Dies ist Teil 3 einer Serie über Taiwan. Teil 1 hat gezeigt, dass die han-chinesische Bevölkerung der Insel das Ergebnis von Kolonialgeschichte ist, nicht ihre Voraussetzung; Teil 2, dass die Demokratie der Insel gegen die Kuomintang entstand und nicht durch sie. Dieser Teil handelt von dem, was in denselben Jahrzehnten daneben geschah: vom Wirtschaftswunder. Es entstand nicht in Fabriken, sondern in Wohnzimmern, an Küchentischen, in Familienbetrieben ohne Arbeitsrecht.
Im Dezember 1994 schrieb ein Korrespondent der Nachrichtenagentur UPI aus Taipeh eine Weihnachtsgeschichte, die keine war. Sie trug die Überschrift China, not Taiwan, is Santa’s workshop, und ihr Anlass war eine Zollstatistik. 1990 hatte Taiwan noch Lichterketten für Weihnachtsbäume im Wert von 93 Millionen US-Dollar ausgeführt; 1993 waren es 18,9 Millionen. Das gesamte taiwanische Weihnachtsgeschäft — Lichterketten, Kunstbäume, Kugeln — schrumpfte in vier Jahren um fast achtzig Prozent. Und der Satz, mit dem der Korrespondent erklärte, was da verschwand, lautete:
„Almost extinct are the living room sweatshops of Taiwan, where families assembled strings of Christmas lights by hand.”
Fast ausgestorben sind die Wohnzimmer-Sweatshops Taiwans, in denen Familien Lichterketten von Hand zusammensetzten. Das ist keine Metapher aus einem Wirtschaftsbuch, sondern die Beobachtung eines Reporters, der 1994 an einem Ort stand, an dem gerade etwas zu Ende ging.
Bis dahin hatte ein beträchtlicher Teil dessen, was in westeuropäischen und nordamerikanischen Haushalten herumlag, dieselben drei Wörter getragen: Made in Taiwan. Spielzeug, Turnschuhe, Regenschirme, Christbaumschmuck. 1991 war die Insel weltgrößter Exporteur von Fahrrädern und von Tennisschlägern. Der Ruf, der an dem Etikett hing, war trotzdem kein guter. Im selben Jahr beauftragte Taiwans staatlicher Außenhandelsrat eine kalifornische Designfirma: Sie sollte beraten, wie sich 110 Millionen Dollar einsetzen ließen, um das Produktimage des Landes zu retten — 35 Millionen davon für Werbung und ein neues Logo. Der beauftragte Designer Keith Bright sagte der Los Angeles Times offen, worum es dabei ging:
„Most consumers laugh at products made in Taiwan.”
Die meisten Verbraucher lachen über Produkte aus Taiwan. An diesem Satz lässt sich der Widerspruch ablesen, um den es hier geht: eine Insel, die zur zwölftgrößten Exportnation der Welt aufgestiegen war, ohne dass ihr Name für ein einziges Markenprodukt gestanden hätte. In einer Umfrage unter amerikanischen Verbrauchern konnte damals kaum jemand eine taiwanische Marke nennen.
Vier Jahre später erreichte das Etikett ein Publikum, das nicht danach gesucht hatte. In Toy Story klappt Buzz Lightyear seinen Armkommunikator auf, findet dort drei eingegossene Wörter — MADE IN TAIWAN — und begreift, dass er kein Space Ranger ist, sondern Serienware. Für einen Film über Spielzeug ist das eine Pointe. Für einen Text über Auftragsfertigung ist es die Sache selbst: Das Etikett steht genau an der Stelle, an der jemand erfährt, dass er nicht die Marke ist, sondern das Produkt.
Über den Aufstieg hinter diesem Etikett gibt es eine Standarderzählung: Taiwan sei nach oben gekommen, weil hart gearbeitet, klug gelenkt und diszipliniert gespart wurde. Das Wort „Tigerstaat” fasst sie zusammen — es lobt das Ergebnis und schweigt über den Preis. Der Preis war eine Arbeitsform, die in keiner Statistik als Arbeit erscheint. Sie ist der Gegenstand dieses Textes.
Das Wohnzimmer, nicht die Fabrik
Am 28. August 1972 sprach der Gouverneur der Provinz Taiwan, Hsieh Tung-min 謝東閔, vor einer Hausfrauenvereinigung in Zhongxing New Village. Er warb dafür, dass Frauen zu Hause Nebenerwerb aufnehmen sollten, und brachte eine Formel mit, die hängen blieb. Die Economic Daily News druckte sie am selben Tag auf Seite sechs als Schlagzeile: 「客廳就是工場」 — Das Wohnzimmer ist die Werkstatt. In der Fassung, in der der Satz in die Geschichtsbücher einging, heißt es schärfer: 客廳即工廠, das Wohnzimmer ist die Fabrik.
Hsieh war kein beliebiger Redner. Er war der erste gebürtige Taiwaner im Amt des Provinzgouverneurs und wurde 1978 Vizepräsident der Republik China. Und es blieb nicht bei der Rede. Im November 1974 veröffentlichte die Provinzregierung Durchführungsbestimmungen zur Förderung häuslichen Nebenerwerbs, und in den Maßnahmen der Provinz Taiwan zur Förderung des Handwerks steht beides: die rechtliche Definition und die materielle Förderung. Paragraf 4 bestimmt, was ein häuslicher Handwerksbetrieb ist — wer „die eigene vorhandene Wohnung nutzt, Auftragsverarbeitung von Firmen oder Genossenschaften annimmt und nicht direkt nach außen verkauft”. Paragraf 16 gewährt solchen Betrieben für Motoren bis zu einer halben Pferdestärke den Haushaltsstromtarif.
Das ist eine kleine Vorschrift und ein großer Befund. Wer den Strom für die Nähmaschine im Wohnzimmer zum Haushaltstarif abrechnen darf, bekommt keine Rhetorik, sondern eine Subvention. Die Heimarbeit war nicht das, was übrig blieb, wo die Industrie nicht hinkam. Sie war Politik.
Wie diese Politik von innen aussah, hat die Soziologin Ping-Chun Hsiung 熊秉純 aufgeschrieben. Für ihre Studie Living Rooms as Factories arbeitete sie im Sommer 1989 selbst in sechs Betrieben mit und fertigte Schmuckkästchen aus Holz. Das Buch erschien 1996 bei Temple University Press; sein drittes Kapitel trägt denselben Titel wie das Buch, ergänzt um die drei Größen, um die es geht: Women, the State, and Taiwan’s Economic Development. Hsiung beschreibt zwei Kampagnen der Kuomintang, die verheiratete Frauen zur Lohnarbeit im Dienst der nationalen Entwicklung bewegen sollten, ohne dass sie dafür die ihnen zugewiesenen Rollen als Ehefrau, Mutter und Pflegerin hätten verlassen dürfen: die „Mütterwerkstätten” 媽媽教室 und eben das Wohnzimmer als Fabrik.
Der Vorgang selbst war schlicht. Eine kleine Firma oder ein Mittelsmann brachte Vorprodukte vorbei, die Familie bearbeitete sie, bezahlt wurde pro Stück. Akkord. Wer mehr schaffte, verdiente mehr; wer weniger schaffte, weil ein Kind krank war oder ein Feld bestellt werden musste, verdiente weniger. Was wie Familienwirtschaft aussah, drückte die Kosten der Arbeit unter das Niveau der Fabrik. Denn eine Fabrik hätte für denselben Handgriff einen Arbeitsplatz, eine Aufsicht und einen Mindestlohn finanzieren müssen. Im Wohnzimmer entfiel das alles: Die Miete zahlte die Familie ohnehin, und die Arbeitskraft wohnte im Haus.
