duotone: Stilisierte Szene im Morgengrauen — ein dichter Strom von Wanderarbeiterinnen und Wanderarbeitern mit Taschen, Bündeln und Rollkoffern, von hinten gesehen, zieht auf das Tor eines riesigen, monotonen Fabrik- und Wohnblock-Areals zu; kalter Morgennebel, hartes Gegenlicht, lange Schatten, die einzelnen Figuren klein vor der gewaltigen Kulisse

Dies ist Teil 4 einer Serie über China. Leitfrage: Was hat der Maoismus mit dem heutigen Staat zu tun? Teil 1 hat die Halbkolonie-Vorgeschichte entwickelt, Teil 2 die Mao-Ära als Mechanismus, Teil 3 den Reform-Bruch von 1978. Teil 3 endete mit einem Satz, der eingelöst werden muss: Auf dem Rücken der Wanderarbeiter wurde der Tiger geritten. Dieser Teil dreht den Blick um — vom Aufstieg zu denen, die ihn tragen.


Auf der Rückseite des Geräts, mit dem die meisten diesen Text lesen, steht eine kleine Inschrift. Bei Apple lautet sie sinngemäß: „Designed by Apple in California. Assembled in China.” Entworfen im Silicon Valley, zusammengesetzt in China. Der erste Halbsatz ist der teure, der zweite der billige — und der zweite ist es, der uns hier interessiert.

Zusammengesetzt wird ein großer Teil aller iPhones der Welt in einem einzigen Werk: bei Foxconn in Zhengzhou, Provinz Henan, einer Anlage, die in Spitzenzeiten zwischen 200.000 und 350.000 Menschen beschäftigt — eine Stadt aus Fließbändern, Wohnheimen und Kantinen, im Volksmund „iPhone City”. Foxconn ist ein taiwanisches Unternehmen, Apples wichtigster Auftragsfertiger. Die Menschen an den Bändern aber sind chinesische Wanderarbeiterinnen und Wanderarbeiter.

Hier lohnt der Rückblick auf Teil 3. Beim VW Santana brachte sich China das Autobauen bei und überholte am Ende den Lehrmeister — heute verkauft BYD mehr Autos im Land als Volkswagen. Das war die Geschichte des Aufstiegs, erzählt von oben, aus der Perspektive von Technologie und Kapital. Das iPhone erzählt die andere Hälfte. Hier steht China (noch) nicht oben in der Wertschöpfungskette, sondern unten: als Werkbank, als montierende Hand. Und diese Hand gehört einer Klasse, die es vor 1978 gar nicht gab. Wie sie entstand, wer an ihr verdient und warum sie der Partei bisher nicht gefährlich wurde — das ist der Stoff dieses Teils.

Ursprüngliche Akkumulation – live

Es gibt einen Begriff von Marx, der sonst nur in historischen Rückblicken vorkommt: die ursprüngliche Akkumulation (Das Kapital, Band I, Kapitel 24). Gemeint ist die Gewaltgeschichte am Anfang jedes Kapitalismus — der Vorgang, in dem überhaupt erst die zwei Klassen entstehen, die der Kapitalismus dann braucht: auf der einen Seite Menschen, die von ihren Produktionsmitteln getrennt werden und deshalb ihre Arbeitskraft verkaufen müssen; auf der anderen Seite die, in deren Händen sich Geld und Produktionsmittel sammeln. In England geschah das über die Einhegung der Allmende, über Jahrhunderte. Im Westen liegt der Prozess so weit zurück, dass seine Ergebnisse als „Natur der Wirtschaft” erscheinen.

Renate Dillmann macht in ihrem China-Lehrstück eine Beobachtung, die den Begriff aus dem Geschichtsbuch holt: In China lässt sich die ursprüngliche Akkumulation in Echtzeit betrachten. Nicht als Rekonstruktion, sondern als laufender Vorgang. Hunderte Millionen Bauern verlieren ihre Versorgungssicherheit und werden zu rechtlich prekären Lohnarbeitern. Gleichzeitig entsteht ein neues, privates Kapital — überwiegend aus der Aneignung von vormaligem Staatsvermögen. Das ist eine einzige Bewegung mit zwei Seiten: Enteignung hier, Akkumulation dort. Sehen wir uns beide Seiten an.

