
Dies ist der fünfte und letzte Teil einer Serie über China. Leitfrage: Was hat der Maoismus mit dem heutigen Staat zu tun? Teil 1 entwickelte die Halbkolonie-Vorgeschichte, Teil 2 die Mao-Ära als Mechanismus, Teil 3 den Reform-Bruch von 1978, Teil 4 die Klassenfrage. Teil 4 endete mit einem Versprechen: Die Frage „Was ist der chinesische Staat?” ist keine moralische, sondern eine Klassenfrage. Dieser Teil löst es ein — und schließt den Kreis zu 1840.
Auf dem Dach des Reihenhauses gegenüber, in einer mittelgroßen deutschen Stadt, liegen seit letztem Sommer Solarmodule. In der Einfahrt steht, immer häufiger, ein Auto einer Marke, die vor fünf Jahren in Deutschland niemand kannte — BYD, „Build Your Dreams”. Beides ist chinesische Industrieware, beides billiger und in der Sache oft besser als das europäische Konkurrenzprodukt. China stellt heute rund 80 Prozent der Solarmodule, 60 Prozent der Windkraft und 70 Prozent der Batterien der Welt her. Es ist, in den Worten des Guardian-Autors Jonathan Watts, vom Petrostaat-Zeitalter abgehängt und zum Elektrostaat geworden — der Industriemacht, die die Energiewende der anderen beliefert.
Halten wir das neben den Anfang dieser Serie. Teil 1 begann mit einer grünen Bierflasche: Tsingtao, gebraut in einer Stadt, die das Deutsche Kaiserreich 1898 militärisch erpresste — ein deutsches Objekt auf chinesischem Boden, Erbschaft der Demütigung. 186 Jahre später liegt das chinesische Objekt auf dem deutschen Dach, und niemand hat dafür ein Kanonenboot gebraucht. Die Achse hat sich gedreht. Das ist die ganze Strecke, die diese Serie erzählt hat — vom Opfer der Gewaltgeschichte zur Großmacht, die liefert.
Und genau hier stellt sich die Frage, die seit Teil 1 offen liegt und die jetzt beantwortet werden muss: Was ist eigentlich der Staat, der diesen Aufstieg organisiert hat? Die übliche Antwort lautet „Diktatur” oder, in der Gegenrichtung, „sozialistische Alternative”. Beide sind, wie diese Serie zu zeigen versucht hat, Pausenhof-Niveau. Die ernsthafte Antwort hat fünf Schichten, und sie laufen alle auf einen einzigen Satz hinaus, den ich gleich am Anfang hinstelle, damit man weiß, wohin die Reise geht: Der heutige chinesische Staat ist nicht der Gegensatz zum maoistischen, sondern dessen konsequente Fortführung mit anderen Mitteln.
Der Faden, der nie reißt: die Nation als Zweck
Fangen wir mit dem an, was sich nicht geändert hat. Renate Dillmann macht in ihrem China-Lehrstück zwei Wurzelfehler der „alten Sozialisten” aus, und der erste ist der entscheidende: ein staatsidealistischer Nationalismus. Die Kommunistische Partei führte ihre Revolution als nationale Befreiung — gegen die Halbkolonie, gegen Japan, gegen das „Jahrhundert der Demütigung”. Sie setzte „Nation” und „Kommunismus” praktisch gleich. Der vergesellschaftete Reichtum wurde, in Dillmanns Formel, „in den Dienst der Nation gestellt” — also einem äußeren Zweck unterworfen, statt an den Bedürfnissen der Produzenten ausgerichtet.
Dieser Zweck — Aufstieg der Nation im Weltsystem — überlebt jeden Methodenwechsel der letzten siebzig Jahre. Man kann die ganze Volksrepublik als drei Wirtschaftsmodelle mit einem einzigen Ziel lesen:
- Mao wollte die Nation stark machen durch Plan, Stahl und Mobilisierung. Der Große Sprung war ein Einhol-Versuch im Eiltempo — „den Westen einholen und überholen”.
