Dies ist Teil 1 einer Serie über die italienische Rechte. Leitfrage: Was macht die faschistische Bewegung Italiens aus — und was folgt daraus für die Debatte um Faschismus und Faschisierung 2026? Dieser erste Teil behandelt die Vorgeschichte: die Gesellschaft, in der der Faschismus entstand. Er kommt ohne Mussolini aus.
Im Oktober 1917 brach die italienische Front bei Caporetto zusammen. Das Heer verlor in wenigen Tagen ganz Julisch-Venetien, der Rückzug endete erst vierzig Kilometer vor Venedig. In dieser Lage machte die Regierung den Soldaten ein Angebot, und weil die Masse der einfachen Soldaten aus Landarbeitern und Halbpächtern bestand, war es ein Angebot über Land. Die Parole lautete:
„Der Boden soll dem gehören, der ihn bearbeitet.”
Hans Woller schreibt dazu, auf dieses Versprechen hätten „viele schon lange gewartet”. Das ist die Untertreibung. Es war das Versprechen, auf das die italienische Landbevölkerung seit der Staatsgründung wartete.
Nach dem Krieg wurde es nicht eingelöst. Nichts an der italienischen Geschichte der folgenden fünf Jahre ist ohne diesen Bruch zu verstehen — und deshalb fängt diese Serie nicht 1919 mit der Gründung der Fasci an, sondern vorher, bei den Verhältnissen. Der Faschismus ist nicht in eine funktionierende Gesellschaft eingebrochen. Er ist in eine Gesellschaft eingetreten, die seit Jahrzehnten im Streit mit sich selbst lebte, deren Staat sein Gewaltmonopol in der Provinz nie hergestellt hatte, und in der bewaffnete Bürger auf Streikende zu schießen pflegten, lange bevor es Schwarzhemden gab.
Wer wissen will, warum eine faschistische Bewegung in einem Land Erfolg hat, muss dieses Land kennen. Also: Italien, vor dem Faschismus.
Ein Agrarland mit industrieller Spitze
Um 1900 erwirtschaftete die Landwirtschaft über 51 Prozent des italienischen Bruttoinlandsprodukts, und fast 60 Prozent aller Erwerbstätigen arbeiteten in ihr. Italien war ein Bauernland — aber ein zweigeteiltes. In der Po-Ebene wurde auf 13 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche 31 Prozent der Agrarproduktion erzeugt, pro Hektar dreimal so viel wie im übrigen Land. Dort gab es kapitalistische Agrarunternehmen mit Lohnarbeit, Melioration, Marktproduktion.
Im Süden dagegen lebte
„noch immer fast alles von einer rückständigen Landwirtschaft, die nichts als Armut und das Gefühl heilloser Lähmung produzierte, das vor allem die Heerscharen fast rechtloser Tagelöhner und Halbpächter fest im Griff hatte.”
Drei Ursachen dafür nennt Woller: die europäische Agrarkrise, gegen deren billige Überseekonkurrenz das süditalienische Getreide nicht ankam; eine Zollpolitik, die den Industrienorden bevorzugte; und
„schließlich die Trägheit der Großgrundbesitzer, die sich auf ihren Latifundien und Lorbeeren ausruhten und zu wenig in ihre Betriebe investierten, so dass die anachronistische «extensive Getreideproduktion des Südens» schließlich zusammenbrach – und sich nie mehr erholte.”
Und hier liegt der Befund, der das ganze politische System erklärt. Diese Zweiteilung war kein Naturzustand, sondern ein Geschäft, geschlossen bei der Gründung des Nationalstaats:
„Raschen Anschluss an die neuen Verhältnisse fanden eigentlich nur die Latifundienbesitzer des Mezzogiorno, die den Eliten aus dem Norden ihre Unterstützung anboten und dafür im Gegenzug das Versprechen erhielten, den Status quo im archaischen Süden nicht anzutasten.”
Der italienische Nationalstaat war von Anfang an mit dem Großgrundbesitz verabredet, ihn nicht anzutasten. Was in Schulbüchern als Risorgimento erscheint — Einigung, Freiheit, Nation —, war für die Landbevölkerung des Südens der Tausch eines Herrn gegen zwei. Die Staatsgründung von 1861 geschah, so Woller, „im Zeichen verdrossener Gleichgültigkeit der großen proletarischen und ländlich-agrarischen Schichten, die aus Erfahrung klug geworden waren und auch von diesem Staat nichts Gutes erwarteten”. Die berüchtigten „Briganten” des Südens „bildeten im Grunde die kriminelle Spitze eines Millionenheeres verzweifelter Hungerleider ohne Perspektive.”
Die industrielle Spitze war dagegen echt und schnell. Zwischen 1896 und 1908 wuchs die Industrieproduktion um durchschnittlich 6,7 Prozent pro Jahr, die chemische Industrie um 13,7, Metall- und Maschinenbau um über 12 Prozent. Die Zahl der Industriebeschäftigten stieg von 1,3 Millionen (1903) auf 2,3 Millionen (1911). Die Stromerzeugung wuchs von 400 auf über 2200 Millionen Kilowattstunden, überwiegend Wasserkraft — Italien lag damit europaweit an vierter Stelle.
Nur blieb das eine Spitze. Der Anteil der Industrie am BIP stieg auf 21 Prozent, während er in Großbritannien, Frankreich und Deutschland „zum Teil deutlich über 35 Prozent” lag. Italiens Anteil an der Weltstahlproduktion betrug 1913 1,2 Prozent. FIAT baute vor dem Krieg jedes zweite der 9120 in Italien hergestellten Autos — in Deutschland wurden im selben Jahr über 20.000 produziert.
Wollers Begriff für dieses Wachstumsmodell ist das „Modell Italien”, und seine Definition ist die eines Staatskapitalismus:
„durch eine dezidierte, vom Staat gelenkte Ressourcenallokation, die insbesondere den modernen Branchen zugute kam, durch eine vom Staat garantierte Politik niedriger Löhne, die den Export ankurbeln sollte und im Ernstfall auch mit brachialen Mitteln durchgesetzt wurde, und durch den Auf- und systematischen Ausbau staatlicher Großbetriebe.”