Aus Bauern werden Wanderarbeiter

Die erste Seite beginnt da, wo Teil 3 aufhörte: bei der Entkollektivierung. Mit der Auflösung der Volkskommunen ab 1978 wurde das Land den Familien zur Bewirtschaftung übergeben — das Household Responsibility System. Eine Pflichtmenge ging weiter an den Staat, der Überschuss durfte verkauft werden. Anfangs hoben sich die Erzeugerpreise, die Bauern profitierten. Das war die populäre Phase der Reform.

Mittelfristig kippte die Rechnung. Saatgut, Dünger, Werkzeug, Transport — was die Kommune gestellt hatte, musste nun einzeln gekauft werden. Viele Familien konnten das nicht finanzieren. Sie gaben die Landwirtschaft auf, und der einzige Ausweg führte in die Städte und Sonderwirtschaftszonen der Küste, wo es Arbeit gab. Dass diese Wanderung anfangs rechtlich verboten war, hielt sie nicht auf; sie wurde so massiv, dass die Führung sie nachträglich duldete. Was verschwand, war die alte „eiserne Reisschale” — die kollektive Grundversorgung der Kommune, ärmlich, aber sicher gegen Hunger und Krankheit. An ihre Stelle trat die Konkurrenz um den eigenen Lebensunterhalt.

Heute zählt China nach offiziellen Angaben rund 297 Millionen Wanderarbeiterinnen und Wanderarbeiter — mehr als die gesamte Bevölkerung der USA. Über die Hälfte arbeitet im Dienstleistungssektor, etwa ein Viertel in der verarbeitenden Industrie, gut ein Siebtel auf dem Bau. Der Durchschnittslohn lag 2023 bei rund 4.780 Yuan im Monat, etwa 630 Euro. „China als Billiglohnland” ist dabei längst zu kurz gegriffen: Die Reallöhne sind in fünfzehn Jahren stark gestiegen. Was nicht mitgestiegen ist, ist die Sicherheit der Beschäftigung — im Gegenteil, sie ist sogar gesunken.

Das Hukou-System: rechtlich erzeugte Billigkeit

Der Hebel, der diese Klasse billig hält, heißt Hukou — das System der Haushaltsregistrierung. Jeder Mensch ist an seinem Geburtsort registriert, ländlich oder städtisch, und dieser Status bestimmt den Zugang zu öffentlichen Leistungen. Eine Wanderarbeiterin aus Henan, die seit zwanzig Jahren in Shenzhen am Band steht, bleibt rechtlich Landbewohnerin von Henan. In der Stadt, in der sie ihr Leben verbringt, ist sie nicht ansässig.

Die Folgen sind kein Zufall, sondern der Witz der Sache:

  • Kein voller Anspruch auf städtische Bildung — die Kinder müssen oft im Heimatdorf bei den Großeltern bleiben (die Generation der „zurückgelassenen Kinder”, über 60 Millionen).
  • Lange eingeschränkter Zugang zu städtischer Gesundheitsversorgung, Rente, Sozialleistungen.
  • Ständige Erpressbarkeit: Wer rechtlich kaum vorhanden ist, klagt schlecht. Vorenthaltene Löhne durchzusetzen, ist schwer.

Das Hukou-System ist kein Restbestand der Vormoderne, den die Modernisierung bloß noch nicht abgeräumt hätte. Es ist eine strukturelle Bedingung der chinesischen Akkumulation. Die billigen Elektronikgeräte, die billigen Textilien, das „Wirtschaftswunder” insgesamt fußen auf dieser rechtlich produzierten Billigkeit. Eine Arbeitskraft, die am Ort ihrer Arbeit keine Rechte hat, ist günstiger als eine, die welche hat.

Und damit das nicht als exotische China-Eigenheit durchgeht, lohnt Dillmanns scharfer Vergleich: Dasselbe Modell läuft längst in Europa. Die osteuropäischen Wanderarbeiter in deutschen Schlachthöfen, auf dem Bau, in der Pflege — formal Unionsbürger, faktisch eine zweite, mobil gehaltene und schlechter abgesicherte Arbeitskräftehierarchie. „Da hat man sich richtig was abgeguckt von diesem chinesischen Modell”, so Dillmann trocken. Hukou ist keine chinesische Sonderform, sondern eine allgemeine Logik kapitalistischer Arbeitsteilung, in China nur besonders sichtbar gemacht.

