illustration: Der Gehäuseboden eines Notebooks als Typenschild auf dunklem Punktraster. In grauer Schreibmaschinenschrift stehen Modellreihe, Seriennummer und Leistungsaufnahme, darunter in großen hellen Buchstaben MADE IN CHINA. Die unterste Zeile trägt die Bezeichnung MANUFACTURED BY — und an der Stelle des Eintrags ein breites orangefarbenes Feld, von zwei schwarzen Schnitten geteilt, das leer bleibt.

Dies ist Teil 4 einer Serie über Taiwan. Teil 1 hat gezeigt, dass die han-chinesische Bevölkerung der Insel das Ergebnis von Kolonialgeschichte ist und nicht ihre Voraussetzung; Teil 2, dass die Demokratie gegen die Kuomintang entstand und nicht durch sie; Teil 3, dass das Wirtschaftswunder auf einer Arbeitsform beruhte, die in keiner Statistik erscheint. Dieser Teil handelt davon, was geschah, als diese Arbeitsform sich erschöpfte — und wer seither die Arbeit macht.


Wer ein Notebook umdreht, findet auf dem Gehäuseboden einen kleinen Katalog von Auskünften: den Markennamen, eine Modellnummer, eine Seriennummer, einen Stapel Konformitätszeichen für drei Kontinente und, meist in der untersten Zeile, drei Wörter — Made in China.

Was dort nicht steht, ist der Name der Firma, die das Gerät entworfen und gebaut hat.

Mit erheblicher Wahrscheinlichkeit heißt sie Quanta, Compal, Wistron, Inventec oder Pegatron, sie hat ihren Sitz in Taoyuan oder Taipeh, und sie ist taiwanisch. Im Jahr 2003 baute Quanta allein 9,68 Millionen Notebooks — bei einem Weltmarkt von 37,5 Millionen Stück sind das knapp 26 Prozent. Compal kam auf weitere 21 Prozent. Die zwei Firmen zusammen, schreibt die Ökonomin Momoko Kawakami, lieferten „über die Hälfte der weltweiten Notebook-Auslieferungen”. Keine der beiden hat je eine Marke geführt, die jemand kennt.

Kawakami hat für diese Konstruktion einen Ausdruck aus der Branche aufgeschrieben, der sie genauer trifft als jede Analyse: no-touch shipment. Die Geräte verlassen die taiwanische Fabrik in China und gehen an den Endkunden, „ohne von den Kunden ‚berührt’ zu werden” — wobei mit Kunden nicht die Käufer gemeint sind, sondern Hewlett-Packard und Dell. Die Marke fasst das Gerät, das ihren Namen trägt, nie an. Sie beschafft, so Kawakami, alles außer dreien: „Konzeptentwicklung, Markenmarketing und Kundenschnittstelle”.

Damit hat der Gehäuseboden drei Ebenen, von denen er zwei nennt. Die amerikanische Marke steht vorne drauf. Der chinesische Produktionsort steht hinten drauf. Das taiwanische Kapital, das die Fabrik besitzt, in der das Gerät entstand, steht nirgends.

Diese Auslassung ist der Gegenstand dieses Teils.

Zwei Wege, ein Problem

Teil 3 endete mit einer Erschöpfung. In den achtziger Jahren stieß das taiwanische Modell an seine eigene Grenze: Das Reservoir billiger Arbeitskräfte war aufgebraucht, die Löhne stiegen, die Frauen, die die Wohnzimmerfabriken getragen hatten, machten nicht in derselben Zahl weiter, das Kriegsrecht fiel 1987, und es wurde gestreikt. Die Rechnung, auf der der Aufstieg beruhte, ging nicht mehr auf.

Der Sozialwissenschaftler Ralf Ruckus, der über ein Jahrzehnt in Taiwan zu Arbeitsmigration geforscht hat, beschreibt drei Reaktionen des Kapitals auf diese Lage. Erstens den Aufstieg in der Wertschöpfungskette: weg von Turnschuhen und Christbaumschmuck, hin zu Entwicklung, Elektronik und Halbleitern — TSMC wird 1987 gegründet. Zweitens die Verlagerung der Produktion dorthin, wo die Löhne niedriger sind: in die Volksrepublik China und nach Südostasien. Drittens die Anwerbung von Arbeitskräften aus Südostasien für die Sektoren, die sich nicht verlagern lassen — man kann eine Baustelle nicht exportieren und ein Pflegebett auch nicht.

Diese Aufzählung sieht aus wie drei Strategien. Tatsächlich sind es zwei Probleme und drei Antworten, und die entscheidende Beobachtung ist, dass die zweite und die dritte Antwort dasselbe Problem lösen. Beide beschaffen billigere Arbeit, nachdem die einheimische teuer geworden ist. Der einzige Unterschied liegt in der Richtung, in die sich jemand bewegt: Beim Kapitalexport reist das Kapital zur billigen Arbeit. Bei der Anwerbung reist die Arbeit zum Kapital.

Extern und intern sind hier keine zwei Vorgänge. Sie sind einer, von zwei Seiten betrachtet. Wer nur den einen betrachtet, bekommt entweder eine Geschichte über Globalisierung oder eine über Rassismus — und beide Male fehlt die Hälfte.

Für das Ganze verwendet Ruckus einen Begriff, der Widerspruch provoziert und ihn verdient: Subimperialismus.

Ein Begriff, der nicht passt, und was das zeigt

Der Ausdruck stammt aus der lateinamerikanischen Dependenztheorie. Geprägt hat ihn der brasilianische Marxist Ruy Mauro Marini, zuerst 1965 in der Monthly Review, ausgearbeitet in Brazilian Subimperialism (1972) und in der Weltweiten Kapitalakkumulation und Subimperialismus von 1977. Dort steht seine Definition, und sie lautet anders, als man erwartet: Subimperialismus sei „die Form, die die abhängige Ökonomie annimmt, wenn sie das Stadium der Monopole und des Finanzkapitals erreicht”, mit zwei Bestandteilen — einer im Weltmaßstab durchschnittlichen organischen Zusammensetzung des nationalen Produktionsapparats und einer relativ eigenständigen Expansionspolitik, die innerhalb der imperialistischen Hegemonie bleibt.

Die Ausbeutung ausländischer Arbeit kommt darin nicht vor. Marinis Begriff der superexplotación meint durchgehend die Arbeiterklasse im abhängigen Land selbst. Und an einer Stelle wird er ausdrücklich: Es genüge nicht, Fertigwaren zu exportieren, um subimperialistisch zu sein — die Auftragsfertigung, wie sie „auf den Philippinen, in Südkorea, in Hongkong” vorherrsche, sei „weit davon entfernt, subimperialistische Tendenzen zu erzeugen”; sie sei ein Fall ökonomischer Annexion.

Taiwan nennt Marini nicht. Aber er beschreibt genau die Fallklasse, die Taiwan bis in die achtziger Jahre war — und das ist kein Einwand gegen die Analyse, sondern ihr genauester Ausdruck. Taiwan ist seit 1990 nicht mehr die Werkbank, die Marini beschrieb. Es ist deren Auftraggeber geworden. Der Wechsel von der einen Kategorie in die andere ist das Thema dieses Textes.

Zwei Dinge folgen daraus für den Sprachgebrauch. Erstens: Die Definition, mit der Ruckus arbeitet — Subimperialismus als Kapitalakkumulation auf der Grundlage der Ausbeutung von Arbeit außerhalb des eigenen Landes — ist eine Zuspitzung, kein Marini-Zitat. Sie ist als solche zu kennzeichnen, und ich tue das hier. Zweitens: Was Ruckus ausschließt, schließt auch Marini nicht ein. Auf die Nachfrage aus dem Publikum, ob „Subimperialismus” politisch dasselbe meine wie der Imperialismusbegriff des frühen 20. Jahrhunderts, antwortet Ruckus ausdrücklich nein. Gemeint sind keine Truppen, keine territoriale Herrschaft, keine nationalistische Massenmobilisierung für die Auslandsexpansion. Taiwan hat keine Kanonenboote vor Java. Es hat Fabriken, Aufträge und Verträge.

Eine Beobachtung Marinis passt dagegen so genau, dass sie den Bogen zum vorigen Teil schlägt. Der Subimperialist, schreibt er 1966 über Brasilien, könne „die Ausbeutung, die er im Ausland betreibt, nicht in einen Faktor der Hebung des inneren Lebensstandards verwandeln” — er müsse im Gegenteil „die Ausbeutung der Arbeit im Rahmen der nationalen Ökonomie gewaltsam verschärfen”. Das ist die Antwort auf die Frage, die am Ende von Teil 3 offen blieb: warum ein Land, dessen Unternehmen Millionen Menschen im Ausland beschäftigen, zu Hause zehn Jahre lang den Mindestlohn nicht anhebt.