Niedrige Löhne waren nicht ein Ergebnis des Marktes, sondern Staatspolitik — und „im Ernstfall auch mit brachialen Mitteln durchgesetzt”. Wie das aussah, kommt weiter unten.
Die Städte wuchsen entsprechend: Mailand zwischen 1881 und 1911 um 87,7 Prozent, allein zwischen 1900 und 1914 von 400.000 auf 650.000 Einwohner; Turin auf 415.000; Rom um fast 90 Prozent auf über 550.000 — dort allerdings fanden die Zuwanderer „vor allem in der öffentlichen Verwaltung Lohn und Brot”. Woller zitiert die Formel, die man dafür gefunden hat: „Urbanisierung ohne Industrialisierung”.
Arm, aber lesend
Die Zahlen des Alltags sind eindeutig. Der Fleischverbrauch lag bei rund 16 Kilogramm pro Kopf und Jahr — in Großbritannien bei 60, in Deutschland bei 47. Auf den Tisch kamen „vor allem Reis, Obst, Gemüse und Brot, dessen Qualität sehr zu wünschen übrig ließ”. Der Tageslohn eines Industriearbeiters stieg zwischen 1901 und 1913 von 2,5 auf 3,5 Lire, das Pro-Kopf-Einkommen im Jahrzehnt um 36 Prozent. Woller nennt den Grund, warum das nicht reichte: „Zu viele Italiener waren bettelarm und sollten es noch lange bleiben, weil das «Modell Italien» nur bescheidene Lohnerhöhungen vorsah.”
Das wirksamste Ventil war die Auswanderung:
„Kaum ein Land Europas hatte vor dem Ersten Weltkrieg einen solchen Aderlass zu verkraften wie Italien. Zwischen 1901 und 1910 verließen über sechs Millionen Menschen ihr Land, ohne dass der Exodus ein Ende gefunden hätte. Allein 1913 waren es über 870.000.”
Sechs Millionen von rund 33 Millionen Einwohnern in einem Jahrzehnt. Die Kolonialpolitik wurde ausdrücklich als Ersatzventil beworben: In Libyen wollte man „ein Auffangbecken für landhungrige Siedler aus Süditalien schaffen, die in ihrer Heimat keine Perspektive hatten”. Ein Sonderkorrespondent der Stampa formulierte 1911 die Werbeformel: „In Tripolitanien liegt die Lösung des Problems der Emigration und des Südens.” Enrico Corradini beschrieb Libyen als terra promessa mit fruchtbarem Ackerland, „obwohl er genau wusste, dass Libyen zu den ärmsten Regionen der Welt zählte.”
Und gleichzeitig veränderte sich etwas rasant, und das ist die eigentliche Spannung dieser Jahre. Die Analphabetenquote unter den über Sechsjährigen fiel von 48,7 Prozent (1901) auf 37,9 Prozent (1911) — in Kalabrien von 78,7 auf 69,6, in der Basilicata von 75,4 auf 65,3, auf Sizilien von 70,9 auf 58 Prozent. Die Zahl der Volksschüler stieg von zwei auf 3,7 Millionen, die der Schüler höherer Schulen zwischen 1881 und 1915 von 35.000 auf 305.000. Die Schulpflicht wurde 1904 auf sechs Jahre und alle Kinder bis zwölf ausgeweitet. Die Zahl der Ingenieurstudenten verdoppelte sich in zehn Jahren auf fast 5000. Studentinnen: 1911 über tausend, 1920 annähernd 5000 — „abgesehen von der Schweiz hatten Frauen um 1910 wohl nirgendwo sonst in Westeuropa bessere Bildungschancen als in Italien.”
Wollers Kommentar dazu ist der Schlüsselsatz für alles Folgende:
„Nie zuvor in der Geschichte Italiens war binnen so kurzer Zeit so viel erreicht worden, nie zuvor waren aber auch so große Erwartungen geweckt worden, dass Wissen und Bildung Macht bedeuteten und die Aussicht auf ein besseres Leben eröffneten, das dann aber oft und oft lange auf sich warten ließ.”
Eine Gesellschaft, die schnell lesen lernt und langsam reicher wird, ist keine ruhige Gesellschaft. Dazu ein Sozialstaat in Ansätzen: die Unfallversicherung von 1,5 auf über drei Millionen Arbeiter ausgeweitet, die freiwillige Renten- und Invaliditätskasse von 40.000 Versicherten um 1900 auf über eine Million 1914, Kinderarbeit unter zwölf Jahren verboten. Aber, so Woller: „diese Gesetze blieben vielfach totes Papier […], weil Kontrollmechanismen fehlten oder leicht umgangen werden konnten. Erst 1912 wurde eine staatliche Aufsichtsbehörde eingerichtet.”
Ein Parlament ohne Parteien
Politisch war Italien eine Demokratie, die das Wahlrecht in Raten austeilte. Nach 1861 durften zwei Prozent der Bevölkerung wählen. Um 1900 „nicht einmal zehn Prozent der rund 32 Millionen Italiener”, von denen etwa zwei Drittel es nutzten. Die Reform von 1912 gab allen Männern über 30 das Wahlrecht, unabhängig von Einkommen und Lesefähigkeit, Kriegsdienstleistenden schon mit 21 — die Quote der Wahlberechtigten stieg von 9,5 auf 24,5 Prozent, von 3,3 auf 8,6 Millionen. Frauen blieben ausgeschlossen. Erst 1919 kam das allgemeine Männerwahlrecht mit Verhältniswahl.