- Deng wollte die Nation stark machen durch Kapitalimport. „Den Tiger reiten”, wie Teil 3 es entwickelt hat. Sein Katzen-Diktum — die Farbe der Katze ist egal, Hauptsache sie fängt Mäuse — ist die ganze Methodik in einem Satz: Das Mittel ist beliebig, der Zweck nicht.
- Xi will die Nation stark machen durch technologische Souveränität. Die Solarmodule auf dem deutschen Dach, der Chip-Stack, „Made in China 2025”.
Drei Modelle, ein Ziel. Wer den Souveränitätsreflex von 2026 für eine neue, aggressive Xi-Erfindung hält, hat die Kontinuität nicht gesehen. Er ist die jüngste Form des Zwecks, der die Serie seit dem Opiumkrieg durchzieht.
Was sich änderte, war ausschließlich das Mittel — und auch das nur in der Form, nicht in der Substanz. Hier kommt Dillmanns zweiter Wurzelfehler ins Spiel, der Wertfetischismus: Die Sozialisten hatten das Wertgesetz — Wert, Geld, Preis — als eine Art Naturgesetz missverstanden und versucht, abstrakten Reichtum bloß „gerechter”, nämlich staatlich geplant, zu organisieren. Deng zog daraus die kühle Konsequenz: Wenn der Zweck nationaler Aufstieg im Wertwettbewerb ist und das Mittel die Produktion von abstraktem Reichtum, dann ist der Kapitalismus schlicht die effizientere Form dieses Mittels.
Darum sind die Reformen seit 1978 kein Verrat am Sozialismus. Sie sind seine innere Konsistenz, zu Ende gedacht. Das ist Dillmanns härteste und unbequemste These — unbequem für beide Lager: Die KP hat sich nicht aus Schwäche oder Korruption „verirrt”, sondern ihren eigenen Ausgangspunkt eingelöst. Und es heißt auch: Die beliebte Streitfrage „Ist China noch sozialistisch oder schon kapitalistisch?” ist falsch gestellt. Es ist dieselbe Substanz — Wertproduktion im Dienst der Nation — in zwei Formen.
Wer regiert? Die Elite häutet sich
Wenn der Zweck derselbe blieb — blieben auch die, die ihn verfolgen, dieselben? Hier verschränkt sich Dillmann mit Ralf Ruckus, der die Volksrepublik von unten periodisiert. Schon die Mao-Ära, sagt Ruckus, war keine klassenlose Gesellschaft, sondern eine neue Klassengesellschaft: oben eine politisch-ökonomische Kaderelite mit eigenen Schulen, Privilegien und faktisch vererbbaren Positionen; unten die gespaltenen Massen, getrennt nach Stadt und Land.
Wenn das stimmt, dann war 1978 keine Übergabe der Macht an eine neue Klasse, sondern die Häutung der alten. Teil 4 hat den entscheidenden Begriff schon eingeführt: Was im Westen „Korruption” heißt — privates Kapital beeinflusst staatliche Entscheider —, setzt voraus, dass privat und staatlich bereits getrennte Sphären sind. In der chinesischen Transformation waren sie das nicht; beide Sphären entstanden überhaupt erst dadurch, dass einzelne Personen sich vormaliges Staatsvermögen aneigneten. Korruption war hier keine Beeinflussung von außen, sondern Aneignung im Wortsinn: Verwandlung von Kollektivvermögen in Privatvermögen durch genau die, die Zugriff hatten — Parteikader, Bürgermeister, Provinzführungen, die Leitungen der Staatsbanken, sogar die Armee mit ihren Hotels und Industriefirmen. Die neuen Reichen Chinas kommen systematisch aus den alten Reihen.