Der entscheidende Punkt ist die Sichtbarkeit. In der Statistik der Industrialisierung erscheint das Wohnzimmer nicht als Arbeitsplatz, sondern als Haushalt, als Selbstversorgung, als Nebeneinkommen. Die Hände, die die Teile zusammensetzten, wurden nicht gezählt, weil sie nicht dort arbeiteten, wo gezählt wurde. Tragend war ihre Arbeit für die Exportkette trotzdem: Ohne die unsichtbare Verlängerung der Fabrik ins Wohnzimmer wäre die Kalkulation, auf der der ganze Aufstieg beruhte, nicht aufgegangen.
An dieser Stelle ist eine Lücke zu benennen. Wie viele Haushalte auf diese Weise produzierten, ist nicht bekannt. Eine landesweite Zahl existiert nicht — was folgerichtig ist: Eine Arbeitsform, die eingerichtet wurde, um nicht in der Statistik zu erscheinen, taucht auch dann nicht darin auf, wenn man sie nachträglich sucht.
Beziffern lässt sich die andere Seite desselben Vorgangs. In den Exportverarbeitungszonen, dort also, wo gezählt wurde, waren Mitte der Siebziger etwa vier Fünftel der Beschäftigten Frauen, bei knapp 75.000 Beschäftigten insgesamt. Das Stadtmagazin von Kaohsiung schreibt über die Arbeiterinnen der eigenen Zone, sie seien „ungefähr vierzehn, fünfzehn” Jahre alt gewesen, bei einem Monatslohn zwischen 480 und 540 NT-Dollar. Die Ethnologin Lydia Kung, die 1974 ein Elektronikwerk untersuchte, fand unter viertausend Arbeiterinnen zur Hälfte Bauerntöchter aus dem Süden, untergebracht in Werkswohnheimen, zwischen vierzehn und dreißig Jahre alt, mit einem Monatsverdienst von etwa fünfzig US-Dollar — von dem sie zwischen einem Drittel und drei Vierteln an die Eltern abgaben.
Wie die Rechnung im Einzelfall aussah, lässt sich an einem Ort zeigen. Von 1967 bis 1987 stand in Taishan nördlich von Taipeh die Meining-Fabrik, ein Gemeinschaftsunternehmen des amerikanischen Spielwarenkonzerns Mattel mit einem taiwanischen Kunststoffhersteller; dort wurden Barbie-Puppen für den Weltmarkt gefertigt. Das Werk begann mit zwanzig Beschäftigten, auf dem Höhepunkt arbeiteten dort über dreitausend Menschen, fast ausschließlich Frauen. Eine von ihnen, Hsu Chu-lien, hat den entscheidenden Unterschied später selbst benannt: im Werk über dreitausend — auf der Lohnliste rund achttausend, weil die Heimarbeit dazugehörte. Etwa ein Drittel der Einwohner Taishans machte Barbies. Die Lücke zwischen den beiden Zahlen ist die Wohnzimmerfabrik — und sie ist größer als die Fabrik.
1987 schloss das Werk, die Bänder gingen nach China und Indonesien. Es ist dasselbe Jahr, in dem das Kriegsrecht fiel und TSMC gegründet wurde.
Die amtlichen Zahlen zeigen genau die Bewegung, die Hsiung beschreibt: Die Erwerbsquote verheirateter Frauen stieg zwischen 1980 und 1990 von 33,2 auf 42,5 Prozent, um mehr als neun Punkte in zehn Jahren. Weiter zurück reicht die Reihe nicht; die amtliche Arbeitskräfteerhebung in heutiger Form begann erst 1978. Für die entscheidenden zwei Jahrzehnte davor gibt es keine Zahl.
Dass die Arbeit in die Haushalte floss, war keine neutrale Organisationsentscheidung. Sie traf die, deren Arbeit ohnehin nicht als Arbeit galt, und sie verdoppelte deren Last, statt sie zu verringern: Dieselben Frauen, die kochten, wuschen und pflegten, setzten abends die Teile zusammen. Die Feminisierung der industriellen Lohnarbeit war kein Nebenbefund dieses Modells. Sie war das Modell.
Was vor dem Wunder lag
Bevor vom Preis die Rede ist, muss man sehen, was mit ihm bezahlt wurde. Der Aufstieg hat eine Vorgeschichte, und sie besteht aus drei Entscheidungen, von denen keine in einer Fabrik fiel.
Die erste war die Landreform. Ab 1949 senkte die Kuomintang-Verwaltung den Pachtzins auf höchstens 37,5 Prozent der Haupternte; betroffen waren rund 296.000 Pächterhaushalte, fast die Hälfte aller Bauernhaushalte der Insel. 1953 folgte das Gesetz Land dem, der es bestellt: Knapp 140.000 Hektar wechselten den Eigentümer, fast 195.000 Haushalte wurden Eigentümer des Landes, das sie bewirtschafteten. Interessanter als die Umverteilung selbst ist die Art der Entschädigung. Paragraf 15 des Gesetzes legt sie wörtlich fest: siebzig Prozent in Naturalien-Bodenanleihen, dreißig Prozent in Aktien staatlicher Unternehmen. Vier Unternehmen wurden auf diesem Weg privatisiert — Taiwan Cement, Taiwan Paper, Taiwan Industrial & Mining und Taiwan Agriculture & Forestry. Der Anteil des verpachteten Landes fiel zwischen 1949 und Ende 1953 von einundvierzig auf sechzehn Prozent.
Die gängige Erzählung schließt daran an: Aus den Grundbesitzern seien Industrielle geworden. Sie ist zweifelhaft. Zwei neuere Arbeiten — eine Neubewertung der Landreform und eine Untersuchung zur Herkunft der Nachkriegsindustriellen — zeigen, dass die Aufsichtsräte dieser Unternehmen nach 1954 von der lokalen Vorkriegselite besetzt wurden und nicht von den entschädigten Verpächtern — und dass die meisten kleinen und mittleren Grundbesitzer ihre Aktien rasch und unter Wert abstießen, woraufhin eine neue Generation von Industriellen sich die aussichtsreichsten Papiere heraussuchte. Sicher stimmt dagegen die andere Hälfte: Die einheimische Grundbesitzerelite verlor ihre Machtbasis, und zwar an eine Regierung, die aus China gekommen war und ihr deshalb nichts schuldete. Eine Landreform dieses Zuschnitts hätte niemand durchsetzen können, der selbst aus dieser Elite stammte.
Wer den Kapitaltransfer aus der Landwirtschaft sucht, wird an einer unauffälligeren Stelle fündig. Von 1948 bis 1973 betrieb der Staat ein Tauschsystem: Dünger gegen Reis. Kunstdünger gab es nur beim staatlichen Monopol, und bezahlt wurde in Reis, 1950 zu einem Kurs von 1,20 Kilogramm Reis je Kilogramm Ammoniumsulfat. Über dieses System kamen mehr als sechzig Prozent des staatlich erfassten Reises herein; was der Staat sonst ankaufte, bezahlte er mit siebzig bis achtzig Prozent des Marktpreises. Der reale Nettokapitalabfluss aus der Landwirtschaft lag in den fünfziger Jahren bei rund 3,9 Milliarden NT-Dollar im Jahr, gerechnet in Preisen von 1964, und entsprach sechzehn Prozent des Werts der Agrarproduktion. Taiwans Industrialisierung wurde also nicht nur aus amerikanischen Mitteln finanziert, sondern auch von den Bauern, denen man eben erst das Land gegeben hatte.
