illustration: Der Name der Insel in fünf Schriften untereinander, chronologisch geordnet und zur Gegenwart hin heller werdend — ILHA FORMOSA (16. Jh.), TAYOUAN (1624), 臺灣 (1684), 台湾 (1895), TAIWAN (1945), rechts die Jahreszahlen an einer Zeitachse. Über der japanischen Schreibweise liegt ein breiter orangefarbener Balken, der sie tilgt; schwarze Schnitte zerlegen ihn.

Dies ist Teil 2 einer Serie über Taiwan. Teil 1 hat gezeigt, dass die han-chinesische Bevölkerung der Insel das Ergebnis von Kolonialgeschichte ist, nicht ihre Voraussetzung. Dieser Teil behandelt die vier Jahre, in denen sich entschied, was Taiwan heute ist: 1945 bis 1949.


Am 25. Oktober 1971 verließ die Delegation der Republik China den Saal der UN-Generalversammlung, bevor abgestimmt wurde. Sechsundzwanzig Jahre lang hatte sie Chinas ständigen Sitz im Sicherheitsrat gehalten, mit Vetorecht, für eine Regierung, deren Herrschaftsgebiet seit 1949 aus Taiwan und ein paar vorgelagerten Inseln bestand. Eine halbe Stunde nach ihrem Auszug beschloss die Generalversammlung mit 76 gegen 35 Stimmen, den Sitz an Peking zu geben.

Der Kalendertag ist eine Merkwürdigkeit. Am 25. Oktober 1945 hatte in Taipeh ein Kuomintang-General die Kapitulation der japanischen Streitkräfte entgegengenommen — jener Tag, den Taiwan bis heute als „Retrozession” führt. Am 25. Oktober 1946, auf den Tag ein Jahr später, lief die Frist ab, bis zu der sämtliche japanischsprachigen Zeitungsseiten der Insel eingestellt sein mussten. Der dritte 25. Oktober, der in New York, ist Zufall. Die ersten beiden waren keiner.

Was die drei Daten verbindet, ist nicht der Kalender. Es ist, dass an keinem von ihnen auf Taiwan entschieden wurde, was mit Taiwan geschieht. 1945 hatten das zwei Jahre zuvor drei Kriegsalliierte in Kairo vereinbart, ohne einen einzigen Taiwaner zu fragen. 1946 entschied es eine Verwaltung, die zwölf Monate zuvor eingeflogen war. 1971 stimmten darüber Staaten ab, von denen die allermeisten mit der Insel nie etwas zu tun gehabt hatten.

Es ist ein Muster, das sich fortsetzt. Als 1951 in San Francisco der Friedensvertrag mit Japan geschlossen wurde, der über Taiwans Zukunft hätte entscheiden sollen, war keine der beiden chinesischen Regierungen eingeladen — die Vereinigten Staaten erkannten die eine an, Großbritannien die andere, also lud man keine. Achtundvierzig Staaten unterschrieben einen Vertrag über ein Gebiet, dessen beide Anwärter nicht am Tisch saßen.

Dieser Text handelt von dem, was in derselben Zeit auf der Insel geschah. Es sind vier Jahre, und sie entscheiden mehr über das heutige Taiwan als alle Konferenzen zusammen. Am Anfang steht eine Bevölkerung, die eine chinesische Regierung begrüßte. Am Ende stehen ein Massaker an der eigenen Elite, ein Kriegsrecht, das achtunddreißig Jahre dauern wird, und eine Identität, die sich von da an gegen das Festland definiert.

1945 ist kein Wiederanschluss

Zurück zum ersten der drei Daten. Der General, der in der Öffentlichen Halle von Taipeh die Kapitulation entgegennahm, hieß Chen Yi; er wird in diesem Text noch eine erhebliche Rolle spielen. Über den Vorgang selbst gibt es zwei Erzählungen, und keine der beiden ist ganz falsch.

Die erste: Nach fünfzig Jahren japanischer Kolonialherrschaft kehrte Taiwan nach China zurück, wie es die Alliierten in der Kairoer Erklärung vom Dezember 1943 vereinbart hatten. Dort heißt es, „alle Gebiete, die Japan den Chinesen gestohlen hat, wie die Mandschurei, Formosa und die Pescadoren, sollen der Republik China zurückgegeben werden”.

Die zweite: Chen Yi handelte ausdrücklich „im Auftrag des alliierten Oberbefehlshabers”. Die General Order No. 1, im August 1945 von Truman gebilligt und von MacArthur erlassen, wies die japanischen Verbände auf Taiwan an, sich Chiang Kai-shek zu ergeben — ein Befehl an Streitkräfte, keine Übertragung von Gebiet. Völkerrechtlich war das eine Besetzung mit Verwaltungsauftrag.

Wer nun denkt, das sei eine spitzfindige Unterscheidung von Juristen, sollte wissen, wer sie am schärfsten formuliert hat. Chiang Kai-shek selbst wies im Januar 1949 seinen neuen Provinzgouverneur an:

„Solange die Friedenskonferenz mit Japan nicht zustande gekommen ist, sind der rechtliche Status und die Souveränität Taiwans nichts anderes als die Natur eines Treuhandgebiets unseres Landes.”

(Der Satz ist über die taiwanische Presse und die völkerrechtliche Debatte breit überliefert — Taipei Times, 2017 —, die Archivstelle habe ich nicht selbst einsehen können. Wer ihn benutzt, sollte das dazusagen.)

Die Kairoer Erklärung war nämlich kein Vertrag. Sie war ein nicht unterzeichnetes Presse-Kommuniqué; das US-Außenministerium nannte sie 1950 „eine Absichtserklärung”, Churchill 1955 „lediglich eine Erklärung gemeinsamer Absicht”. Die Potsdamer Erklärung verwies 1945 nur auf sie zurück. Und als es dann zu jenem Friedensvertrag kam, auf den Chiang wartete, geschah etwas Bemerkenswertes: Im Vertrag von San Francisco von 1951 heißt es in Artikel 2(b) lediglich:

„Japan verzichtet auf alle Rechte, Ansprüche und Titel auf Formosa und die Pescadoren.”

