
Dies ist Teil 2 einer Serie über China. Leitfrage: Was hat der Maoismus mit dem heutigen Staat zu tun? Teil 1 hat die Halbkolonie-Vorgeschichte entwickelt — jetzt geht es um 1949 bis 1976.
Auf jedem chinesischen Geldschein, vom Ein-Yuan-Schein bis zur 100-Yuan-Note, blickt seit 1999 derselbe Mann. Mao Zedong, vier Porträts in unterschiedlicher Größe, sonst identisch. Die fünfte Renminbi-Serie hat das Bild zur Norm gemacht; vorhergehende Serien hatten noch Bauern, Soldatinnen, ethnische Minderheiten gezeigt. Seit dem Jubiläum „50 Jahre Volksrepublik” ist Mao das alleinige Gesicht der Währung.
Diese Vereinheitlichung der Banknote ist die Bildversion eines Beschlusses, den die Kommunistische Partei Chinas 1981 als „Resolution über bestimmte Fragen in der Geschichte unserer Partei” verabschiedet hat. Mao habe „in guter Absicht” gehandelt, sei strategisch fehlerhaft gewesen, aber für die konkreten Verbrechen der Kulturrevolution nicht verantwortlich — diese habe die „Viererbande” hinter seinem Rücken inszeniert. Deng Xiaoping hat das später in seiner berühmt-bürokratischen Formel zusammengefasst: 70 Prozent richtig, 30 Prozent falsch. 2021 hat Xi Jinping in einer neuen Resolution diese Bewertung ausdrücklich bestätigt — keine Revision, kein Bruch. Der Kölner Sinologe Felix Wemheuer hat dazu trocken vermerkt, diese Sündenbock-Konstruktion habe „bis heute nicht sehr viel Überzeugungskraft” — sei aber operativ, weil die Alternative die Delegitimierung des gesamten Systems wäre.
Wer den Maoismus verstehen will, wird zwischen zwei Zerrbildern gefangen: der offiziellen 70/30-Konstruktion auf der einen Seite und der westlichen Standard-Lesart auf der anderen, in der Mao entweder ein bösartiger Despot war (Jung Chang, Mao Z. Halls) oder eine antikoloniale Symbolfigur (Sartre, deutsche K-Gruppen der Siebziger). Beide Bilder verfehlen die Frage, die für eine ernsthafte Analyse zählt: Was war das ökonomisch-politische Konstruktionsprinzip des Maoismus, und welche seiner strukturellen Folgen sind im China von 2026 noch wirksam?
Renate Dillmann hat den Befund 2008 in einem Satz formuliert, den ich seitdem nicht mehr losgeworden bin: „Im Prinzip ging es darum, den Kapitalismus besser zu machen — und dafür hat man ihn abgeschafft.” Das ist keine Häme, sondern eine Diagnose. Was sie genau bedeutet — und warum daraus drei der blutigsten politischen Kampagnen des 20. Jahrhunderts folgten — ist Gegenstand dieses Teils.
Was 1949 nicht aus dem Nichts begann
Teil 1 hat die Vorgeschichte rekonstruiert: das chinesische Kaiserreich, die Halbkolonie nach den Opiumkriegen, die scheiternde Republik der Kuomintang, der Aufstieg der KP unter Mao über die bäuerliche Mobilisierung. Als Mao am 1. Oktober 1949 auf dem Tiananmen-Platz die Volksrepublik proklamierte, erbte er nicht eine leere Bühne. Er erbte vielmehr:
- eine zentralstaatliche Bürokratie-Tradition, die seit zwei Jahrtausenden geübt war im verwalten eines Riesenterritoriums;
- eine bäuerliche Massenbasis, die seine Partei mobilisiert hatte und auf Landreform wartete;
- eine kollektive Erinnerung an die Halbkolonie, die jede Politik unter den nationalen Souveränitäts-Imperativ zwang;
- eine Komintern-Lehre über das Verhältnis von kommunistischer Partei und nationaler Souveränität, gegen die Mao seit 1927 eigenständig dachte;
- eine zerstörte Ökonomie nach acht Jahren japanischer Besatzung und vier Jahren Bürgerkrieg.