In dieses Parlament wurden allerdings keine Parteien gewählt, sondern Notabeln. Giovanni Giolitti, der das System von 1901 bis 1914 mit Unterbrechungen führte, musste sich, so Woller,
„ständig mit einem Parlament arrangieren, das die Topografie des vielfach fragmentierten Landes widerspiegelte und vorwiegend aus Abgeordneten bestand, die nur ihre lokalen und regionalen Interessen kannten. Nationale und ideologische Anliegen waren ihnen oft fremd, weshalb es auch nicht zur Bildung von großen Parteien kam.”
Das liberale Lager, „das so liberal letztlich gar nicht war”, brachte „lediglich eine Agglomeration ständig wechselnder Interessengruppen hervor”. Und die Mehrheit stand auf dem Süden: rund hundert konservative Abgeordnete des Mezzogiorno, die Giolitti immer neu an sich band —
„durch das Versprechen, die Wirtschaftsstruktur im Mezzogiorno nicht wirklich anzutasten, durch großzügige wirtschaftliche Förderung der Stimmkreise, aus denen die Abgeordneten kamen, oder durch massive, die Grenzen von Recht und Gesetz nicht nur streifende Hilfe bei den Wahlen.”
Gaetano Salvemini nannte Giolitti dafür den „Minister des Verbrechens”.
Man sollte Giolitti dennoch nicht unterschätzen; er hat die Lage genauer analysiert als seine Kritiker. In seiner Rede vom Februar 1901 sagte er:
„Neue gesellschaftliche Bewegungen treten in unser politisches Leben ein, jeden Tag stellen sich neue Probleme, und neue Kräfte tauchen auf, mit denen jede Regierung rechnen muss. […] Der Aufstieg der unteren Schichten beschleunigt sich von Tag zu Tag; hinter ihm steckt eine Kraft, die nicht zu bezwingen ist, weil sie in allen zivilisierten Ländern auftritt und weil sie auf dem Prinzip der Gleichheit aller Menschen beruht.”
Seine Antwort darauf war Integration durch Neutralität: Der Staat sollte sich aus Arbeitskämpfen heraushalten, statt für die Unternehmer zu schießen. Die Wirkung war sofort messbar. 1900 waren 43.000 Arbeiter in den Streik getreten, 1901 waren es 420.000.
Wie der italienische Staat auf Streiks antwortete
Denn zuvor hatte er geschossen. 1898, nach Brotpreisunruhen, verhängte die Regierung den Belagerungszustand über Mailand, Florenz, Livorno und Neapel und antwortete mit „Repressalien von außerordentlicher Härte”:
„Allein in Mailand […] zählte man nach erbitterten Straßenkämpfen über 100 Tote und etwa 500 Verletzte.”
Militärgerichte verurteilten „auch gänzlich Unschuldige als geistige Rädelsführer”, die Zahl der geschlossenen katholischen Hilfsorganisationen und Jugendgruppen „ging in die Tausende”. Der Chefredakteur des verbotenen Corriere della Sera nannte die Aktion einen „Staatsstreich zugunsten des Bürgertums und gegen das Volk”.
Und auch unter Giolitti hörte es nicht auf: In den Arbeitskämpfen der Folgejahre verloren „Dutzende und Aberdutzende […] in diesen «Massakern an Proletariern» ihr Leben.”
Der entscheidende Vorgang aber ist die settimana rossa im Juni 1914. Nach zwei Toten bei einer Demonstration in Ancona erfasste eine Streik- und Aufstandswelle das halbe Land — „«Für eine Woche schienen sich große Teile Italiens in ein revolutionäres Schlachtfeld verwandelt zu haben.»” Neu war die Gegenseite:
„auch auf die aktive Mithilfe nationalistischer Bürgerwehren, die sich nach der Wende von Giolitti zu Salandra zusammengetan hatten und da und dort bereits zum bewaffneten Gegenangriff übergingen; das Menetekel eines Bürgerkrieges […] stand jetzt wieder an der Wand und blieb von nun an eine Konstante der italienischen Politik.”
Bewaffnete bürgerliche Verbände, die gegen Streikende vorgehen, während der Staat zusieht: Das ist 1914 keine faschistische Erfindung, sondern eine eingespielte Praxis. Der Squadrismus von 1921 hatte in Italien eine Vorgeschichte, ein Personal und eine juristische Rechtfertigung, die alle älter waren als er.
Die erste Massenpartei — und ihre Spaltungen
Der andere neue Akteur war der Sozialismus, und er war in Italien anders gebaut als sonst in Europa. Die Schwerpunkte der Arbeiterbewegung lagen in den Städten und — „eine (von Spanien abgesehen) europäische Besonderheit — auf dem noch kaum erschlossenen Land, wo sich viele Tagelöhner, Kleinbauern und Halbpächter zum sozialistischen Gedankengut bekannten.”
Der italienische Sozialismus war zu einem großen Teil eine Landbewegung. Das ist die Voraussetzung dafür, dass die spätere faschistische Gewalt vor allem eine Gewalt gegen Dörfer war.
Der PSI, 1892 gegründet, war „die erste moderne Massenpartei Italiens”. Und er hat sich von Anfang an gespalten. 1904 versuchten revolutionäre Syndikalisten mit dem ersten landesweiten Generalstreik, Giolitti zu stürzen — vergeblich; Arturo Labriola und Georges Sorel priesen die Gewerkschaften als „gesunden und kraftvollen Barbaren, als Träger einer neuen Zivilisation gegen die Dekadenz der bürgerlichen Welt”. 1906 entstand die Gewerkschaft CGL, 1907 mussten die Syndikalisten die Partei verlassen, 1912 gründeten sie die USI, die es binnen kurzem auf 200.000 Mitglieder brachte.
Der Bruch, der die Zukunft bestimmte, war der Parteitag von Reggio Emilia im Juli 1912 — „ein wahres Scherbengericht über die verdienten Reformer”:
„Bonomi, Bissolati und all die anderen, die den Krieg in Libyen befürwortet hatten, wurden mit Schimpf und Schande aus der Partei ausgeschlossen, während Turati und die Seinen nur eine Art strenger Abmahnung erhielten, die mit dem Verlust jeglichen Einflusses in der Parteiführung verbunden war.”
