illustration: In der linken unteren Ecke eine schwarze Bombe wie auf dem Gefahrgutzeichen für Explosivstoffe: eine Kugel auf einer Bodenkante, die oben aufbricht, umgeben von einem gezackten orangefarbenen Explosionsherd. Von dort laufen Ringe aus grauen Rasterpunkten als Druckwelle über das schwarze Bild, helle Splitter fliegen nach rechts oben

Dies ist Teil 6 einer Serie über die italienische Rechte. Leitfrage: Was macht die faschistische Bewegung Italiens aus — und was folgt daraus für die Debatte um Faschismus und Faschisierung 2026? Dieser Teil behandelt die Jahre 1969 bis 1994: die Bomben der »strategia della tensione«, die Gruppen, die sie legten, und die Antwort des Staates, dann den Zusammenbruch der alten Parteien, der den Movimento Sociale Italiano zum ersten Mal in eine Regierung brachte. Teil 1 erzählte die Gesellschaft, aus der die Bewegung kam, Teil 2 ihren Weg an die Macht, Teil 3, was das Regime im Inneren tat, Teil 4 das Imperium und die Rassengesetze, Teil 5, wie der Faschismus legal in die Republik kam.


Am Hauptbahnhof von Bologna hängt eine Uhr, die 10.25 Uhr zeigt. Um diese Zeit, an einem Samstag, explodierte im Wartesaal zweiter Klasse eine Bombe. Die Darstellung des Tathergangs im Urteil des Schwurgerichts von Bologna von 1988 beginnt mit dieser Minute: »Alle ore 10,25 di sabato 2 agosto 1980«. 85 Menschen starben. Die Verletzten, so das Gericht, »si contavano nell’ordine delle centinaia«, sie zählten nach Hunderten.

Die Uhr ist das Bild dieses Tages geworden. Was vor dieser Minute lag und was nach ihr kam, zeigt sie nicht. Davor lagen elf Jahre, in denen in Italien Bomben explodierten, in Banken, auf Plätzen und in Zügen. Danach vergingen vierzehn Jahre, bis die Partei, aus der die wichtigsten Gruppen hinter diesen Bomben hervorgegangen waren, zum ersten Mal in einer Regierung saß. Den 2. August selbst erzählt der Artikel »Bologna, 10.25 Uhr«, der unabhängig von dieser Serie zum 46. Jahrestag des Anschlags erschienen ist: die Tat, die Verurteilten, die Vertuschung, den Streit um die Wahrheit, der bis heute andauert. Dieser Teil wiederholt das nicht. Er fragt nach dem Zusammenhang, den Teil 5 angekündigt hat: wer die Bomben legte, wozu sie dienen sollten, wem sie nützten — und wie der Movimento Sociale Italiano, der MSI, 1994 an die Regierung kam.

Für die Debatte um Faschismus und Faschisierung liegen in diesen fünfundzwanzig Jahren zwei Wege einer Rechten zur Macht nebeneinander. Der eine setzte auf Gewalt, die den Staat zu einer autoritären Wende treiben sollte. Der andere war der lange Weg einer Partei, die seit 1948 im Parlament saß, aber nach 1960 als nicht koalitionsfähig galt. Der erste scheiterte. Der zweite führte in die Regierung, als die Parteien zerfielen, die den MSI ausgeschlossen hatten.

Mailand, 12. Dezember 1969

Am 12. Dezember 1969 explodierte in der Banca Nazionale dell’Agricoltura an der Piazza Fontana in Mailand eine Bombe. Sie tötete sechzehn Menschen, nach anderen Angaben siebzehn; in Rom explodierten am selben Tag weitere Sprengsätze. Der Historiker Tobias Hof, dessen Studie Staat und Terrorismus in Italien 1969–1982 neben Hans Wollers Geschichte Italiens im 20. Jahrhundert die wichtigste Grundlage dieses Teils ist, zählt für die Jahre 1969 bis 1982, die »bleiernen Jahre«, 8865 terroristische Anschläge mit 351 Toten.

Die Polizei suchte die Täter zuerst unter den Anarchisten. Giuseppe Pinelli, ein 41-jähriger Anarchist, der wegen des Anschlags vernommen werden sollte, starb wenige Tage später bei einem Sturz aus einem Fenster der Mailänder Quästur. »Bis heute«, schreibt Hof, »sind die genauen Umstände seines Todes ungeklärt.« Pietro Valpreda, ebenfalls Anarchist, wurde »im Zuge einer regelrechten Anti-Anarchisten-Kampagne der Polizeibehörden« festgenommen. Die Beweise gegen ihn erwiesen sich als fragwürdig, nach drei Jahren war noch kein Urteil ergangen, und er blieb trotzdem in Haft, bis eine Änderung der Strafprozessordnung ihn am 29. Dezember 1972 freikommen ließ.