Aus diesem Erbe brachte die KP zwei theoretische Grundsatzentscheidungen mit, die unter sozialistischer Selbstbeschreibung kaum kenntlich waren, in der Praxis aber als strukturelle Spannung wirken sollten. Renate Dillmann hat sie in ihrem 2008 erschienenen Buch China — Ein Lehrstück präzise herausgearbeitet. Sie sind der Schlüssel, um die folgenden 27 Jahre nicht als Skandal-Sequenz, sondern als systematische Konsequenz zu lesen.
Gründungsfehler 1: Nation = Kommunismus
Die KP setzte nationale Befreiung und Befreiung der unterdrückten Klassen von Anfang an in eins. Politisch nachvollziehbar — wer von japanischer Besatzung und westlicher Halbkolonie befreien will, mobilisiert eher unter nationalem als unter Klassen-Banner. Analytisch ist es ein Kategorienfehler.
Nation und Kommunismus sind nämlich nicht vereinbare Projekte. Nation ist die Verklärung der Klassengesellschaft mit ihren Gegensätzen zur Schicksalsgemeinschaft: Die Spaltungen bleiben intakt, werden aber als „unsere Sache” affirmiert. Kommunismus ist die grundsätzliche Kritik am Klassenverhältnis und am Staat, der eine solche Gesellschaft zusammenzwingt. Beide Begriffe können sich nicht gleichermaßen steigern. Die Nation will, dass die Klassengesellschaft als Einheit funktioniert. Der Kommunismus will, dass sie aufhört.
Die KP füllte den unklaren Begriff „Nation” mit linkem Inhalt: nicht das ganze chinesische Volk inklusive Großgrundbesitzer, sondern „die Gemeinschaft aller fortschrittlichen Patrioten”. Solange sie gegen Japan und gegen die KMT kämpfte, funktionierte diese Konstruktion. Sie holte Bauern und Patrioten gleichermaßen ab. Mao soll später bemerkt haben, die japanische Invasion sei „ein großes Glück” für die KP gewesen — sie sei ihr wichtigster Mobilisierungshebel gewesen.
Wo die Konstruktion bricht, ist 1949 selbst. China hat eine etwa 1.700 Kilometer lange Grenze mit der Sowjetunion. Nach kommunistischer Logik wäre — bei aller Beschwörung internationaler Solidarität — ein Anschluss an die bereits existierende sozialistische Föderation eine denkbare Option gewesen. Es wurde nicht eine Minute darüber nachgedacht. Der eigene chinesische Staat war so selbstverständlich, dass er die internationalistische Rhetorik problemlos überfuhr.
Genau diese Logik prägt das gesamte folgende Vierteljahrhundert. Der Große Sprung nach vorn wird als Akt nationalen Überholens („Großbritannien und USA früher als geplant einholen”) inszeniert. Das sino-sowjetische Zerwürfnis der Sechziger ist im Kern ein Konflikt zweier nationaler Aufstiegsstrategien unter sozialistischer Rhetorik — der erste tiefe Riss im sogenannten Ostblock kam von innen, zwei Jahrzehnte vor 1989. Und die heutige KP-Selbstdarstellung — „weltweit führende Produktionsmacht bis 2049” — ist Konkurrenz, kein Sozialismus.
Gründungsfehler 2: Geplante Wertproduktion
Der zweite, ökonomisch noch folgenreichere Fehler liegt in der Lektüre des marxschen Wertbegriffs. Marx hatte mit dem Wertgesetz das Bewegungsgesetz einer Gesellschaft beschrieben, in der private Eigentümer arbeitsteilig füreinander produzieren und ihre Produkte erst am Markt im Vergleich zueinander als Werte gelten. Diese Konkurrenz erzeugt Innovationsdynamik, steht der eigentlichen Möglichkeit aber, die Bedürfnisse der Gesellschaft zu organisieren, systematisch im Weg. Der Wert war für Marx die Sache, die kritisiert gehörte — nicht eine Sache, die man freisetzen oder zur Vollendung führen wollte.
Sowjetische und chinesische KP-Führer haben dieses Gesetz anders gelesen. Sie sahen im Wert ein Funktionsprinzip, das nur unter dem Privateigentum schiefläuft. Konsequenz:
- Abgeschafft wurde: Privateigentum an Produktionsmitteln, kapitalistische Konkurrenz.
- Beibehalten wurde: Geld, Ware, Preis, Lohn, Gewinn — als Mittel der staatlichen Planung.
- Implizite These: Wertgesetz minus private Konkurrenz = harmonische Wertproduktion zum Volksnutzen.
Dillmanns Begriff dafür: geplante Wertproduktion.
