunzigern über den Cyber-Kommunismus, das Internet kümmert sich um alles, und wenn du lange genug schläfst, wachst du in der Utopie auf. Wir sind nicht in der Utopie aufgewacht. Es lohnt sich, wach zu bleiben.
Beide Bücher sind als Open-Access-PDF frei verfügbar. Jonas Frick: „Computer Liberation. Zur Imaginationsgeschichte der Computer- und Netzwerkkultur 1960–2000”, transcript 2025. „Downtime. Literatur, Digitalisierung und Klassenkampf”, Verlag Westfälisches Dampfboot 2025.