Die Ermittlungen führten zu dieser Zeit längst in eine andere Richtung. Nachforschungen in Treviso, geführt von Giancarlo Stiz, ergaben nach Hof, »dass nicht Anarchisten, sondern rechtsextreme Terroristen für den Anschlag in Mailand verantwortlich waren«. Angeklagt wurden später Franco Freda und Giovanni Ventura, die in Padua im Umfeld der neofaschistischen Organisation Ordine Nuovo eine Gruppe anführten, und Guido Giannettini, der, wie das Bologna-Urteil von 1988 festhält, »lavorava da anni per conto del S.I.D.«, seit Jahren für den militärischen Geheimdienst arbeitete. Am 20. Juni 1974 machte Verteidigungsminister Giulio Andreotti in einem Interview öffentlich, dass Giannettini, gegen den wegen Piazza Fontana ein Haftbefehl bestand, Mitarbeiter des Dienstes war.

Was danach geschah, ist ein Lehrstück für die Frage, wer die Bomben legte und wer die Täter deckte. Ein Gericht in Catanzaro, vor dem der Fall später verhandelt wurde, stellte nach der Wiedergabe im selben Urteil fest, dass für Ventura ein Fluchtplan entworfen worden war, »per iniziativa od almeno con la partecipazione di esponenti del S.I.D.«, auf Initiative oder wenigstens unter Beteiligung von Angehörigen des Geheimdienstes. Vladimiro Satta, Dokumentar am italienischen Senat, schreibt in einem Sammelband des Münchner Instituts für Zeitgeschichte, der »Stragismo«, die Politik der Massaker, habe sich »einer gewissen staatlichen Protektion« erfreut: Der militärische Geheimdienst habe einer wegen Piazza Fontana gesuchten Person zur Flucht ins Ausland verholfen. Zwei Offiziere des Dienstes, Gianadelio Maletti und Antonio Labruna, wurden später verurteilt, wie der Historiker Vito Ruggiero festhält, »ma per depistaggio«, wegen Irreführung der Ermittlungen.

Freda und Ventura wurden am Ende rechtskräftig freigesprochen. Als 2005 ein weiteres Verfahren zu Piazza Fontana vor dem Kassationsgerichtshof mit Freisprüchen für die neuen Angeklagten endete, hielt das Gericht fest, dass die Berufungsrichter die Verantwortung von Freda und Ventura gesehen hatten, »sia pure in chiave meramente ›storica‹ e di valutazione incidentale«, wenn auch nur in »historischer« Hinsicht und als Nebenbefund. Folgen hatte das keine. Beide waren, so das Urteil, »irrevocabilmente assolti dalla Corte d’Assise d’Appello di Bari«, unwiderruflich freigesprochen. Unstrittig war für die Gerichte beider Tatsacheninstanzen, so referiert es die Kassation, dass die Tat vom 12. Dezember 1969 keine »scheggia impazzita« gewesen sei, kein versprengter Splitter, sondern Teil eines »programma eversivo ben sedimentato, ancorché di oscura genesi, contorni e dimensioni«, eines gefestigten Umsturzprogramms, wenn auch von dunkler Herkunft, unklaren Umrissen und Ausmaßen.

Piazza Fontana setzte ein Muster, das in vielen späteren Fällen wiederkehrte: Die Täter kamen von rechts, die erste Spur führte woandershin, und Angehörige des Staates halfen Verdächtigen. Für Piazza Fontana selbst kamen die Gerichte erst nach Jahrzehnten so weit, die Verantwortung festzuhalten, und konnten sie nicht mehr bestrafen.

Woher die Gruppen kamen

Die politische Verantwortung für den größten Teil der Anschläge von 1969 bis 1974 schrieben die Ermittler zwei Gruppen zu, Ordine Nuovo und Avanguardia Nazionale. Vito Ruggiero, der ihre Geschichte bis in die Emigration nach Lateinamerika verfolgt hat, nennt sie die »maggiori sigle del neofascismo italiano nonché principali responsabili della ›strategia della tensione‹«, die größten Organisationen des italienischen Neofaschismus und Hauptverantwortlichen der Strategie der Spannung. Beide kamen aus dem MSI.

Ordine Nuovo begann 1954, als, so Hof, »Pino Rauti innerhalb des MSI die Gruppe Centro Studi gründete«. Anlass war nach Ruggiero die Wahl des gemäßigten Arturo Michelini zum Parteisekretär; als Michelini 1956 bestätigt wurde, kam es zur »scissione ufficiale«, zur offiziellen Spaltung. 1959 gründete Stefano Delle Chiaie Avanguardia Nazionale. Teil 5 dieser Serie hat die Spaltung als Vorgang innerhalb der Partei erzählt. Für die Jahre nach 1969 ist wichtiger, dass sie nicht endgültig war. 1969 wurde Giorgio Almirante Sekretär des MSI, nach Ruggiero der »principale esponente della corrente missina più intransigente«, und »la maggioranza del Centro Studi decise di rientrare nel partito«, die Mehrheit des Centro Studi kehrte in die Partei zurück. Der Rest gründete den Movimento Politico Ordine Nuovo, den Innenminister Paolo Emilio Taviani 1973 nach der Legge Scelba auflöste.