Die zweite war die amerikanische Hilfe. Nach Beginn des Koreakriegs floss Geld auf die Insel, und die Größenordnung lohnt einen genauen Blick. Neil Jacoby, der die Hilfe im Auftrag der US-Behörde AID auswertete, kam für die Haushaltsjahre 1951 bis 1965 auf 1,47 Milliarden US-Dollar Wirtschaftshilfe: im Schnitt knapp hundert Millionen im Jahr, 6,4 Prozent des Bruttosozialprodukts und vierunddreißig Prozent der gesamten Bruttoinvestitionen der Insel. Dazu kam Militärhilfe von 2,72 Milliarden, also fast das Doppelte. Am 30. Juni 1965, mit dem Ende des amerikanischen Haushaltsjahrs, liefen die Neuverpflichtungen aus. Verwendet wurde das Geld zunächst für Importsubstitution: Verarbeitung landwirtschaftlicher Güter, Textilien für den Binnenmarkt, Infrastruktur. Aufgebaut wurde das auf dem Erbe der japanischen Kolonialverwaltung — den Häfen von Keelung und Kaohsiung, dem Straßen- und dem Stromnetz.
Die dritte war die Wende zum Export. Am 30. Januar 1965 verkündete der Präsident das Gesetz über Exportverarbeitungszonen, und am 3. Dezember 1966 eröffnete Premier Yen Chia-kan die erste davon im Hafen von Kaohsiung, gut achtundsechzig Hektar auf einer Landzunge. Sie war eine der ersten Zonen dieser Art in Asien; das indische Kandla war ihr 1965 zuvorgekommen, das irische Shannon schon 1959. Was Kaohsiung tatsächlich als erstes tat, war die Verbindung von Freihandelszone und Industriepark unter einer Verwaltung.
Eine Zahl allerdings widerspricht der Gründungslegende. Die Wirtschaftshistoriker Wu Tsong-Min und Tsai Wan-Hua haben nachgerechnet, was die Zonen wirklich beitrugen: auf ihrem Höhepunkt 1974 gut neun Prozent der Gesamtexporte, 1984 nur noch 6,5 Prozent; an der Industriebeschäftigung in der Spitze rund vier Prozent. Ihr Urteil ist unmissverständlich: 加工出口區「開啟」經濟奇蹟的說法不可能正確 — die Behauptung, die Exportverarbeitungszonen hätten das Wirtschaftswunder eröffnet, kann nicht richtig sein. Der Aufschwung lief bereits Anfang der Sechziger, getragen von privater Textil- und Elektronikindustrie, und Textil fehlte in den Zonen fast vollständig.
Das ist keine Nebenbemerkung, sondern die Bestätigung des Arguments. Das Wunder saß nicht in der Sonderwirtschaftszone. Es saß in den verstreuten Kleinbetrieben und in den Wohnzimmern, die keine Zone brauchten, weil sie schon da waren.
Die Marke ohne Fabrik
Was diese Kleinbetriebe herstellten, ist dabei weniger aufschlussreich als das Verhältnis, in dem sie es taten. Dieses Verhältnis war damals neu, und es ist bis heute in Kraft.
Westliche Marken haben keine eigenen Fabriken. Sie entwerfen, sie bewerben, sie verkaufen. Produktion, Material, Arbeit und lokale Lieferkette gehen an einen Auftragnehmer. Die Marke kontrolliert den Wert, der Auftragnehmer die Arbeit; die Differenz zwischen dem, was ein Stück im Regal kostet, und dem, was die Hände dafür bekommen, streicht die Marke ein. Diese Trennung von Fertigung und Markenwert ist die Vorform dessen, was heute globale Wertschöpfungskette heißt.
Taiwan hat sie nicht erfunden, gehörte aber zu den ersten, die sie systematisch betrieben — gemeinsam mit Südkorea, Hongkong und Singapur. Für diese vier hat sich im Westen der Ausdruck „Tigerstaaten” eingebürgert; eine belegbare Erstverwendung gibt es nicht, weshalb hier auch keine Jahreszahl steht. Populär wurde er im Englischen in den Achtzigern, unter anderem durch Ezra Vogels The Four Little Dragons bei Harvard University Press. Im ostasiatischen Sprachgebrauch heißen dieselben vier bis heute 亞洲四小龍, die vier kleinen Drachen.
Der Unterschied Taiwans zu den anderen dreien lag in der Betriebsgröße. Südkorea baute große Konzerne, Hongkong war ein freier Hafen, Singapur ein multinationaler Knoten. Taiwan hatte tausende kleine Zulieferer — und ganz unten in diesem Netz, unterhalb der Schwelle, ab der jemand eine Gewerbeanmeldung braucht, lagen die Wohnzimmer.
Der Erfolg war die Krise
Ein Modell, das auf billiger, unsichtbarer, weiblicher Arbeit beruht, hat eine Eigenschaft, die in der Erfolgsgeschichte nicht vorkommt: Es verbraucht sein eigenes Fundament, und zwar genau dann, wenn es funktioniert. Die Erschöpfung kam aus drei Richtungen zugleich.
Demografisch. Taiwan ist eine kleine Insel. Das Reservoir junger Frauen, die vom Land in die Industriestädte zogen — nach Taipeh, Taichung, Tainan und Kaohsiung —, war endlich und kleiner, als es aussah. In den Achtzigern war es ausgeschöpft.
Generationell. Die Töchter machten nicht weiter. Sie hatten aus nächster Nähe gesehen, was die Arbeit ihre Mütter gekostet hatte: den Akkord, die Abende am Küchentisch, ein Wohnzimmer, das offiziell keine Fabrik war und faktisch eine. Dagegen gab es keinen Streik und keine Organisation, die etwas gefordert hätte. Es gab nur immer weniger junge Frauen, die bereit waren, den Platz einzunehmen. Für ein Modell, dessen einziger Vorteil billige Arbeit war, ist das die wirksamste Form des Widerstands: Man muss ihm nichts wegnehmen, es genügt, nicht zu kommen.
Ökonomisch. Weil das Modell funktioniert hatte, stiegen die Löhne, und der Vorteil, auf dem alles beruhte, verschwand. Dazu geriet die Währung von außen unter Druck. Zwischen Oktober 1985 und Juni 1992 wertete der neue Taiwan-Dollar von 40,4 auf 24,8 je US-Dollar auf, auf ausdrücklichen Druck der Vereinigten Staaten, in die 1984 noch fast die Hälfte aller taiwanischen Ausfuhren ging; im Oktober 1988 stellte das US-Finanzministerium in seinem ersten Währungsbericht förmlich fest, Taiwan manipuliere seinen Wechselkurs.
Wie stark das wirkte, zeigt eine einzige Gegenüberstellung. Zwischen 1985 und 1990 stiegen Taiwans Lohnkosten je Industriestunde in NT-Dollar um 12,1 Prozent im Jahr — in US-Dollar um 21,2 Prozent. Für den taiwanischen Unternehmer verteuerte sich die Arbeit also halb so schnell wie für den amerikanischen Einkäufer, der bei ihm bestellte. In absoluten Zahlen: 1,51 Dollar die Stunde im Jahr 1985, 3,91 im Jahr 1990, 5,12 im Jahr 1992. Die Aufwertung wirkte wie eine Lohnerhöhung, die in Taiwan niemand beschlossen hatte.
Zugleich stieg der Druck von unten, und der Staat antwortete. 1984 verabschiedete der Gesetzgeber das Arbeitsgrundnormengesetz: Höchstarbeitszeit, Abfindungen, Betriebsrenten, Unfallentschädigung. Es ist bis heute Taiwans zentrales Arbeitsgesetz, und sein Geltungsbereich sagt mehr als sein Inhalt. Es galt zunächst nur für Landwirtschaft, Bergbau, verarbeitendes Gewerbe, Bau, Versorgung, Verkehr und Medien. Der gesamte Dienstleistungssektor blieb draußen und wurde erst ab 1997 stufenweise hereingeholt; zur allgemeinen Norm wurde das Gesetz zum 1. Januar 1999, fünfzehn Jahre nach seinem Erlass. Ein Arbeitsrecht, das die Hälfte der Erwerbstätigen nicht erfasst, ist weniger ein Schutz als eine Aussage darüber, welche Arbeit als Arbeit zählt.