Ein Empfänger wird nicht genannt. Im Absatz direkt darüber, zu Korea, steht sehr wohl einer: Japan „erkennt die Unabhängigkeit Koreas an” und verzichtet. Bei Formosa fehlt jede Entsprechung.

Das war kein Versehen. Der Rechtsberater des US-Außenministeriums erklärte dem Senat 1952, Artikel 2 sei „ein Verzichtsartikel und trifft keine Bestimmung über die Macht oder die Mächte, die Japan im Besitz und in der Souveränität über das abgetretene Gebiet nachfolgen sollen.” Die Truman-Regierung fürchtete, der Senat werde nicht ratifizieren, wenn der Vertrag die Souveränität einer Entität namens „China” zuspräche — welcher auch immer. Der Vertrag von Taipeh von 1952 wiederholt bloß, dass Japan verzichtet hat, und begründet keinen Erwerbstitel.

Daraus ist die völkerrechtliche Position der unentschiedenen Souveränität entstanden, die bis heute die offizielle Haltung der USA prägt: Washington „nimmt zur Kenntnis” (acknowledges), dass China Taiwan für sein Territorium hält — es „unterstützt” diese Position nicht. Am unverblümtesten hat es die britische Regierung gesagt, 1955 im Unterhaus:

„Formosa und die Pescadoren sind daher nach Auffassung Ihrer Majestät Regierung ein Gebiet, über das die De-jure-Souveränität ungewiss oder unbestimmt ist.”

Ein Nachtrag, weil er in Debatten regelmäßig falsch zitiert wird: Die UN-Resolution 2758 von 1971 hat daran nichts geändert. Sie regelt, wer Chinas Sitz in der UNO einnimmt — sie spricht von „den Vertretern Chiang Kai-sheks”, also von einer Delegation. Das Wort „Taiwan” kommt in ihrem Text nicht vor.

All das entscheidet nichts darüber, was mit der Insel geschehen soll. Es entscheidet nur, dass die Behauptung, die Frage sei 1945 rechtlich erledigt worden, nicht stimmt — und zwar nach dem Zeugnis desjenigen, der 1945 die Kapitulation entgegennahm.

Die Insel war der Provinz voraus, und die Kuomintang wusste es

Was die neuen Herren vorfanden, war eine Kolonie, die entwickelter war als das Land, das sie übernahm. Der Bildungsstand lag über dem der meisten Festlandprovinzen, die technische Infrastruktur weit voraus, und die japanische Verwaltung hatte alles erfasst — bis hin zur Zahl der Kühe pro Hof. Kuomintang-Funktionäre räumten das ein.

Die politische Antwort darauf war trotzdem, die Bevölkerung für „versklavt” zu erklären. Die Formel von der „vergifteten Sklavenerziehung” (奴化) wurde zum Schlüsselbegriff: Wer Japanisch sprach, galt als nicht loyal zu China; Sprache wurde als Ausweis von Patriotismus gelesen. Als der Leiter des Bildungsressorts im Mai 1946 öffentlich von der „vollständigen Versklavung” der Taiwaner sprach, entzündete sich daran eine Debatte, die in den Zeitungen der Insel monatelang geführt wurde. Der Historiker Huang Ying-che hat sie unter dem Titel Were Taiwanese Being „Enslaved”? rekonstruiert — dieselbe Arbeit, auf die sich schon Teil 1 für die japanische Kolonialzeit gestützt hat.

Die schärfste Antwort kam vom Dichter 王白淵 Wang Bai-yuan, einem japanischsprachigen Modernisten, dessen Gedichtband Der Dornenweg 1931 in der japanischen Linken gefeiert worden war. Am 25. Januar 1946 schrieb er in der Zeitschrift Zhengjing bao:

„Zwar war die taiwanische Bevölkerung fünfzig Jahre einer Versklavungspolitik ausgesetzt, aber die Taiwaner sind nicht versklavt.”

Sein Argument war nicht, die Kolonialzeit sei gut gewesen. Es war, dass Bildung nicht dadurch wertlos wird, dass sie in der falschen Sprache erworben wurde — und dass eine Regierung, die den Gebildeten der Insel Unmündigkeit bescheinigt, etwas anderes betreibt als Befreiung.

An dieser Stelle gehört ein Hinweis in den Text, den ich einer Nachprüfung verdanke: Die Formel, die Kuomintang sei „radikaler als die Japaner” gewesen, kursiert in Darstellungen dieser Debatte als zeitgenössisches Zitat. Sie ist keines. Ein wörtlicher Beleg aus den Jahren 1945 bis 1947 existiert nicht; es handelt sich um eine spätere Charakterisierung. Der Sache nach lässt sie sich trotzdem prüfen — nur muss man dafür genauer hinsehen, als es üblich ist.

Was Japan verbot, und was die Kuomintang verbot

Der Vergleich wird meistens so gezogen: Japan habe erst 1938, nach über vier Jahrzehnten, das Chinesische verboten, die Kuomintang dagegen das Japanische binnen Monaten. Das ist in fast jedem Detail ungenau — und der Vorgang wird durch die Korrektur nicht harmloser, sondern schärfer.