Was Almirante mit dieser Rückkehr verband, beschreibt Ruggiero, im Anschluss an Franco Ferraresi, als Politik des »manganello e doppio petto«, des Knüppels und des Zweireihers: Mit ihr und mit der »riaffermazione della natura radicale del suo partito« sei es Almirante gelungen, sich dem unnachgiebigsten Flügel des MSI wieder anzunähern. Hof formuliert vorsichtiger. Almirante habe gegenüber den radikalen und gewaltbereiten Kräften seiner Partei »eine wesentlich tolerantere Haltung« eingenommen als seine Vorgänger; und als »auch die doppelte Strategie des MSI unter dem neuen Parteisekretär Giorgio Almirante die DC nicht von ihrem Linksruck abbrachte, forcierten die rechtsextremen Gruppen die ›Strategie der Spannung‹«. Woller liest dasselbe Jahrzehnt anders. Bei ihm warf »den ersten Stein« die radikale Rechte, »die ganz anderes im Sinn hatte als ihre bürgerlich-moderate Führung um Giorgio Almirante, der von einer Koalition seines MSI mit der Democrazia Cristiana träumte«.

Die Forschung beschreibt das Verhältnis zwischen Partei und Gewalt also unterschiedlich: als eine Nähe, die Almirante suchte, oder als Gegensatz zwischen einer Führung, die regierungsfähig werden wollte, und einem Rand, der etwas anderes wollte. Unstrittig ist die Herkunft. Die Gruppen, schreibt Hof, »verbanden wegen ihrer ideologischen und personellen Kontinuität die vierziger Jahre mit den Terroristen der Siebziger«. Junio Valerio Borghese, der nach dem Waffenstillstand von 1943 für die Republik von Salò die Marineeinheit X MAS befehligt hatte und in der Nacht vom 7. auf den 8. Dezember 1970 einen Putsch versuchte, war von 1951 bis 1953 Ehrenpräsident des MSI gewesen. Wie dicht Partei und Milieu beieinanderlagen, zeigt ein Fall, den Ruggiero erzählt. Am 28. Mai 1976 hielt der MSI-Abgeordnete Sandro Saccucci, nach Ruggiero »legato agli ambienti della destra extraparlamentare«, eine Wahlkundgebung in Sezze bei Latina. Aus einem flüchtenden Auto fielen Schüsse, der junge Kommunist Luigi Di Rosa starb. Saccucci wurde trotzdem wieder ins Parlament gewählt. Drei Wochen nach dessen Zusammentritt genehmigte die Kammer seine Verhaftung wegen moralischer Mittäterschaft an dem Mord; er floh nach England und Frankreich und erreichte später die Kolonie italienischer Flüchtiger in Madrid. Den Anschlag von Bologna haben die Gerichte dagegen nicht der Partei zugeschrieben. Weder das Urteil von 1988 noch das von 1995 rechnet die Tat dem MSI oder Almirante zu; Almirante erscheint 1988 nur in wiedergegebenen Aussagen und Unterlagen, der MSI als frühere Partei von Angeklagten und Zeugen und über seinen Studentenverband.

Was die Bomben sollten

Über das Ziel der Gruppen ist sich die Forschung weitgehend einig, über ihre Hintermänner nicht. Hof fasst das Ziel so: »Deswegen sollte der Staat dazu gebracht werden, von sich aus eine autoritäre Wende einzuleiten.« Straßenschlachten, Terroranschläge und Putschversuche seien die »drei taktischen Instrumente« gewesen. Ruggiero beschreibt dieselbe Rechnung. Die neofaschistischen Militanten hätten in einer »svolta autoritaria, promossa dallo stato stesso«, einer vom Staat selbst betriebenen autoritären Wende, den einzigen möglichen Damm gegen den Vormarsch der Linken gesehen: »Da qui la necessità degli scontri con i movimenti comunisti, degli attentati dinamitardi, delle stragi«, daher die Notwendigkeit der Zusammenstöße mit den Kommunisten, der Sprengstoffanschläge, der Massaker. Woller schreibt, die Anschläge hätten bei der »schweigenden Mehrheit des Volkes den Ruf nach einer autoritären Regierung laut werden« lassen sollen. Bekennerschreiben gab es nicht; meistens hätten die rechten Terroristen sogar versucht, »ihre Anschläge den Linken in die Schuhe zu schieben«.

Die Lehre dafür stammte aus den frühen sechziger Jahren. Clemente Graziani, ein führendes Mitglied von Ordine Nuovo, veröffentlichte 1963 einen Aufsatz mit dem Titel La guerra rivoluzionaria, der revolutionäre Krieg. Ruggiero zitiert daraus: »Il terrorismo indiscriminato implica, ovviamente, la possibilità di uccidere, o far uccidere, vecchi, donne, bambini.« Der wahllose Terrorismus schließe selbstverständlich die Möglichkeit ein, Alte, Frauen und Kinder zu töten oder töten zu lassen. 1965 fand im römischen Hotel Parco dei Principi eine Tagung statt, die nach Ruggiero eine der »pochissime occasioni ufficiali« war, bei denen die repräsentativsten Teile des antikommunistischen Italien bis zur »aperta richiesta di un intervento militare« gingen, zur offenen Forderung nach einem Eingreifen des Militärs. Einen direkten Zusammenhang zwischen dieser Tagung und den späteren Anschlägen, fügt er hinzu, habe niemand bewiesen.