Das erklärt, warum 1978 so reibungslos lief. Die Herrschenden mussten nicht gestürzt werden. Sie konnten konvertieren — vom Verfügungsrecht über Staatseigentum zum privaten Vermögen, das man vererben kann. Dieselbe Elite, andere Form ihres Reichtums. Die Klassenkontinuität ist der personelle Beleg für die Zweck-Kontinuität: Es sind in einem sehr handfesten Sinn dieselben Familien, die die Nation 1959 und 2026 stark machen wollen — nur dass sie damals Kommune-Vorsitzende waren und heute Aktienpakete halten.
Rechtsstaat ja, Demokratie nein — und warum das konsistent ist
Damit wird die Staatsfrage zu dem, was sie ist: einer Klassenfrage, nicht einer Moralfrage. Und an dieser Stelle löst sich das größte westliche Missverständnis über China auf.
Der chinesische Kapitalismus brauchte ab 1978 sofort einen Rechtsstaat — und bekam ihn. Ohne Eigentumsrecht keine Sicherheit für ausländische Investoren und neue Privateigentümer; ohne Vertragsrecht keine verbindlichen Joint Ventures; ohne Konkurs-, Schadensersatz-, Erb- und Bodennutzungsrecht keine geordnete Konkurrenz zwischen Kapitalisten. (Der Boden bleibt dabei staatlich, aber pachtbar — eine entscheidende Zwischenform.) Westliche Rechtssysteme konkurrierten sogar regelrecht um den chinesischen Markt: deutsches BGB-Recht gegen angelsächsisches Common Law. Der Rechtsstaat kam, weil der Kapitalismus ihn verlangt.
Aber — und das ist der Angelpunkt — Demokratie ist nicht das natürliche Korrelat des Kapitalismus. Sie ist nicht das, was sich automatisch einstellt, wenn der Wohlstand eine Schwelle übersteigt. Sie ist eine spezifische Herrschaftsform mit drei Voraussetzungen, die im chinesischen Übergang gerade nicht gegeben sind:
- Klassenbefriedung: Wirklich abweichende Interessen — Separatisten, ernsthaft sozialistische Strömungen — müssten klein und bedeutungslos sein. Sonst wird Demokratie zum Bürgerkriegs-Hebel.
- Erfolgreiche nationale Konkurrenz: Funktioniert die Akkumulation am Weltmarkt nicht, schlägt Demokratie regelmäßig in Diktatur um — die „nationale Notlage” ist ein faschistisches Topos.
- Brauchbarkeitsglaube: Die Bevölkerung muss ihren Staat als brauchbares Mittel für die eigene Existenz ansehen, sonst boykottiert sie das Verfahren. Deshalb ist Drittweltland-Demokratie so oft eine Farce.
Gerade weil China im Transformationsmodus steckt — mit gewaltsamen Enteignungen für Gewerbegebiete, der rechtlichen Hukou-Spaltung aus Teil 4, den rund 50 Millionen Frühverrentungen aus den umgebauten Staatsbetrieben —, kann sich die Partei keine Demokratie leisten. Sie würde die antagonistischen Klassenkonflikte ungebremst aufbrechen lassen und dem Westen einen Hebel in die Hand geben. „Rechtsstaat ja, Demokratie nein” ist also keine autoritäre Eigenheit, sondern rationale Funktionslogik im Übergang. Was westliche Beobachter als Inkonsistenz lesen — „Wirtschaftsöffnung müsste doch politische Liberalisierung nach sich ziehen” —, ist vollkommen konsistent, sobald man Rechtsstaat und Demokratie nicht mehr verwechselt.