Das Problem zeigt sich, sobald man die einzelnen Kategorien durchgeht. Der Lohn ist garantiert, soll steigen — und ist zugleich Kostenfaktor des Betriebs. Der Gewinn ist Plan-Soll des Staats, aber der Betrieb hat keinen eigenen Anlass, ihn zu erzielen. Preise sind staatlich festgesetzt, also nicht als Konkurrenzwaffe einsetzbar. Investitionen sind erlaubt, aber zentral geplant — der Betrieb darf nicht selbst entscheiden. Konkurrenten unterbieten ist verboten. Arbeiter entlassen ist verboten (Recht auf Arbeit). Was bleibt, wenn der Betrieb sein Plan-Soll trotzdem erfüllen muss?
Praktisch nur zwei Hebel. Erstens: Qualität verschlechtern — billigere Rohstoffe, schludrige Verarbeitung. Dass das Produkt taugt, ist nicht das Erfolgskriterium. Die Verbraucher und Weiterverarbeiter werden zur Verzweiflung getrieben. Zweitens: moralische Mobilisierung — Patriotismus, Aufbauwille, Sonderschichten. Die Arbeit, die ökonomisch nicht aus den Betrieben herauszupressen ist, soll aus den Köpfen kommen.
Genau diese beiden Hebel werden zum Hauptinstrument der drei großen Mao-Kampagnen. Der Große Sprung mobilisiert moralisch — bis zur Hungersnot. Die Kulturrevolution sucht das Versagen der Wirtschaft im „bürgerlichen Denken” der Köpfe. Mit Nadims zugespitzter Pointe aus dem 99-zu-Eins-Podcast: „Im Prinzip ging es darum, den Kapitalismus besser zu machen — und dafür hat man ihn abgeschafft.”
Erst die Anfangserfolge
Bevor man die drei Kampagnen versteht, muss man wissen, was die KP in ihren ersten Jahren tatsächlich geleistet hat. Sie hat eine Landreform durchgeführt, die das Großgrundbesitzer-System abschaffte und auf das das Versprechen von 1925 endlich eingelöste. Sie hat das Frauenbild radikal verschoben: Zwangsverheiratung wurde verboten, Frauen erhielten formale Gleichberechtigung. Sie hat eine Alphabetisierungskampagne gefahren, die in einer Generation die schriftunkundige Mehrheit zur Minderheit machte. Sie hat das System der „Barfuß-Ärzte” auf das Land gebracht — eine Basisgesundheitsversorgung, die die Kindersterblichkeit dramatisch senkte. Die Lebenserwartung stieg zwischen 1949 und 1976 von etwa 35 auf über 65 Jahre. Das sind keine Propaganda-Zahlen, sondern WHO-Befunde.
Diese Anfangserfolge sind das Substrat, auf dem die Kampagnen-Mechanik aufsitzt. Sie produzieren eine reale Aufbruchsstimmung — und gleichzeitig die Erwartung, dass ein sozialistisch organisiertes Land kapitalistische Industrieländer überholen müsste, schneller als gedacht. Wenn diese Erwartung nicht eintrifft, beginnt der Mechanismus.
Die drei Kampagnen als ein Mechanismus
Hundert Blumen, 1957
Mao lädt die Bevölkerung ein, Kritik zu üben — „lasst hundert Blumen blühen, hundert Schulen miteinander wetteifern”. Die Logik scheint plausibel: Eine sozialistische Partei, die auf realen Erfolgen sitzt, kann offene Kritik aushalten und produktiv verwerten.
Was tatsächlich passiert: eine massive Welle ehrlicher Kritik — an Bürokratisierung, an Versorgungsmängeln, an der Privilegierung von Parteikadern. Eine reale, breite Gesellschaftskritik, die im Vertrauen auf den Einladungs-Gestus formuliert wird.
Mao kann das Ausmaß nicht aushalten. Die Bewegung wird umgedeutet als Entlarvungs-Operation für „versteckte Konterrevolutionäre”. Hunderttausende werden zur „Umerziehung” aufs Land geschickt; viele bleiben dort jahrzehntelang. Die Anti-Rechtsabweichler-Kampagne 1957–58 zerstört eine ganze Generation chinesischer Intellektueller. Mechanismus-Punkt: ein real begründetes wirtschaftliches und administratives Unzufriedenheits-Problem wird als ideologisches Problem behandelt.