Drei Jahre später fiel das Kriegsrecht, das achtunddreißig Jahre lang jede kollektive Arbeitsniederlegung verboten hatte (Teil 2). Im selben Jahr 1987 lockerte die Regierung die Devisenkontrollen und erlaubte Reisen auf das Festland. Die drei Entscheidungen fielen zusammen, und ihre Folgen taten es auch.
Das Ergebnis war kein Zusammenbruch, sondern eine Umwandlung in drei Richtungen gleichzeitig — Ralf Ruckus, der Taiwans Geschichte von den Klassenkämpfen her erzählt, nennt sie die drei Reaktionen des Kapitals auf die Krise der Achtziger. Erstens stieg das taiwanische Kapital in der Wertschöpfungskette auf, in Entwicklung, Design und Halbleiter: Am 21. Februar 1987 wurde in Hsinchu die Taiwan Semiconductor Manufacturing Company gegründet, ein Spin-off des staatlichen Forschungsinstituts ITRI unter Morris Chang, den man dafür von Texas Instruments zurückgeholt hatte. Die Eigentümerliste spricht für sich: 48,3 Prozent hielt der staatliche Entwicklungsfonds, 27,6 Prozent Philips gegen Technologietransfer, zwanzig Prozent acht private taiwanische Unternehmen — und 4,1 Prozent die Investmentgesellschaft der Kuomintang. Die Regierungspartei war Miteigentümerin des Unternehmens, das dreißig Jahre später die geopolitische Lage der Insel bestimmen sollte.
Zweitens verlagerte dasselbe Kapital, was billig bleiben musste und in Taiwan nicht mehr billig sein konnte, in die Volksrepublik und nach Südostasien — dorthin also, wo die Sonderwirtschaftszonen der chinesischen Reformpolitik seit 1980 genau auf solche Aufträge warteten. Drittens holte es für das, was sich nicht verlagern ließ, billige Arbeit von außen ins Land: südostasiatische Wanderarbeiter, ab den späten Achtzigern und in großer Zahl in den Neunzigern.
Wie diese Umwandlung in einer einzelnen Warengruppe verlief, zeigt die Schuhindustrie Jahr für Jahr. Von 1976 an war Taiwan, gemessen in Paaren, der größte Schuhexporteur der Welt; es hatte Italien überholt und hielt die Position bis 1987, mit einem Höchststand von 793 Millionen Paar im Jahr 1986. Allein 1980 gingen 210 Millionen Paar in die Vereinigten Staaten, rechnerisch ein Paar auf jeden Amerikaner. In der US-Importstatistik für Schuhwerk ohne Gummisohle hielt Taiwan 1986 und 1987 einen Anteil von sechsundvierzig Prozent. 1990 waren es neunzehn, 1993 noch vier. Die Volksrepublik kam im selben Zeitraum von drei auf achtundfünfzig Prozent.
Wann die Umwandlung insgesamt vollzogen war, lässt sich auf ein Jahr datieren. 1985 verkaufte Taiwan den Vereinigten Staaten Waren im Wert von 16,4 Milliarden Dollar; die Volksrepublik kam auf 3,9 Milliarden, nicht einmal ein Viertel davon. 1992 zog China vorbei: 25,7 gegen 24,6 Milliarden. Beide Reihen stammen aus derselben Quelle, der amtlichen US-Handelsstatistik, und in diesem Jahr kreuzen sie sich.
Zerlegt man den Handel nach Warengruppen, verschiebt sich das Datum — und die Verschiebung ist aufschlussreich. Bei Spielzeug überholte China Taiwan schon 1988, bei Bekleidung 1989, bei Schuhen und bei den Konsumgütern insgesamt 1990. Der Gesamthandel kippte erst zwei bis vier Jahre später, weil Taiwan bei Rechnern, Bauteilen und Maschinen noch lange vorne lag. Taiwan verlor also zuerst genau das, was „Made in Taiwan” im amerikanischen Alltag ausgemacht hatte — das Etikett verschwand aus den Haushalten, bevor es aus der Handelsbilanz verschwand. Taiwans Exportquote fiel im selben Zeitraum von 58 auf 43,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.
Nur wechselte dabei das Etikett und nicht die Firma. Als die Taipei Times im Dezember 2000 nachrechnete, kamen immer noch rund neunzig Prozent der in den USA verkauften Lichterketten von taiwanischen Unternehmen; deren Fabriken standen inzwischen in China. Von fünfundsechzig verbliebenen Firmen der Branche hatte eine Handvoll noch ein Werk auf der Insel. Schon 1991 gingen 5,3 Milliarden Dollar der chinesischen Ausfuhren auf das Konto taiwanischer Unternehmen, elf Prozent aller Industrieexporte der Volksrepublik; zwei von drei Paar Schuhen, die China exportierte, wurden von taiwanischen Firmen gefertigt.
Damit führt die naheliegende Lesart in die Irre. Es sieht aus, als sei die Arbeit nach China gegangen. Verlagert wurde aber die Fertigung, nicht die Verfügung darüber. Die Dreiecksbeziehung Japan–Taiwan–USA der sechziger Jahre wiederholte sich in den Neunzigern als Taiwan–Festland–USA, mit Taiwan in der mittleren Position: nicht mehr die Werkbank, sondern deren Betreiber. Wer heute in Zhengzhou iPhones zusammensetzt, arbeitet für Foxconn — und Foxconn ist ein taiwanisches Unternehmen. Was das für die Insel bedeutet, ist der Gegenstand des nächsten Teils.
Die Bewegung, die es vorher gab
Bevor dieser Text in die Gegenwart geht, ist ein Schritt zurück nötig. Die Wohnzimmerfabrik hat nämlich nicht nur eine ökonomische Vorgeschichte, sondern auch eine politische — und die erklärt, warum ihr so lange niemand widersprochen hat: Taiwan hatte schon einmal eine Arbeiterbewegung, lange vor der Diktatur und lange vor der Demokratie.
Am 3. April 1927 gründeten die taiwanischen Beschäftigten der Taiwan Ironworks in Kaohsiung, 臺灣鐵工所, seit 1919 der größte Maschinenbaubetrieb der Insel, eine Gewerkschaft. Vier Tage später streikten sie, 113 von etwas über 160. Anlass war die Entlassung ihres Vorsitzenden Wang Feng 王風; vorausgegangen waren der Versuch der Firma, ihnen einen Zwangsverein vorzusetzen, und die polizeiliche Sprengung ihrer Gründungsversammlung. Am 16. April entließ das Werk sämtliche Streikenden. Daraufhin rief die Gewerkschaft am 22. April zum Solidaritätsstreik auf, und der erfasste Betriebe an vierzehn Orten zwischen Keelung im Norden und Pingtung im Süden. Über hundert Verhaftungen folgten; die Polizei hatte schon am Vortag vorsorglich zugegriffen, unter anderem beim Ratgeber der Streikleitung, Lien Wen-ching 連溫卿.
Es ist der einzige inselweite Solidaritätsstreik, den die taiwanische Arbeitsgeschichte kennt. Und er wurde verloren. Ab Mai kamen weitere Verhaftungen, im Juni war er zu Ende; die Quellen schreiben 「歸於自然消滅」, von selbst erloschen. Kein Abschluss, kein Vergleich, kein förmliches Ende.
Der Maßstab macht den Vorgang nicht kleiner, sondern verständlich. Taiwan hatte 1927 rund 3.600 Fabriken, aber 77 Prozent davon beschäftigten weniger als fünfzehn Menschen und nur 104 mehr als hundert; der gewerkschaftliche Organisationsgrad lag unter fünf Prozent. In der Jahresstatistik der Kolonialpolizei stehen für ganz Taiwan im ganzen Jahr 1927 neunundsechzig Arbeitskonflikte mit 3.312 Beteiligten. In dieser Größenordnung bewegte sich die taiwanische Arbeiterbewegung jener Jahre.