Tiananmen 1989 illustriert das schärfer als jede Theorie. Es war kein bloßes Studentenproblem, sondern die kombinierte Eskalation aller Reform-Spannungen: 18 Prozent Inflation, Lebensmittel plus 50 Prozent, flächendeckende Korruption, wachsende Unzufriedenheit der städtischen Arbeiter — und, im Westen kaum erwähnt, die Bildung freier Gewerkschaften. Die Repression schlug am härtesten nicht bei den Künstlern und Journalisten zu, über die sich der Westen rituell empört, sondern bei den Arbeitern. Und die westliche Empörung selbst blieb genau deshalb rituell, weil die wirtschaftlichen Beziehungen zu wertvoll waren: Als Deng 1978 die kapitalistischen Reformen gegen breite parteiinterne Opposition durchsetzte — ein zutiefst undemokratischer Akt —, kam kein Demokratie-Vorwurf. Das Time Magazine machte ihn zum „Mann des Jahres”. Der Demokratie-Vorwurf ist ein geopolitischer Hebel, keine Sache: Er wird eingefordert, wenn er Druck erzeugt, und ignoriert, wenn die nicht-demokratische Entscheidung westlich genehm ist.
Nach außen: moderner Imperialismus, kein Kolonialismus
Die Klassenfrage nach innen hat ein Pendant nach außen — und hier wird das andere, das linke Lager unbequem berührt. Der wohlwollende Einwand lautet: „China ist nicht imperialistisch, es überfällt niemanden, kolonialisiert nicht.” Das stimmt — wenn man Imperialismus mit dem Lenin-Begriff misst: direkte Eroberung, Aufteilung des Globus in Kolonien, militärische Ausplünderung. Diese Form ist historisch erledigt. Die USA haben sie nach 1945 selbst beendet, nicht aus Großherzigkeit, sondern um den exklusiven britisch-französischen Kolonialzugriff aufzubrechen und sich selbst Marktzugang zu verschaffen.
Der reale Imperialismus seit 1945 funktioniert anders, in vier Schritten: Anerkennung aller Staaten als formal souverän; Zulassung zur Weltmarkt-Konkurrenz, in der jeder mit seinen Mitteln antreten darf; Ergebnis, dass die meisten den Kürzeren ziehen — verschuldete Failed States, abhängige „Entwicklungsländer”, denen Entwicklung versprochen, aber nicht ermöglicht wird; und geostrategische Absicherung der überlegenen Position durch Bündnisse, Sanktionen, Aufrüstung.
China ist in diesem System die statistische Ausnahme: das einzige Drittweltland, dem der Aufstieg zur Großmacht tatsächlich gelang. Damit erfüllt es das offizielle Versprechen der Entwicklungslogik — und wird genau deshalb zum Störfall der Ordnung, der die Heuchelei dieses Versprechens sichtbar macht. Und es betreibt nun selbst, was eine moderne Großmacht betreibt: Rohstoffsuche bei Ländern abseits des Westens, Kredit-plus-Infrastruktur als Belt and Road, Marine-Ausbau zur Sicherung der Handelswege, Stützpunkte. Das ist kein Kolonialismus — also dem alten Begriff nach kein Imperialismus. Aber es ist exakt das Programm imperialistischer Konkurrenz.
Die Souveränitätsachsen von 2026 sind die operative Infrastruktur dieser Konkurrenz, und sie antworten Punkt für Punkt auf die klassischen US-Hebel. Gegen das Technologie-Embargo: ein eigener Chip-Stack — DeepSeek läuft inzwischen nativ auf Huawei-Ascend-Chips, die US-Exportkontrollen haben den Aufbau dieser Ersatzlieferkette eher beschleunigt als verhindert. Gegen die Seeweg-Kontrolle: die Diversifikation um die Straße von Malakka herum, das eigentliche Nadelöhr, durch das jährlich Waren im Wert von 3,5 Billionen Dollar laufen. Gegen die militärische Umzingelung: Logistikpakte wie das russisch-indische RELOS. Die Lehre dahinter ist beinahe ironisch: Sanktionen schaffen Souveränität — nur nicht die, die sie beabsichtigen. In jedem sanktionierten Sektor seit 2018 ist eine eigenständige chinesische Ersatzkette entstanden. Die Solarmodule auf dem deutschen Dach sind die zivile Seite genau dieser industriellen Kapazität: China gewinnt seine Auseinandersetzung mit dem Westen nicht primär durch Krieg, sondern durch Produktion.