Dass Teile des Staates die Gruppen schützten, gilt in der Forschung als belegt; wie weit, ist offen. Hof nennt als einen Grund für die geringe Aufklärungsrate »die Verbindung zwischen den terroristischen Gruppen und Teilen des staatlichen Sicherheitsapparats«. Weiter reicht die alte Vermutung, der Rechtsterrorismus sei ein Instrument »reaktionärer Kräfte des In- und Auslands« gewesen, um in Italien ein autoritäres Regime zu errichten. Auch dazu schreibt Hof: »Es gilt heute als gesichert, dass eine Involvierung derartiger Kräfte in den Rechtsterrorismus bestand. Jedoch ist immer noch nicht das genaue Ausmaß dieser Verbindungen ermittelt worden …« Ordine Nuovo sei seit Beginn der sechziger Jahre vom Militärgeheimdienst SIFAR finanziell unterstützt worden. Der Nachfolgedienst SID habe »einer Art ›Staat im Staate‹ gleich« eine eigene Politik gegen die Linke verfolgt, wenig zur Aufklärung der Anschläge beigetragen und »sogar verdächtigen Terroristen zur Flucht ins Ausland« verholfen. Ruggiero beschreibt das Verhältnis als ein Einvernehmen »in archi temporali ben definiti«, in klar begrenzten Zeiträumen, das keine gemeinsame politische Planung auf lange Sicht bedeutete. Eine Irreführung der Ermittlungen zum Attentat auf den chilenischen Exilpolitiker Bernardo Leighton in Rom 1975, die nach dem Untersuchungsrichter Guido Salvini Geheimdienst und Carabinieri gemeinsam mit Leuten aus Avanguardia Nazionale ausheckten, nennt Ruggiero »uno degli ultimi atti di quell’intesa esistita tra i terroristi italiani e alcuni apparati dello stato dal 1969 al 1974«, einen der letzten Akte des Einvernehmens zwischen den Terroristen und Teilen des Staatsapparats. Ob hinter allen Anschlägen ein einziger Plan stand, beantwortet er knapp: Die Annahme sei »molto poco plausibile«. Zur Frage, ob das geheime Stay-behind-Netz Gladio mit den Neofaschisten zusammenwirkte, fasst Woller den Stand in einem Satz zusammen: »Einige Indizien dafür gibt es, harte Beweise aber nicht.«

Für die Loge P2, deren Mitgliederliste 1981 gefunden wurde, kam die parlamentarische Untersuchungskommission 1984 zu einem ähnlich abgestuften Befund. Sie hielt es für eine »ragionata convinzione«, eine begründete Überzeugung, dass die Loge sich mehrfach mit umstürzlerischen Gruppen verbunden habe, »incitandoli e favorendoli nei loro propositi criminosi«, indem sie sie anstachelte und begünstigte. Für den Anschlag auf den Zug Italicus im August 1974, den sie einer neofaschistischen oder neonazistischen Organisation in der Toskana zuschrieb, könne die Loge sogar als verantwortlich gelten, als »essenziale retroterra economico, organizzativo e morale« — aber ausdrücklich »in termini non giudiziari ma storico-politici«, nicht im juristischen, sondern im historisch-politischen Sinn.

Die Wende, die nicht kam

Die autoritäre Wende kam nicht. Borgheses Putschversuch vom Dezember 1970 wurde abgebrochen; die Gründe, schreibt Hof, »sind bis heute ungeklärt«. Die Regierungsparteien antworteten in den ersten Jahren mit einer Formel, die beide Seiten gleichsetzte: Sie sprachen von den »opposti estremismi«, den entgegengesetzten Extremismen, und betonten stets, auch die jeweils andere Seite wende Gewalt an. »Die These der opposti estremismi diente parteipolitischen Zwecken«, schreibt Hof; sie sollte die eigene Position in der Mitte festigen. In seiner Bilanz hält er ihren Preis fest: »Durch die These der opposti estremismi bestätigten die Regierungsparteien die Befürchtungen der links- und rechtsextremistischen Gruppen und legitimierten indirekt die Anwendung von Gewalt als Mittel der politischen Auseinandersetzung.« Am 28. Mai 1974 explodierte auf der Piazza della Loggia in Brescia eine Bombe, am 4. August im Zug Italicus eine weitere; in Brescia starben, je nach Zählung, acht oder neun Menschen, im Italicus zwölf. Doch die Anschläge bewirkten anderes, als die Attentäter wollten. In weiten Kreisen des konservativen Establishments, schreibt Hof, erschien nach Brescia eine weitere »Tolerierung oder gar Unterstützung der Hardliner« »nur noch den Wenigsten geboten«; man sah in solchen Anschlägen nun eine Gefährdung des »mühsam zustande gebrachten status quo«. Die Regierung vollzog im Mai und Juni 1974 den symbolischen Bruch mit dem umstrittenen Geheimdienst. Auf Andreottis Enthüllung über Giannettini folgten interne Untersuchungen zum Borghese-Putsch und zur Putschgruppe Rosa dei Venti, die zur kurzzeitigen Verhaftung des Geheimdienstchefs General Vito Miceli führten. Ruggiero setzt den Einschnitt ins selbe Jahr. Die Dienste, »che fino ad allora avevano protetto le frange eversive nere«, die bis dahin die schwarzen Umsturzgruppen geschützt hatten, hätten 1974 Quellen erschlossen, mit denen die Ermittlungen zum Borghese-Putsch wieder aufgenommen werden konnten. Ganz endete der Schutz nicht; Teile der Dienste, so Ruggiero, deckten die Taten weiter und halfen Flüchtigen.