Die andere Seite: wer den Reichtum bekam

So weit die enteignete Seite. Wer ist die andere — wer hat das neue Kapital akkumuliert? Hier liegt der vielleicht schärfste Gedanke Dillmanns, und er beginnt mit einer Korrektur am westlichen Korruptionsbegriff.

Im Westen meint Korruption: privates Kapital beeinflusst staatliche Entscheidungsträger. Das setzt voraus, dass privat und staatlich bereits getrennte Sphären sind. In China während der Transformation waren sie das nicht. Beide Sphären entstanden überhaupt erst dadurch, dass einzelne Personen sich vormaliges Staatseigentum aneigneten. Korruption ist hier keine Beeinflussung von außen, sondern Aneignung im Wortsinn — Verwandlung von Kollektivvermögen in Privatvermögen. Wer Zugriff hatte, profitierte: Parteifunktionäre, Bürgermeister, Provinzführungen, die Leitungen der Staatsbanken, sogar die Volksbefreiungsarmee, die eigene Hotels, Transport- und Industriefirmen betrieb. Die neuen Reichen Chinas kommen systematisch aus genau diesen Reihen. Das ist keine Entgleisung des Systems, sondern sein Gründungsmechanismus.

Ralf Ruckus, der die Geschichte der Volksrepublik von unten periodisiert, schlägt von hier die Brücke zurück zu Teil 2. Schon die Mao-Ära, sagt er, war keine klassenlose Gesellschaft, sondern eine neue Klassengesellschaft: oben eine politisch-ökonomische Elite aus Partei- und Wirtschaftskadern mit eigenen Schulen, Privilegien und vererbbaren Positionen; unten die gespaltenen Massen. Wenn das stimmt, dann war die Reform keine Übergabe der Macht an eine neue Klasse, sondern die Häutung der alten: Die Elite blieb dieselbe, nur die Form ihres Reichtums änderte sich — vom Verfügungsrecht über Staatseigentum zum privaten Vermögen. Das erklärt, warum 1978 so reibungslos lief. Die Herrschenden mussten nicht gestürzt werden; sie konnten konvertieren.

Damit ist auch gesagt, warum die wachsende Ungleichheit eine andere Qualität hat als zuvor. Auch unter Mao gab es Unterschiede — Stadt gegen Land, Kader gegen Volk. Aber das waren quantitative Abstufungen. Was nach 1978 entsteht, sind antagonistische Klassen: Der Reichtum der einen Seite beruht auf der Erpressbarkeit der anderen. Je mehr Wert die Wanderarbeiter produzieren, desto klarer tritt hervor, dass er nach Eigentumsrecht den anderen gehört. Diese Art von Gegensatz lässt sich nicht durch ein bisschen Umverteilung versöhnen. Er ist strukturell.

Zwei Fronten: das Fließband und das Großraumbüro

Es wäre nun bequem, sich die chinesische Arbeiterklasse als eine homogene Masse blauer Kittel vorzustellen. Sie ist es nicht — und ihre Spaltung ist selbst ein Herrschaftsinstrument. Die Trennlinien verlaufen nicht entlang der westlichen Mittelschicht-Treppe, sondern entlang von Hukou, Branche und Aufstiegshoffnung. Zwei Fronten machen das anschaulich.

Die erste ist das Fließband: Foxconn, der Bau, die Werkbank der Welt. Die zweite, überraschendere, ist das Großraumbüro. Sie firmiert unter einer Zahlenkombination: 996 — von 9 Uhr morgens bis 9 Uhr abends, an 6 Tagen die Woche. Das sind 60 bis 72 Stunden, und es verstößt offen gegen das chinesische Arbeitsrecht, das 44 Wochenstunden erlaubt. Getragen wird 996 von den Beschäftigten der großen Tech-Konzerne — Alibaba, ByteDance, JD.com, Baidu —, also von Universitätsabsolventen, die sich selbst für Mittelschicht halten. Formal sind ihre Überstunden „freiwillig”; real erzwingt sie eine Kultur, in der niemand vor dem Vorgesetzten geht, in der ständige Erreichbarkeit Pflicht ist und in der bei mehr Hochschulabgängern als Stellen jeder ersetzbar bleibt.