Der Mann, der auf diesem Parteitag aufstieg, wurde im November 1912 Chefredakteur des Avanti!. Er hieß Benito Mussolini, und er war damals der begabteste Radikale der italienischen Linken. Zwei Jahre später, im November 1914, trat er als Chefredakteur zurück und wurde „sogar aus der Partei ausgeschlossen, die damit eine ihrer größten Zukunftshoffnungen verlor”. Die Standardfrage lautet, warum er die Seite wechselte — aus Opportunismus, aus Überzeugung, aus Kriegsbegeisterung. Sie ist falsch gestellt: Er wollte nicht austreten. Er wollte die Partei übernehmen, und der PSI kam ihm zuvor, mit einem Ausschluss wegen „politischer und moralischer Unwürdigkeit”.
Trotz all dieser Spaltungen holte der PSI bei der ersten Wahl nach der Wahlrechtsreform 1913 fast 18 Prozent. Gleichzeitig war die Bewegung intern zerlegt, in einem Zustand, den Woller so beschreibt: „wobei sich in vielen Fällen Gewerkschaften im Konflikt mit Gewerkschaften aufrieben, Arbeiterkammern gegen Arbeiterkammern kämpften und Ortsvereine ihre Dynamik im Streit mit anderen Ortsvereinen verbrauchten.”
Der Nationalismus organisiert sich
Parallel entstand die Kraft, aus der die Rechte des 20. Jahrhunderts hervorging. 1910 wurde die Associazione Nazionalista Italiana gegründet; nach der Spaltung von 1912 vertrat sie „offen imperialistische Forderungen”. Ihr Vordenker Enrico Corradini schrieb schon 1903 in Il Regno:
„Wir sind vor allem Expansionisten … Und wir gehören nicht zu jenem Schlag von vernünftigen und äußerst vorsichtigen zukünftigen Expansionisten, die wieder und wieder sagen: Zuerst muss Italien die Dinge zu Hause regeln. Nein: wir meinen, der beste Weg, die kleinen und auch die großen Dinge zu Hause zu regeln, ist es, bei der ersten Gelegenheit loszuschlagen.”
Und deutlicher: „Na und, dann gibt es halt Krieg! Der Nationalismus möge in Italien den Willen zum siegreichen Krieg wecken.” Corradinis positives Programm war eine ständestaatlich organisierte Volksgemeinschaft der „Produzenten (Arbeiter und Kapitalisten) gegen die Demagogen und Quatscher” — die Formel, aus der zwei Jahrzehnte später der Korporativstaat wurde.
Emilio Gentile beschreibt, was diese Nationalisten aus dem Begriff der Nation machten: Sie „definierten die Nationalität nach Kriterien, die ideologische Differenzen auf anthropologische Unterschiede zurückführten […] und deshalb potentiell rassistisch waren.” Wer politisch anders dachte, war nicht Gegner, sondern fremd.
Die erste Anwendung war der Libyenkrieg 1911/12. Nach dem Gefecht von Sciara Sciat am 23. Oktober 1911, das über 500 italienische Gefallene kostete, ermordete die Soldateska laut Aram Mattioli „innerhalb von fünf Tagen wahllos Tausende von Einheimischen”; etwa 4000 Araber wurden auf Inseln wie Ponza und Tremiti interniert. Am 1. November 1911 fand über Libyen der erste Luftangriff der Geschichte statt. In der Cyrenaika sank die Einwohnerzahl von 300.000 (1911) auf 120.000 (1915). Das Annexionsgesetz nahm das Parlament mit 431 von 470 anwesenden Stimmen an.
Woller stellt eine Frage, die er selbst nicht beantwortet, und sie bleibt offen:
„Führte von der entgrenzten Kriegsgewalt in der Wüste eine Linie zu den Exzessen des frühen Faschismus, in dessen Reihen nicht wenige aus der Bahn geworfene Soldaten eine politische Heimat fanden?”
Der Krieg, den die Mehrheit nicht wollte
1915 trat Italien in den Weltkrieg ein, und zwar gegen die Überzeugung der eigenen Bevölkerung. Das ist kein Werturteil, sondern Aktenlage: Eine Umfrage unter den Präfekten hatte ergeben, dass die Mehrheit der Italiener gegen den Krieg war — sie würde sich fügen, aber sie wollte ihn nicht. Dagegen waren die Gewerkschaften, der PSI, Papst Benedikt XV. und Giolitti, der „weit mehr als die Hälfte des Parlaments hinter sich wusste”. Woller:
„Viel schwerer fiel aber ins Gewicht, dass die große Mehrheit der Gesellschaft den Krieg nicht wollte. Dagegen waren die kleinen Leute, und zwar die Industriearbeiter ebenso wie die Handlanger und Halbpächter, die klar erkannten, dass letztlich sie es sein würden, die den Kopf hinhalten mussten.”
Giolitti schrieb privat: „Die Kerle in der Regierung hätten es verdient, erschossen zu werden. Sie wollen Italien in den Krieg führen, für andere und ohne Not.” Am 20./21. Mai 1915 stimmten dann 407 Abgeordnete für die Kriegsvollmachten, 74 dagegen — Nicola Tranfaglia sieht darin „den Tatbestand eines «Staatsstreiches» erfüllt”.
Wie diese Mehrheit zustande kam, gehört zur Vorgeschichte des Faschismus, weil die Methode später wiederkehrt. Auf der Straße mobilisierte Gabriele D’Annunzio Hunderttausende und stachelte öffentlich zum Mord an Giolitti auf, ohne dass die Polizei eingriff. Alfred Polgar beschrieb den Vorgang damals so:
„Seine unermüdliche, schwungvolle und hitzige Schönrednerei brachte Italiens Volk, zumindest das Volk der norditalienischen Städte, in den nötigen Rauschzustand, der Wünsche mit Wirklichkeiten verwechselt […]. Je dicker er seinen Hörern den martialisch-patriotischen Sirup um den Mund schmierte, desto gieriger leckten sie die Lippen und schrien nach mehr.”