Ein knappes Jahr später, am 19. Februar 1928, versammelten sich einhundertdreißig Delegierte im Restaurant Penglaige in Taipeh und gründeten den Taiwanischen Arbeiterbund 台灣工友總聯盟 mit neunundzwanzig angeschlossenen Gewerkschaften; auf dem Höhepunkt waren es fünfundsechzig. An den Türpfeilern hing die Losung, die Chiang Wei-shui 蔣渭水 ein Jahr zuvor in der Taiwanischen Volkszeitung formuliert hatte: 「同胞須團結,團結真有力」 — Die Landsleute müssen sich zusammenschließen, im Zusammenschluss liegt wirkliche Kraft. Die Polizei beschlagnahmte das Spruchband.
Wer dort organisiert war, sagt einiges über die damalige Wirtschaft: Kohlearbeiter in Keelung, Maurer in Taipeh, Schreiner in Taichung, Friseure in Tainan, Salzsieder in Anping. Handwerk, kaum Industrie. Die Bewegung war weder groß noch modern. Aber es gab sie.
Und dann gab es sie nicht mehr. Die Volkspartei, deren Arbeiterfront der Bund war, wurde am 18. Februar 1931 auf ihrem eigenen Parteitag verboten, mit sechzehn Festnahmen im Saal; Chiang Wei-shui starb ein halbes Jahr später mit vierzig Jahren. Der Arbeiterbund wurde nie förmlich aufgelöst, er versickerte. Was folgte, war erst die Kriegswirtschaft der Kolonialmacht und dann das Kriegsrecht der Kuomintang, das von 1949 bis 1987 achtunddreißig Jahre lang jede kollektive Arbeitsniederlegung unter Strafe stellte — samt einem Weißen Terror, der die tötete oder vertrieb, die eine Bewegung hätten tragen können (Teil 2).
Damit steht der Vergleich, den die Erfolgsgeschichte des Tigerstaats nie anstellt. Die gewerkschaftliche Tradition Taiwans wurde nicht reformiert und nicht abgeschwächt. Sie wurde durchtrennt, und zwar genau in den Jahrzehnten, in denen das Wirtschaftswunder gebaut wurde. Die Wohnzimmerfabriken, die Frauenarbeit, die Auftragsfertigung: Sie entstanden in der einzigen Periode der taiwanischen Geschichte, in der es keine legale Möglichkeit gab, sich dagegen zu organisieren. Das ist der Grund, warum die Arbeiterinnen, die das Wunder trugen, es nicht teilen konnten.
Die Form, die zweckentfremdet wurde
Fragt man heute nach den Gewerkschaften Taiwans, bekommt man in westlichen Texten eine Standardantwort: Sie seien schwach. Die Antwort ist nicht falsch, aber sie ist zu grob — und weil sie zu grob ist, verfehlt sie den Hebel.
Liu Mei-chun 劉梅君, Soziologin am Graduate Institute of Labor Research der National Chengchi University in Taipeh, unterscheidet genauer. Taiwan kennt drei Arten von Gewerkschaften, und jede ist aus einem anderen Grund schwach.
Die erste ist die Firmengewerkschaft 企業工會. Sie darf nur Beschäftigte einer einzigen Firma vertreten. Sie sitzt im Haus des Arbeitgebers, benutzt seine Räume, und ihre Mitglieder fürchten, ihn zu verärgern; nicht selten hat er sie selbst gegründet. Ihre reale Funktion ist die eines Personalrats ohne Biss.
Die zweite ist die Branchengewerkschaft 產業工會. Sie ist unabhängig vom einzelnen Arbeitgeber und in Lius Worten die einzige Form, die wirklich kämpft: „real unions”. Nur steht sie ohne Unterbau da: Ein branchenweites Tarifsystem wie in Deutschland gibt es nicht, und auf Verbandsebene blockieren die Arbeitgeberverbände, die hinter beiden großen Parteien stehen.
Die dritte ist die Berufsgewerkschaft 職業工會 — und hier liegt der Befund, den westliche Taiwan-Texte übersehen. Liu:
„The reason that people established the occupation union is because they want to get coverage of the labor insurance. So most of the occupation union is what we call Social Labor Insurance Union.”
Die meisten Berufsgewerkschaften Taiwans sind keine Gewerkschaften, sondern Versicherungsvehikel. Wer selbständig, unregelmäßig oder ohne festen Arbeitgeber beschäftigt ist, kommt an die staatliche Arbeitsversicherung 勞工保險 — Leistungen bei Mutterschaft, Invalidität, Alter und Arbeitsunfall — nur über eine Berufsgewerkschaft heran. Das ist kein Gewohnheitsrecht, sondern Paragraf 6 des Arbeitsversicherungsgesetzes: Er lässt „Beschäftigte ohne festen Arbeitgeber und Selbständige, die einer Berufsgewerkschaft beitreten” zur Versicherung zu, wobei die Gewerkschaft als Versicherungsträger auftritt. Paragraf 10 des Krankenversicherungsgesetzes wiederholt die Formel wörtlich. Also tritt man ein — oder gründet selbst eine, ausschließlich zu diesem Zweck. Der Vorstand verwaltet danach Beitragslisten, statt Tarifverhandlungen zu führen.
Ein Missverständnis gehört hier ausgeräumt, weil es die Sache größer erscheinen lässt, als sie ist: Der Zugang zur Krankenversicherung hängt nicht an der Gewerkschaft. Taiwan hat seit dem 1. März 1995 mit der National Health Insurance eine allgemeine, für alle geltende Krankenversicherung; die Gewerkschaft ist dort nur die Stelle, über die Selbständige ihre Beiträge abrechnen. Woran es ohne sie wirklich fehlt, sind die Leistungen der Arbeitsversicherung.
Dieser Kanal ist groß: Ende 2025 waren 1,79 Millionen Menschen über eine Berufsgewerkschaft arbeitsversichert, gut siebzehn Prozent aller Versicherten und rund zwei Drittel aller Berufsgewerkschaftsmitglieder.
Die Folge steht in der Statistik des Arbeitsministeriums. Ende 2025 hatten Taiwans Gewerkschaften 3,36 Millionen Mitglieder, und 2,63 Millionen davon, also 78 Prozent, saßen in Berufsgewerkschaften. Auf diese entfallen 53 der 965 geltenden Tarifverträge; nur 1,2 Prozent aller Berufsgewerkschaften haben überhaupt einen.
Die Behörde selbst zieht daraus die Konsequenz, und das ist der eigentliche Fund: Sie weist vier verschiedene Organisationsgrade aus. Der Wert, der um die Welt geht, liegt bei knapp dreiunddreißig Prozent und stellt Taiwan neben Skandinavien. Rechnet man die Berufsgewerkschaften heraus, bleiben 7,9 Prozent. Damit liegt die Insel unter den Vereinigten Staaten mit 9,9, unter Südkorea mit 13,0, unter Japan mit 16,1 und weit unter Großbritannien mit 22,4. Es braucht also keine kritische Gegenrechnung: Das Ministerium veröffentlicht beide Zahlen nebeneinander, und die Differenz zwischen ihnen ist der Befund.
Die Ausnahme, die die Regel erklärt
An dieser Stelle wäre das Argument sauber geschlossen. Es hat nur einen Haken, und der ist zu gut, um ihn wegzulassen: Die kämpferischsten Gewerkschaften Taiwans sind Berufsgewerkschaften.