Die Pointe ist klassenanalytisch: Diese Tech-Arbeiter sind keine privilegierte Mittelschicht, sondern strukturell ausgebeutet — und in einer Hinsicht schlechter dran als die Foxconn-Arbeiter. Denn dem Großraumbüro fehlt, was die Fabrik hat: die Möglichkeit des kollektiven Aufstands. 5.000 Menschen am selben Band können streiken; 5.000 vereinzelte Programmierer können nur kündigen. Warum der Staat das illegale 996 jahrzehntelang duldete, führt zurück zur nationalen Aufstiegslogik aus Teil 1 bis 3: China steht mit den USA im Technologie-Wettlauf, und maximale Arbeitskraft-Konzentration im Tech-Sektor gilt als nationale Aufgabe. Die Ausbeutung wird mit Geopolitik legitimiert — ein Muster, das man auch hierzulande kennt, wenn Arbeitgeberverbände unter Verweis auf „den Systemkonflikt” mehr Stunden und weniger Rechte fordern.

Hinter beiden Fronten arbeitet ein dritter, leiser Trend, den der Sinologe Daniel Fuchs herausgearbeitet hat: Informalisierung. Trotz eines als arbeiterfreundlich gefeierten Arbeitsvertragsgesetzes von 2008 hatte 2016 noch mehr als ein Drittel der Wanderarbeiter gar keinen schriftlichen Vertrag. Leiharbeit wächst, auch in Staatsbetrieben; Plattformarbeit — die Fahrer von Meituan, Ele.me, Didi — explodiert in der Grauzone der Scheinselbständigkeit. Es ist, betont Fuchs, kein chinesisches Sondermodell, sondern derselbe globale Prekarisierungstrend wie im Westen, nur in größerem Maßstab und mit anderem Vokabular. Wer in China eine starke, gesicherte Staatsarbeiterklasse vermutet, sieht ein Bild von vorgestern.

Eine Gegenmacht, die all das bremsen könnte, gibt es kaum. Die einzige zugelassene Gewerkschaft, der Allchinesische Gewerkschaftsbund (ACFTU), ist ein Staatsorgan, dessen Funktionäre oft aus dem Management kommen und dessen Linie der Partei folgt. Er ist Übertragungsriemen, nicht Kampforganisation. Das Ergebnis: Chinas Arbeiterklasse gehört seit der kapitalistischen Wende zu den am wenigsten organisierten der Welt. Wer in China Arbeitskampf führt, organisiert um die Gewerkschaft herum — spontan, lokal, oft digital.

Drei Tage in Zhengzhou

Wie das aussieht, zeigte sich im November 2022 — zurück an unserem Ausgangsort, der iPhone-Fabrik. Während der Zero-COVID-Politik richtete das Foxconn-Management bei einem Ausbruch einen „geschlossenen Kreislauf” ein: Die Belegschaft durfte das Werk nicht mehr verlassen und sollte unter Quarantänebedingungen weiterproduzieren. Als das Gerücht umging, Kollegen seien an COVID gestorben, geschah etwas, dessen Bilder um die Welt gingen: Tausende Arbeiterinnen und Arbeiter verließen das Gelände zu Fuß, mit Bündeln und Koffern über die Felder und Autobahnen Henans wandernd, um zurück in ihre Dörfer zu kommen.

Der Belegschaftsschwund bedrohte die iPhone-Produktion zur wichtigsten Jahreszeit. Und nun illustrierte sich, was „Partei-Kapital-Verzahnung” konkret heißt: Lokale Parteikader rekrutierten in kürzester Zeit über 100.000 Ersatzarbeiter für das taiwanische Privatunternehmen — mit Versprechen über Bonuszahlungen und Einsatzdauer, die sich vor Ort als falsch herausstellten. Als die Neuen den Betrug bemerkten, eskalierte es: drei Tage militanter Proteste, bei denen die Polizei mehrfach zurückgedrängt wurde, ehe der Konflikt mit weitreichenden Zugeständnissen endete.

Aus dieser Episode lassen sich drei Dinge lernen, ohne sie zu beschönigen oder zu skandalisieren. Erstens: Es gibt keine Trennung von Staat und Kapital, wenn Parteikader die Personalbeschaffung eines Privatkonzerns übernehmen. Zweitens: Die Wanderarbeiter sind keine passive, gebrochene Klasse — sie waren militant genug, die Polizei zum Rückzug zu zwingen. Drittens, und das ist der Schlüssel zum nächsten Abschnitt: Der Auslöser war konkreter Betrug, nicht das System. Gefordert wurden die versprochenen Boni, nicht der Sturz der Partei. Genau deshalb konnte die Führung mit Konzession reagieren statt mit Eskalation. Der Aufstand richtete sich gegen einen gebrochenen Deal, nicht gegen die Ordnung, die solche Deals hervorbringt.