Eine Minderheit auf der Straße, geduldet von der Polizei, gegen eine Mehrheit im Parlament und in der Bevölkerung: So begann Italiens Weltkrieg. Wollers Bilanz:
„Nirgends sonst war die Kriegsbegeisterung geringer, nirgends sonst war die Spaltung der politischen Führung tiefer und nirgends sonst war der Riss durch die Gesellschaft größer als in Italien, wo man nicht einmal ansatzweise zu einer Art Burgfrieden fand wie im Deutschen Reich.”
Was der Krieg kostete
670.000 Gefallene. Über eine Million kehrten versehrt zurück. Bis Ende 1915 zählte das Heer 400.000 „Menschenverluste”, bis Caporetto im Oktober 1917 waren es 800.000 — bei einer Heeresstärke von 2,2 Millionen Mann. Der Oberbefehlshaber Luigi Cadorna, bei Woller „ein sturer und hochfahrender, beratungsresistenter und herzloser Dogmatiker”, führte den Krieg mit „wiederholten, vergeblichen und bis zum Äußersten gehenden Frontalangriffen an den immer gleichen Stellen, die stets in horrenden Metzeleien endeten”.
Er führte ihn auch gegen die eigenen Soldaten:
„Wer aufmuckte, sich der geringsten Disziplinlosigkeit schuldig machte oder gar einen Befehl verweigerte, wurde unnachsichtig bestraft – nicht wenige wurden sogar ohne Verfahren auf Befehl eines Offiziers erschossen, der dafür nichts zu fürchten hatte. Bis Kriegsende verhängten außerdem die Militärrichter 4000 Todesurteile und 15.000 lebenslängliche Haftstrafen; insgesamt sah sich […] jeder 12. italienische Soldat mit einem Disziplinarverfahren bedroht, ohne dass die militärische Lage diese brachialen Maßnahmen erfordert hätte.”
Volker Reinhardt fasst es so zusammen: „Über weite Strecken […] wurde der Krieg somit an zwei Fronten geführt, gegen den Feind, aber auch gegen die eigenen Soldaten.”
An der Heimatfront wurde die Fabrik zur Kaserne. 1918 unterstanden rund 2000 Betriebe mit etwa einer Million Arbeitern der militärisch kontrollierten Zwangswirtschaft. Dort gab es kein Streikrecht und keinen Arbeitsplatzwechsel; die Arbeiter „mussten bis zu 16 Stunden am Tag arbeiten und unterlagen dabei den Bestimmungen des Militärstrafgesetzbuches, was beispielsweise heißen konnte, dass unerlaubtes Fernbleiben vom Arbeitsplatz wie Fahnenflucht behandelt wurde.”
Gleichzeitig war der Krieg für die Industrie ein Konjunkturprogramm: Die Kohleförderung verdreifachte sich, der Ausstoß der Automobilindustrie vervierfachte sich, FIAT wuchs von 4300 auf 40.000 Beschäftigte, das Firmenkapital von 17 auf 200 Millionen Lire. Woller nennt das „ein wahres Wirtschaftswunder” — und beschreibt, was es sozial bedeutete:
„Die Wirtschaftsbosse und der ganze Schwarm von Konjunkturrittern und Profiteuren, der an ihnen hing, erfreuten sich satter Gewinne und stellten ihren neuen Reichtum nicht selten hemmungslos zur Schau. Das wirkte umso provozierender, als gleichzeitig die kleinen Leute mit jeder Lira rechnen mussten.”
Die Inflation fraß die Lohnerhöhungen auf. Am schlimmsten traf es die Frauen in den Städten, deren Männer an der Front waren: „Schlecht bezahlt, vom Staat im Stich gelassen und der Ausbeutung in den Rüstungsbetrieben fast schutzlos ausgeliefert, wussten sie oft nicht mehr, wie sie ihre Familien durchbringen sollten.” Entsprechend waren „Frauen deshalb auch nicht selten die Haupträdelsführer der Unruhen”, die ab dem Winter 1916/17 das Land erfassten.
Im August 1917 eskalierte das in Turin: Aus Protesten gegen Brotmangel und Schikanen wurde ein Aufstand gegen den Krieg; die Niederschlagung kostete 50 Tote und Hunderte Verletzte. Seither war die Losung „Es zu machen wie in Russland” in Italien beides — „eine Drohung und eine Hoffnung”. Und Benedikt XV. nannte den Krieg im selben Jahr ein „nutzloses Gemetzel”.
Bezahlt wurde alles auf Kredit. Die Staatsverschuldung war 1920 sechsmal so hoch wie 1914, die umlaufende Geldmenge fast siebenmal größer als bei Kriegsbeginn; in Großbritannien stand Italien mit 377 Millionen Pfund, in den USA mit 1648 Millionen Dollar in der Kreide. Wollers trockener Zusatz:
„eine Kriegsfinanzierung durch höhere Steuern hatte die Regierung aus Furcht vor den politischen Konsequenzen nie ernsthaft erwogen.”
Ein Staat, der einen Krieg gegen den Willen seiner Bevölkerung führt und ihn nicht durch Steuern, sondern durch Geldentwertung bezahlt, enteignet nachträglich genau die, die er nicht gefragt hat. Die Inflation traf Sparer, Kriegsanleihenbesitzer, Hausbesitzer mit eingefrorenen Mieten, Kleingrundbesitzer mit verpachtetem Land — und die demobilisierten Offiziere, „die ihre Arbeitsplätze und ihren Status verloren hatten und sich noch dazu fortwährenden Angriffen der früheren Antikriegspropagandisten ausgesetzt sahen.”
