Ein Nachtrag zur PKM-Serie. Die sieben Teile handelten davon, wie man Wissen für sich selbst ordnet. Dieser Text handelt von der Frage, was davon öffentlich gehört – und was nicht.
Dieser Text hier ist ein Blogartikel. Er hat ein Datum, einen Anfang und ein Ende, und wenn du ihn in zwei Jahren nochmal aufrufst, wird er unverändert dastehen. Falls sich meine Meinung inzwischen geändert hat, erfährst du das nicht. Du müsstest den neueren Artikel suchen – falls es einen gibt.
Das ist die Bauform, in der praktisch das gesamte Web publiziert wird, und sie hat einen eingebauten Widerspruch: Denken ist ein Prozess, das Blog-Format ist ein Zustand. Was noch in Bewegung ist, passt nicht hinein. Also veröffentlicht man es entweder gar nicht oder wartet, bis es fertig genug aussieht. Bei den meisten Gedanken kommt dieser Punkt nie.
Der Digital Garden ist der Gegenentwurf zu dieser Bauform. Weil der Begriff im deutschsprachigen Raum kaum vorkommt, lohnt es sich, ihn ordentlich zu erschließen – und dann zu fragen, warum aus ihm nicht mehr geworden ist.
Garten statt Strom
Die griffigste Formulierung stammt von Mike Caulfield, der 2015 in The Garden and the Stream zwei Metaphern gegeneinanderstellte: den Strom und den Garten.
Der Strom ist das, was soziale Netzwerke tun. Beiträge fließen vorbei, sind kurz relevant und dann weg. Ein Posting von vorgestern ist praktisch unauffindbar, und das ist keine Panne, sondern die Konstruktion. Der Strom belohnt Aktualität und bestraft alles, was Zeit braucht.
Der Garten ist das Gegenteil. Er ist ein Ort, kein Verlauf. Man geht hinein, nicht daran vorbei. Was darin steht, wird gepflegt, umgetopft, zurückgeschnitten und wächst weiter. Ein Beitrag von vor drei Jahren ist kein Archivstück, sondern eine Pflanze, die inzwischen größer geworden ist.
Der entscheidende Unterschied ist nicht die Technik, sondern die Zeitachse: Im Strom altern Texte. Im Garten wachsen sie.
Die Idee ist älter als die Metapher. Schon 1998 beschrieb Mark Bernstein in Hypertext Gardens das Web als bepflanzbaren Raum und rang mit demselben Problem, das jeder Garten hat: Wie führt man Besucher durch etwas, das keine Reihenfolge hat? Zwischendurch geriet der Begriff auf eine falsche Fährte – um 2007 verstand man unter „digital gardening” eine Weile das Aufräumen der eigenen Festplatte. Erst Caulfield gab ihm die heutige Bedeutung, Maggie Appleton machte ihn 2020 populär.
Die sechs Merkmale
Appleton hat das Konzept zu sechs Mustern verdichtet. Die sind kein Zertifikat, sondern eine Diagnose – man kann an ihnen ablesen, wie weit eine Seite von der Blog-Logik weg ist.
1. Topologie statt Chronologie. Geordnet wird nach Zusammenhang, nicht nach Datum. Die Startseite ist keine Liste der neuesten Beiträge, sondern ein Einstieg in ein Themennetz.
2. Kontinuierliches Wachstum. Notizen werden über Jahre ergänzt, statt einmal veröffentlicht und dann liegengelassen. Eine Notiz ist nie fertig, sondern hat einen Stand.
3. Unfertigkeit in der Öffentlichkeit. Das ist der Kern und zugleich das Unbequemste: Halbfertiges zu zeigen ist ausdrücklich erwünscht. Nicht als Entschuldigung, sondern als Format – mit sichtbaren Reifegraden, üblicherweise dreistufig vom Keimling bis zur ausgewachsenen Notiz.
4. Verspielt und persönlich. Kein Corporate-Ton, keine Suchmaschinen-Optimierung, keine Handlungsaufforderung am Ende. Es darf nach einer Person klingen.