Japan verbot kein Mandarin. Mandarin wurde auf Taiwan vor 1945 praktisch nicht gesprochen; die Umgangssprachen waren Hokkien und Hakka. Was die Kolonialverwaltung beseitigte, war 漢文, das Schriftchinesische — ein Bildungs- und Publikationsregister. Und zwar am 1. April 1937, nach knapp zweiundvierzig Jahren: An diesem Tag verschwand das Fach ersatzlos aus dem Lehrplan der Volksschulen, und am selben Tag ließen die drei japanisch geführten Tageszeitungen ihre chinesischsprachigen Spalten fallen. Es war der Schlusspunkt eines Abbaus, der 1922 begonnen hatte, als 漢文 zum streichbaren Wahlfach herabgestuft worden war — die Erlasse sind in einer Chronologie der Nationalbibliothek Taichung einzeln datiert.

Das gesprochene Taiwanisch hat Japan dagegen nie verboten. Die Kolonialverwaltung erhob es noch 1940 in ihrem eigenen Zensus, und sie ließ ihre Beamten Hokkien lernen: 1915 sprachen mehr Japaner auf Taiwan Taiwanisch als umgekehrt Taiwaner Japanisch. Verdrängt wurde die Sprache durch Schule, Anreiz und sozialen Druck — das „Nationalsprachen-Haushalt”-Programm etwa, das Familien, die sich zu täglichem Japanisch verpflichteten, Schulplätze und Zugang zum Staatsdienst versprach. Bis 1942 ließen sich 9.604 Familien zertifizieren, rund ein Prozent.

Die Kuomintang brauchte zwölf Monate. Am 17. Juli 1946 wies das Verwaltungsamt der Provinz per Telegramm an, ab August dürfe nicht mehr auf Japanisch unterrichtet werden. Im Oktober folgte der zweite Erlass: Sämtliche japanischsprachigen Zeitungsseiten seien einzustellen, und zwar bis zum 25. Oktober 1946 — dem ersten Jahrestag der Übergabe. Das ist keine Verwaltungsfrist, das ist eine Inszenierung.

Die Provinzialräte von Hsinchu, Kaohsiung, Tainan, Chiayi, Taichung und Hualien beantragten Aufschub, unter anderem mit dem Argument, sonst erreichten die eigenen Regierungserlasse die Bevölkerung nicht mehr. Eine Zeitungsumfrage ergab, dass von 181 Befragten 178 gegen die sofortige Abschaffung waren. In der Zeitschrift Xin Xin hieß es im August 1946, die Maßnahme komme dem Zunageln von Augen und Ohren der Menschen dieser Provinz gleich.

Und hier liegt die eigentliche Asymmetrie — nicht im Tempo, sondern darin, wen es traf. Die oft zitierte Zahl, 70 Prozent der Taiwaner hätten 1945 Japanisch gesprochen, stammt aus der Verwaltungsstatistik der Kolonialbehörde und ist nie durch eine Zählung geprüft worden; der Zensus von 1940 kommt auf 26,6 Prozent. Der Sprachwissenschaftler 葉高華 Yeh Kao-hua hat die verschiedenen Zahlenreihen gegeneinandergestellt und der Verwaltungsstatistik nachgewiesen, dass sie zwecks Zielerfüllung aufgebläht wurde. Die belastbare Zahl ist die nach Alter aufgeschlüsselte, und sie sagt mehr:

73,8 Prozent der zehn- bis vierzehnjährigen taiwanischen Jungen konnten 1940 Japanisch — aber nur 11 Prozent der Männer über vierzig.

Nicht „die Bevölkerung” war japanisiert, sondern die junge, beschulte Generation. Genau ihr nahm die Kuomintang 1946 die Sprache. Die Fachliteratur formuliert das Ergebnis so: Die Abschaffung machte „nicht nur die allgemeine Öffentlichkeit schlagartig zu Analphabeten, sondern auch die meisten Intellektuellen.” Wer Arzt war, Anwalt, Lehrer, Journalist, verlor über Nacht sein Arbeitsmittel.

Eine Ehrlichkeit gehört dazu: Die Durchsetzung blieb löchrig. Eine Agrarzeitschrift druckte bis 1954 japanische Übersetzungen, weil die Bauern anders nicht erreichbar waren; in Lokalparlamenten wurde bis in die 1970er Taiwanisch gesprochen. „Schneller und schroffer” ist belegt, „gründlicher” nicht. Die Sprache aber, die unter Japan überlebt hatte, verlor Taiwan unter der Kuomintang: Ab den 1960er Jahren wurde Hokkien aus Schule, Amt und Rundfunk verdrängt, per Erlass von 1973, der bis 2003 in Kraft blieb.

Der Kronzeuge kommt aus der eigenen Tradition

Bevor es 1947 eskaliert, lohnt ein Umweg — denn er entzieht dem heutigen Streit seine wichtigste Selbstverständlichkeit.

Taiwan hatte unter japanischer Herrschaft eine politische Bewegung. Ab 1921 reichten taiwanische Bürgerliche beim japanischen Reichstag fünfzehn Petitionen ein, mit denen sie ein gewähltes taiwanisches Parlament forderten, zuständig für die Sondergesetze und den Haushalt der Insel. Die erste trugen 178 Unterzeichner, die stärkste von 1927 fast 2.500. Angenommen wurde keine einzige. Meist ließ man sie im Ausschuss verenden, indem die Regierungsvertreter schlicht nicht erschienen. Getragen wurde das von 林獻堂 Lin Hsien-tang, dem Patriarchen einer Großgrundbesitzerfamilie aus Wufeng, der kein Japanisch sprach und der Bewegung seinen Namen und sein Geld lieh.

Die Historikerin 周婉窈 Chou Wan-yao hat das Ziel dieser Bewegung in einer Untersuchung präzise bestimmt, die sich auf die Tagebücher des Generalgouverneurs und Lin Hsien-tangs stützt: Kolonialautonomie, „begrenzte Selbstverwaltung innerhalb des Systems”. Die Kolonialbehörden unterstellten ihr durchweg, sie ziele auf Unabhängigkeit; die Beteiligten bestritten das durchweg. Chou hält beides für die falsche Frage. Was gefordert wurde, war Subjektivität — das Recht einer Gemeinschaft, die eigenen Angelegenheiten selbst zu entscheiden, statt sie von einer außerhalb stehenden Gruppe entscheiden zu lassen. Japan brachte Modernisierung, aber eine Modernisierung, aus der das Mitbestimmungsrecht herausoperiert war.