Woller weist die verbreitete These ausdrücklich zurück, dieser Krieg habe die Massen nationalisiert:
„Nichts würde deshalb mehr in die Irre führen, als mit Blick auf Italien ganz pauschal von einer Nationalisierung der Massen zu sprechen […] Aufs Ganze gesehen aber hat der Krieg die Spaltung des Landes […] vertieft und die Gefühle der Fremdheit und der Feindschaft, die viele dem Staat entgegenbrachten, noch weiter verstärkt – und zwar in einem solchen Maße, dass nicht wenige sogar eine österreichische Fremdherrschaft der Herrschaft der eigenen Landsleute vorzogen, die jeglichen Kredit verspielt hatten.”
Die Heimkehrer fanden „ihre Arbeitsplätze […] besetzt” und konnten „höchstens mit staatlichen Almosen rechnen, die angesichts dessen, was sie hinter sich hatten, wie ein Hohn wirkten.” Vom Land war keine Rede mehr.
Der verstümmelte Sieg
Italien hatte gewonnen und bekam Südtirol, das Trentino, Triest, Julisch-Venetien, Istrien und Teile Dalmatiens — Gebietsgewinne, „die zehn Jahre zuvor selbst von anspruchsvollen Nationalisten als großartig angesehen worden wären, jetzt aber – jeder nüchternen Betrachtung zum Trotz – als enttäuschend empfunden wurden.”
D’Annunzio lieferte das Wort dafür: den „verstümmelten Sieg” — eine Formel, die sich „als Waffe gleichermaßen gegen die Alliierten wie gegen die politische Linke richten ließ, die den Krieg ja immer abgelehnt hatte”. Im September 1919 eroberte er mit meuternden Soldaten die Stadt Fiume und rüstete sie „als eine Art Basislager für einen Marsch auf Rom” aus, „wo er eine Militärdiktatur errichten wollte”. Über ein Jahr lang hämmerte er von dort seine Botschaft ins Land, „mit nicht nachlassender Penetranz, die das Klima in Italien vergiftete und die nationalen Leidenschaften auf den Siedepunkt trieb.”
Der Marsch auf Rom war 1919 also schon ein Konzept — nur nicht von Mussolini. Und ein Freikorps hielt über ein Jahr eine Stadt, ohne dass der Staat einschritt.
Woller nennt D’Annunzio den bösen Geist, der die „zwei Italien” auseinandertrieb und aufeinanderhetzte:
„das patriotisch-nationalistische Italien, das aus seiner ruhmreichen Vergangenheit eine besondere Mission für die Zukunft ableitete […], und das Italien der sozialistischen Arbeiter und der ländlichen Unterschichten, die sich daheim nicht zu Hause fühlten, an frustrierten Emanzipations- und Partizipationshoffnungen litten und sich vom Vorbild der russischen Revolution in ein ideologisches Erwartungsfieber versetzen ließen, das dem Grad der Erregung auf der anderen Seite in nichts nachstand.”
Das rote Doppeljahr — und warum es keine Revolution war
1919 und 1920 war Italien das Land mit der höchsten Streikaktivität Europas:
„In keinem Land Europas wurde nach 1918 häufiger die Arbeit niedergelegt als in Italien: 1919 gab es 1860 Streiks, an denen 1,6 Millionen Arbeiter beteiligt waren, 1920 erfasste die Statistik über 2000 Ausstände mit fast zwei Millionen Streikenden, die in vielen Fällen ihre Forderungen nach Lohnerhöhungen, sozialen Vergünstigungen und Acht-Stunden-Tag durchzusetzen vermochten.”
Die Landarbeiter holten sich, was man ihnen versprochen hatte: Illegale Landnahme war in Süditalien und der Po-Ebene ein Massenphänomen. Im Sommer 1920 traten mehr als 500.000 Arbeiter in den Streik und besetzten Fabriken — sie hissten rote Fahnen auf den Dächern, organisierten bewaffnete Wachdienste und führten die Produktion über interne Kommissionen weiter, „die an die Stelle von Werksleitern und Technikern traten und auf strenge Disziplin achteten.”
Die organisierte Macht der Arbeiterbewegung war 1920 tatsächlich beeindruckend:
„Die sozialistische Partei hatte 1920 etwa 200.000 Mitglieder, sie gebot über 8000 Genossenschaften, sie stand an der Spitze von etwa 25 Prozent aller italienischen Gemeinden, und in der sozialistischen Gewerkschaft CGL zählte man rund zwei Millionen Mitglieder, die sich in ihrer großen Mehrheit ebenso wie die Genossenschaften zu den Praktikern des Reformflügels bekannten.”
Bei den Wahlen 1919 wurde der PSI mit 156 Sitzen stärkste Kraft, die neue katholische Volkspartei kam auf Anhieb auf 100. Das Bürgertum zog daraus einen Schluss, der mit den Tatsachen nichts zu tun hatte, aber politisch entscheidend wurde: dass „Italien höchste Not drohte und dass niemand, am allerwenigsten der Staat, in der Lage war, das bolschewistische Übel abzuwenden.”
Nur war es keine Revolution. Giolitti weigerte sich, das Heer gegen die Fabrikbesetzer marschieren zu lassen, weil er darauf setzte, dass die Arbeiter selbst merken würden, dass es ohne Techniker und Verwaltung nicht gehe. Er hatte recht. Die Welle verlief, so Woller, „in erster Linie wegen der inneren Schwäche der Arbeiterbewegung und der Konzeptionslosigkeit ihrer Führer, die in vielen Fällen aber auch keinerlei Einfluss auf den spontanen Protest der Land- und Industriearbeiter hatten.” Curzio Malaparte formulierte es bitter:
„Wie viele versäumte Gelegenheiten, wie viele Fehlschläge gab es im Verlauf dieses Jahres 1919, dem roten Jahr, in dem irgend ein kleiner Trotzki, ein Provinz-Catilina, mit ein wenig gutem Willen, einer Handvoll Männern und einigen Gewehrschüssen, die Macht an sich hätte reißen können, ohne weder beim König noch bei der Regierung oder bei der Geschichte Italiens Anstoß zu erregen.”