Großer Sprung nach vorn, 1958–61
Industrialisierung zu langsam — gemessen an sozialistischer Erwartung und an praktischen Notwendigkeiten. Die sowjetische Aufbauhilfe (156 Industrieprojekte) reicht hinten und vorne nicht. Korea-Krieg hat gezeigt: die UdSSR lässt sich gelieferte Waffen bezahlen, der ostblockliche Solidaritätshorizont ist begrenzt. Maos Antwort ist der Große Sprung: dezentrale Stahlöfen in jedem Dorf, gleichzeitige Massenmobilisierung in den neugegründeten Volkskommunen, „Mobilisierung der Moral” als Hauptproduktivkraft.
Was passiert: Die Stahlöfen produzieren völlig untauglichen Stahl — Schmelzklumpen, die nicht zu Werkzeugen oder Schienen verarbeitet werden können. Gleichzeitig werden die Ernten vernachlässigt, weil die Arbeitskraft an die Stahlöfen abgezogen ist. Die berüchtigten „Sperlings-Kampagnen” (Spatzen als Schädlinge zu töten) lassen Insektenpopulationen explodieren. Die Statistik wird politisiert: lokale Parteikader melden Wunderernten, um nicht als Defätisten dazustehen, während die tatsächlichen Lager leer sind. Das Resultat ist die größte Hungersnot des 20. Jahrhunderts. Wemheuers Forschung zur Famine Politics arbeitet mit Zahlen zwischen 15 und 45 Millionen Toten; die deutschsprachige Standardliteratur (Daniel Leese 2020) konvergiert um die 30-Millionen-Marke.
Die Pointe, auf die Renate Dillmann besteht: das ist nicht psychopathologisch. Das ist normaler Nationalismus, der seine Bevölkerung für einen Konkurrenzaufstieg verheizt. Strukturell dasselbe Verhältnis wie „ein Ruck muss durchs Land gehen”, nur ohne demokratische Selbstbegrenzung. Und es gibt eine ökonomische Langfristfolge, die heute kaum jemand auf dem Schirm hat: Die dezentralen Industrieanlagen aus der Kampagne wurden in der Reform-Ära ab 1978 zum Ausgangspunkt vieler kapitalistischer Unternehmen. Die kurzfristige Katastrophe hat eine mittlere materielle Basis hinterlassen, die die Reform vorfand und nutzte.
Kulturrevolution, 1966–76
Mao ist mit den Wirtschaftsergebnissen nach dem Sprung unzufrieden. Eine sowjet-orientierte Gegenlinie unter Liu Shaoqi und Deng Xiaoping versucht eine orthodox-sowjetische Wiederaufbau-Politik. Maos Diagnose: zurückgekehrtes „bürgerliches Denken”, Mangel an „revolutionärem Aufbruchsgeist”. Die Anti-Diagnose dieser Diagnose — die Wirtschaft funktioniert deshalb nicht, weil das Wertgesetz nicht abgeschafft wurde, sondern in seinen einzelnen Kategorien ungelöst weiterwirkt — kommt der Partei nicht in den Sinn.
Stattdessen das ZK-Rundschreiben vom 16. Mai 1966, parteiintern, mit dem Aufruf, „die chinesischen Chruschtschows ausfindig zu machen”. Wenige Wochen später Maos eigene Wandzeitung „Bombardiert die Hauptquartiere!“. Im Sommer 1966 die ersten Rotgardisten-Empfänge auf dem Tiananmen — bis zu 13 Millionen Jugendliche in mehreren Wellen.
Felix Wemheuer rahmt die folgenden Jahre mit Goethes Zauberlehrling: „Herr, die Not ist groß, die ich rief, die Geister werde ich nun nicht los.” Mao mobilisiert eine Massenbewegung, die er drei Jahre lang nicht wieder einfangen kann. Die Bewegung spaltet sich in „Loyalisten” und „Rebellen”, Massenorganisationen drucken eigene Pamphlete am Zensurapparat vorbei, das staatliche Gewaltmonopol erodiert.
Die Standardlesart, die Kulturrevolution sei ein durchorganisierter Schreckensplan gewesen, ist sinologisch nicht haltbar. Wemheuer und der Soziologe Andrew Walder (Stanford) zeigen anhand neuer Quellen — Archive der Massenorganisationen, geheime Mao-Reden, lokale Chroniken — dass die Bewegung in ihrer ersten Phase real außer Kontrolle geriet. Die schlimmsten Massenmorde finden nicht im chaotischen 1966–67 statt, sondern in der Ordnungswiederherstellung unter Armee-Führung 1968–1970. Walders Auswertung von über 2.000 lokalen Chroniken kommt auf eine Gesamtzahl von 1,1 bis 1,6 Millionen Kulturrevolutions-Toten. Der „grüne Terror” der Armee-Uniformen war tödlicher als der „rote Terror” des Rotgardisten-Mobs.