Die Position, die dabei entsteht, ist eine mittlere. Ruckus formuliert sie so:

„Taiwan ist eigentlich ein klassischer Fall, weil taiwanisches Kapital chinesische oder südostasiatische Arbeitskräfte ausbeutet, um für Marken oder Unternehmen in den USA Produkte herzustellen. Da ist dieser Zusammenhang zwischen dem Imperialismus der USA und dem Subimperialismus sehr deutlich.”

Damit ist der Gehäuseboden vom Anfang erklärt. Oben die Marke, die den Auftrag vergibt und den Namen trägt. Unten die Arbeit, die das Gerät zusammensetzt. In der Mitte das taiwanische Unternehmen, das beides organisiert und auf keiner der beiden Seiten erscheint. Der Aufstieg der Insel bestand nicht darin, aus dieser Kette auszubrechen. Er bestand darin, in ihr eine Stufe zu steigen — und die Stufe darunter neu zu besetzen.

Das ist die unbequeme Doppellage, um die es geht: Taiwan ist Objekt einer Bedrohung durch die Volksrepublik und Akteur einer Ausbeutungskette, die durch dieselbe Volksrepublik läuft. Beides gleichzeitig zu halten, ist die eigentliche Anforderung.

Der Tag, an dem das Verbot fiel

Die Verlagerung ist kein Naturvorgang, auch wenn sie im Rückblick so aussieht. Sie war verboten, sie wurde erlaubt, und man kann den Tag nennen.

Am 14. September 1996 verkündete Präsident Lee Teng-hui eine Politik, die unter vier Schriftzeichen bekannt wurde: 戒急用忍, no haste, be patient — Eile vermeiden, Geduld üben. Sie beschränkte taiwanische Investitionen in der Volksrepublik in drei Kategorien: Hochtechnologie, Einzelvorhaben über 50 Millionen US-Dollar, Infrastruktur. Wer sich nicht daran hielt, dem drohten Aussetzung des Aktienhandels, eingefrorene Bankmittel und Reisebeschränkungen für die Geschäftsführung. Die Notebook-Fertigung fiel unter die Beschränkung; sie durfte, wie es in einer Studie der University of California heißt, „bis Ende 2001 nicht in China investieren”.

Am 7. November 2001 war Schluss damit. Die Vorsitzende des Mainland Affairs Council trat in Taipeh vor die Presse und kündigte an, dass Taiwan das Verbot direkten Handels und direkter Investitionen aufhebe, die Obergrenze von 50 Millionen Dollar streiche und die Politik der Geduld durch eine neue ersetze: 積極開放、有效管理 — aktive Öffnung, wirksame Steuerung. Die Reuters-Meldung zitiert sie mit dem Satz, es sei „nicht länger angemessen, passive Maßnahmen wie ‚Eile vermeiden, Geduld üben’ zu ergreifen, um Investitionen auf dem Festland einzudämmen”.

Die Vorsitzende hieß Tsai Ing-wen. Vierzehn Jahre später wurde sie Präsidentin, gewählt von einer Mehrheit, die genau diese Verflechtung fürchtete.

Was danach geschah, lässt sich in zwei Zahlen fassen. Der Anteil der taiwanischen Notebook-Produktion, der in China stattfand, betrug im Jahr 2000 null Prozent. Im Jahr 2005 waren es 93 Prozent. Anfang 2004, gut zwei Jahre nach der Freigabe, lag er bereits bei siebzig. Eine ganze Industrie wechselte in vier Jahren den Kontinent, ohne den Besitzer zu wechseln.

Und hier steht der Befund, der die Geschichte kompliziert: Es rechnete sich kaum. Dieselbe Studie stellt die Stückkosten eines Notebooks in Taiwan und in China gegenüber — 15 Zoll, Pentium M, 256 Megabyte, 40 Gigabyte Festplatte. In Taiwan 678 US-Dollar, in China 666. Die Arbeitskosten halbieren sich zwar von 30 auf 15 Dollar, aber die Bauteile kosten fast gleich viel, und die Luftfracht ist aus China teurer. Bleiben, mit Fracht gerechnet, 1,8 Prozent Ersparnis pro Gerät. Die durchschnittliche Gewinnmarge der vier großen Notebook-Hersteller fiel im selben Zeitraum von rund zehn auf rund sechs Prozent. Der Durchschnittspreis eines Notebooks sank zwischen 1998 und 2004 von 1.384 auf 655 Dollar.

Die Verlagerung hat die Marge also nicht gerettet, sondern ihren Fall nur begleitet. Den Ausschlag gab nicht der Lohn, sondern die Ausschreibung: Wer den Auftrag von Dell oder Hewlett-Packard wollte, musste ein paar Dollar unter dem Nachbarn in Taoyuan liegen. Die Nachbarn gingen alle nach China. Wer blieb, verlor den Auftrag. Das ist keine Entscheidung mehr, das ist eine Konkurrenzlage. Nach dem 7. November 2001 konnte sich ihr niemand mehr entziehen.

Wie das heute aussieht, steht im eigenen Nachhaltigkeitsbericht von Quanta. Ende 2023 beschäftigte der Konzern 51.107 Menschen: 10.933 in Taiwan, 37.307 in den chinesischen Werken, 2.867 in Thailand. Auf eine Stelle in Taiwan kommen also gut drei in China.

Eine zweite Zahl aus derselben Tabelle sagt mehr als das Verhältnis. Von den 25.097 befristeten Arbeitsverträgen des Konzerns liegen alle 25.097 in China. In Taiwan: keiner. In Thailand: keiner. Die Belegschaft im Stammland ist fest angestellt, die Belegschaft im Ausland ist es der Struktur nach nicht.

Und weil sich die Verhältnisse manchmal selbst beschreiben: Quantas Shanghaier Tochtergesellschaft erhielt 2023 eine Auszeichnung als „hervorragendes Unternehmen in taiwanischem Besitz”, verliehen vom Verband taiwanischer Investitionsunternehmen in Shanghai. Die Fabrik weiß also genau, wem sie gehört. Auf dem Gehäuseboden des Geräts, das sie verlässt, steht es trotzdem nicht.

Der Schatten

Für dieses Verhältnis gibt es ein Bild, und es gibt den Titel dieses Textes her. In seinem Vortrag beschreibt Ruckus die taiwanische Gesellschaft der zweitausender Jahre so: Hinter jeder Taiwanerin stehe ein Schatten — eine Arbeiterin oder ein Arbeiter aus der Volksrepublik. Taiwanische Unternehmen, so die Zuspitzung, hätten in China zeitweise so viele Menschen beschäftigt, wie Taiwan Einwohner hat.

Das Bild ist stark. Die Zahl dahinter ist es nicht, jedenfalls nicht in dieser Form, und weil sie an der Titelstelle steht, gehört die Prüfung in den Text.

Es gibt genau eine systematische Schätzung dieser Größe. Die Ökonomen Hung Jia-ke und Tung Chen-yuan von der Nationalen Chengchi-Universität in Taipeh haben sie 2010 vorgelegt, in einer Untersuchung über den Beitrag taiwanischer Unternehmer zur chinesischen Wirtschaftsentwicklung zwischen 1988 und 2008. Ihr Ergebnis steht im Abstract der Arbeit:

2008 年底,台商在中國雇用的就業人口數為 1,443.41 萬人,佔同時期中國勞動就業人口數的 1.86%

Ende 2008 beschäftigten taiwanische Unternehmen in China 14,43 Millionen Menschen1,86 Prozent aller Erwerbstätigen der Volksrepublik.

Taiwan hatte damals 23,0 Millionen Einwohner. Das Bild überschätzt also um rund sechzig Prozent, und es vergleicht die falschen Größen: Beschäftigte auf der einen Seite, Einwohner samt Kindern und Rentnern auf der anderen. Der belastbare Vergleich steht in derselben Quelle, wörtlich, und er ist der interessantere: 比台灣勞動人口還多 — mehr, als Taiwan überhaupt Erwerbspersonen hat. Taiwans Erwerbsbevölkerung liegt bei 12,1 Millionen. Taiwanisches Kapital beschäftigte in China die Belegschaft eines zweiten, größeren Taiwan.