Wie der Staat sich hält
Bleibt die Frage, die quer durch alle Schichten läuft: Wie hält sich eine Herrschaft, die auf einer so gespaltenen, erpressbaren, kaum organisierten Klassengesellschaft sitzt? Nicht, das ist der Punkt, durch festen ideologischen Inhalt. Ruckus beschreibt stattdessen ein Reaktionsrepertoire, das die Partei seit 1949 durch alle Phasen anwendet: Repression, Konzession, Kooptation, Reform. Kämpfe von unten kommen zuerst; die Partei reagiert und behält dabei die Initiative. Der Foxconn-Aufstand in Zhengzhou 2022 war ein Lehrstück der Konzession — die Forderung galt einem gebrochenen Bonus-Deal, nicht der Ordnung, also konnte die Führung mit Zugeständnissen reagieren. Tiananmen 1989 war Repression plus, drei Jahre später, vertiefte Reform. Wer die KP an ihren Parolen misst, verfehlt dieses Muster vollständig. Der rote Faden ist nicht eine Doktrin, sondern die Sicherung der Handlungsführung.
Das ist auch die Antwort auf das Rätsel, das Teil 4 hinterließ — warum aus den großen Streikwellen um 2010 keine nationale Arbeiterbewegung wurde: Ein liefernder Lohn-Mechanismus (die Reallöhne stiegen kräftig), eine stützende Mittelschicht (Hauptprofiteurin und Hauptstütze der Herrschaft), ein abfangender Staat (der Verbesserungen erzwingt, bevor Konflikte politisch werden), und eine harte Repression bei zugleich versiegender globaler Protestwelle. Seit etwa 2018 aber wackeln mindestens zwei dieser Stützen: Das Wachstum hat sich verlangsamt, die Immobilienkrise hat den wichtigsten Vermögensspeicher der Mittelschicht beschädigt, die Jugendarbeitslosigkeit erreichte Werte, die Peking zeitweise aufhörte zu veröffentlichen. Die kulturelle Antwort heißt Tang Ping, „flachliegen” — kein Streik, aber ein Stimmungsindikator. Die Statik hat sich verschoben, ohne dass schon etwas Neues steht.
Was 2026 zählt — und die Antwort
Damit lässt sich die Frage dieser Serie endlich gerade heraus beantworten. Was ist der chinesische Staat 2026? Vier Sätze, keine Moral:
Erstens eine kapitalistische Klassengesellschaft mit chinesischen Spezifika, deren herrschende Elite aus der maoistischen Kaderklasse hervorging — durch Häutung, nicht durch Sturz.
Zweitens ein Staat, der den Rechtsstaat liefert, den der Kapitalismus braucht, und die Demokratie verweigert, die der Übergang nicht verträgt. Beides zusammen ist konsistent, nicht widersprüchlich.
Drittens eine moderne imperialistische Großmacht in souveräner Weltmarkt-Konkurrenz, deren Souveränitätsachsen — Chip, Seeweg, Militärlogistik — die jüngste Form eines Zwecks sind, der seit 1949 nie gewechselt hat: der Aufstieg der Nation.
Viertens eine Herrschaft, die sich nicht durch Ideologie hält, sondern durch eine Reaktionsmaschine aus Repression, Konzession, Kooptation und Reform.
Der Maoismus ist also nicht überwunden. Er ist, um das einzige philosophische Wort dieser Serie zu wagen, aufgehoben — im Hegelschen Dreifachsinn: negiert im Mittel (Plan wurde Markt), bewahrt im Zweck (die Nation bleibt das Maß), emporgehoben in die Großmachtform (aus dem Halbkolonie-Opfer wurde der Elektrostaat-Hegemon). Das ist die Verbindung zwischen Mao und dem heutigen Staat, nach der wir fünf Teile lang gesucht haben. Kein Bruch, eine Metamorphose.