5. Gemischte Bepflanzung. Nebeneinander stehen dürfen: lange Essays, Dreizeiler, Codeschnipsel, Skizzen, offene Fragen. Ein Blog erzwingt eine einheitliche Textsorte, ein Garten nicht.
6. Eigenbesitz. Eigene Domain, eigene Software, keine Plattformabhängigkeit. Wer auf fremdem Grund pflanzt, kann nicht über die Zeitachse verfügen – und Zeit ist das Einzige, worauf ein Garten baut.
Das dritte Muster ist das, an dem sich alles entscheidet. Die anderen fünf bekommt man weitgehend durch Werkzeugwahl: Wer eine gängige Wiki-Software aufsetzt, hat Topologie, Vielfalt und Eigenbesitz praktisch geschenkt. Unfertiges sichtbar zu machen dagegen ist eine Entscheidung, die kein Werkzeug abnimmt.
Was es nicht ist
Hier wird es begrifflich heikel, weil in dieser Nachbarschaft mehrere Konzepte wohnen – und eines benutzt dasselbe Wort in anderer Bedeutung.
Nicht dasselbe wie ein Zettelkasten. Der Zettelkasten ist eine Arbeitsmethode für das eigene Denken; Luhmanns war zeitlebens privat. Ein Garten ist eine Publikationsform. Man kann einen Zettelkasten führen, ohne je etwas zu zeigen, und einen Garten betreiben, ohne nach Zettelkasten-Regeln zu arbeiten.
Nicht dasselbe wie ein Second Brain. Das Second-Brain-Konzept organisiert Material auf Projekte hin – es ist auf Verwertung ausgerichtet, mit einem Ausgang. Ein Garten hat kein Projekt und keinen Abgabetermin.
Und Vorsicht mit „evergreen”. In Teil 4 ging es um Andy Matuschaks Evergreen Notes – Notizen, die so geschrieben sind, dass sie über Jahre nützlich bleiben. Das ist eine Qualitätsanforderung an den Text. Im Garten-Vokabular bezeichnet „evergreen” dagegen die oberste Stufe einer Reifeskala, also einen Zustand. Dasselbe Wort, zwei Ebenen.
Der sauberste Trennstrich ist die Frage nach dem Publikum. Zettelkasten und Second Brain beantworten: Wie ordne ich Wissen für mich? Der Garten beantwortet: Wie zeige ich es, solange es noch nicht fertig ist?
Es hat sich nicht durchgesetzt
So weit die Theorie. Sie ist gut ausgearbeitet, sie beschreibt ein echtes Problem – und sie ist in der Praxis eine Randerscheinung geblieben.
Ich habe das im Frühjahr nachgezählt, weil der Diskurs zwar viele Empfehlungen kennt, aber keine Zahlen: 58 Adressen, die sich Digital Garden nennen oder als solche gehandelt werden, einzeln aufgerufen und an Appletons Mustern gemessen. Vier Monate später habe ich dieselben Adressen noch einmal geprüft.
Der Befund braucht nicht viele Zahlen, weil er so eindeutig ist. Rund jeder zehnte führt tatsächlich Reifegrade. Knapp zwei Drittel zeigen keinerlei Marker – sie benutzen die Software, aber leben die Praxis nicht. Wer „Digital Garden” sagt, meint meistens einen Blog mit Rückwärtsverlinkung.
Dazu kommt ein Muster, das noch deutlicher spricht als der Anteil: Die prominentesten Vertreter sind ausgestiegen. Mike Caulfield, von dem die Metapher stammt, schreibt heute einen klassischen Blog. Tom Critchlow ist 2024 zum Blog zurückgewandert; die Garten-Adresse gibt seither einen Fehler zurück. Bei einem weiteren Fall konnte ich den Wechsel zwischen meinen beiden Messungen direkt beobachten: aus dem Garten wurde eine Beratungsseite mit Leistungsübersicht.
Die konsequente Praxis – Reifegrade führen, Unfertiges wirklich zeigen, über Jahre pflegen – ist damit keine Bewegung, sondern ein Grüppchen. Ein paar Dutzend Leute weltweit: Andy Matuschak, Maggie Appleton selbst, dazu handgebaute Langläufer wie Bret Victor, Michael Nielsen oder Gwern Branwen – teils seit fünfzehn Jahren in Betrieb. Überwiegend akademisch abgesichert oder in der Softwarebranche, wo öffentliches Herumprobieren als Kompetenzbeweis durchgeht.