Am 9. Parteitag im April 1969 ist die Massenbewegung weitgehend demobilisiert; Liu Shaoqi stirbt im November desselben Jahres an verwehrter medizinischer Versorgung. Maos Tod 1976 und die Verhaftung der „Viererbande” markieren das offizielle Ende — eine politische Konstruktion, die den Komplex bis zur dynastischen Schlusszäsur verlängert.
Was die drei Kampagnen verbindet
Die drei Kampagnen sind keine isolierten Ausbrüche eines exzentrischen Führers. Sie sind drei Iterationen desselben strukturellen Mechanismus.
Wirtschaftsplanung erbringt nicht das geplante Resultat
│
▼
Diagnose: nicht Konstruktionsfehler
Diagnose stattdessen: schlechtes Denken
│
▼
Massenkampagne zur Korrektur der Köpfe
│
▼
Reale Wirtschafts- oder Sozialkatastrophe
│
▼
Diagnose: noch schlechteres Denken
│
▼ (Iteration)
nächste Kampagne
Wo der Staat als Subjekt der Wirtschaft definiert ist und Partei und Volk per Definition zusammengehören, ist für Versagen nur das „bürgerliche Denken” irgendwo verfügbar als Schuldiger. Es kann ja nicht der Staat sein. Es kann auch nicht der Sozialismus selbst sein, denn beide stehen außer Frage. Was bleibt, ist die Mentalität der Bevölkerung — und gegen die werden moralische Massenkampagnen aufgerufen, die das ökonomische Defizit kompensieren sollen. Jedes Mal scheitert die Kampagne auf neue, härtere Weise, weil die Diagnose das eigentliche Problem nicht trifft.
Diese Mechanismus-Lesart entlastet Mao nicht moralisch. Sie verdammt ihn auch nicht. Sie macht ihn analytisch lesbar: nicht als Despot mit Privatprogramm, sondern als handelnder Funktionär einer spezifischen Konstruktion, deren Eigenlogik er teilte und deren Folgewirkungen er nicht beherrschte. Maos Tod 1976 hat das Problem nicht gelöst — er hat nur die Person ausgetauscht, die mit der Konstruktion lebte.
Was endete, was blieb
Im September 1976 stirbt Mao. Im Oktober wird die Viererbande verhaftet. 1978 setzt Deng Xiaoping mit der „Reform und Öffnung” ein neues Programm in Gang, das im Selbstverständnis der Partei als Bruch erscheint und international so kommuniziert wird.
Was tatsächlich bricht und was bleibt, ist die Frage, mit der Teil 3 dieser Serie beginnt. Drei vorläufige Befunde:
Was bleibt. Die zentralstaatliche Bürokratie-Tradition bleibt — sie ist 2.000 Jahre alt, älter als die Partei selbst. Die nationale Aufstiegslogik bleibt — sie hatte bereits den Großen Sprung getragen und wird die Reform-Ära nahtlos tragen. Die Wert-Bejahung bleibt: Wenn Geld, Lohn, Preis und Gewinn die ganze Mao-Ära über als Kategorien staatlicher Planung weiterbetrieben wurden, dann ist ihr Wiedereinsatz unter Marktbedingungen ab 1978 keine theoretische Revolution, sondern eine Verschiebung des Steuerungsmodus. Und die materielle Basis bleibt: die dezentralen Industrieanlagen aus dem Großen Sprung werden zu kapitalistischen Township-and-Village-Enterprises.
Was bricht. Die Kampagnen-Logik wird abgebrochen — nicht aus theoretischer Einsicht, sondern aus pragmatischem Erschöpfungsbefund. Wemheuers Schlusspointe in seinem Rosalux-Artikel zur Kulturrevolution ist eine, die Mainstream-Lesarten beider Lager irritiert: Es waren gerade die Kulturrevolutions-Erfahrungen, die viele Chines:innen 1978 eine Abkehr vom Maoismus und die Reform-Politik akzeptieren ließen. Die Niederschlagung der Massenbewegungen 1968–70 war, in der Lesart des kanadischen Sinologen Yiching Wu und seines deutschen Übersetzers Ralf Ruckus, bereits der erste Schritt der Reformen.