Was die Partei an der Macht hält

Damit sind wir bei der Frage, die Teil 3 als Versprechen hinterließ: Wenn Chinas Aufstieg auf einer so erpressbaren, gespaltenen, schlecht organisierten Klasse ruht — warum bricht sich das nicht Bahn? Warum wurde aus den großen Streikwellen keine nationale Arbeiterbewegung?

Ralf Ruckus beschreibt ein Reaktionsmuster, das die Partei seit 1949 durch alle Phasen anwendet, ein Repertoire aus vier Elementen: Repression, Konzession, Kooptation, Reform. Kämpfe von unten kommen zuerst; die Partei reagiert und behält dabei die Initiative. Zhengzhou 2022 war ein Lehrstück der Konzession. Tiananmen 1989 war Repression plus, drei Jahre später, vertiefte Reform. Der rote Faden ist nicht ein fester ideologischer Inhalt, sondern die Sicherung der Handlungsführung. Wer die KP nur an ihren Parolen misst, verfehlt dieses Muster.

Ruckus nennt darüber hinaus vier strukturelle Gründe, warum die um 2010 — zur Zeit der Honda-Streikwelle und der Foxconn-Selbstmorde — weltweit erwartete chinesische Arbeiterbewegung ausblieb:

  1. Das Modell lieferte. Bis etwa 2018 stiegen die Reallöhne kräftig — in den südchinesischen Industriezentren zwischen 2008 und 2017 um rund 80 Prozent, eine Zahl, bei der mancher deutsche Arbeiter neidisch wird. Steigende Löhne wirken als Loyalitätsmechanismus: Wer hofft, nächstes Jahr gehe es besser, radikalisiert sich nicht.
  2. Die Mittelschicht stützt. Die urbane Mittel- und Oberschicht hat massiv profitiert und ist die Hauptstütze der Herrschaft. Ohne Risse in der herrschenden Klasse — das ist eine alte Lehre — keine grundlegende Transformation.
  3. Der Staat fängt ab. Die Partei ist keine reine Repressionsmaschine. Sie zwingt Unternehmen punktuell zu Verbesserungen, baut Sozialstaatselemente auf, löst Konflikte regulativ — bevor sie politisch werden. Manche Lohnkämpfe, etwa den Honda-Streik 2010, hat sie sogar wohlwollend geschehen lassen, weil China nicht dauerhaft Billiglohnland bleiben will und höhere Löhne den Binnenmarkt stärken.
  4. Die Repression blieb hart — und die globale Welle versiegte. Die Streiks der 2010er waren Teil einer weltweiten Bewegungswelle (Occupy, arabischer Frühling, Plätze-Bewegungen). Als die abebbte, fehlte der internationale Anschluss.

Über Punkt 3 liegt Dillmanns präzise, unsentimentale Beschreibung des chinesischen Sozialstaats, der seit den 2000er Jahren planmäßig aufgebaut wurde — nach deutschem Vorbild, mit Arbeitnehmer-, Arbeitgeber- und Staatsbeiträgen, aber konsequent niedrig gehalten, damit das Wachstum es verträgt. Ihre Formel dafür ist bitter und genau: „Erst stellt man die Weichen so, dass massenhaft soziale Notfälle anfallen, dann wird geholfen, damit die Sache nicht aus dem Ruder läuft.” Der Sozialstaat ist hier nicht der Gegenspieler des Kapitalismus, sondern seine notwendige Begleitung — dasselbe, was Dillmann auch über den deutschen sagt.

Warum das 2026 zählt

Drei Punkte für die Gegenwart.