Und daneben, seit April 1928, gab es eine zweite Antwort. In der Französischen Konzession von Shanghai gründeten neun Personen die Kommunistische Partei Taiwans — formal als „Taiwanische Nationalitäten-Sektion der KP Japans”, weil die Komintern verlangte, dass es pro Land eine kommunistische Partei gebe. Ihr Programm eröffnet mit einem Abschnitt über „die Entwicklung der taiwanischen Nation”, und die dritte ihrer Losungen lautet: „Errichtet eine Republik Taiwan.”

Dass wir diesen Text überhaupt lesen können, ist ein Zufall der Repression: Zehn Tage nach der Gründung hob die Polizei die Partei aus und beschlagnahmte sämtliche Dokumente. Was wir über die KP Taiwans wissen, steht in der Akte ihrer Verfolger.

Auch hier eine Präzisierung, die ich einer Nachprüfung verdanke und die gegen die eigene Pointe geht: Die Partei forderte nicht ein „Selbstbestimmungsrecht” — im Gegenteil, ihr Programm polemisiert ausdrücklich gegen das Schlagwort vom nationalen Selbstbestimmungsrecht als bürgerliche Floskel, deren Maske man herunterreißen müsse. Gefordert wurde Unabhängigkeit von Japan, im Klassenrahmen. Und die Partei war nicht antichinesisch: Ihre zwölfte Losung lautet „Verteidigt die chinesische Revolution.”

Eine Warnung zum Wortlaut gehört dazu: Der überlieferte Text hat eine vierstufige Übersetzungskette hinter sich — chinesisches Original, japanische Polizeiübersetzung, französische Dissertation, Rückübersetzung ins Chinesische. Die Losung von der Republik Taiwan ist gesichert; feinere Formulierungen sind es nicht.

Der interessante Teil ist, wer diese Sicht teilte. Am 16. Juli 1936 saß der amerikanische Journalist Edgar Snow in Bao’an in Nordshaanxi bei Mao Zedong und fragte ihn, ob China alle an Japan verlorenen Gebiete zurückgewinnen wolle. Maos Antwort steht auf Seite 96 von Red Star Over China:

„Es ist die unmittelbare Aufgabe Chinas, alle unsere verlorenen Gebiete zurückzugewinnen … Wir schließen Korea jedoch nicht ein, das früher eine chinesische Kolonie war; aber wenn wir die Unabhängigkeit der verlorenen Gebiete Chinas wiederhergestellt haben und wenn die Koreaner die Ketten des japanischen Imperialismus abwerfen wollen, werden wir ihnen unsere begeisterte Hilfe in ihrem Unabhängigkeitskampf gewähren. Dasselbe gilt für Formosa.

Mao nimmt Korea von den zurückzugewinnenden Gebieten aus — und stellt Taiwan mit demselben Satz daneben. Es ist keine beiläufige Erwähnung, sondern eine Zuordnung: Taiwan gehört auf die Seite der Kolonien, nicht auf die des verlorenen Reichsgebiets. Noch am 2. Juli 1943 erklärte das Zentralkomitee der KP Chinas, „alle Völker unter japanischer Kontrolle — die Chinesen, Südostasiaten, Koreaner und Taiwaner — sind ebenso viele Vulkane.”

Fünf Monate später war die Linie eine andere. Der Wendepunkt ist die Kairoer Erklärung, und er ist auf Wochen genau datierbar. Am 1. Dezember 1943 wird sie veröffentlicht; sie setzt in einem einzigen Absatz Korea auf Unabhängigkeit und Taiwan auf Rückgabe an die Republik China. Am 16. Dezember 1943 schreibt Mao in einem internen Telegramm an Deng Xiaoping von „dem Versprechen, Penghu, Taiwan und die Mandschurei an China zurückzugeben” — sein einziger Einwand ist militärtaktisch, nicht grundsätzlich. Im April 1945 nennt er die Kairoer Konferenz vor dem Parteitag „eine weitere gute Entscheidung”. Frank Hsiao und Lawrence Sullivan, deren Untersuchung von 1979 die Standarddarstellung dieses Wechsels geblieben ist, fassen es so: Kairo habe die politischen Alternativen so strukturiert, dass fortgesetzte kommunistische Unterstützung für eine „nationale Befreiung” der Insel unmöglich wurde.

Drei Einwände gehören dazu, sonst wird aus einem Befund eine Legende. Erstens: Snow selbst hängte 1968 eine Fußnote an genau diesen Satz, in der er bezweifelt, dass Mao dort Unabhängigkeit zugestehen wollte. Es ist eine Vermutung, zweiunddreißig Jahre später und im Kalten Krieg formuliert — aber sie stammt vom Berichterstatter. Zweitens: Mao hat 1939 Taiwan auch unter die geraubten Gebiete gezählt. Die Partei redete vor 1943 in zwei Registern. Drittens lassen Hsiao und Sullivan selbst offen, ob die frühe Position Überzeugung war oder Bündnistaktik gegen Japan. Die Historikerin Anna Belogurova hat der Frage später eine dritte Wendung gegeben: Ihre Arbeit über die taiwanischen Kommunisten und die Komintern zeigt, dass gerade die Komintern-Vorgabe, „nationale” Parteien zu gründen, den Nationsbegriff in Ostasien überhaupt erst in Umlauf brachte — die taiwanische Nation der KPT war auch ein Nebenprodukt der Organisationsform.