Zur Ehrlichkeit gehören drei Einschränkungen. Erstens ist das eine Schätzung und kein Zählwert: Die Autoren sagen selbst, dass weder die chinesische noch die taiwanische Regierung diese Zahl je erhoben hat; sie ist der Mittelwert aus drei Rechenwegen, deren Ergebnisse zwischen 13,2 und 15,2 Millionen liegen. Zweitens gilt sie für 2008 und ist nie fortgeschrieben worden — der Gründer von China Labor Watch stellte 2024 ausdrücklich fest, es gebe keine belastbaren jährlichen Daten, und griff auf eben diese Schätzung zurück. Drittens: Ruckus hat die Zahl nie gedruckt. In seinem publizierten Aufsatz argumentiert er ohne jede Beschäftigtenzahl. Die Zuspitzung existiert in der mündlichen Fassung eines Vortrags, und als solche ist sie zu behandeln.

Was sich dagegen belegen lässt, ist der Kapitalstrom selbst. Nach der amtlichen Statistik des taiwanischen Wirtschaftsministeriums hat Taipeh zwischen 1991 und Juli 2026 46.216 Investitionsvorhaben in der Volksrepublik mit einem Volumen von 212,09 Milliarden US-Dollar genehmigt. Der Höchststand liegt 2010: 14,6 Milliarden Dollar, und 83,8 Prozent aller taiwanischen Auslandsinvestitionen jenes Jahres gingen nach China.

Diese Statistik hat allerdings ein Loch, und das Loch ist selbst ein Befund. Sie beginnt 1991. Die Investitionen begannen um 1988 — nach der Aufhebung der Devisenkontrollen und der Reiseerlaubnis auf das Festland, aber vor jeder Legalisierung. Sie liefen über Hongkong, weil es keine direkten Beziehungen gab, die man hätte nutzen können. Für diese Jahre existieren keine taiwanischen Zahlen; sie tauchen nur in der chinesischen Empfängerstatistik auf, dort pauschal unter „einschließlich der Jahre vor 1991”.

Wie weit die beiden Buchführungen auseinanderliegen, zeigt eine Gegenüberstellung, die der taiwanische Festlandsausschuss selbst veröffentlicht hat. Ende 2008 hatte Taipeh 37.181 Vorhaben genehmigt. Peking zählte im selben Moment 77.506 taiwanische Projekte im Land.

Mehr als die Hälfte der taiwanischen Betriebe in China stand nie in Taipeis Büchern.

Der bekannteste dieser Betriebe ist zugleich der Musterfall. Hon Hai, 1974 in Tucheng gegründet und seit 1985 unter dem Markennamen Foxconn bekannt, begann 1988 in Shenzhen zu produzieren; das Werk Longhua entstand ab 1996. Auf dem Höhepunkt um 2010 arbeitete rund eine Million Menschen für den Konzern in der Volksrepublik. Seit Anfang der zweitausender Jahre war Foxconn jahrelang Chinas größter Exporteur — ein taiwanisches Unternehmen an der Spitze der chinesischen Ausfuhrstatistik.

Es ist derselbe Konzern, dessen Selbstmordserie 2010 in Shenzhen weltweit Schlagzeilen machte: achtzehn Versuche, vierzehn Tote im Lauf des Jahres, dokumentiert von den Soziologinnen Pun Ngai und Jenny Chan. Die Antwort des Unternehmens bestand aus Fangnetzen an den Wohnheimen und zwei Lohnerhöhungen binnen vier Monaten. Und es ist derselbe Konzern, dessen Belegschaft in Zhengzhou 2022 drei Tage lang die Polizei zurückdrängte — die Geschichte steht ausführlich in Teil 4 der China-Serie.

In der deutschen Berichterstattung erscheint Foxconn fast immer als chinesische Fabrik, in der Apple fertigen lässt. Beide Angaben sind unvollständig, und zwar in derselben Richtung wie der Gehäuseboden: Die Marke wird genannt, der Ort wird genannt, der Eigentümer verschwindet.

Wie weit das gehen kann, zeigt ein Betrieb, den niemand kennt. Am Morgen des 2. August 2014 explodierte in Kunshan bei Shanghai eine Halle, in der Aluminiumfelgen poliert wurden. Es war ein Samstag; in der Halle standen über 260 Menschen, weil samstags der doppelte Überstundenlohn gezahlt wurde. Eine Aluminiumstaubexplosion tötete am Ende 146 Menschen und verletzte 114. Der Betrieb hieß Zhongrong Metal Products, er war nach chinesischen Angaben ein Unternehmen mit taiwanischem Kapital und belieferte General Motors.

Kunshan ist kein Zufallsort. Die Stadt gilt als das Zentrum der taiwanischen Investition in China, mit über hunderttausend dort lebenden Taiwanern, einer eigenen Schule für deren Kinder — und einer Lieferkette, die ein Drittel der Laptops der Welt hervorbrachte.

Als die Verflechtung Politik wurde

Zwei Jahrzehnte lang war der Kapitalexport eine Sache der Bilanzen. 2014 wurde er zur größten Straßenbewegung der taiwanischen Nachkriegsgeschichte — und der Verlauf dieses Konflikts sagt mehr über die Insel als jede Investitionsstatistik.

Unter Präsident Ma Ying-jeou, 2008 mit 58,45 Prozent gewählt, wurden binnen acht Jahren 23 Abkommen mit Peking geschlossen. Das wichtigste war das Rahmenabkommen über wirtschaftliche Zusammenarbeit (ECFA) vom 29. Juni 2010, mit einer sofort wirksamen Liste zollbefreiter Waren. Wem diese Liste nützte, hat die taiwanische Regierung selbst aufgeschlüsselt: Von den 539 Positionen entfielen 88 auf die Petrochemie — und die trugen 42,96 Prozent des Warenwerts. Auf die Landwirtschaft entfielen 18 Positionen und 0,12 Prozent — eine Aufteilung, die der Ökonom Yen Huai-shing unabhängig bestätigt. Verkauft wurde das Abkommen mit Orchideen und Tee.

Drei Jahre später folgte das Dienstleistungsabkommen CSSTA, unterzeichnet am 21. Juni 2013 in Shanghai. Taiwan öffnete 64 Branchen für chinesisches Kapital: Werbung, Marktforschung, Telekommunikation, Landverkehr, Bau, Krankenhaus- und Sozialdienste, Reisebüros, Wäschereien, Friseursalons, Bestattungsinstitute — und Druckdienstleistungen bis zu einer Beteiligung von 50 Prozent. Dass die Analogie zu Hongkong nicht von den Gegnern stammte, sondern vom Unterzeichner, gehört zur Sache: Der Chef der taiwanischen Verhandlungsstiftung erklärte, das Abkommen öffne zu achtzig Prozent mindestens so weit wie das Hongkonger CEPA von 2003, bei Finanzdienstleistungen zu neunzig.

Am 17. März 2014, um 14:39 Uhr, erklärte der Ausschussvorsitzende Chang Ching-chung von der Kuomintang die Prüfung des Abkommens nach dreißig Sekunden für beendet und überwies es ans Plenum — statt es, wie vereinbart, Artikel für Artikel zu prüfen. Der Begriff, der hängen blieb, lautet 黑箱服貿: das Blackbox-Abkommen.

Am Abend des 18. März stiegen rund fünfzig Studierende durch ein Fenster in den Legislativ-Yuan. Sie blieben vierundzwanzig Tage. Am 23. März stürmte eine Gruppe zusätzlich den Exekutiv-Yuan; die Räumung in der Nacht darauf brachte über 5.000 Bereitschaftspolizisten, Wasserwerfer, über 150 Verletzte und 61 Festnahmen. Am 30. März stand vor dem Präsidialamt die größte Demonstration seit Jahrzehnten — die Polizei zählte 116.000 Menschen, die Veranstalter 500.000.

Die Bewegung stürzte die Regierungspartei. Bei den Kommunalwahlen im November 2014 fiel die Kuomintang von vierzehn auf sechs der zweiundzwanzig Gebietskörperschaften, der Premier trat zurück, Ma legte den Parteivorsitz nieder; 2016 gewann Tsai Ing-wen mit 56 Prozent und die DPP erstmals die Parlamentsmehrheit.

Und hier liegt der Befund, um den es in diesem Text geht. Die Bewegung richtete sich gegen die Verflechtung — aber nicht gegen die, die davon lebte. Ein Teilnehmer, der die Besetzung von innen beschrieben hat, formuliert es so:

„except for a few debates at Jianmin jiefang qu, nobody really talked about the need of Taiwanese capital to consolidate their investments in China through political integration.”