Die Führung predigte den Umsturz und bereitete ihn nicht vor: „die Revolutionäre hatten den Umsturz immer nur gepredigt, aber nie wirklich an ihn geglaubt und deshalb auch nichts vorbereitet.” Und während 1920 die Krise des Landes „ihre höchste Aufmerksamkeit erfordert hätte”, leistete sich der PSI „den Luxus einer endlosen Debatte” über die 21 Bedingungen der Kommunistischen Internationale — im Januar 1921 spaltete sich die Partei, die Kommunisten um Gramsci und Togliatti gingen; 1922 folgte die Abspaltung eines Teils der Reformer.
Der Selbstschaden auf dem Land
Und nun der Vorgang, ohne den der Aufstieg des Faschismus nicht zu erklären ist. Er hat mit Mussolini nichts zu tun.
In den Hochburgen der Po-Ebene hatten die Landarbeiterligen das collocamento di classe erkämpft: das ausschließliche Recht, Arbeit zu vermitteln. Bei chronischem Arbeitskräfteüberschuss war das ein wirksames Instrument, und Roger Engelmann betont ausdrücklich, was es nicht war:
„Dieses ebenso erdrückende wie zerbrechliche, zuweilen als ‚Ligentotalitarismus’ bezeichnete System war allerdings nicht sosehr die Vorstufe der Revolution, wie von den ‚Maximalisten’ angekündigt und von den Agrariern befürchtet, sondern bildete in vielen Gebieten der Po-Ebene nur die Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche gewerkschaftliche Tarifpolitik, indem sie die verzweifelte Konkurrenzsituation unter den landwirtschaftlichen Beschäftigten beseitigte.”
Nirgends in Italien war die Macht der Sozialisten größer: In der Emilia holte der PSI bei den Kommunalwahlen im Oktober 1920 noch 65 Prozent der Stimmen, als er in den Großstädten schon verlor.
Nur wurde dieses Instrument nach innen gewendet. Die Gewerkschaften der roten Provinzen nivellierten alle Beschäftigten auf das Niveau der Tagelöhner. In Ferrara, wo die Lage am zugespitztesten war, legte der Tarifvertrag vom März 1920 die Abschaffung der obbligati fest — der Landarbeiter mit dauerhaftem Arbeitsverhältnis. Und die tonangebenden Kräfte „machten kein Hehl daraus, dass sie am liebsten auch die Halbpächter, deren Ligen nicht immer ganz freiwillig Mitgliedsorganisationen der roten Camere del lavoro waren, und die Kleinpächter aus dem Feld geräumt hätten.”
Wie verschieden die Sozialstruktur der Provinzen war, zeigt Engelmanns Auswertung der Volkszählung von 1921:
| bäuerliche Eigentümer | Pächter / Halbpächter | Tagelöhner | |
|---|---|---|---|
| Ferrara | 5 % | 8,7 % | 42,6 % |
| Siena | 5 % | 46,7 % | 12 % |
| Pontremoli | 48,9 % | 14,0 % | 15,8 % |
Eine Politik, die für Ferrara gemacht war, traf in Siena fast die Hälfte der Landbevölkerung als Gegner. Dazu hatte sich unter der Hand die Besitzstruktur verschoben: Niedrige Bodenpreise und gute Erträge hatten nach dem Krieg eine „nicht unbedeutende Schicht von bäuerlichen Kleineigentümern und Kleinpächtern” entstehen lassen — ein Strukturwandel, der von den Ligen „politisch völlig ignoriert” wurde.
Engelmanns Fazit ist der Satz, an dem die ganze Vorgeschichte hängt:
„Die scheinbare Unbezwingbarkeit der Hochburgen des Agrarsozialismus verleitete die Arbeiterbewegung dort zu einer ruinösen Frontstellung gegen die ‚privilegierten’ Gruppen in ihren eigenen Reihen und die aufsteigenden kleinbäuerlichen Schichten und schuf sich damit Todfeinde in ihrer Mitte und an ihren Rändern, die nur so lange in Schach gehalten werden konnten, wie der ‚Ligentotalitarismus’ funktionierte. Sobald die gewalttätige Aktion des Faschismus in dieses Machtsystem eine erste Bresche geschlagen hatte, liefen diese Gruppen mit fliegenden Fahnen zu ihm über.”
Woller beschreibt dieselbe Bewegung von der anderen Seite: Kleine Landbesitzer, Kleinbauern, Pächter und Halbpächter „waren in diesem Zwangssystem nicht vorgesehen und wurden so fast automatisch in ein Bündnis mit den Großagrariern getrieben”. Und er beschreibt, wie die Partei mit den Kriegsteilnehmern umging, die aus der Front zurückkamen: Sie wurden „nicht selten wie Aussätzige behandelt”.
Die faschistische Bewegung hat ihre erste Massenbasis nicht dem Bürgertum abgeworben. Sie hat sie an den Rändern der Arbeiterbewegung eingesammelt — bei denen, die von der sozialistischen Ordnung des Dorfes ausgeschlossen worden waren, und bei denen, die aus dem Krieg kamen und dafür verachtet wurden.
Filippo Turati hat es vorhergesagt, 1919, in einer Abrechnung mit den eigenen Genossen, die zu den härtesten Texten der europäischen Arbeiterbewegung gehört:
„Das ist ein ungeheuerlicher Betrug, eine Farce, die übrigens zu einer Tragödie entarten kann, weil sie Kriegsgerichten, einer sehr scharfen Reaktion und dem Ruin der Bewegung für ein halbes Jahrhundert den Weg ebnet – einem Ruin nicht nur wegen der militaristischen Unterdrückung, sondern auch wegen der Feindseligkeit der ganzen Mittelschichten, der Kleinbürger, der Intellektuellen und Freiberufler, die sich uns annäherten […] und wir, was tun wir? Wir treiben sie mit der Drohung von Diktatur und Blutvergießen dem Gegner in die Arme, wir schenken sie unseren Feinden […] Mit anderen Worten: Ihr tötet den Sozialismus, ihr verzichtet auf die Zukunft des Proletariats. Der Maximalismus führt zu nichts, er ist der reaktionäre Flügel des Sozialismus.”