Deshalb behaupte ich hier den kleineren, aber tragfähigen Schritt. Nicht: Die Kommunisten waren einmal für Taiwans Unabhängigkeit und haben sie verraten. Sondern: Die Behauptung, Taiwan sei „seit jeher” untrennbarer Teil Chinas, wird von den eigenen Parteidokumenten der Jahre 1928 bis 1943 widerlegt — unabhängig davon, wie aufrichtig sie gemeint waren. Eine Position, die sich im Dezember 1943 innerhalb von zwei Wochen ändern kann, ist keine ewige Wahrheit. Sie ist eine Position.

Eine Bagatelle auf zwei Jahren Wut

Am Abend des 27. Februar 1947 kontrollierten sechs Fahnder des Monopolbüros das Viertel Taiheichō in Taipeh. Vor dem Teehaus Tianma ertappten sie die Witwe 林江邁 Lin Chiang-mai beim Verkauf unversteuerter Zigaretten und wollten Ware und Bargeld einziehen. Sie kniete nieder und bat, wenigstens einen Teil zurückzubekommen. Ein Fahnder schlug ihr mit dem Pistolengriff auf den Kopf. Auf der Flucht vor der aufgebrachten Menge gab ein anderer einen Warnschuss ab und traf einen Passanten, der vor seinem eigenen Haus zusah; der Mann starb am nächsten Tag.

Der Hintergrund war zwei Jahre alt. Chen Yi, als Chief Executive mit ziviler und militärischer Gewalt zugleich ausgestattet, hatte 237 japanische Unternehmen und über 600 weitere Einheiten in staatliche Gesellschaften überführt; im Volksmund hieß die „Übernahme” bald „Raubnahme”. Das Monopolbüro kontrollierte Zigaretten, Alkohol, Kampfer und Streichhölzer, das Handelsbüro Salz, Zucker, Kohle und Reis — und Funktionäre nutzten die Wechselkursdifferenz, um Waren aufs Festland zu schaffen. Die Folge war eine importierte Hyperinflation und, Ende 1946, geschätzt 400.000 bis 500.000 Arbeitslose bei sechs Millionen Einwohnern. Jeder Zwölfte. Der Satz, mit dem die Insel ihre Lage zusammenfasste, ist überliefert und wird im Podcast Neues China zitiert, dessen Taiwan-Folge die Anlage dieses Textes wesentlich geprägt hat: Die Hunde sind weg, aber die gierigen Schweine sind gekommen.

Am 28. Februar zog ein Demonstrationszug vor das Amt des Chief Executive. Aus dem zweiten Stock eröffneten Wachen das Feuer mit Maschinengewehren. Um 14 Uhr besetzte die Menge die Rundfunkstation und sendete inselweit — das ist der Moment, in dem aus einem Vorfall ein Aufstand wird. Nicht eine Parteizelle, sondern ein Mikrofon.

Was die Aufständischen wollten, ist kein Auslegungsproblem, denn sie haben es aufgeschrieben. Der Provinzabgeordnete und Teehändler 王添灯 Wang Tien-teng formulierte am 7. März die 32 Forderungen: Direktwahl der Kreis- und Stadtvorsteher, Besetzung der Polizeiführung mit Taiwanern, Verbot politisch motivierter Verhaftungen, Presse- und Streikfreiheit, Auflösung von Monopol- und Handelsbüro, ein Arbeitsschutzgesetz — und, in Punkt 29, die politische und wirtschaftliche Gleichstellung der indigenen Bevölkerung. Punkt 1 beruft sich ausdrücklich auf Sun Yat-sens Staatsgründungsprogramm.

Damit sind die Indigenen an der einzigen Stelle dieses Textes, an der sie selbst vorkommen — als Adressaten einer Forderung, die andere für sie erhoben. Es ist derselbe Bruch, den Teil 1 benannt hat: Sie kommen vor, aber sie sprechen nicht. Ein paar Wochen später starben sie beim Massaker mit, in den Bergen wie an der Küste.

Keine der 32 Forderungen verlangt die Loslösung von China. Der Aufstand argumentierte innerhalb der Verfassungsordnung der Republik China und forderte, dass sie endlich gelte.

Die Kuomintang machte daraus ein Unabhängigkeits- und Kommunistenkomplott. Und hier muss man genau sein, weil an dieser Stelle üblicherweise übertrieben wird — auch von denen, die es besser meinen. Es ist nicht wahr, dass es keine Kommunisten im Aufstand gab; der Historiker Craig A. Smith hat die Zuschreibungsfrage in einer Untersuchung zur Schuldpolitik des 228 aufgearbeitet. 謝雪紅 Xie Xuehong, Mitgründerin der 1931 zerschlagenen KP Taiwans, führte in Taichung die „27. Brigade” an; im Raum Chiayi organisierte ein KP-Kader Milizen. Nur: Die Brigade war nach dem 27. Februar benannt, dem Tag des Zigarettenzwischenfalls, sie entstand am 6. März — sieben Tage nach Ausbruch des Aufstands —, bestand aus Studenten, Schülern und ehemaligen japanischen Soldaten, und ihre Losung war taiwanische Selbstverwaltung.

Der Punkt ist nicht die Existenz, sondern der Maßstab:

Das Arbeitskomitee der KP Chinas hatte im Februar 1947 auf ganz Taiwan gut siebzig Mitglieder. Die Geheimdienstberichte, auf die Chiang Kai-shek seine Entscheidung zum Truppeneinsatz stützte, sprachen von zehntausend Kommunisten.

Faktor 140. Dass die Deutung nicht aus den Ereignissen stammte, zeigt ein Telegramm Chiangs an Chen Yi vom 10. Februar 1947 — siebzehn Tage vor dem Zwischenfall: „Berichten zufolge sind kommunistische Elemente nach Taiwan eingesickert … Taiwan ist nicht das Binnenland; der Militär- und Verwaltungschef kann nach eigenem Ermessen verfahren.”