Auch die Wähler antworteten anders als erwartet. Bei den Parlamentswahlen 1972 hatten die Neofaschisten nach Woller noch »mit 8,7 gegenüber 4,5 Prozent 1968« als »die einzigen wirklichen Gewinner« dagestanden. Bei den Regional- und Kommunalwahlen 1975 gewann die Kommunistische Partei 6,5 Prozentpunkte hinzu und lag mit 33 Prozent nur noch zwei Punkte hinter den Christdemokraten; bei den Parlamentswahlen 1976 kam sie auf 34,4 Prozent. Der Bericht der parlamentarischen Kommission zur Loge P2 sah 1984 in diesen Wahlen die Folge einer Entwicklung, in die sich die Logik der Spannungsstrategie eingefügt hatte: Aus ihr sei eine »risposta politica del tutto inaspettata« hervorgegangen, eine völlig unerwartete politische Antwort, ein Ruck nach links. Die Kreise um die Loge hätten danach »nuove e più sofisticate strategie« entwickeln müssen, neue und raffiniertere Strategien.

Von 1976 an überholte der Terrorismus von links den von rechts, der Zahl der Anschläge nach. Getötet haben rechte Terroristen zwischen 1969 und 1982 nach Hof und Woller 186 Menschen, linke nach unterschiedlichen Zählungen etwa 150 bis 164. Am 16. März 1978 entführten die Roten Brigaden den früheren Ministerpräsidenten Aldo Moro und erschossen seine fünf Begleiter; am 9. Mai wurde er ermordet. Die Parteien der Regierungsmehrheit lehnten, so Hof, jede Verhandlung mit den Entführern ab. Die Antwort des Staates auf den Terrorismus beider Richtungen war hart, aber sie kam ohne Ausnahmezustand aus. Gesetze erweiterten die Befugnisse der Polizei und verschärften die Strafen, von der Legge Reale 1975 über das Gesetz nach Moros Entführung und das Dekret Cossiga von 1979 bis zur Kronzeugenregelung von 1982. Hof hält fest: »Der Staat übertrug dem Militär zu keinem Zeitpunkt die Wiederherstellung der öffentlichen Sicherheit, indem er den Kriegszustand ausrief und die Todesstrafe einführte.« Sondergerichte gab es nicht; Soldaten halfen der Polizei bei Straßensperren, Suchaktionen und Bewachung, an der Fahndung selbst waren sie nicht beteiligt.

Den Ausnahmezustand verlangte vor allem eine Partei. Bis 1978, schreibt Hof, waren es »die Neofaschisten, die immer wieder mit dem Ruf nach der Erklärung des ›Notstands‹ und dem Einsatz des Militärs an die Öffentlichkeit traten«. Am Tag von Moros Entführung forderte auch der Republikaner Ugo La Malfa in der Kammer die Ausrufung des Kriegszustands, die Todesstrafe eingeschlossen. Sie beriefen sich dabei auf Artikel 217 des Polizeigesetzes von 1931, eines Gesetzes aus dem Regime, nach dem der Innenminister den Kriegszustand erklären konnte. 1981 und 1982 sammelte der MSI ein halbes Jahr lang Unterschriften für den Kriegszustand und die Todesstrafe in den Regionen, in denen die terroristische Gefahr am größten sei. Am 22. Februar 1982 legte er der Abgeordnetenkammer 1.255.082 Unterschriften vor; für ein Volksbegehren hätten 50.000 genügt. Als einzige Partei machte der MSI daraus eine Kampagne. Alle übrigen Parteien wiesen den Antrag zurück. Er scheiterte mit 292 zu 21 Stimmen.

Wem also nützten die Bomben? Die Frage wird in Italien seit Jahrzehnten gestellt, und eine verbreitete Antwort lautet, sie hätten die Ordnung nicht erschüttern, sondern festigen sollen. Diese Stabilisierungsthese und der Einwand gegen sie sind im Artikel »Bologna, 10.25 Uhr« dargestellt. In der Forschung gibt es sie in einer nüchternen Fassung. Ruggiero referiert den Historiker Angelo Ventrone, nach dem das Hauptziel eine Stabilisierung »in senso ›moderato‹« gewesen sei, und hält selbst fest, andere Beteiligte hätten die Wucht der Massaker, zu denen sich niemand bekannte, genutzt, um die Demokratie einzuengen und die Gesellschaft »in chiave fortemente conservatrice« neu zu stabilisieren.