Am 24. Juni 2016 streikte das Kabinenpersonal von China Airlines drei Tage lang, nachdem 2.535 von 2.638 Stimmberechtigten dafür gestimmt hatten; alle sieben Forderungen wurden erfüllt. Im Februar 2019 legten die Piloten derselben Fluglinie mitten in den Neujahrsferien eine Woche lang die Arbeit nieder und erkämpften einen Tarifvertrag samt Mindestbesatzung auf Langstrecken. Im Juni 2019 folgte ein siebzehntägiger Streik bei EVA Air, getragen von derselben Flugbegleitergewerkschaft, die schon 2016 gestreikt hatte. Hinter allen drei Arbeitskämpfen stand eine Taoyuaner Berufsgewerkschaft — die der Flugbegleiter beziehungsweise die der Piloten —, 職業工會 also, exakt jener Typ, der angeblich nur Beitragslisten führt.
Das ist kein Zufall, sondern Gesetz, und es dreht das Argument um. Nach Paragraf 9 des Gewerkschaftsgesetzes ist pro Unternehmen genau eine Firmengewerkschaft zulässig. Ist die vorhandene arbeitgebernah — und das ist der Normalfall —, lässt sich keine zweite gründen. Nach Paragraf 54 des Arbeitskonfliktgesetzes darf zudem nur eine Gewerkschaft als eigenständige juristische Person zum Streik aufrufen. Das Kabinenpersonal von China Airlines war bis 2015 lediglich die dritte Sektion der Firmengewerkschaft, ohne eigene Rechtspersönlichkeit und damit ohne Streikrecht. Im November 2015 gründete es sich neu, als Berufsgewerkschaft, in den Worten der eigenen Chronik 「為了取得合法爭議權」 — um das legale Streikrecht zu erlangen.
Damit lautet die Diagnose anders und schärfer. Es stimmt nicht, dass die Berufsgewerkschaft eine leere Form ist. Es stimmt, dass dieselbe Rechtsform in Taiwan zwei völlig verschiedene Gebilde trägt: über viertausend Versicherungsschalter und ein gutes Dutzend Kampforganisationen, die diese Form nicht aus Überzeugung gewählt haben, sondern weil das Gesetz ihnen keine andere ließ. Wer die Statistik liest, sieht nur die ersten. Wer die Streiks der letzten zehn Jahre zählt, sieht fast nur die zweiten.
Der Satz „Taiwan hat schwache Gewerkschaften” führt deshalb zu einem Rat, der ins Leere geht: Man müsse die Gewerkschaften stärken. Die genauere Diagnose lautet, dass Taiwan eine gewerkschaftliche Form hat, die zum Sozialversicherungsschalter umgewidmet wurde, und eine zweite, die sich rechtlich kaum aufbauen lässt. Der Hebel sind nicht mehr Mitglieder. Es sind zwei Paragrafen.
Wann die Bewegung brach
Ein letzter Punkt zu den Gewerkschaften, und es ist ein Fall, in dem das Material mit sich selbst streitet. Ich glätte den Streit nicht, weil er mehr erklärt als jede geglättete Antwort.
Wann also brach die taiwanische Arbeiterbewegung? Im Material liegen drei Antworten, und sie widersprechen einander nicht: Sie beschreiben drei Ebenen, die ein Jahrzehnt auseinanderliegen.
Die institutionelle Umwidmung begann in den späten Achtzigern und Neunzigern, als die Berufsgewerkschaften zu Versicherungsträgern wurden — das ist die Ebene der Form. Der ökonomische Entzug der Basis kam in den Neunzigern, als die Produktion in die Volksrepublik und nach Südostasien ging und die Belegschaften, die zu organisieren gewesen wären, mit den Fabriken verschwanden — das ist die Ebene der Substanz. Der politische Entzug der Köpfe kam im Jahr 2000, als mit Chen Shui-bian erstmals ein Präsident der Demokratischen Fortschrittspartei ins Amt kam und die Bewegungsführung in Beraterposten, Behörden und auf Listenplätze holte. Liu über diesen Moment:
„When the DPP got power, they tried to co-opt a lot of the forces of the social movements. A lot of the leaders of the social movements were invited to sit on the important positions. So at that time, the whole atmosphere just collapsed.”
Das ist die Ebene der Köpfe. Die Form wurde umgewidmet, als es noch Beschäftigte gab. Die Beschäftigten verschwanden, bevor die Köpfe geholt wurden. Und die Köpfe wurden geholt, als weder Form noch Substanz in der alten Dichte vorhanden waren. Wer eine der drei Datierungen zur einen erklärt, verfehlt die anderen beiden. Wer sie nebeneinanderstellt, hat die Geschichte.
Demokratie ohne soziale Substanz
Bleibt die Frage, die die westliche Berichterstattung über Taiwan fast nie stellt. Die Insel gilt als demokratisches Vorbild Ostasiens und als Gegenentwurf zur autoritären Volksrepublik, und diese Erzählung stimmt in einem Maß, das man nicht wegreden sollte. Die Pride-Paraden sind real. Die Ehe für alle ist real, seit 2019, als erste in Asien. Die freien Wahlen sind real, die Zivilgesellschaft ist es auch.
Die Kehrseite ist in Zahlen zu fassen, und sie fällt anders aus, als die gängige Empörung vermuten ließe. An einer Stelle muss ich dabei eine Zahl zurücknehmen, die auch in meinen eigenen Notizen stand.
Die Arbeitszeit. Über Taiwan kursiert die Angabe, dort werde im Schnitt fast zehn Stunden am Tag gearbeitet. Das geben die Daten nicht her. Taiwans Arbeitsministerium führt eine internationale Vergleichstabelle, und darin liegt die Insel 2024 bei 2.030 Jahresarbeitsstunden je Beschäftigtem: Platz fünf unter neununddreißig verglichenen Volkswirtschaften, 736 Stunden über Deutschland. Dieselbe Behörde rechnet in derselben Tabelle aber auch vor, wie sich das verteilt. 2.030 Stunden auf zweiundfünfzig Wochen sind neununddreißig Wochenstunden; Vollzeitbeschäftigte kommen auf 41,5 und damit auf weniger als in Südkorea mit 42,8 und weniger als in Japan mit 42,2. Der Anteil derer, die üblicherweise über fünfzig Stunden pro Woche arbeiten, liegt in Taiwan bei 3,8 Prozent, in Südkorea bei 15,4, in Japan bei 14,6.
Was Taiwan von Deutschland trennt, sind also nicht die Tage, sondern ihre Zahl. Die Teilzeitquote beträgt 3,5 Prozent gegen 22,6 in Deutschland, und gesetzliche Feiertage gibt es zwölf. Wo fast niemand in Teilzeit arbeitet und kaum jemand frei hat, ist der Durchschnitt aller Beschäftigten fast der Vollzeitdurchschnitt. In Taiwan ist nicht der Arbeitstag lang, sondern das Arbeitsjahr.
Wie die zwölf Feiertage zustande kamen, ist dabei die eigentliche Geschichte, und sie ist der beste Gegenwartsbeleg für Lius Kooptationsthese. Die Reform von 2016, in Kraft ab Januar 2017, brachte den Beschäftigten zwei arbeitsfreie Tage pro Woche und nahm ihnen im Gegenzug sieben Feiertage, von neunzehn auf zwölf. Als die Gewerkschaften dagegen protestierten und in den Hungerstreik traten, war es eine Regierung der Demokratischen Fortschrittspartei, die das Gesetz durchsetzte. Ein Jahr später, im Januar 2018, novellierte dieselbe Regierung die eigene Reform und nahm die Schutzwirkung wieder heraus: Seither sind in bestimmten Branchen bis zu zwölf Arbeitstage am Stück legal, die Überstundengrenze lässt sich von 46 auf 54 Stunden im Monat anheben, und die Ruhezeit zwischen zwei Schichten darf von elf auf acht Stunden fallen. Fünf Abgeordnete der New Power Party traten in den Hungerstreik; die Novelle passierte am 10. Januar 2018 die dritte Lesung.