Den stärksten Gegenbeweis liefert die Kommunistische Partei selbst. Auf einer Arbeitskonferenz in Hongkong im Juni 1948 rügte sie ihre eigene Taiwan-Organisation dafür, die Gelegenheit des 228-Aufstands verpasst zu haben. Eine Partei, die einen Aufstand organisiert hat, rügt sich nicht dafür, ihn versäumt zu haben.

Bemerkenswerterweise widersprachen auch Ermittler der Kuomintang selbst: Mehrere Kontrollyuan-Mitglieder und Untersuchungsleiter hielten in ihren Berichten fest, weder Kommunismus noch Unabhängigkeitsstreben seien die Ursache gewesen, sondern die Missstände der Verwaltung. Sie empfahlen Reformen statt Truppen.

Das Gewaltdatum

In Kaohsiung stieg am 6. März eine Delegation von sieben Männern zum Festungskommando auf dem Shoushan hinauf, mit neun Friedensbedingungen. Der Kommandeur 彭孟緝 Peng Meng-chi hatte den Aufstand von Beginn an als kommunistisch geplant eingestuft und die Verhandlung am Vortag nur vertagt, weil seine Vorbereitungen nicht fertig waren. Er ließ die Delegation festnehmen; drei ihrer Mitglieder wurden erschossen. Noch bevor der einzige Zurückgelassene, der Bürgermeister, wieder unten war, griffen seine Truppen in drei Kolonnen an. Im Festsaal des Rathauses wartete das Vermittlungskomitee auf Nachricht vom Berg und erhielt Handgranaten und Maschinengewehrfeuer ohne Vorwarnung. Unter den Toten ein Rechtsanwalt und zwei Stadträte. Peng, der den Beinamen „Schlachter von Kaohsiung” bekam, wurde befördert und später Botschafter in Thailand und Japan. Angeklagt wurde er nie.

Am 8. und 9. März landeten die Verstärkungen vom Festland. Vor einem Armeedepot in Taipeh wurden mehrere hundert Schüler und Studenten erschossen; in Keelung trieb der Hafen voller Leichen. Am 10. März wurde das Vermittlungskomitee zur illegalen Organisation erklärt, und die Verhaftung seiner Mitglieder begann — gefolgt von einer monatelangen „Befriedung” bis Mitte Mai.

Wen es traf, lässt sich benennen, und das ist der Prüfstein für die Kommunismus-Behauptung:

  • 林茂生 Lin Mao-sheng, Dekan der Philosophischen Fakultät der Universität Taipeh, 1929 in Columbia bei John Dewey promoviert, erster Taiwaner mit einem US-Doktortitel. Am 11. März 1947 aus der Wohnung geholt. Nie wieder gesehen. Seine Nachkommen erwirkten die gerichtliche Todeserklärung 2025, nach fast achtzig Jahren.
  • 陳澄波 Chen Cheng-po, Ölmaler, 1926 als erster Taiwaner zur japanischen Reichskunstausstellung zugelassen, Stadtrat von Chiayi — und seit 1946 Mitglied der Kuomintang. Am 25. März 1947 öffentlich vor dem Bahnhof Chiayi erschossen.
  • 王添灯, der Verfasser der 32 Forderungen. Am 10. März verhaftet, getötet, Leiche nie gefunden.
  • Dazu der Vorsitzende der Anwaltskammer Taipeh, ein Richter am Obergericht, ein Staatsanwalt, der Geschäftsführer der größten Tageszeitung — und der Leiter einer Kuomintang-Jugendorganisation in Chiayi.

Nach dem offiziellen Untersuchungsbericht verschwanden 80 Prozent der Kreis- und Stadträte aus dem politischen Leben.

Wie viele starben, ist bis heute unklar, und die Unklarheit ist selbst ein Befund. Die amtlichen Zahlen von 1947 nannten wenige hundert Tote; die englischsprachige Standarddarstellung von Lai Tse-han, Ramon Myers und Wei Wou (A Tragic Beginning, Stanford 1991) kommt auf unter zehntausend, der Augenzeuge und US-Vizekonsul George Kerr in Formosa Betrayed auf zwanzigtausend. Eine demografische Rückrechnung, die der Bevölkerungswissenschaftler 陳寬政 Chen Kuan-cheng 1992 für die Untersuchungsgruppe der Regierung anstellte, kam auf 18.000 bis 28.000 — sie stand im Anhang des Berichts, und als eine Zeitung ihn 1994 als Buch herausbrachte, fehlte der Anhang. Eine aktenbasierte Mindestzählung des Regierungsberichts von 2021 kommt auf 8.317 bis 11.824 dokumentierte Tote. Wer, wie oft zu lesen, eine Spanne von „500 bis 300.000” angibt, zitiert keine Forschung; die obere Zahl ist vermutlich eine Verwechslung mit Nanjing 1937.

Der Verantwortungsbericht der 228-Gedenkstiftung von 2006 hat sich der Zahlenfrage ganz entzogen und stattdessen die Verantwortung zugeordnet: an erster Stelle Chiang Kai-shek, dann Chen Yi, dann die Kommandeure Peng Meng-chi und Ko Yuan-fen. Ein Enkel Chiangs drohte den Herausgebern mit einer Verleumdungsklage.

Dass die Kuomintang ihre Archive bis heute nicht öffnet, macht die Spanne politisch produziert, nicht wissenschaftlich unlösbar.

Ein Detail noch, weil es zeigt, was die Umdeutung anrichtete. Der Stadtratspräsident von Kaohsiung, 彭清靠 Peng Ching-kao, überlebte als einer der wenigen die Erschießung seiner Delegation. Er zog sich vollständig aus dem öffentlichen Leben zurück und trug seinem Sohn auf, „niemals wieder Chinese zu sein”. Der Sohn war 彭明敏 Peng Ming-min — später der bekannteste Theoretiker der taiwanischen Unabhängigkeit. Das Unabhängigkeitsstreben, das die Kuomintang als Ursache des Aufstands behauptete, hat sie in diesem Fall nachweislich selbst erzeugt.