Wollers Kommentar dazu: „Turati hat damit das psychologische Reizklima skizziert, das der faschistischen Bewegung – wie sich später zeigte – so gute Wachstumschancen bot.”
Was am Ende dieser Vorgeschichte stand
Fassen wir zusammen, in welchem Zustand Italien war, als der Faschismus zur Massenbewegung wurde. Nicht als Liste von Missständen, sondern als Bestandsaufnahme dessen, was funktionierte und was nicht:
- Ein Staat, der mit dem Großgrundbesitz verabredet war, den Süden nicht anzutasten — und der deshalb strukturell unfähig war, die Agrarfrage zu lösen, die seine größte war.
- Ein Parlament ohne Parteien, in dem lokale Notabeln handelten und Mehrheiten gekauft wurden, und das der ersten Massenpartei nichts entgegensetzen konnte als wechselnde Koalitionen mit einer Verfallszeit von kaum einem Jahr.
- Eine eingespielte Praxis der Gewalt gegen Arbeiter, staatlich 1898, dann privat und geduldet ab 1914 — mit einem Personal aus Veteranen und Nationalisten, das schon vorhanden war.
- Ein Krieg gegen den Willen der Mehrheit, mit 670.000 Toten, 4000 Todesurteilen der eigenen Militärjustiz und einer Finanzierung durch Geldentwertung statt Steuern — also einer nachträglichen Enteignung derselben Leute, die man nicht gefragt hatte.
- Ein gebrochenes Versprechen: kein Land für die Heimkehrer, keine Arbeit, staatliche Almosen „wie ein Hohn”.
- Eine Arbeiterbewegung auf dem Höhepunkt ihrer Organisationsmacht, die den Umsturz predigte, ohne ihn vorzubereiten, und die im selben Moment ihre eigenen Ränder zu Feinden machte.
- Ein Bürgertum, das aus alldem den Schluss zog, der Staat könne es nicht schützen — und das deshalb bereit war, jemanden zu bezahlen, der es tat.
Keiner dieser sieben Punkte ist vom Faschismus verursacht. Alle sieben sind seine Voraussetzung.
Das ist die Pointe dieses ersten Teils, und sie ist unbequem für zwei Erzählweisen gleichzeitig. Gegen die Vorstellung, der Faschismus sei ein Einbruch von außen in eine gesunde liberale Entwicklung gewesen, steht der Befund, dass sein Personal, seine Gewaltform, seine Rechtfertigung und seine soziale Basis schon da waren. Und gegen die Vorstellung, er sei nichts als eine Söldnertruppe des Kapitals gewesen, steht der Befund, dass er Menschen mobilisierte, die von der Linken ausgeschlossen worden waren, und dass die Linke diesen Ausschluss selbst zu verantworten hatte.
Was aus diesen Voraussetzungen eine Bewegung machte — und wie aus einer Versammlung von hundert Leuten in einem Mailänder Saal in sechs Jahren ein Staat wurde —, ist der Gegenstand von Teil 2.
Im nächsten Teil: San Sepolcro, das Programm, das erst 75 Tage nach der Gründung erschien, die Erfindung der Squadren an der Sprachgrenze, die Bewaffnung durch das Innenministerium, der Marsch, der nicht stattfand, und die Parlamentssitzung vom 3. Januar 1925, die keinen Rechtsbruch brauchte.
Quellen
Sekundärliteratur
- Hans Woller: Geschichte Italiens im 20. Jahrhundert. C.H. Beck, München 2010, ISBN 978-3-406-61520-7 — Grundlage dieses Teils; ausgewertet Kap. 1 („Italien um 1900”), 2 („Die Ära Giolitti”), 3 („Propheten und Vorboten des Umsturzes”), 4 (Libyenkrieg), 5 („Italien im Ersten Weltkrieg”) und 6 („Das zerrissene Land und der Aufstieg des Faschismus”). Zitiert nach Kapitel, weil die E-Book-Ausgabe keine Seitenzählung hat
- Roger Engelmann: Provinzfaschismus in Italien. Politischer Alltag und Gewalt. Oldenbourg, München 1992 — Grundlage des Abschnitts zum collocamento di classe, zum Ferrareser Tarifvertrag und zu den Provinzprofilen. Open Access bei De Gruyter (DOI 10.1524/9783486594775). ⚠️ Die Provinzprofile Ferrara/Siena/Pontremoli stehen in einer Fußnote (S. 42, Fn 3) und sind aus dem Censimento della popolazione 1921 umgerechnet
- Armin Nolzen / Sven Reichardt (Hg.): Faschismus in Italien und Deutschland. Studien zu Transfer und Vergleich. Wallstein, Göttingen 2005, ISBN 978-3-89244-939-3 (E-Book-Ausgabe 2012: ISBN 978-3-8353-2205-9)
Im Text erwähnte Werke
- Georges Sorel: Réflexions sur la violence (1908) — Digitalisat bei archive.org
- Aram Mattioli: Experimentierfeld der Gewalt. Der Abessinienkrieg und seine internationale Bedeutung. Orell Füssli, Zürich 2005
- Curzio Malaparte: Technik des Staatsstreichs (Tecnica del colpo di Stato, 1931)
Die im Text zitierten Stimmen — Giolitti, Salvemini, Corradini, Turati, Malaparte, Polgar, Reinhardt, Mattioli, Emilio Gentile, Tranfaglia, Benedikt XV. — sind bei Woller in den genannten Kapiteln nachgewiesen; die Links führen zum jeweiligen Werk, nicht zur bei Woller benutzten Ausgabe.