Erstens sind die vier Stützen seit etwa 2018 ins Wanken geraten. Das Wachstum hat sich verlangsamt, die Immobilienkrise hat den wichtigsten Vermögensspeicher der Mittelschicht beschädigt, die Jugendarbeitslosigkeit erreichte zeitweise Werte, die Peking zwischenzeitlich aufhörte zu veröffentlichen. Das Wohlstandsversprechen — Eltern stiegen auf, Kinder steigen auf — erodiert. Die kulturelle Antwort darauf heißt Tang Ping, „flachliegen”: die stille Verweigerung des Aufstiegs-Hyperwettbewerbs. Das ist kein Streik und keine Bewegung, aber ein Stimmungsindikator. Mindestens zwei der vier Bedingungen, die laut Ruckus die Bewegung blockierten — das liefernde Modell und die zufriedene Mittelschicht — sind nicht mehr selbstverständlich. Ob sich daraus etwas entwickelt, ist offen; aber die Statik hat sich verschoben.

Zweitens korrigiert dieser Befund beide Lager des westlichen China-Bildes. Die wohlwollende Linke, die in China ein „starkes sozialistisches Staatsmodell mit starker Arbeiterklasse” sehen will, übersieht die strukturelle Prekarisierung. Die feindselige Rechte, die einen monolithischen Überwachungs-Sklavenstaat zeichnet, übersieht die realen, manchmal erfolgreichen Kämpfe und die Reaktivität der Partei. Beide Bilder sind unbrauchbar. Was wirklich vorliegt, ist eine kapitalistische Klassengesellschaft mit chinesischen Spezifika — und mit einer Arbeiterklasse, die dieselbe Prekarisierung erlebt wie die Arbeiterklassen anderswo, nur in der Größenordnung eines Subkontinents.

Drittens, und das ist die Brücke zum Schlussteil dieser Serie: Wenn die herrschende Elite aus der alten Kaderklasse hervorging, wenn die Arbeiterklasse rechtlich gespalten und kaum organisiert ist, wenn die Partei nicht durch Ideologie, sondern durch ein Reaktionsrepertoire regiert — dann ist die Frage „Was ist der chinesische Staat?” keine moralische (Diktatur, ja oder nein), sondern eine Klassenfrage. Genau ihr widmet sich Teil 5.

Das iPhone in der Hand ist die Spitze einer Pyramide. Ganz oben die Designer in Kalifornien, darunter die Ingenieure und Tech-Arbeiter im 996-Takt, an der breiten Basis die 297 Millionen, die das Hukou-System rechtlich an Ort und Stelle hält. „Assembled in China” heißt: zusammengesetzt von Menschen, die in der Stadt, in der sie es zusammensetzen, nicht zu Hause sein dürfen. Das ist kein Unfall der Modernisierung. Es ist ihre Bauanleitung.


Im fünften und letzten Teil: Was ist der chinesische Staat? Keine Frage von Diktatur oder Demokratie, sondern von Klassenherrschaft, Rechtsstaat ohne Wahlrecht und den Souveränitätsachsen, mit denen Teil 1 begann. Die Synthese der Serie.


Quellen

Stammquellen

  • Renate Dillmann: China — Ein Lehrstück. Über alten und neuen Imperialismus, einen sozialistischen Gegenentwurf und seine Fehler, die Geburt einer kapitalistischen Gesellschaft und den Aufstieg einer neuen Großmacht. VSA-Verlag, Hamburg, Erstauflage 2008. vsa-verlag.de · renatedillmann.de
  • 99 ZU EINS, Ep. 91 & Ep. 118: „Renate Dillmann — China Lehrstück Teil 3 (Chinas Kapitalismus)” und „Teil 4 (China heute)” (Live-Stream-Podcast)
  • Ralf Ruckus: The Communist Road to Capitalism. How Social Unrest and Containment Have Pushed China’s (R)evolution since 1949. PM Press, 2021. pmpress.org
  • Daniel Fuchs (HU Berlin), im Gespräch beim Neues-China-Podcast (2025): zur Informalisierung und Prekarisierung chinesischer Arbeit

Sekundärliteratur & Hintergrund

  • Pun Ngai u. a.: iSlaves. Ausbeutung und Widerstand in Chinas Foxconn-Fabriken. Hg. und übersetzt von Ralf Ruckus, Mandelbaum, Wien 2013.
  • Zhang Lu: Arbeitskämpfe in Chinas Autofabriken. Hg. von Ralf Ruckus, Mandelbaum, 2018.
  • Karl Marx: Das Kapital, Band I, Kapitel 24 („Die sogenannte ursprüngliche Akkumulation”)

Begriffsklärungen