Hof trennt, was in dieser Debatte oft zusammenfällt: den Zweck der Anschläge und die Wirkung ihrer Bekämpfung. Gestärkt habe die Terrorismusbekämpfung der Jahre nach 1976 vor allem eine Partei: »Am Ende zahlte sich das neue Vertrauen der Bevölkerung in ihren Staat vor allem für die Partei aus, die vielfach mit den staatlichen Institutionen gleichgesetzt wurde: die Democrazia Cristiana.« Für deren angeschlagene Minderheitsregierung sei die Terrorismusbekämpfung »zu der Chance schlechthin« geworden, »ihre Legitimation unter Beweis zu stellen«. Woller urteilt ähnlich: »Die rasche Bändigung der Roten Brigaden und der rechten Terroristen gehört zu den wichtigsten Erfolgen der informellen großen Koalition, die dafür die organisatorischen und gesetzlichen Grundlagen geschaffen hat.« Die Kommunisten, die diese Politik mittrugen, verloren dabei, so Hof an anderer Stelle, auf lange Sicht ihr »Profil als politisch unverbrauchter, eigenständiger Akteur«.

Gestärkt wurde also nicht die autoritäre Wende, die die Attentäter erzwingen wollten, sondern die christdemokratische Mitte, gegen deren Linksruck sich ihre Strategie richtete. Der MSI hatte seinen größten Erfolg früh. 1970 und 1971 setzte er sich, so Hof, an die Spitze der gewaltsamen Unruhen in Reggio Calabria, und »die Belohnung folgte umgehend«: Bei den Lokalwahlen 1971 kam er in Catania auf 21,5 Prozent, 1972 legte er auch landesweit zu. Danach ging es abwärts; 1979 erreichte er nach Hof »nur 5 Prozent«. Als die Kommunisten 1976 die Minderheitsregierung Andreottis duldeten, taten sie es, so Woller, wie die anderen Parteien des »arco costituzionale«, des Verfassungsbogens, »womit alle Parteien mit Ausnahme des MSI gemeint waren«.

Bologna und die Loge

Als der Schutz nachließ, wandten sich die Gruppen gegen den Staat selbst. Im September 1975 beschlossen Ordine Nuovo und Avanguardia Nazionale in Albano Laziale ihren Zusammenschluss. Das Ziel war nun, wie Ruggiero es beschreibt, »ottenere la disarticolazione del potere colpendo le cinghie di trasmissione del potere statale«, die Macht zu zerrütten, indem man die Transmissionsriemen der Staatsgewalt traf; Hauptgegner wurde die Justiz. Im Juli 1976 erschoss Pierluigi Concutelli den Staatsanwalt Vittorio Occorsio, der gegen die neofaschistischen Organisationen und ihre Verbindungen zu den Institutionen ermittelte. Es waren nach Ruggiero die letzten Aktionen beider Gruppen in Italien. Viele ihrer Leute wurden danach verhaftet; wer sich nach Spanien abgesetzt hatte, ging ab 1977 nach Lateinamerika. An ihre Stelle traten, so Hof, neue Gruppen, ab 1977 unter anderen die Nuclei Armati Rivoluzionari.

Der Anschlag vom 2. August 1980 fiel in diese Jahre. Wie er geschah, wer ihn ausführte, wer die Ermittlungen sabotierte und was die Gerichte bis 2025 über Geld und Auftraggeber festgestellt haben, erzählt der Artikel »Bologna, 10.25 Uhr«. Für die Frage dieses Teils genügen drei Feststellungen der Gerichte. Das Schwurgericht, das 1988 in erster Instanz urteilte, schrieb die Tat der neofaschistischen Rechten zu: »La strage è riconducibile ad ambienti della destra eversiva«, das Massaker gehe auf Kreise der umstürzlerischen Rechten zurück, auf eine Organisation, die »i poli romano e veneto dell’eversione neofascista« verband, den römischen und den venetischen Pol des neofaschistischen Umsturzmilieus.

Im November 1995 wurden die lebenslangen Strafen für Valerio Fioravanti und Francesca Mambro rechtskräftig, ebenso die Urteile gegen Licio Gelli, den Leiter der Loge P2, gegen Francesco Pazienza und gegen zwei hohe Offiziere des Militärgeheimdienstes SISMI, Pietro Musumeci und Giuseppe Belmonte, die nach dem Urteil von 1988 für einen Koffer voller Sprengstoff und Waffen mitverantwortlich waren, der die Ermittlungen auf eine falsche Spur lenken sollte. Verurteilt wurden die vier wegen »calunnia aggravata dalla finalità di terrorismo«, wegen Verleumdung, erschwert durch terroristische Zielsetzung. Die dritte Feststellung betrifft, was die Gerichte nicht feststellten. Von der Anklage der umstürzlerischen Vereinigung sprach das Schwurgericht 1988 alle Angeklagten frei, auch Gelli. Bewiesen sei »una situazione di contiguità fra determinati ambienti, e di reciproca strumentalizzazione delle rispettive attività«, eine Nähe zwischen bestimmten Kreisen und die wechselseitige Instrumentalisierung ihrer Tätigkeit, kein Bündnis im strafrechtlichen Sinn.

Ministerpräsident war im August 1980 Francesco Cossiga. Er sah sich nach dem Anschlag, so Hof, dem Vorwurf ausgesetzt, die Regierung habe »die rechtsterroristische Gefahr vollkommen vernachlässigt« und sei »nur gegen Linksterroristen vorgegangen«.

