
Teil 2 der Serie über meinen Schreib- und Publikations-Workflow. Teil 1 hat erklärt, warum ich überhaupt mit Obsidian schreibe. Hier zeige ich, wie der Vault konkret aufgebaut ist.
Der häufigste Fehler beim Start mit Obsidian ist, zu viel Zeit mit der Ordnerstruktur zu verbringen.
Ich spreche aus Erfahrung. Ich habe meinen Vault dreimal komplett umstrukturiert, bevor ich verstanden habe, dass die Struktur nicht der Inhalt ist. Eine perfekte leere Bibliothek ist trotzdem leer.
Trotzdem braucht es eine Struktur – nur eine, die dem Denken folgt, nicht ihm vorausläuft.
Die Inbox: Erst sammeln, dann einordnen
Das Wichtigste zuerst: jede neue Notiz landet in 00 inbox/.
Nicht in “Geopolitik”, nicht in “Recherche Iran”, nicht in irgendeiner Kategorie, die ich in dem Moment für richtig halte. Einfach in die Inbox, mit einem Gedanken, einem Link, einem Zitat – roh, unfertig, ohne Anspruch.
Das klingt nach Chaos, ist aber das Gegenteil. Es trennt zwei Tätigkeiten, die sich gegenseitig stören, wenn man sie gleichzeitig macht: Erfassen und Einordnen. Wenn ich mitten im Lesen eines Artikels anfange, darüber nachzudenken, ob der Gedanke in “Politik” oder “Geschichte” oder vielleicht in einen neuen Ordner “Imperialismus” gehört, verliere ich den Faden. Die Inbox schiebt diese Entscheidung auf – auf einen ruhigeren Moment.
Regelmäßig gehe ich die Inbox durch, finalisiere Notizen und verschiebe sie in ihren Platz. Das ist eine eigene kleine Tätigkeit, die man bewusst macht – nicht nebenbei.
Ordnerstruktur: Wenige Bereiche, klare Grenzen
Mein Vault kennt heute folgende Hauptbereiche:
00 inbox/ ← alles landet hier zuerst
world-events/ ← Geopolitik, aktuelle Krisen
politics/ ← Analysen, Bewegungen
religion/ ← Ideologische und theologische Hintergründe
tech/ ← KI, Tools, Software
homelab/ ← Server, Infrastruktur, Backup
travel/ ← Reisen, Checklisten, Ausflüge
media-analysis/ ← Serien, Filme, Bücher
10 quellen/ ← Quellen, Websites, Autoren
Keine Unterordner nach Datum. Keine Unterordner nach Priorität. Keine “Projekte”-Ebene, keine “Ressourcen”-Ebene. Nur thematische Bereiche, flach gehalten.
Die Versuchung, tief zu verschachteln, ist groß – und fast immer ein Fehler. Tief verschachtelte Ordner machen das Verlinkungsdenken schwerer, weil man anfängt, Notizen nach ihrem Speicherort zu kategorisieren statt nach ihren Verbindungen.
Frontmatter: Metadaten als Brücke
Jede Notiz beginnt mit einem YAML-Block:
---
datum: 2026-04-12
tags:
- iran
- außenpolitik
- usa
---Das datum-Feld nutze ich für Notizen im Vault. Für Blogartikel heißt es date – Quartz, mein Blog-System, versteht nur das englische Feld. Dieser Unterschied ist gewollt: manche Notizen sind interne Gedanken, andere sind für die Veröffentlichung bestimmt. Das Frontmatter macht diese Grenze sichtbar.
Tags halte ich flach und konsistent. Keine #iran/außenpolitik-Hierarchien, keine Tag-Taxonomien. Zehn gut gepflegte Tags sind nützlicher als hundert chaotische.
Für Artikel, die auf den Blog kommen, kommen zwei Felder hinzu:
title: "Der Titel, der auf dem Blog erscheint"
description: "Der Teaser – ein Satz, der Lust macht weiterzulesen."Die description ist gleichzeitig die Vorschau auf der Blog-Startseite und – sobald der Artikel auf Bluesky gepostet wird – der Text des Posts. Ein Feld, drei Verwendungen.
Dataview: Der Vault als Datenbank
Dataview ist ein Plugin, das Markdown-Dateien wie Datenbankzeilen behandelt. Ich kann damit Abfragen über meinen gesamten Vault stellen – ohne eine einzige Zeile SQL zu kennen.
Meine Startseite des Vaults zeigt mir zum Beispiel:
```dataview
TABLE file.mtime AS "Geändert", file.folder AS "Bereich"
WHERE file.name != "_index"
SORT file.mtime DESC
LIMIT 8
```Das gibt mir die acht zuletzt bearbeiteten Notizen – ein schneller Einstieg in das, womit ich zuletzt gearbeitet habe.
Noch nützlicher: offene Aufgaben über alle Notizen hinweg:
```dataview
TASK WHERE !completed SORT file.mtime DESC
```Keine separate To-do-App. Keine Synchronisationsprobleme. Aufgaben leben dort, wo sie inhaltlich hingehören – in der jeweiligen Notiz. Dataview sammelt sie bei Bedarf ein.
Das ist das Prinzip, das sich durch den ganzen Vault zieht: Dinge gehören dahin, wo sie gedacht wurden. Die Struktur entsteht durch Abfragen und Links, nicht durch physische Ablage.
Was wirklich zählt
Eine Vault-Struktur ist kein Ziel – sie ist ein Werkzeug. Das beste System ist das, das man tatsächlich benutzt.
Mein Vault ist nicht perfekt strukturiert. Es gibt Notizen in der Inbox, die dort seit Wochen liegen. Es gibt Ordner, die ich bereue. Das ist in Ordnung, solange das Schreiben nicht aufhört.
Die Frage ist nicht: “Ist alles perfekt abgelegt?” Die Frage ist: “Finde ich meinen Gedanken wieder, wenn ich ihn brauche?”
Wenn die Antwort ja ist, funktioniert das System.
Teil 3 kommt als kleiner Umweg, bevor es ans eigentliche Schreiben geht: Wie ich den Vault synchronisiere und sichere – mit Nextcloud auf eigenem Server und BorgBackup. Weil das zweite Gehirn nur nützt, wenn es nicht abbrennt.