Das ist keine Häme. Es ist der Ausgangspunkt für die interessantere Frage.
Warum eigentlich nicht?
Die naheliegende Erklärung ist Bequemlichkeit: Reifegrade pflegen macht Arbeit, Unfertiges zeigen kostet Überwindung. Beides stimmt, aber es erklärt nicht, warum ausgerechnet die Erfinder aufgehört haben. Wer eine Idee prägt, hat die Überwindung längst hinter sich.
Ich glaube, der Grund liegt tiefer, und er steckt in einer Frage, die in der Garden-Literatur erstaunlich selten gestellt wird: Was fange ich eigentlich mit dem Gedankenprozess eines anderen Menschen an?
Ein fremder Zettel ist kein Wissenspaket. Er ist die Spur einer Denkbewegung – und was ihn zusammenhält, gehört dem Autor: Die Verlinkungen spiegeln dessen Vorwissen, die Schlagwörter dessen Kategorien, und selbst der Zuschnitt einer Notiz ist eine persönliche Entscheidung darüber, wo ein Gedanke anfängt und aufhört. Warum jemand X mit Y verbunden hat, weiß außer ihm niemand.
Nimmt man die Zettel heraus, bleibt ein Skelett. Der Kontext lässt sich nicht mitkopieren.
Dazu kommt das Grundgesetz jeder Wissensarbeit, das in dieser Serie mehrfach vorkam: Verarbeitung erzeugt Wissen, Konsum nicht. Wer eine fremde Notizsammlung durchklickt, hat nicht gedacht, sondern gelesen. Das Gefühl, etwas verstanden zu haben, stellt sich trotzdem ein – und ist die verlässlichste Selbsttäuschung im ganzen Feld. Es ist derselbe Mechanismus, der aus dem Anlegen einer Sammlung ein Ersatzgefühl fürs Durcharbeiten macht, siehe Teil 5.
Wenn PKM Wissensarbeit ist, dann muss diese Arbeit geleistet werden. Von dir. Ein fremder Garten kann sie dir nicht abnehmen, egal wie schön er gepflegt ist. Er ist ein Schaufenster in eine Werkstatt – man sieht, dass gearbeitet wird, und kann sich etwas abschauen. Ein begehbarer Raum für gemeinsame Arbeit ist er nicht.
Damit ist auch klar, warum die Bewegung stecken bleibt. Sie verspricht implizit einen Nutzen für Leser, den die Form nicht einlösen kann. Und der Aufwand fällt beim Autor an.
Was stattdessen öffentlich gehört
Daraus folgt aber nicht, dass man alles für sich behalten sollte. Es folgt eine andere Aufteilung – und ich halte sie inzwischen für die richtige:
Der Zettelkasten bleibt privat. Die Quellen gehören nach draußen.
Denn das eine ist tatsächlich nicht übertragbar, das andere sehr wohl. Was jemand gelesen hat, worauf eine Behauptung fußt, wo genau die Zahl herkommt – das ist überprüfbar, nachnutzbar und für jeden anderen unmittelbar brauchbar. Es zwingt niemandem eine Denkbewegung auf und nimmt niemandem die eigene ab. Es liefert das Material, an dem jeder seine eigene Arbeit machen kann.
Das ist auch der ehrlichere Umgang mit der eigenen Rolle. Eine Quellenangabe sagt: Hier kannst du selbst nachsehen und zu einem anderen Schluss kommen. Eine veröffentlichte Notizsammlung sagt tendenziell: So denke ich, schau es dir an.
Und hier wird die Sache größer als eine Methodenfrage. Denn die Verfügbarkeit von Quellen ist alles andere als selbstverständlich. Sie verschwinden hinter Bezahlschranken. Und sie verrotten: Nach einer Erhebung von Pew Research waren rund 40 Prozent der 2013 hochgeladenen Seiten zehn Jahre später nicht mehr abrufbar – Carla Siepmann hat das bei netzpolitik.org auf die Formel gebracht, Wissen verbrenne nicht, es verrotte. Nicht der spektakuläre Ausfall ist das Problem, sondern die leise Gleichgültigkeit: geänderte Adressen, abgeschaltete Seiten, und mit ihnen die Belege für alles, was darauf aufbaute.