Von wenigen Debatten in einer Randgruppe abgesehen, sprach niemand über das Bedürfnis des taiwanischen Kapitals, seine Investitionen in China politisch abzusichern. Stattdessen, so derselbe Bericht, habe sich die Rhetorik auf den Podien und in den Medien „oft nicht auf chinesisches Kapital, sondern auf chinesische Migranten” gerichtet — auf die eingebildeten Millionen, die das Land überschwemmen würden. Auf der Großdemonstration am 30. März argumentierte ein Redner vor zustimmendem Publikum, Taiwaner seien von Festlandchinesen „rassisch verschieden”, ohne dass die Studierendenführung eingriff.

Die Ausnahme trug einen Namen, der die Sache trifft: 賤民解放區, „Befreite Zone der Unberührbaren” — eine abgespaltene Gruppe, die das Abkommen ablehnte, weil es ein Freihandelsabkommen war, und nicht, weil es mit China geschlossen wurde. Beteiligt waren die Gewerkschaften geschlossener Fabriken, die Industriegewerkschaften von Taoyuan und Taipeh, Anwohnerinitiativen gegen Zwangsräumungen — und die Taiwan International Workers’ Association, die zentrale Organisation für Wanderarbeit. Sie wurden dafür als „pro-Vereinigungs-Linke” etikettiert. Es war, wie der Augenzeuge schreibt, „der einzige Ort, an dem eine internationalistische Tagesordnung diskutiert wurde”.

Dass die soziale Frage trotzdem im Spiel war, zeigt eine Zahl, die zum Schlagwort wurde: 22K. Uni-Absolventinnen verdienten 22.000 NT-Dollar im Monat, benannt nach einem staatlichen Praktikumsprogramm, das diesen Satz zahlte und ihn dadurch zur Norm machte. Die Generation, die das Parlament besetzte, war die Generation, für die der Aufstieg der Insel keine Wohnung mehr abwarf.

Und dann endete die Besetzung, und die Art, wie sie endete, ist der Schlussstein. Am 6. April sagte Parlamentspräsident Wang Jin-pyng zu, das Abkommen nicht zu behandeln, bevor ein Kontrollgesetz für Vereinbarungen mit China verabschiedet sei. Vermittelt hatte diesen Ausgang, nach der Chronik von New Bloom, Terry Gou — der Gründer von Foxconn. Zwei Tage vorher hatte er darum gebeten, auf dem besetzten Gelände sprechen zu dürfen, und war abgewiesen worden.

Der Mann, dessen Konzern die Verflechtung überhaupt erst hergestellt hatte, beendete die Bewegung gegen sie.

Das Kontrollgesetz kam nie. 2019 wurde stattdessen ein Artikel 5-3 in das Gesetz über die Beziehungen zwischen beiden Seiten eingefügt, der Abkommen politischen Inhalts an Dreiviertelmehrheiten und ein Referendum bindet. Handelsabkommen fallen nicht darunter.

1992

In der Geschichte der taiwanischen Demokratie ist 1992 ein gutes Jahr. Am 19. Dezember wählte die Insel zum ersten Mal ihr Parlament vollständig neu. Bis dahin hatten dort Abgeordnete gesessen, die 1947 auf dem chinesischen Festland gewählt worden waren und ihre Mandate über vier Jahrzehnte behalten hatten — jene Konstruktion, mit der die Kuomintang ihren Anspruch aufrechterhielt, ganz China zu vertreten. Zum Jahresende 1991 wurden sie in den Ruhestand versetzt.

Im selben Jahr entstand das Gesetz, das ein Beschäftigungsverhältnis ohne Bürgerrechte begründete: der Employment Service Act 就業服務法, verkündet am 8. Mai 1992, siebzig Artikel. Er regelt die Anwerbung von Arbeitskräften aus den Philippinen, Indonesien, Vietnam und Thailand und trennt sie systematisch von den übrigen Ausländern: Wer als Ingenieurin kommt, fällt in die eine Gruppe, wer auf den Bau oder in die Pflege kommt, in die andere.

Die beiden Daten liegen nicht nebeneinander, sie liegen hintereinander, und die Reihenfolge ist die Pointe. Das Gesetz kam am 8. Mai, die Wahl am 19. Dezember — die Schließung sieben Monate vor der Öffnung. Beschlossen wurde der Employment Service Act von einem Parlament, das seine eigene demokratische Legitimation noch vor sich hatte.

Angefangen hatte es früher, und die Anfangsbedingungen sind aufschlussreicher als das Gesetz. 1989 erlaubte die Regierung versuchsweise die Anwerbung ausländischer Männer über zwanzig für staatliche Bauprojekte. Die Arbeitserlaubnis galt ein Jahr, verlängerbar um ein weiteres. Sie erlosch — und die Rückführung folgte — bei Krankheit über einen Monat, bei Arbeit für einen anderen als den eingetragenen Arbeitgeber, bei Störung der öffentlichen Ordnung, bei Heirat und bei Familiennachzug.

Ende Juli 2026 zählte das Arbeitsministerium 903.674 Wanderarbeiterinnen und Wanderarbeiter in Taiwan — 338.504 aus Indonesien, 303.437 aus Vietnam, 188.578 von den Philippinen, 73.146 aus Thailand. Aus allen übrigen Ländern der Welt zusammen: neun Personen.

Wie groß dieser Anteil an der Erwerbsbevölkerung ist, lässt sich nicht so leicht sagen, wie es scheint, und der Grund gehört zur Sache. Taiwans amtliche Arbeitskräfteerhebung erfasst die Bevölkerung mit Haushaltsregistrierung. Wanderarbeiterinnen haben keine. Sie kommen in der Statistik der Erwerbstätigen nicht vor, weder im Zähler noch im Nenner. Rechnet man sie hinzu, wie es sachlich richtig ist, ergeben sich rund sieben Prozent.

Sieben Prozent klingt nach wenig, und deshalb kursiert die andere Zahl: dreißig bis vierzig Prozent in arbeitsintensiven Branchen. Beide stimmen, aber sie messen nicht dasselbe, und der Unterschied ist kein statistischer, sondern ein juristischer. Die dreißig bis vierzig Prozent sind kein Messwert, sondern ein Deckel. Seit 1997 gilt im verarbeitenden Gewerbe eine gesetzliche Höchstquote für den Anteil der Wanderarbeit an einer Belegschaft; sie lag zunächst bei dreißig Prozent, wurde 2003 für die Freihandelszonen der Häfen auf vierzig angehoben, 2010 nach Betriebskategorien gestaffelt und 2023 weiter gelockert. In arbeitsintensiven Betrieben darf also bis zu jede dritte Stelle so besetzt werden. Über alle Sektoren gerechnet ist es rund jede vierzehnte.

Nicht der Lohn hat die Ausnahmen, die Zuständigkeit hat sie

Ob eine Wanderarbeiterin in Taiwan den Mindestlohn bekommt, hängt nicht davon ab, wie schwer ihre Arbeit ist. Es hängt davon ab, welche Behörde für sie zuständig ist. Es gibt drei, und sie zahlen verschieden.

Erstens das Arbeitsnormengesetz 勞動基準法. Wer in der Fabrik, auf dem Bau oder in der Küstenfischerei arbeitet, fällt darunter und hat Anspruch auf den gesetzlichen Mindestlohn: seit dem 1. Januar 2026 29.500 NT-Dollar im Monat.

Zweitens der Privathaushalt. Häusliche Pflegekräfte und Haushaltshilfen fallen nicht unter das Arbeitsnormengesetz — nicht weil das Gesetz sie vergessen hätte, sondern weil die Arbeitsbehörde sie 1999 ausdrücklich herausgenommen hat, mit der Begründung, Arbeitszeit und Ruhezeit ließen sich im Haushalt nicht trennen. Ein eigenes Hausarbeitsschutzgesetz wurde 2004 in den Legislativ-Yuan eingebracht. Es ist bis heute nicht verabschiedet — seit zweiundzwanzig Jahren. Für diese Gruppe gilt kein Mindestlohn, sondern ein behördlich gesetzter Vertragslohn von 20.000 NT-Dollar.

Drittens die Hochsee. Wer auf einem taiwanischen Fernfischereischiff anheuert und dabei im Ausland angeworben wurde, fällt nicht einmal mehr unter das Arbeitsministerium, sondern unter die Fischereibehörde. Deren Verordnung bestimmt in § 6-1: 「每月最低工資,為美金五百五十元」 — der monatliche Mindestlohn beträgt 550 US-Dollar, festgesetzt in einer fremden Währung, seit der Anhebung von 450 Dollar im Jahr 2022 unverändert.

Das amerikanische Außenministerium beschreibt die Konstruktion in seinem Bericht zum Menschenhandel 2025 nüchtern: Taiwans Arbeitsnormengesetz schütze die auf Hochseeschiffen angeheuerten Fischer nicht; die dort festgesetzte Mindestvergütung liege „unter Taiwans allgemeinem Mindestlohn”; und die Aufteilung der Zuständigkeit zwischen zwei Ministerien behindere weiterhin die Verfolgung von Zwangsarbeitsfällen auf See.