Achtunddreißig Jahre in einem Absatz — und warum das hier steht

Am 19. Mai 1949 wurde über Taiwan das Kriegsrecht verhängt. Es galt bis zum 15. Juli 1987, achtunddreißig Jahre. In dieser Zeit kamen ein bis anderthalb Millionen Menschen vom Festland auf eine Insel mit sieben Millionen Einwohnern und besetzten Verwaltung, Militär und Bildungswesen — ein Verhältnis, aus dem Ralf Ruckus in seinem Vortrag „Taiwan von links” den Schluss zieht, dass die Kuomintang aus Sicht der Einheimischen schlicht die nächste Kolonialmacht war. Die Kommunistische Partei wurde 1949 verboten, jede Opposition ausgelöscht, und die Vereinigten Staaten finanzierten das Ganze als antikommunistisches Bollwerk — dieselbe Rechnung, die später für Pinochet und Suharto aufgemacht wurde.

Hier bricht dieser Text ab, und ich sage lieber, warum. Die achtunddreißig Jahre wären ein eigener Artikel: die Landreform ab 1949, die die einheimische Grundbesitzerelite entmachtete und den späteren Industriestaat vorbereitete; die Militärtribunale und das Gefängnis auf der Grünen Insel; der Kaohsiung-Zwischenfall von 1979; die Ermordung der Familie des Oppositionellen Lin Yi-hsiung 1980. Ich habe dieses Material nicht erschlossen, und es hier in drei Sätzen abzuhandeln, hieße, Vollständigkeit vorzutäuschen.

Wie gründlich das Schweigen war, zeigt allerdings ein Fall, der hierher gehört. Die maßgebliche Darstellung der Kommunistischen Partei Taiwans stammt von 盧修一 Lu Hsiu-yi. Er schrieb sie auf Französisch, als Dissertation an der Universität Paris, mündliche Prüfung im Dezember 1980. Am 8. Januar 1983 wurde er vom taiwanischen Garnisonskommando verhaftet und saß bis zum 2. März 1986. Über diese Partei zu forschen war unter dem Kriegsrecht selbst ein Delikt. Erschienen ist das Buch im November 1989, im Verlag Freies Zeitalter — dessen Gründer 鄭南榕 Cheng Nan-jung sich sieben Monate zuvor, am 7. April 1989, aus Protest für die Meinungsfreiheit selbst verbrannt hatte. Der Verleger war tot, als das Buch herauskam.

Und überliefert ist das Parteiprogramm von 1928 überhaupt nur, weil die japanische Kolonialpolizei es beschlagnahmte. Zwei Repressionsapparate, ein Jahrhundert, ein Forschungsgegenstand: Ohne die Akten der Verfolger wüssten wir nichts, und ohne einen Verleger, der sich anzündete, wäre es nicht gedruckt worden.

Auch das Ende der bürgerlichen Bewegung gehört hierher, weil es sich in einer Biographie zusammenzieht. Lin Hsien-tang, der Mann der fünfzehn Petitionen, empfing Chen Yi 1945 am Flughafen, lernte Hochchinesisch und trat der Kuomintang bei. 1946 wurde er in den ersten Provinzberatungsrat gewählt und galt als aussichtsreichster Kandidat für dessen Vorsitz — die Behörden unterstützten einen anderen. Im 228-Aufstand versteckte er den Provinzfinanzchef 嚴家淦 Yen Chia-kan in seinem Herrenhaus und garantierte mit seinem Leben für dessen Sicherheit; Yen wurde später Vizepräsident und Nachfolger Chiang Kai-sheks im Präsidentenamt. Kurz darauf stand Lin Hsien-tang selbst auf einer Liste „taiwanischer Landesverräter”.

Im September 1949 reiste er nach Japan, offiziell zur Behandlung. Er kehrte nie zurück. Als ein alter Weggefährte beauftragt wurde, ihn zur Rückkehr zu bewegen, antwortete er mit einer Anspielung auf Konfuzius:

„In ein gefährdetes Land tritt man nicht ein, in einem Land der Wirren bleibt man nicht … Und es ist nicht nur gefährdet und in Wirren: Es gibt dort überhaupt kein Recht, alles ist Herrn Chiangs Gewalt über Leben und Tod ausgeliefert. Kehrte ich zurück, wäre ich nichts als ein Huhn im Käfig.”

Er starb 1956 in Tokio.

Und Chen Yi? Der Mann, der den Aufstand zur kommunistischen Verschwörung erklärt hatte, um seine Truppenanforderung zu begründen, versuchte im Januar 1949 als Provinzchef von Zhejiang, zur Kommunistischen Partei überzulaufen, und forderte seinen Militärkommandeur auf, Territorium zu übergeben. Der meldete es Chiang. Chen Yi wurde nach Taiwan gebracht und am 18. Juni 1950 erschossen, auf Chiangs handschriftliche Anweisung. Der Vorwurf, mit dem er Tausende hatte töten lassen, traf am Ende nur auf ihn selbst zu.

Zwei Mythen, ein Befund

Was in diesen vier Jahren entstand, zerstört zwei Erzählungen auf einmal.

Die erste ist die von der ewigen Zugehörigkeit. Sie scheitert nicht nur an der Chronologie, wie Teil 1 gezeigt hat, sondern auch an der Rechtslage: 1945 war eine militärische Besetzung im Auftrag der Alliierten, der Friedensvertrag von 1951 benennt keinen Empfänger, und der Mann, der die Kapitulation entgegennahm, sprach 1949 intern von einem Treuhandgebiet. Und sie scheitert an den eigenen Dokumenten derjenigen, die sie heute am lautesten vertreten.