Was sich neu konfiguriert. Die KP-Selbstdarstellung als „Sozialismus chinesischer Prägung” ist im Lichte der Dillmann-Diagnose konsistenter als sie scheint. Die Wert-Bejahung war schon vor 1978 da — die Partei hat sie nie aufgegeben. Was 1978 eingeführt wird, ist nicht „der Kapitalismus” gegen „den Sozialismus”, sondern die Aktivierung des Wertgesetzes über den Markt-Modus, nachdem dreißig Jahre staatlicher Planung an seinen Eigentümlichkeiten gescheitert sind. Die nationale Aufstiegslogik bleibt das übergreifende Programm.
Es war keine Wende. Es war eine Fortsetzung mit anderen Mitteln. Wie genau diese Fortsetzung funktioniert — wie die KP einen Tiger reitet, ohne abgeworfen zu werden, wie aus Wanderarbeitern eine globale Werkbank wird, warum „Rechtsstaat ja, Demokratie nein” in dieser Konstruktion keine Inkonsistenz ist — ist der Stoff von Teil 3.
Mao hängt weiterhin auf jedem Geldschein. Das ist keine sentimentale Geste, sondern die ikonische Beglaubigung einer Kontinuität, die durch den scheinbaren Bruch von 1978 hindurch reicht. Wer dieses Bild verstehen will, muss es weder verehren noch verdammen. Er muss die zwei Gründungsfehler kennen, die in ihm gefasst sind — und die Mechanismen, in denen sie für 27 Jahre wirksam waren.
Im nächsten Teil: 1978 — wie der Bruch gemacht wurde. Deng Xiaopings „Reform und Öffnung” als Kontinuität im Ziel, Bruch in der Methode. Die „Tiger reiten”-Logik der KP, der Kapitalimport, und warum die Sonderwirtschaftszonen aus chinesischer Sicht ein traditioneller Modus sind.
Quellen
Stammquellen
- Renate Dillmann: China — Ein Lehrstück. Über alten und neuen Imperialismus, einen sozialistischen Gegenentwurf und seine Fehler, die Geburt einer kapitalistischen Gesellschaft und den Aufstieg einer neuen Großmacht. VSA-Verlag, Hamburg, Erstauflage 2008. vsa-verlag.de · renatedillmann.de
- 99 ZU EINS, Ep. 84: „Renate Dillmann — China Lehrstück Teil 2 (Maos China)” (Live-Stream-Podcast, 21.12.2021)
- Felix Wemheuer: „60 Jahre chinesische Kulturrevolution: Geschichte eines Scheiterns”, Rosa-Luxemburg-Stiftung, 08.05.2026
- Felix Wemheuer, YouTube Studying Maoist China: „60 Jahre Kulturrevolution — 1966 Rebellion” Teil 1+2, 08.05.2026
Primärquellen
- Mao Zedong: Wandzeitung „Bombardiert die Hauptquartiere!”, 5. August 1966
- Zentralkomitee der KP Chinas: 16-Punkte-Beschluss zur Großen Proletarischen Kulturrevolution, 8. August 1966
- Zentralkomitee der KP Chinas: „Resolution über bestimmte Fragen in der Geschichte unserer Partei seit der Gründung der Volksrepublik China”, 1981 (Deng-Ära) und Folgeresolution 2021 (Xi-Ära)
Sekundärliteratur
- Daniel Leese: Maos langer Schatten. Chinas Umgang mit der Vergangenheit, C. H. Beck, München 2020
- Felix Wemheuer: A Social History of Maoist China: Conflict and Change, 1949–1976, Cambridge University Press 2019
- Andrew Walder: Agents of Disorder: Inside China’s Cultural Revolution, Harvard University Press 2019
- Yiching Wu: Die andere Kulturrevolution 1966–1969. Der Anfang vom Ende des chinesischen Sozialismus, herausgegeben und übersetzt von Ralf Ruckus, Mandelbaum Verlag, Wien 2019
Online-Ressourcen
- The Maoist Legacy — Datenbank der Universität Freiburg, juristische Aufarbeitung der KR
- Jiyi („Erinnerung”) — digitale Zeitschrift kritischer Kulturrevolutions-Zeitzeugen im Exil
Begriffsklärungen