Nicht der Mindestlohn hat also Ausnahmen. Die Zuständigkeit hat sie — und wo sie endet, endet der Lohn.

Wie groß die zweite Gruppe ist, sagt dieselbe Statistik: 213.221 häusliche Pflegekräfte und 3.392 Haushaltshilfen, zusammen 216.613 Menschen, die in Privatwohnungen arbeiten und außerhalb des Arbeitsrechts stehen. Sie pflegen die Alten eines Landes, dessen Geburtenzahl im Vorjahr unter 108.000 lag.

Der Moment, in dem diese Zweiteilung entstand, ist datierbar. Zwischen dem 16. Oktober 1997 und dem 1. Juli 2007 wurde der taiwanische Mindestlohn kein einziges Mal angehoben — neun Jahre und achteinhalb Monate, in der amtlichen Aufstellung des Arbeitsministeriums als Sprung von Position 21 auf Position 22 sichtbar. Als er 2007 endlich stieg, von 15.840 auf 17.280 NT-Dollar, stiegen die Löhne der Hausangestellten nicht mit. Sie blieben bei 15.840 stehen. Erst 2015 wurden daraus 17.000, und erst im August 2022 die heutigen 20.000 — nicht auf Betreiben taiwanischer Politik, sondern weil Indonesien im März 2022 aufhörte, Arbeitsverträge zu beglaubigen, und fünf Monate lang verhandeln ließ.

Es brauchte ein Herkunftsland, das die Lieferung einstellte, damit sich am Lohn etwas bewegte. Die Betroffenen selbst konnten das nicht erzwingen, und der Grund dafür steht im Gesetz.

Die Schuld vor dem ersten Arbeitstag

Artikel 53 Absatz 4 des Employment Service Act bestimmt, dass ausländische Beschäftigte in den Tätigkeitsgruppen 8 bis 11 — Hochseefischerei, häusliche Pflege, Haushalt, Infrastrukturbau — weder den Arbeitgeber noch die Tätigkeitsart wechseln dürfen, sofern die Behörde es nicht in bestimmten Fällen genehmigt. Diese Fälle stehen in Artikel 59, und sie haben eine Gemeinsamkeit: Tod oder Auswanderung des Arbeitgebers, Tod der gepflegten Person, Untergang des Schiffs, Betriebsschließung, Lohnausfall. Jeder einzelne Erlaubnisgrund betrifft ein Ereignis auf der Arbeitgeberseite. Dass es einer Beschäftigten bei ihrem Arbeitgeber nicht mehr zumutbar ist, kommt als Kategorie nicht vor — sie kann Missbrauch geltend machen, trägt dafür aber, wie das US-Außenministerium festhält, selbst die Beweislast, während ihr Aufenthaltsstatus an eben dem Vertrag hängt, den sie angreift.

Artikel 52 begrenzt die einzelne Erlaubnis auf drei Jahre und die Summe aller Erlaubnisse auf zwölf Jahre; nur für häusliche Pflegekräfte mit nachgewiesener Fachausbildung sind es vierzehn. Im selben Absatz steht der Satz, auf den es ankommt: 且不適用前條第一項第二款之規定 — und die Regelung des vorstehenden Artikels Absatz 1 Nummer 2 findet keine Anwendung. Jene Regelung befreit Ausländer, die fünf Jahre ununterbrochen legal beschäftigt waren, von den Beschränkungen des Ausländerarbeitsrechts. Es ist der übliche Weg vom befristeten zum dauerhaften Aufenthalt, und für diese Gruppe ist er ausdrücklich abbestellt.

Zwölf Jahre Arbeit führen also nicht näher an ein Bleiberecht heran als zwölf Monate. Der Weg ist nicht schwer, er ist nicht vorgesehen. Seit 2022 gibt es eine Ausnahme für Beschäftigte mit über sechs Jahren Aufenthalt, Qualifikationsnachweis und mindestens 33.000 NT-Dollar Monatslohn. Wie viele Menschen diesen Status erhalten haben, ist nicht öffentlich ausgewiesen; ohne diese Zahl lässt sich nicht sagen, ob es sich um ein Tor handelt oder um ein Schild an einer Wand.

Bleibt die Frage, warum Menschen unter diesen Bedingungen kommen — und warum sie bleiben, wenn es schlecht läuft. Die Antwort ist eine Zahl, die entsteht, bevor der erste Arbeitstag beginnt.

Der Menschenhandelsbericht des US-Außenministeriums beziffert die Vermittlungsgebühren, die im Herkunftsland verlangt werden, auf bis zu 1.500 Dollar für philippinische, 4.500 für thailändische und indonesische und 6.000 Dollar für vietnamesische Arbeitskräfte — und stellt in einem Satz fest, worauf es ankommt: „Taiwan law does not prohibit recruitment fees charged abroad.” Taiwanisches Recht verbietet die Gebühren nicht, weil sie außerhalb Taiwans erhoben werden. Sechstausend Dollar sind, gemessen am Industriemindestlohn von 2026, rund sechseinhalb Monatslöhne; gemessen am Vertragslohn einer Pflegekraft fast zehn.

In Taiwan selbst kommt die monatliche Servicegebühr dazu, gesetzlich gestaffelt auf 1.800 NT-Dollar im ersten, 1.700 im zweiten und 1.500 ab dem dritten Jahr — über drei Jahre 60.000 NT-Dollar. Diese Sätze stammen aus dem Jahr 2001 und sind seither nominal unverändert, während sich der Mindestlohn fast verdoppelt hat. Dass die Vermittler sie brauchen, hat einen Grund, den der Bericht ebenfalls nennt: Taiwanische Unternehmen dürfen Personalaufgaben auslagern, und die Agenturen erbringen sie kostenlos für die Firma — finanziert über die Gebühren derer, die sie vermitteln.

Was dabei kontrolliert wird, ist der Rest der Geschichte. 2024 führte das Arbeitsministerium 2.738 Prüfungen bei Vermittlungsagenturen durch. Es stellte 13 Fälle überhöhter Gebühren fest. Bei rund 800.000 Beschäftigten im System.

Die Folge lässt sich zählen. Der amerikanische Bericht nennt für März 2025 97.975 Wanderarbeitende, deren Aufenthaltsort den Behörden unbekannt war. Im Jahr 2000 waren es 5.500. Und die Verteilung ist eindeutig: Etwa zwei Drittel der Untergetauchten sind Vietnamesinnen und Vietnamesen — bei einem Anteil von einem Drittel an allen Wanderarbeitenden. Es ist die Gruppe mit den höchsten Vermittlungsschulden.

Der italienische Korrespondent Lorenzo Lamperti, der aus Taipeh über die ostasiatischen Migrationsregime berichtet, fasst den Mechanismus in einem Satz zusammen, der das Visum als Nebensache erscheinen lässt: Die vor Arbeitsbeginn aufgenommene Schuld sei einer der Mechanismen, die die Fähigkeit senken, ein ungünstiges Arbeitsverhältnis zu verlassen. Nicht die Aufenthaltserlaubnis bindet zuerst. Der Kredit tut es.

So weit, wie der Importstopp reicht

Am 30. September 2020 setzte das amerikanische Arbeitsministerium Fisch aus Taiwans Hochseeflotte auf seine Liste der Güter, die mit Zwangs- oder Kinderarbeit hergestellt werden. Die Begründung nennt rund 35.000 Beschäftigte in dieser Flotte, angeworben von Agenturen, die „mitunter mit falschen Angaben über Löhne und Vertragsbedingungen täuschen und von den Arbeitern verlangen, Vermittlungsgebühren zu zahlen und Schuldverträge zu unterschreiben”. Weiter: einbehaltene Ausweispapiere, Monate auf See ohne Hafenanlauf, „forced to work 18 to 22 hours a day”.

Die Aufsicht ist so ausgestattet, wie die Zuständigkeit vermuten lässt: Von den 32 ausländischen Häfen, die für taiwanische Hochseeschiffe zugelassen sind, hat in elf ein Inspektor der Fischereibehörde seinen Sitz — und diese Inspektoren haben, wie der Menschenhandelsbericht festhält, keine gesetzliche Befugnis, Arbeitsschutzkontrollen durchzuführen.