Und daraus folgt die methodische Lehre, die das eigentliche Ziel dieser Serie war. Sie ist keine Bewertung Chinas, sondern eine Haltung. Die wohlwollende Linke, die in China ein „starkes sozialistisches Staatsmodell” sehen will, übersieht die strukturelle Prekarisierung der eigenen Arbeiterklasse-Basis. Die feindselige Rechte, die einen monolithischen Überwachungs-Sklavenstaat zeichnet, übersieht die realen, manchmal erfolgreichen Kämpfe und die Reaktivität der Partei. Beide Bilder sind unbrauchbar, weil beide Partei nehmen, statt zu analysieren.
Brauchbar ist nur die eigene politökonomische Analyse — auch der eigenen Verhältnisse. Denn das ist die unbequemste Pointe der ganzen Strecke: Das Hukou-Modell der rechtlich zweitklassigen Arbeitskraft läuft längst in Europas Schlachthöfen und auf europäischen Baustellen. Der 996-Druck kehrt als „Wir müssen im Systemwettbewerb mehr arbeiten”-Rhetorik bei uns wieder. China ist kein fernes Anderes, an dem man Hoffnung oder Abscheu auslagert. Es ist derselbe Mechanismus, den wir kennen, im Maßstab eines Subkontinents und besonders grell beleuchtet. Wer China verstanden hat, versteht ein Stück weit auch den Staat, in dem er selbst lebt.
Das Solarmodul auf dem Dach gegenüber ist also kein Symbol einer fremden, bedrohlichen Macht. Es ist das Ende einer Strecke, die 1840 mit einem Kanonenboot begann und 2026 mit einem Handwerker endet, der ein chinesisches Industrieprodukt verschraubt. Was dazwischen liegt, ist keine Geschichte von Gut und Böse. Es ist die Geschichte, wie eine gedemütigte Nation den Tiger ritt — und dabei selbst zu einem wurde.
Damit endet die fünfteilige China-Serie. Wer tiefer einsteigen will: Zwei mögliche Vertiefungen liegen bereit — die deutschen linken China-Diskurse (warum beide Lager am Sachverhalt vorbeireden) und die Klassenkämpfe von unten (A4-Revolution, Foxconn, Peng Lifa). Und das Gegenstück ist schon geschrieben: das lange Sterben der Sowjetunion — der Zerfall gegen den Aufstieg, derselbe Konstruktionsfehler, divergente Struktur.
Quellen
Stammquellen
- Renate Dillmann: China — Ein Lehrstück. Über alten und neuen Imperialismus, einen sozialistischen Gegenentwurf und seine Fehler, die Geburt einer kapitalistischen Gesellschaft und den Aufstieg einer neuen Großmacht. VSA-Verlag, Hamburg, Erstauflage 2008. vsa-verlag.de · renatedillmann.de
- 99 ZU EINS, Ep. 91 & Ep. 118: „Renate Dillmann — China Lehrstück Teil 3 (Chinas Kapitalismus)” und „Teil 4 (China heute)”
- Ralf Ruckus: The Communist Road to Capitalism. How Social Unrest and Containment Have Pushed China’s (R)evolution since 1949. PM Press, 2021. pmpress.org
Sekundärliteratur & Hintergrund
- Jonathan Watts: „The American epoch of oil is collapsing — and the electrostate is rising” (The Guardian, 2026) — China als Elektrostaat-Hegemon (Solar/Wind/Batterien)
- Karl Marx: Das Kapital, Band I, Kapitel 24 („Die sogenannte ursprüngliche Akkumulation”)
- Adam Tooze: zur chinesischen Solar-Überkapazität und zum 15. Fünfjahresplan (Chartbook / Ones and Tooze, 2026)
Begriffsklärungen