Die zweite ist die vom schon immer demokratischen Taiwan. Die Demokratie dieser Insel ist jünger als vierzig Jahre. Sie entstand gegen die Partei, die heute als „Friedenspartei” für einen Ausgleich mit Peking wirbt, und sie kostete eine Generation von Ärzten, Anwälten, Lehrern und Abgeordneten.

Diese zweite Erzählung hat eine Ironie, die man nicht wegräumen sollte, weil sie das Argument prüft: Es war Chiang Ching-kuo, der Sohn Chiang Kai-sheks und selbst jahrzehntelang Chef des Sicherheitsapparats, der 1987 das Kriegsrecht aufhob. Wer sagt, die Demokratie sei gegen die Kuomintang erkämpft worden, muss das erklären können. Die Erklärung ist unspektakulär: Der Druck kam von unten — von der Dangwai-Bewegung, von den Angehörigen der Opfer, von einer Auslandsopposition, die sich nicht mehr zum Schweigen bringen ließ —, die Ausführung kam von oben. Das ist bei den meisten Übergängen so. Es macht die Aufhebung nicht zum Geschenk.

Wer heute „Separatismus” sagt, wenn Taiwaner über ihre eigenen Angelegenheiten entscheiden wollen, wiederholt die Umdeutung von 1947: aus Forderungen nach Teilhabe eine Verschwörung machen und dann gegen die Verschwörung vorgehen, die man selbst erfunden hat. Es hat damals nicht gestimmt. Der Forderungskatalog liegt vor, er beruft sich auf Sun Yat-sen.

Was 1947 dagegen wirklich entstand, war die Erfahrung, dass „chinesisch sein” und „von China regiert werden” zwei verschiedene Dinge sind — und dass man das eine sein kann, ohne das andere zu wollen. Die taiwanische Identität ist nach 1947 antifestlandchinesisch geworden, auch dort, wo sie kulturell han-chinesisch blieb.

Am Anfang dieses Textes standen drei Daten, an denen über Taiwan entschieden wurde: in Kairo, in Taipeh durch eine eingeflogene Verwaltung, in New York. Die vier Jahre dazwischen enthalten den einen Moment, in dem es anders lief. Im März 1947 saß in der Zhongshan-Halle ein Gremium aus Abgeordneten, Ärzten, Anwälten und Kaufleuten und schrieb auf, wie die Insel verwaltet werden sollte — von Leuten, die dort lebten, gewählt von denen, die dort lebten. Es ist das einzige Dokument dieser Jahre, in dem Taiwaner über Taiwan verfügen.

Sie wurden dafür erschossen, und der Katalog wurde zur Verschwörung erklärt. Aber der Text existiert, er ist datiert, und man kann ihn lesen. Er ist die Antwort auf die Frage, was die Taiwaner wollen — gegeben zu einem Zeitpunkt, als noch niemand vermuten konnte, dass diese Frage achtzig Jahre später ein Kriegsgrund sein würde.

Im nächsten Teil: Während die Diktatur die Gewerkschaften zerschlug, entstand das Wirtschaftswunder. Es entstand nicht in Fabriken — sondern in Wohnzimmern, an Küchentischen, in Familienbetrieben ohne Arbeitsrecht. Und es verbrauchte sein eigenes Arbeitskräftereservoir.


Quellen

Stammquellen

228 und die Kuomintang-Herrschaft

  • Craig A. Smith: Taiwan’s 228 Incident and the Politics of Placing Blame, in: Past Imperfect 14 (2008) — Quelle für die begrenzte kommunistische Beteiligung
  • 行政院研究二二八事件小組 (賴澤涵): 《二二八事件研究報告》, 時報文化 1994 — der Regierungsbericht, Fundstelle der demografischen Rückrechnung von 陳寬政. Zusammenfassung bei der 228-Gedenkstiftung
  • 張炎憲 u. a.: 《二二八事件責任歸屬研究報告》, 二二八事件紀念基金會 2006 — der Verantwortungsbericht; er nennt bewusst keine Opferzahl, sondern verteilt Verantwortung
  • Lai Tse-han / Ramon H. Myers / Wei Wou: A Tragic Beginning. The Taiwan Uprising of February 28, 1947, Stanford University Press 1991 — die englischsprachige Standarddarstellung, vielfach als KMT-nah kritisiert
  • George H. Kerr: Formosa Betrayed, 1965 — der US-Vizekonsul als Zeitzeuge
  • Volltext der 32 Forderungen, nach Renmin Daobao vom 8. März 1947

Sprachpolitik

  • 葉高華: 「臺灣歷次語言普查回顧」, 臺灣語文研究 13/2 (2018) — die methodenkritische Aufarbeitung der Zensuszahlen, Quelle der Generationentabelle
  • 王順隆: 「公學校漢文讀本及漢文教育」, 國立臺中圖書館 — tagesgenaue Erlass-Chronologie 1897–1937
  • Chou Wan-yao: The Kōminka Movement: Taiwan Under Wartime Japan, 1937–1945, Yale 1991 — zur Assimilationskampagne ab 1937
  • Huang Ying-che: 《「去日本化」「再中國化」:戰後台灣文化重建 1945–1947》, Taipei 2007, sowie sein englischer Aufsatz Were Taiwanese Being „Enslaved”?, Columbia UP 2006 — die Rekonstruktion der 奴化-Debatte

Die politischen Bewegungen der Kolonialzeit

Völkerrecht


Die Taiwan-Serie

  1. Wem gehört die Insel? Warum „Taiwan war schon immer chinesisch“ an der Chronologie scheitert
  2. Aus der Befreiung wird die Diktatur: Wie Taiwan 1945 die Herren wechseltedieser Teil

Zum Anfang: Wem gehört die Insel? Warum „Taiwan war schon immer chinesisch“ an der Chronologie scheitert