Die Loge selbst flog im März 1981 auf. Mailänder Untersuchungsrichter fanden in Castiglion Fibocchi in der Toskana eine Liste mit 962 Namen, nach dem Bericht der Untersuchungskommission »presunti affiliati«, mutmaßliche Mitglieder, darunter 195 Offiziere, 92 von ihnen Generäle oder Obersten, und 36 Parlamentarier. Die Regierung Forlani trat zurück, und die Christdemokraten akzeptierten, so Woller, den Republikaner Giovanni Spadolini als Ministerpräsidenten: »36 Jahre lang hatte die DC diesen Posten ununterbrochen besetzt.« Die Kommission unter Tina Anselmi kam 1984 zu dem Schluss, die P2 sei eine Freimaurerloge und geheim gewesen, vor allem aber »associazione politica nella sua stessa ragione di essere«, eine politische Vereinigung schon ihrem Daseinsgrund nach, und zwar eine, »che non si pone il fine politico di pervenire al governo del sistema, bensì quello di esercitarne il controllo«. Die P2 wollte das System nicht regieren, sondern kontrollieren.

Zwischen zwei Wahlen

Vierzehn Jahre nach Bologna gab es die Parteien nicht mehr, die die Republik durch die Anschlagsjahre getragen hatten. Woller erzählt den Zusammenbruch der Jahre 1992 bis 1994 nicht als Geschichte eines moralischen Erwachens. Der tiefere Grund sei der Verfall des Wirtschaftsmodells gewesen, von dem die Regierungsparteien lebten; dazu kamen das Ende des Ostblocks und die Sanierung der Staatsfinanzen. »Automatismen gab es jedoch nicht.« Für die Christdemokraten wog der Wandel auf der Linken schwerer als die Korruptionsskandale jener Jahre: »Vor diesem Hintergrund waren Metamorphose und Zerfall des PCI ein weit schwererer Schlag für die Christdemokraten als die Serie der Korruptionsskandale, die Land und Partei in Atem hielten.« Der Antikommunismus, zitiert Woller Ernesto Galli della Loggia, sei »das Kapital« gewesen, »von dem die Christdemokraten zehrten«, und nach dem Fall der Mauer sei dieses Guthaben »restlos aufgebraucht«. Im Frühjahr 1993 berief der frühere Chef der Banca d’Italia, Carlo Azeglio Ciampi, als Ministerpräsident drei Vertreter des ex-kommunistischen PDS in seine erste Regierungsmannschaft, die nur wenige Stunden im Amt blieb, und setzte damit, so Woller, »ohne viel Aufhebens übrigens« die seit 1947 geltende Ausgrenzung der Kommunisten außer Kraft, die conventio ad escludendum. Die Regel, die die Kommunisten von der Regierung ferngehalten hatte, brach 1993. Die Regel, die den MSI fernhielt, brach ein Jahr später.

Bei der Parlamentswahl im April 1992 gaben, wie Woller betont, noch über 80 Prozent der Wähler den alten Parteien ihre Stimme. Erst als ihre Macht »unter dem Ansturm der Lega Nord zu bröckeln begann«, hätten die Staatsanwälte die große Freiheit entdeckt, die ihnen die Verfassung von 1948 bot. Die Enthüllungen der Ermittlungen, die als Mani pulite, saubere Hände, bekannt wurden, waren für Woller zusammen mit den sozialen Zumutungen des Sanierungsprogramms »der entscheidende Stressfaktor«. Im Frühjahr 1993 zählte man über 1350 Verhaftungen und etwa 1000 beschuldigte Politiker, Ende 1993 stand ein Drittel aller Abgeordneten und Senatoren vor dem Untersuchungsrichter. Vor Gericht fiel die Bilanz bescheiden aus. »Die eigentliche Strafe«, schreibt Woller, »war das Verfahren selbst und die damit verbundene Stigmatisierung, die in vielen Fällen zu Recht erfolgte und den Ruf der Beschuldigten ruinierte, mitunter aber auch gänzlich Unschuldige traf …« Im selben Jahr 1992 ermordete die Mafia die Richter Giovanni Falcone und Paolo Borsellino.

An der Spitze des Staates stand von 1985 bis zum Frühjahr 1992 Francesco Cossiga, derselbe Mann, der sich 1980 als Ministerpräsident gegen den Vorwurf hatte wehren müssen, den Rechtsterrorismus zu vernachlässigen. Als Staatspräsident wollte er, so Woller, eine »zweite Republik« errichten, »die weiter rechts gestanden hätte als die erste«: »Nicht umsonst hofierte er die Streitkräfte, die Geheimdienste und die Carabinieri, nicht umsonst verharmloste er die Loge P2, und nicht umsonst verlangte er die Rehabilitierung der Neofaschisten, die bis dahin als nicht salonfähig gegolten hatten.« Von seinen Angriffen auf das »System« profitierte nach Woller vor allem die Lega Nord; die Neofaschisten »profitierten hingegen nicht von ihm, obwohl Cossiga den Movimento Sociale Italiano partiell rehabilitierte«.