Der Lohn. Hier kippt der Vergleich, je nachdem, wie man rechnet, und auch das gehört gesagt. Kaufkraftbereinigt kommt ein taiwanischer Monatslohn in Industrie und Dienstleistungen 2024 auf 4.520 US-Dollar, rund dreizehn Prozent unter Südkorea, aber gut zwanzig Prozent über Japan. Nominal, zu Wechselkursen, sieht es umgekehrt aus: 1.900 Dollar gegen 2.992 in Südkorea und 2.299 in Japan. Der verbreitete Satz, Taiwan zahle schlechter als Japan und Südkorea, ist deshalb nur in seiner nominalen Fassung haltbar, und wer ihn benutzt, sollte das dazusagen.
Die Zahl, die trägt, ist eine andere. Der Anteil der Arbeitnehmerentgelte am taiwanischen Bruttoinlandsprodukt lag Anfang der Neunziger über fünfzig Prozent. 2024 waren es nach Zahlen des Statistikamts 43,1 Prozent, der niedrigste je gemessene Wert. Im selben Jahr stiegen die Löhne um 7,27 Prozent, so schnell wie seit siebenundzwanzig Jahren nicht; die Betriebsüberschüsse stiegen um 16,29 Prozent, also mehr als doppelt so schnell. Dieser Befund braucht keinen Vergleich mit Japan: Die Wirtschaft wächst, und der Anteil, der bei denen ankommt, die sie betreiben, schrumpft seit dreißig Jahren.
Der Mindestlohn steigt seit zehn Jahren in Folge und liegt seit dem 1. Januar 2026 bei 29.500 NT-Dollar im Monat, umgerechnet knapp achthundert Euro. Er reicht in Taipeh nicht für eine eigene Wohnung. Wer ihn bezieht, wohnt bei den Eltern oder pendelt.
Damit steht der Satz, den man halten muss, ohne ihn aufzulösen: Taiwan ist eine echte, hart erkämpfte Demokratie, die die Klassenfrage nicht beantwortet hat. Beide Hälften sind wahr. Die erste ist der Grund, warum man die Insel nicht abtun darf. Die zweite ist der Grund, warum man sie nicht verklären darf.
Dahinter liegt ein Muster, das auf beiden Seiten der Taiwanstraße funktioniert. Die Bedrohung durch die Volksrepublik ist real, und sie dient zugleich als Begründung dafür, die soziale Frage zu vertagen: Löhne, Mieten, Arbeitszeiten können warten, erst kommt das Überleben. Die politische Energie, die für Verteilungskonflikte da wäre, fließt in den Verteidigungsdiskurs. Auf der anderen Seite der Meerenge läuft dasselbe Verfahren mit vertauschten Polen; dort begründet der Systemkonflikt mit den Vereinigten Staaten, warum die eigenen Klassenverhältnisse nicht zur Debatte stehen. Beide Seiten des Konflikts benutzen dieselbe Figur, und beide benutzen sie, um dieselbe Frage nicht zu stellen.
Das ist keine Gleichsetzung, sondern eine Strukturbeobachtung — und deshalb muss eine ehrliche Analyse beide Seiten benennen. Sonst landet sie bei einem von zwei Kurzschlüssen: bei der Verklärung zum demokratischen Vorbild oder beim zynischen Achselzucken, für das die Insel bloßer Kapitalismus ist. Taiwan ist beides.
Am Anfang dieses Textes stand ein Reporter, der 1994 das Verschwinden der Wohnzimmer-Sweatshops notierte. Verschwunden ist die Arbeit nicht. Sie ist umgezogen, in Länder, deren Löhne so niedrig waren wie die taiwanischen dreißig Jahre zuvor, und ein Teil von ihr ist auf die Insel zurückgekommen, in den Händen von Menschen, die dort keine Staatsbürger werden können. Was an einem Augusttag 1972 als Einladung an Hausfrauen begann, im eigenen Wohnzimmer ein wenig dazuzuverdienen, ist damit nicht zu Ende. Es hat die Adresse gewechselt.
Im nächsten Teil: Das Kapital ging dorthin, wo die Arbeit billiger war. Und es holte sich die billige Arbeit ins Land. Beides ist dieselbe Bewegung, und sie macht die Insel, über die alle sprechen, zu einer, die nicht nur Opfer ist.
Quellen
Stammquellen
- Ralf Ruckus: „Taiwan von links” — Vortrag und Diskussion, Ost-Passage Theater Leipzig, 1. Februar 2025. Material auf gongchao.org. Grundlage der Abschnitte zur Tigerstaat-Genese und zur Krise der Achtziger
- Ralf Ruckus: „Das Dilemma der taiwanischen Linken” — Sonderfolge des Neues-China-Podcasts, 11. Dezember 2024
- Prof. Liu Mei-chun 劉梅君 (Graduate Institute of Labor Research, National Chengchi University Taipeh): „Taiwan’s Unions struggle to revive Labour Solidarity” — Interview, Neues China Podcast, 13. August 2024, englisch. Die einzige taiwanische Stimme im Quellenbestand dieser Serie; Grundlage der Abschnitte zu den drei Gewerkschaftstypen und zur Kooptation nach 2000
- Neues China, Ep. 06: „Taiwan im Fadenkreuz”, 4. Dezember 2024
Heimarbeit und Frauenarbeit
- Ping-Chun Hsiung 熊秉純: Living Rooms as Factories. Class, Gender, and the Satellite Factory System in Taiwan, Temple University Press 1996 — die Standardstudie; Inhaltsverzeichnis bei Project MUSE, Kapitel 3 („Women, the State, and Taiwan’s Economic Development”, S. 47–64) trägt die Staatsthese
- 聯合報系 報時光: 「為了明天會更好而努力 那些年的客廳即工場」 — Zeitungsarchiv mit den Belegstellen: 經濟日報 vom 28. August 1972, S. 6 (die Rede des Gouverneurs) und vom 3. November 1974, S. 2 (die Durchführungsbestimmungen)
- 臺灣省手工業輔導辦法 — Maßnahmen der Provinz Taiwan zur Förderung des Handwerks, aufgehoben 1998. § 4 definiert den häuslichen Handwerksbetrieb, § 16 gewährt ihm den Haushaltsstromtarif
- Nellie Chu: Jiagongchang: Household Workshops as Marginal Hubs of Women’s Subcontracted Labour in Guangzhou, Modern Asian Studies 53/3 (2019) — Fußnote 4 referiert Hsiungs Zuschreibung der beiden Kuomintang-Kampagnen
- Lydia Kung: Factory Women in Taiwan, Columbia University Press, Morningside Edition 1994 (Original 1983) — die Feldstudie von 1974
- 高雄畫刊: 「從加工出口區到前鎮社區 她們的生命故事」 — Frauenanteil, Alter und Löhne in der Zone von Kaohsiung
- Taipei Times: Barbie’s back in town (16. Mai 2004) und Former workers celebrate Barbie’s Taiwanese legacy (1. Februar 2024) — die Meining-Fabrik in Taishan, 1967 bis 1987, und die Aussage von Hsu Chu-lien zum Verhältnis von Werks- und Heimarbeit
- DGBAS (Statistikamt Taiwan): Erwerbsquoten nach Geschlecht und Familienstand — die Reihe beginnt 1980, verheiratete Frauen 33,2 % (1980) → 42,5 % (1990)
Industrialisierung
- 吳聰敏/蔡宛樺 (Wu Tsong-Min / Tsai Wan-Hua): 「台灣加工出口區之研究」, National Taiwan University 2018 — die maßgebliche Fachdarstellung; Exportanteil 6,5 % (1984) und die Kritik an der Gründungslegende