Dann geschah etwas, das den Mechanismus des ganzen Systems offenlegt. Im September 2025 verhängte die amerikanische Zollbehörde einen Einfuhrstopp gegen Giant Manufacturing — den größten Fahrradhersteller der Welt, ein taiwanisches Unternehmen, produzierend in Taiwan. Die Behörde stellte fünf Indikatoren der Internationalen Arbeitsorganisation fest, darunter Schuldknechtschaft, einbehaltene Löhne und exzessive Überstunden. Fünf Monate später, im Februar 2026, veröffentlichte Taiwans Arbeitsministerium erstmals Leitlinien zur Verhinderung von Zwangsarbeit.

Ein juristischer Kommentar dazu enthält den Satz, an dem sich die Reichweite ablesen lässt: Häusliche Pflegekräfte seien von den Leitlinien nicht erfasst, weil Einfuhrverbote auf den taiwanischen Pflegesektor keine Wirkung hätten.

Das ist die präziseste Beschreibung des Regimes, die sich finden lässt, und sie stammt nicht von seinen Kritikern. Taiwan reguliert Zwangsarbeit genau so weit, wie ein amerikanischer Importstopp reicht. Die 216.613 Menschen, die in Privatwohnungen pflegen und putzen, verschiffen nichts. Deshalb schützt sie niemand.

Das Kontinuum

An dieser Stelle liegt der Kurzschluss nahe, Taiwan habe ein Rassismusproblem entwickelt, seit die Wanderarbeit ins Land kam. Ruckus widerspricht dem, und sein Einwand ist die analytisch stärkste Beobachtung dieses Teils: Die Rassifizierung ist nicht mit den Migrantinnen gekommen. Sie hat nur die Träger gewechselt.

Zeitraumprivilegiertherabgesetzt
17.–19. JahrhundertHan-SiedlerIndigene
1895–1945JapanerTaiwaner
1949 bis in die 1990erFestlandchinesen (Waishengren)Einheimische (Benshengren)
seit den 1990ernalle Taiwanersüdostasiatische Wanderarbeit

Jede Zeile dieser Tabelle war Gegenstand eines früheren Teils. Die erste steht in Teil 1: Die Han kamen als angeworbene Arbeitskräfte einer niederländischen Handelsgesellschaft und wurden über die Indigenen gesetzt. Die zweite und dritte stehen in Teil 2.

Die Form wechselt, die Funktion bleibt: Spaltung der Arbeitenden in eine obere und eine untere Hälfte, die verschieden bezahlt und verschieden behandelt werden. Das entzieht sowohl der kulturalistischen Erklärung als auch der bloßen Empörung den Boden. Es handelt sich nicht um eine Eigenheit taiwanischer Mentalität, sondern um ein Bauteil, das viermal in Folge dieselbe Funktion erfüllt hat.

Und es hat Nutznießer, die man nicht gern benennt. Ruckus tut es: Auch einheimische Arbeiterinnen und Arbeiter profitieren strukturell von dieser Hierarchie — über Boni, die sie bekommen und die Wanderarbeit nicht, über Aufstiegswege in die Position des Vorarbeiters, über die Verlagerung der schmutzigsten Arbeit nach unten. Das erklärt, warum die taiwanischen Gewerkschaften diese Beschäftigten kaum organisieren, und warum die Standardbegründung dafür — „wir sprechen ihre Sprache nicht” — die Sache eher verdeckt als erklärt. Dolmetschen ist ein lösbares Problem. Konkurrenz um Boni ist ein Interesse.

Wie das im Ernstfall aussieht, hat die Pandemie gezeigt. Am 7. Juni 2021 ordnete der Landrat des Kreises Miaoli an, dass alle Arbeitsmigrantinnen seines Kreises ihre Unterkünfte außerhalb der Arbeitszeit nicht mehr verlassen dürften; Polizei und Behörden sollten „augenscheinliche Ausländer” auf der Straße kontrollieren. Für Taiwanerinnen galt nichts dergleichen. Anlass waren Ausbrüche in acht Elektronikfabriken des Wissenschaftsparks Jhunan, darunter beim weltgrößten Chip-Testdienstleister King Yuan Electronics — von 471 Fällen betrafen 400 Arbeitsmigrantinnen. Der Kontroll-Yuan stellte am 28. Juli 2022 fest, die Anordnung sei ohne Rechtsgrundlage ergangen. Der Landrat hatte Menschenrechtsverteidigern zuvor geantwortet, über Menschenrechte könne man nicht reden, wenn man tot sei.

Die Gewerkschaften, die es gibt

In den Notizen, aus denen dieser Text entstanden ist, stand ein Satz, der sich beim Nachprüfen als falsch erwiesen hat: Die Selbstorganisation der Migrantinnen bleibe schwach. Das ist eine Negativbehauptung, und Negativbehauptungen sind die, die man am seltensten prüft. Diese hält nicht.

Am 25. Mai 2013 gründeten 89 philippinische Fischer in Yilan die erste von Wanderarbeitern selbst geführte Gewerkschaft Taiwans — Vorsitzender Alfredo Cataluna, Aufsichtsratssprecher Jose Toquero. Sechs Wochen später, im Juli 2013, führten sie einen wilden Streik gegen die Praxis, ihnen Unterkunftsgebühren abzuziehen, obwohl sie an Bord schliefen. Die Praxis wurde beendet.

2016 folgte der größere Erfolg. Bis dahin mussten Wanderarbeitende nach jeweils drei Jahren Taiwan verlassen und wieder einreisen — ein Vorgang, der jedes Mal neue Vermittlungsgebühren auslöste und rund 14.000 Menschen im Jahr betraf. Nach einer Demonstration, die den Namen 反剝皮 trug — gegen das Häuten —, strich der Legislativ-Yuan am 21. Oktober 2016 die Klausel aus Artikel 52.

Und es gibt den langen Atem. Der indonesische Fischer Supriyanto starb in der Nacht zum 25. August 2015 an Bord eines taiwanischen Hochseeschiffs; die Staatsanwaltschaft schloss den Fall als Tod durch Krankheit. Nach einer Eingabe der Fischer-Organisationen beim Kontroll-Yuan wurde neu ermittelt, im August 2023 Anklage erhoben und der Fall im Mai 2025 verglichen. Knapp zehn Jahre vom Tod bis zum Abschluss.

Seit 2003 findet alle zwei Jahre ein landesweiter Marsch der Wanderarbeitenden statt; die Losung von 2019 lautete „Vermittler abschaffen”, die von 2025 „Arbeitsjahresgrenze abschaffen”. Bei den Kundgebungen vor den Vertretungen Indonesiens, der Philippinen und Vietnams im November 2019 trat die taiwanische Unterstützerorganisation TIWA erstmals bewusst in die zweite Reihe; gesprochen wurde auf Bahasa Indonesia, Tagalog und Vietnamesisch.

Was stimmt, ist etwas anderes, und es ist schlimmer als Schwäche. Jede dieser Strukturen ist angegriffen worden. Der Präsident der Fischergewerkschaft von Yilan wurde 2019 zum Rücktritt gedrängt, nachdem der örtliche Fischereiverband den Beschäftigten mit Bonusentzug gedroht hatte. Bei der Medizintechnikfirma TaiDoc in Neu-Taipeh gründeten philippinische Beschäftigte 2025 eine Betriebsgewerkschaft; am 11. Februar 2026 entließ das Unternehmen die gesamte Gewerkschaftsführung wegen „Kollusion mit externen Gruppen”. Als die Entlassenen im März vor der philippinischen Vertretung in Taipeh demonstrierten, weil diese sich schriftlich auf die Seite des Managements gestellt hatte, sagte Gilda Banugan von der Organisation Migrante Taiwan den Satz, der diesen Abschnitt beschließen kann: „You cannot deport the truth, and you cannot erase our demand for justice.”

Die belastbare Fassung lautet deshalb nicht, dass es keine Organisierung gibt. Sie lautet: Gemessen an 900.000 Betroffenen ist der Organisationsgrad winzig, und er ist es, weil ein Rechtsrahmen Kündigung und Abschiebung koppelt — und weil jede erfolgreiche Gründung mit Entlassung beantwortet wird.

Die Spitze ohne Gewerkschaft

Von den drei Antworten des Kapitals auf die Krise der achtziger Jahre fehlt noch die erste, und sie ist diejenige, für die Taiwan heute weltweit bekannt ist.

TSMC wurde am 21. Februar 1987 gegründet, und die verbreitete Kurzformel „staatlich gegründet” ist zu grob. Das Unternehmen war ein Gemeinschaftsvorhaben mit einem Gesamtkapital von 145 Millionen US-Dollar: Der Entwicklungsfonds der Regierung hielt 48,3 Prozent — in bar, ohne Technologieeinlage —, der niederländische Konzern Philips 27,5 Prozent samt Fertigungstechnik und Lizenzen, acht private taiwanische Investoren die restlichen 24,2 Prozent. Personal und Fabrik kamen aus dem staatlichen Forschungsinstitut ITRI, das 98 Fachkräfte mitgab.