Bitter ist dabei ausgerechnet die Rolle der Presse. Über 240 Nachrichtenportale sperren die Crawler des Internet Archive aus – aus Sorge, ihre Inhalte könnten KI-Modelle füttern. Der Preis dafür ist, dass sie ihre eigene Überlieferung untergraben.
Meine beiden Messungen haben genau dafür einen Beleg geliefert, fast nebenbei: Die Gärten, die in vier Monaten verschwanden oder umzogen, lagen alle auf einem Abo-Dienst. Kein einziger der Gärten mit eigener Domain war weg. Das liegt nicht daran, dass Plattformen schlechter laufen – es liegt daran, dass ein Abo eine monatliche Wiedervorlage der Frage ist, ob man das eigentlich noch will. Ein paar statische Dateien auf eigener Domain stellen diese Frage nie. Sie kosten zehn Euro im Jahr und laufen weiter, auch wenn ein halbes Jahr nichts passiert.
Verschwindet ein Garten voller privater Denkspuren, verliert vor allem sein Betreiber etwas – und der hat die Notizen ohnehin noch. Verschwindet eine Quellensammlung, auf die sich andere berufen haben, brechen mit ihr alle Belege weg, die auf sie zeigten. Das ist der Unterschied, an dem sich entscheidet, wo Sorgfalt beim Hosting nötig ist.
Was ich daraus mache
Der praktische Schluss für meinen eigenen Vault: Die Zettel bleiben, wo sie sind. Sie sind auf meinen Kopf kompiliert und für andere bestenfalls halb verständlich. Öffentlich sind die fertigen Texte – und die Belege, auf denen sie stehen.
Was mich am Digital Garden weiterhin überzeugt, ist deshalb nicht das dritte Muster, sondern das sechste. Nicht „zeig dein Unfertiges”, sondern: Bau auf etwas, das ohne dich weiterläuft. Eigene Domain, offene Dateiformate, kein Dienst im kritischen Pfad, der gekündigt werden kann.
Das ist unspektakulär, und es ist das Einzige, was in vier Monaten Messung ausnahmslos gehalten hat.
Quellen
Grundlagen
- Maggie Appleton: A Brief History & Ethos of the Digital Garden – die kanonische Darstellung, aus der die sechs Muster stammen
- Mike Caulfield: The Garden and the Stream: A Technopastoral (2015) – die Gegenüberstellung von Garten und Strom
- Mark Bernstein: Hypertext Gardens (1998) – die früheste Verwendung der Gartenmetapher fürs Web
Eigene Erhebung
- Zwei Stichproben mit zusammen 58 Adressen, erhoben am 29.04.2026, nachgemessen am 16.08.2026. Erfasst wurden Erreichbarkeit, Software, sichtbare Reifegrade und die Frage eigene Domain oder Plattform.
Zur Verfügbarkeit von Quellen
- Carla Siepmann: Breakpoint: Das Internet verrottet, netzpolitik.org 2026 – die 40-Prozent-Zahl (Pew Research), Alexandria als Lehrstück der Gleichgültigkeit und die Presse, die das Internet Archive aussperrt
Gärten zum Ansehen
- Andy Matuschak – das meistzitierte Beispiel
- Maggie Appleton – Reifegrade konsequent durchgeführt
- Bret Victor · Michael Nielsen · Gwern Branwen – handgebaute Langläufer, teils seit fünfzehn Jahren
Anschluss in dieser Serie
- Luhmanns Zettelkasten – die Methode fürs eigene Denken
- Die Methoden im Vergleich – Zettelkasten, PARA, LYT
- Evergreen & Atomic Notes – warum „evergreen” hier etwas anderes heißt
- Die Collector’s Fallacy – warum Konsum kein Wissen erzeugt
- Obsidian wird Blog – die Technik hinter dem sechsten Muster