- Exekutiv-Yuan: Premier Yen Chia-kan hosts the inauguration of the Kaohsiung Export Processing Zone — 3. Dezember 1966; Gesetzesverkündung im 總統府公報 Nr. 1615 vom 30. Januar 1965
- OECD: Export Processing Zones. Past and Future Role in Trade and Development (2007) — Shannon 1959 als erste Zone dieser Art; Kandla beansprucht für sich „Asia’s first” seit 1965
- 梁明義/王文音: 「台灣半世紀以來快速經濟發展的回顧與省思」 (2001) — Aufwertung des NT-Dollars 1985–1992, Exportquoten, das Dreieck Taiwan–Festland–USA
- IBRD Economic Committee: Summary of „An Evaluation of U.S. Economic Aid to Free China 1951–1965” by Neil H. Jacoby, EC/O/67-101 (1967) — die Behördenfassung von Jacobys Studie mit allen Tabellen: 1,47 Mrd. US-Dollar, 6,4 Prozent des Bruttosozialprodukts, 34 Prozent der Bruttoinvestitionen, Ende der Verpflichtungen am 30. Juni 1965
- 總統府公報 Nr. 383 vom 26. Januar 1953 — der Präsidialanzeiger mit dem Land-to-the-Tiller-Gesetz; § 14 (Enteignungspreis), § 15 (die Aufteilung 70 zu 30), § 16 (Anleihen, vier Prozent, zehn Jahre)
- Hsin-yiu Chen / Wen-fu Hsu / Yu-kang Mao: „Rice Policies of Taiwan”, Food Research Institute Studies 14/4 (1975) — zwei der drei Autoren gehörten der Landreformbehörde JCRR an; kanonisch zum Tauschsystem Dünger gegen Reis, 1948 bis 1973
- Wuu-Long Lin: Agricultural Growth and Economic Development in Taiwan (1973) — der bezifferte Nettokapitalabfluss aus der Landwirtschaft
- Oliver Kim / Jen-Kuan Wang: Roots of the Taiwanese Miracle? Reassessing Land Reform, 1950–1961 (2025) und 瞿宛文: 「臺灣戰後工業化是殖民時期的延續嗎?」, 《臺灣史研究》 17/2 (2010) — die beiden Arbeiten, an denen die Erzählung vom Grundbesitzer, der Industrieller wird, scheitert
- 鄭志鵬: 「攘外必先安內:產業公會與台灣鞋業治理結構形成的歷史分析」, 《人文及社會科學集刊》 23/1 (2011) — Taiwan als weltgrößter Schuhexporteur nach Paaren 1976 bis 1987, und Tabelle 2 mit den US-Importanteilen, an denen die Ablösung durch China ablesbar ist
- US Census Bureau: Handelsbilanzen mit Taiwan und China — die Zeitreihe, in der China Taiwan 1992 überholt; die Warengruppen davor sind über die UN-Comtrade-Reihen nach SITC nachvollziehbar
- US Bureau of Labor Statistics: Hourly compensation costs in manufacturing, 1975–2007 (Archivkopie) — Taiwans Lohnkosten je Stunde in US-Dollar und in Landeswährung, die Grundlage der Zerlegung 21,2 gegen 12,1 Prozent
- Jeffrey Frankel: The Plaza Accord, 30 Years Later, NBER Working Paper 21813 — der Währungsbericht des US-Finanzministeriums vom Oktober 1988
- TSMC und Morris Chang — Gründung am 21. Februar 1987, Beteiligungsstruktur nach Changs Autobiographie (Band 2, 2024)
- Ezra F. Vogel: The Four Little Dragons. The Spread of Industrialization in East Asia, Harvard University Press 1991 — popularisierte den Ausdruck im Englischen. Eine belegbare Erstverwendung von „Tigerstaat” ist nicht auffindbar, deshalb steht im Text keine Jahreszahl
„Made in Taiwan”
- Mark Lewis: China, not Taiwan, is Santa’s workshop, UPI, 21. Dezember 1994 — Zollzahlen und der Satz von den „living room sweatshops”
- Bruce Horovitz: Shoring Up Made-in-Taiwan Image, Los Angeles Times, 17. September 1991 — die 110 Millionen Dollar, das Zitat von Keith Bright, Rang eins bei Fahrrädern und Tennisschlägern
- David Frazier: Manufacturing Christmas, Taipei Times, 9. Dezember 2000 — der Absturz 1988–1999 und die neunzig Prozent
- Toy Story, Drehbuch (1995) — die Regieanweisung zum Armkommunikator
Arbeitsrecht, Löhne, Gewerkschaften
- Labor Standards Act 勞動基準法 und seine Novellenhistorie — Verkündung 30. Juli 1984; die Bekanntmachungen zum Anwendungsbereich belegen die Ausweitung auf den Dienstleistungssektor erst 1997 bis 1999
- Labor Union Act 工會法, § 9 und Arbeitskonfliktgesetz 勞資爭議處理法, §§ 53–54 — die beiden Paragrafen, die die Berufsgewerkschaft zum einzigen Weg machen
- Labor Insurance Act 勞工保險條例, § 6 und National Health Insurance Act, § 10 — die wortgleiche Formel, über die die Gewerkschaft zum Versicherungsträger wird
- Arbeitsministerium Taiwan: 表3-1 工會數及會員數 — Mitglieder und Tarifverträge nach Gewerkschaftstyp; 表8-3 工會會員數及組織率 — die vier Organisationsgrade und der Ländervergleich
- Guan-Chiau Chiou: Navigating the Changing Landscape. Labor Unions in Taiwan amidst Contemporary Challenges, Japan Labor Issues 8/50 (2024) — nennt den Kopfwert ausdrücklich irreführend und benennt die beiden Luftfahrtgewerkschaften als die Ausnahmen
- Arbeitsministerium Taiwan: Tabelle 6-2, Jahresarbeitsstunden und Tabelle 6-1, übliche Wochenarbeitszeit — die beiden Tabellen, an denen „fast zehn Stunden am Tag” scheitert; Tabelle 5-4 und Tabelle 5-2 für den Lohnvergleich kaufkraftbereinigt und nominal
- Arbeitsministerium Taiwan: The History of Enacting and Adjusting the Minimum Wage Policy — die Mindestlohnreihe bis 2026
- 經濟日報: 「勞工低薪真相3/薪酬占 GDP 比重寫新低」 — Lohnquote 43,1 Prozent und Betriebsüberschussquote 35,06 Prozent für 2024, nach Daten des Statistikamts
- Focus Taiwan: Clashes highlight protest against labor law amendment und Controversial amendment passes the Legislature — die Proteste gegen die Novelle vom Januar 2018
- New Bloom Magazine zu den Streiks: China Airlines 2016, Pilotenstreik 2019 und dessen Ende
Die Arbeiterbewegung der Kolonialzeit
- 盧修一 Lu Hsiu-yi: 《日據時代台灣共產黨史 1928–1932》, Kapitel 8 — Tabelle 7 mit der Jahresstatistik der Kolonialpolizei: 69 Arbeitskonflikte und 3.312 Beteiligte für 1927. Volltext frei
- 邱士杰: 「工會聯盟串聯與工運策動──以臺灣工友總聯盟為例」, 《臺灣學通訊》, Nationalbibliothek Taiwan — die aktenbasierte Darstellung des Arbeiterbundes von 1928
- 張修愼: 「日治時期臺灣的勞工運動」, ebd. — Fabrikstatistik von 1927 und der Organisationsgrad unter fünf Prozent
- 蔣闊宇: 《全島總罷工:殖民地臺灣工運史》, 前衛 2020 — die Referenzmonographie zum Streik von 1927, gearbeitet aus 《臺灣民報》 und 《臺灣日日新報》
Die Taiwan-Serie
- Wem gehört die Insel? Warum „Taiwan war schon immer chinesisch“ an der Chronologie scheitert
- Aus der Befreiung wird die Diktatur: Wie Taiwan 1945 die Herren wechselte
- Die Fabrik im Wohnzimmer: Wie Taiwans Wirtschaftswunder seine eigenen Arbeiterinnen verbrauchte — dieser Teil
↩ Zum Anfang: Wem gehört die Insel? Warum „Taiwan war schon immer chinesisch“ an der Chronologie scheitert