Bemerkenswert ist, wer nicht dabei war. Morris Chang fragte Intel, Texas Instruments, Motorola, AMD, Panasonic und Sony — alle lehnten ab. Und auch die taiwanischen Konzerne mussten überredet werden: Formosa Plastics stieg mit fünf Prozent widerwillig ein und verkaufte, sobald der Kurs stimmte. Heute hält der staatliche Fonds noch 6,38 Prozent.

In dieser Industrie gibt es keine Gewerkschaft. Der Satz stimmt und ist trotzdem zu präzisieren, denn in der Fassung „union-free industry” wird er falsch. Richtig ist: In keinem der großen Halbleiterkonzerne — TSMC, UMC, MediaTek, ASE — besteht eine Betriebsgewerkschaft, obwohl das Organisationsrecht ohne Nationalitätsschranke im Gesetz steht.

Warum das so bleibt, zeigt der einzige gut dokumentierte Versuch. Als der TSMC-Ableger Vanguard 2014 einen Betrieb übernahm, in dem seit 2012 eine Gewerkschaft bestand, meldeten die Mitglieder sie neu an. Einen Tag später bestellten Personalmanager sie einzeln ein und ließen sie ein 悔過書 unterschreiben — ein Reuebekenntnis — sowie einen Austrittsantrag. Beides reichte das Unternehmen bei der Arbeitsbehörde ein, um die Anmeldung abweisen zu lassen. Die Gewerkschaft demonstrierte daraufhin auch vor TSMC, dem Großaktionär.

Die rechtliche Hürde davor ist eine Zahl: Dreißig Beschäftigte müssen eine Gründung namentlich unterzeichnen. Morris Chang nannte diese Schwelle 2017 im Beisein der Präsidentin zu niedrig — in den USA brauche man die Mehrheit der Belegschaft. Der Gewerkschaftsforscher Chang Feng-yi hat das Argument umgedreht: In den USA ist es eine anonyme Wahl vor einer Bundesbehörde. In Taiwan müssen die dreißig Ausweiskopien beim Arbeitsamt einreichen. Man muss, schreibt er, „im Betrieb erst dreißig Märtyrer finden”.

Was dabei herauskommt, steht in der amtlichen Statistik. Rechnet man die Berufsgewerkschaften heraus, deren Hauptfunktion die Sozialversicherungsanmeldung ist, liegt Taiwans Organisationsgrad bei 7,9 Prozent — hinter den USA mit 9,9, Japan mit 16,1 und Deutschland mit 16,3. In derselben Tabellensammlung steht die Streikstatistik: 2023 gab es in Taiwan einen Streik, 2024 keinen. In elf Jahren zusammen vierzehn. Südkorea hatte allein 2023 zweihundertdreiundzwanzig.

Für die Arbeitszeiten braucht es keine Anekdote mehr, das Unternehmen schreibt sie selbst aus. In TSMCs Stellenanzeige für Fertigungstechniker steht: 四班二輪制 — vier Schichtgruppen, zwei Tage Arbeit, zwei Tage frei; Tagschicht 7:20 bis 19:20 Uhr, Nachtschicht 19:20 bis 7:20 Uhr; drei bis fünf Monate Nachtschicht am Stück. Monatslohn 32.000 NT-Dollar in der Tag-, 43.000 in der Nachtschicht, Jahresgehalt „über 800.000”. Vorausgesetzt wird ein Schulabschluss, kein Fach, keine Erfahrung.

Diese Zahl gehört neben eine zweite. Der ausgewiesene Durchschnittslohn der nichtleitenden Vollzeitkräfte bei TSMC lag 2025 bei 4,07 Millionen NT-Dollar im Jahr. Die Menschen in der Zwölf-Stunden-Rotation liegen bei einem Fünftel davon. Der Durchschnitt, mit dem die Industrie ihre Attraktivität belegt, beschreibt die Ingenieure — nicht die Belegschaft im Reinraum.

Der Zettel, aus dem dieser Abschnitt stammt, enthält eine These, die sich beim Nachprüfen bestätigt und zuspitzen lässt: TSMC ist nicht trotz, sondern wegen seiner geopolitischen Bedeutung gewerkschaftsfrei. Ein Streik bei TSMC wäre kein Tarifkonflikt, sondern ein weltwirtschaftliches Ereignis — und der Druck dagegen käme nicht nur vom Konzern, sondern aus demselben Sicherheitsdiskurs, der in Teil 3 schon die Lohnfrage vertagt hat. Je unverzichtbarer die Industrie, desto teurer jede Mobilisierung.

Im Mai 2026 wurde das erstmals seit Jahren auf die Probe gestellt: TSMC senkte die Gewinnbeteiligung von zwölf auf zehn Prozent, was für die Beschäftigten einem Verlust von fünf bis sechs Monatsgrundgehältern im Jahr entspricht. Die Antwort der Belegschaft war keine Gewerkschaft, sondern eine 準時下班運動 — eine Pünktlich-Feierabend-Bewegung.

Was passiert, wenn das Modell auswandert

Die Probe aufs Exempel läuft derzeit in der Wüste von Arizona. TSMC hat seine dortige Investition in fünf Schritten von 12 auf zuletzt 265 Milliarden Dollar erhöht — und dabei erstmals in einem Land gebaut, in dem die Bauarbeiter organisiert sind.

Im Juli 2023 erklärte der damalige Vorsitzende Mark Liu die Verzögerung der Produktion mit einem Mangel an ausreichend qualifizierten Facharbeitern vor Ort und kündigte an, über 500 Arbeiter aus Taiwan zu holen. Die Antwort des Bauarbeiterverbands von Arizona, 20.000 Mitglieder, kam eine Woche später: „Blaming American workers for problems with this project is as offensive to American workers as it is inaccurate.” Dem American Prospect sagte derselbe Verbandspräsident, es sei eine Schande.

Im Dezember 2023 einigte man sich auf ein Rahmenabkommen. Es ist ausdrücklich kein Tarifvertrag und kein Project Labor Agreement, und es enthält die Klausel, dass Umstände es erfordern könnten, ausländische Arbeitskräfte mit besonderer Erfahrung zu beschäftigen. Die acht Arbeitsschutzinspektionen, die die Behörde von Arizona seither bei TSMC durchgeführt hat, führen den Betrieb in allen acht Datensätzen als NonUnion.

Seit August 2024 läuft dazu eine Sammelklage von inzwischen 28 ehemaligen und gegenwärtigen Beschäftigten wegen Diskriminierung; die Beweisaufnahme endet im November 2026, die Anhörung ist auf April 2027 terminiert. In der Klageschrift steht der Satz, den taiwanische Vorgesetzte den amerikanischen Bauarbeitern entgegengehalten haben sollen, als diese sich über unbezahlte Überstunden beschwerten: „Are all union workers this slow?”

Auf TSMCs eigener Arizona-Seite, rund 109.000 Zeichen lang, kommt das Wort union kein einziges Mal vor.

Der Widerhaken

Es gibt ein Argument, das aus all dem einen Trost macht: Wer wirtschaftlich so eng verflochten ist, führt keinen Krieg gegeneinander. Niemand bombardiert die eigene Fabrik. Die Verflechtung, die dieser Text als Ausbeutungskette beschrieben hat, wäre demnach zugleich eine Friedensgarantie.

Das Argument hat einen Haken, und er steckt in derselben Statistik. Die Kapitalverflechtung ist längst zusammengebrochen. Der Anteil Chinas an Taiwans genehmigten Auslandsinvestitionen fiel von 83,8 Prozent im Jahr 2010 auf 3,75 Prozent im Jahr 2025; absolut von 14,6 auf 1,5 Milliarden Dollar, die Zahl der Vorhaben von 914 auf 241.

Wie das auf Betriebsebene aussieht, zeigt der Fall, der in Teil 3 begonnen hat. Pou Chen aus Taichung ist der größte Markenschuhhersteller der Welt und fertigt für Nike, Adidas, Asics und New Balance. Ende 2017 beschäftigte der Konzern 364.988 Menschen — davon 3.775 in der taiwanischen Muttergesellschaft. Ein Verhältnis von eins zu siebenundneunzig.

Im April 2014 streikten in seinem Werk in Dongguan rund 40.000 Beschäftigte, weil das Unternehmen jahrelang zu geringe Sozialversicherungsbeiträge abgeführt hatte — der größte Arbeitskampf des Perlflussdeltas seit einem Jahrzehnt. Zwei Arbeitsrechtsberater wurden festgenommen, einer wegen „Streit suchen und Ärger provozieren” angeklagt. Das Unternehmen bezifferte die direkten Kosten auf 27 Millionen Dollar und zahlte nach. Im Geschäftsbericht für 2025 kommen die Wörter Gaobu und strike nicht mehr vor; Dongguan erscheint zweimal, beide Male im Beteiligungsverzeichnis.

Und die Belegschaft ist weitergezogen. Der Anteil Festlandchinas an der Fertigungsbelegschaft des Konzerns fiel von rund vierzehn Prozent (2017) auf 8,3 Prozent (2025); Indonesien liegt heute bei 48,8 Prozent. Nach Schuhvolumen kommt über die Hälfte aus Indonesien und neun Prozent aus China.

Sinkt die Verflechtung, sinkt die Hemmschwelle — so weit trägt der Befund. Aber er trägt nicht weiter, und die Ehrlichkeit gebietet den Gegenbefund. Die Handelsverflechtung ist der Investitionsverflechtung nicht gefolgt. Als der Investitionsanteil bereits von 83,8 auf 33 Prozent gefallen war, erreichte der Exportanteil nach China und Hongkong mit 43,9 Prozent im Jahr 2020 seinen historischen Höchststand. Er sinkt erst seit 2021 und lag 2025 bei 26,6 Prozent — dem niedrigsten Wert seit fünfundzwanzig Jahren.

Nur: Das ist ein Anteil, kein Betrag. Absolut exportierte Taiwan 2025 Waren für 170,5 Milliarden Dollar nach China und Hongkong — dreizehn Prozent mehr als im Vorjahr und mehr als im Rekordjahr 2020. Der Anteil schrumpft, weil der Rest schneller wächst, vor allem das Geschäft mit amerikanischer KI-Hardware.

Zwei Kurven also, die auseinanderlaufen: Das Kapital ist gegangen, die Waren fließen weiter. Wer nur die eine zeigt, überzeichnet die Entkopplung; wer nur die andere zeigt, übersieht sie. Und ein letzter Vorbehalt gehört dazu, weil er zeigt, wie leicht diese Statistik täuscht: Von den 61 Milliarden Dollar taiwanischer Auslandsinvestitionen in den ersten sieben Monaten des Jahres 2026 entfallen fünfzig auf zwei Buchungen von TSMC — eine Kapitalerhöhung bei einer Holding auf den Britischen Jungferninseln und das Werk in Arizona. Wer daraus einen Trend liest, liest zur Hälfte Konzernbuchhaltung.

Landung

Die Frage, mit der Teil 3 endete, war, warum eine Demokratie mit funktionierenden Wahlen ihre Lohnfrage nicht beantwortet. Dieser Teil hat eine zweite danebengestellt: warum ein Land, das sich zu Recht gegen eine Bedrohung von außen wehrt, im Inneren eine Bevölkerungsgruppe von 900.000 Menschen führt, die arbeiten darf, ohne dazuzugehören.

Beide Fragen haben dieselbe Struktur, und Marini hat sie vor sechzig Jahren für Brasilien beschrieben: Der Gewinn aus der Auslandsexpansion wird nicht in inländischen Lebensstandard übersetzt. Er verlangt im Gegenteil, dass zu Hause verschärft wird.

Daraus folgt kein Programm, und es wäre unredlich, hier eines anzubieten. Ruckus vertritt die These, dass die Migrationsfrage der Punkt ist, an dem eine taiwanische Linke wieder eigenständig ansetzen könnte — weil sie die einzige Konfliktachse ist, die von der Spaltung zwischen Peking und Washington nicht überlagert wird. Kein Lager besitzt das Thema; beide werden von ihm in Verlegenheit gebracht. Wer für die Selbstbestimmung der Insel eintritt, muss erklären, warum sie für ein Viertel ihrer Arbeitskräfte nicht gilt. Wer die Volksrepublik gegen den Westen verteidigt, muss erklären, warum taiwanisches Kapital dort vierzehn Millionen Menschen beschäftigen konnte, ohne dass das ein Thema war.

Ein Hebel ist keine Lösung, und keiner der Autoren, auf die sich dieser Text stützt, behauptet, dieser eine genüge. Was sich sagen lässt, ist bescheidener und trotzdem nicht wenig: Es ist die Frage, bei der die geopolitische Erzählung als Erklärung versagt — und deshalb die einzige, bei der die soziale sichtbar wird.

Bleibt der Teil der Antwort, der noch fehlt. Wenn die Verhältnisse so klar sind, wie dieser Text sie beschrieben hat, und wenn Taiwan eine lebendige Demokratie mit freien Wahlen, freier Presse und aktiver Zivilgesellschaft ist — warum hat dann niemand ein politisches Interesse daran, sie zu ändern?

Das ist die Frage von Teil 5.


Quellen

Die Stammquellen der Serie

  • Ralf Ruckus: Vortrag Taiwan von links (her verstehen), Ost-Passage Theater Leipzig, 1. Februar 2025 — Herkunft der drei Kapitalstrategien, des Subimperialismus-Begriffs in der hier verwendeten Fassung, des Rassifizierungs-Kontinuums und des Schatten-Bildes. Die Zahl „so viele wie Einwohner” stammt aus dieser mündlichen Fassung; in seinem publizierten Aufsatz What Everyone on the Left Should Know about Taiwan, Spectre Journal, 17. Juni 2025, kommt keine Beschäftigtenzahl vor
  • Ralf Ruckus im Interview Das Dilemma der Taiwanischen Linken — die Migrationsfrage als Leerstelle der taiwanischen Linken, die Ambivalenz der Stellvertreterpolitik, der Hierarchiegewinn einheimischer Beschäftigter
  • Shelley Rigger: The Tiger Leading the Dragon. How Taiwan Propelled China’s Economic Rise, Rowman & Littlefield 2021 — die Buchlänge der These, die dieser Teil in Zahlen prüft

Auftragsfertigung, ODM und der Kapitalexport

Subimperialismus — der Begriff und seine Grenzen

  • Ruy Mauro Marini: Brazilian Subimperialism, Monthly Review 23/9 (Februar 1972), und La acumulación capitalista mundial y el subimperialismo, Cuadernos Políticos 12 (1977) — die Zweikomponenten-Definition, die Stelle über die Maquila-Ökonomien Ostasiens („weit davon entfernt, subimperialistische Tendenzen zu erzeugen”), und die Feststellung, dass der Subimperialist die Auslandsbeute nicht in inneren Lebensstandard verwandeln kann
  • ⚠️ Zur Redlichkeit: Die im Text verwendete Kurzdefinition — Akkumulation auf Basis der Ausbeutung von Arbeit außerhalb des eigenen Landes — ist eine Zuspitzung und steht so nicht bei Marini. Eine deutsche Übersetzung seiner Hauptschriften existiert nicht; das Historisch-kritische Wörterbuch des Marxismus führt kein Stichwort dazu

Das Migrationsregime

Selbstorganisation

ECFA, CSSTA und die Sonnenblumen-Bewegung

Halbleiter, Arbeitszeit, Gewerkschaften

Handel und Umlenkung

  • 財政部統計處: 「114年我國出進口貿易概況」 — Exportanteil China und Hongkong von 43,9 Prozent (2020) auf 26,6 Prozent (2025), bei absolut steigenden Ausfuhren
  • Pou Chen Corporation, Geschäftsbericht 2017, und Yue Yuen, Geschäfts- und Nachhaltigkeitsberichte 2017 und 2025 — Belegschaft in Taiwan gegen Konzernbelegschaft, und die Verschiebung von China nach Indonesien
  • Zum Streik in Dongguan 2014: Worker Rights Consortium, Untersuchungsbericht vom 16. Mai 2014 und Stefan Schmalz / Brandon Sommer / Hui Xu: The Yue Yuen Strike, Globalizations 14/2 (2017)

Die Taiwan-Serie

  1. Wem gehört die Insel? Warum „Taiwan war schon immer chinesisch“ an der Chronologie scheitert
  2. Aus der Befreiung wird die Diktatur: Wie Taiwan 1945 die Herren wechselte
  3. Die Fabrik im Wohnzimmer: Wie Taiwans Wirtschaftswunder seine eigenen Arbeiterinnen verbrauchte
  4. Der Schatten hinter jeder Taiwanerin: Wie Taiwans Kapital China mitbautedieser Teil

Zum Anfang: Wem gehört die Insel? Warum „Taiwan war schon immer chinesisch“ an der Chronologie scheitert