Der MSI selbst hatte von alldem zunächst nichts. »Der MSI als traditionelle Antisystempartei verschlief die Krise des Systems und spielte Anfang der neunziger Jahre politisch überhaupt keine Rolle«, schreibt Woller. Die Partei stritt über ihre Richtung, zwischen Pino Rauti, dem Gründer von Ordine Nuovo, und Gianfranco Fini, der zur Mitte strebte, »ohne freilich vom Faschismus als Leitbild auch nur ein Jota abzurücken«. Bei der Wahl 1992 kam der MSI auf 5,4 Prozent. Die Partei bemerkte nach Woller zunächst nicht, »welch großes politisches Kapital es darstellte, dass ihre Partei nicht in die Korruptions- und Schmiergeldaffären verwickelt war«.

Das änderte sich im Herbst 1993. »Für die eigentliche Sensation der Kommunalwahl sorgte aber der MSI, der in Rom und Neapel sowie in vielen anderen Städten des Südens beträchtliche Zugewinne verzeichnen konnte«, schreibt Woller über den November dieses Jahres. Fini kam in Rom auf 36 Prozent, Alessandra Mussolini, die Enkelin des Diktators, in Neapel auf gut 30; beide verloren die Stichwahl. Die Christdemokraten kamen in dieser Wahl nur noch auf zehn Prozent. Woller fasst die Lage in einen Satz: »Der Zerfall der Democrazia Cristiana und der Sozialisten hatte in der politischen Mitte ein Vakuum geschaffen, in das Rattenfänger jeder Provenienz drängten.«

Die Vernunftehe

In diese Lage trat Silvio Berlusconi, Bauunternehmer und Fernsehunternehmer, dessen Konzern verschuldet war und dem mit dem Ende der alten Parteien der politische Schutz abhandengekommen war. Woller zufolge kam er zu dem Schluss, dass er »sich opfern und in die Politik gehen musste, wenn er geschäftlich überleben wollte«. Das neue Wahlrecht belohnte breite Bündnisse, und dafür, so Woller an anderer Stelle, gab es nicht viele Partner: »Im Grunde kamen dafür nur einige christdemokratische Splittergruppen, vor allem aber die Lega Nord und die Neofaschisten in Frage.« Im Norden verbündete sich Berlusconi mit der Lega, im Süden mit dem MSI, der im Januar 1994 als Alleanza Nazionale antrat.

Wer mit wem ins Bündnis ging, hatte bei Woller nüchterne Gründe: »Keine der beiden Parteien war in den Korruptionsskandal verwickelt, keine trug Schuld an der Krise des Systems, aber beide standen – wie Berlusconis Partei – vor der Notwendigkeit, Bündnisse zu schließen, weil nur so ein ansehnlicher Erfolg winkte.« Miteinander verband die beiden Partner nichts; Bossis und Finis Parteien, schreibt Woller, »trennten Welten«. Berlusconi »sah über diese Kleinigkeiten ebenso hinweg wie über die anstößige Vergangenheit der Alleanza Nazionale, die durch die Namensänderung noch längst nicht überwunden war«. Fini selbst musste nach Woller dem radikalen Flügel seiner Partei immer wieder Zugeständnisse machen: Er erhob Anspruch auf Istrien, Dalmatien und Fiume, entbot zum 70. Jahrestag des Marsches auf Rom seinen Anhängern den faschistischen Gruß und bezeichnete Mussolini als den »größten Staatsmann des 20. Jahrhunderts«. Fragen nach seiner eigenen Mitgliedschaft in der Loge P2 ignorierte Berlusconi. Kritikern antwortete er: »Es gibt viele Vernunftehen, die besser funktionieren als Liebesheiraten.«

Bei der Parlamentswahl im März 1994 kam Forza Italia auf 21 Prozent, die Alleanza Nazionale auf 13,4, die Lega auf 8,3. Die Alleanza war, so Woller, »zur dritten Kraft im Lande aufgestiegen«, und sie stellte mit 105 Abgeordneten mehr als Berlusconis eigene Partei, die auf 101 kam; die Lega erhielt 118. Im Mai 1994 bildete Berlusconi seine Regierung. Im Juni sagte er: »Es gibt doch gar keine Faschisten in meiner Regierung.« Der Historiker Aram Mattioli, der den Satz überliefert, schreibt, Berlusconi habe wenige Wochen zuvor »Gianfranco Finis Neofaschisten und die Lega Nord von Umberto Bossi erstmals zu Regierungsparteien gemacht«. Die Regierung hielt, so Woller, »nur ein gutes halbes Jahr«; dann ließ die Lega Berlusconi im Stich. Dass Berlusconi einen »Pakt mit dem Teufel« geschlossen habe, hieß es 1994, so Woller im Jahr 2010, »in hysterischer Überspitzung«.

Es liegt nahe, diesen Weg als Mitnahme zu erzählen: Das Feld war leer, und Berlusconi nahm die Neofaschisten mit, weil sonst niemand da war. Woller trägt diese Lesart nur zur Hälfte. Das Vakuum in der Mitte benennt er deutlich. Aber die Partei, die 1994 in die Regierung kam, war im Herbst 1993 die Sensation einer Kommunalwahl gewesen, das Wahlrecht verlangte nach ihr, und sie zog mit mehr Abgeordneten ins Parlament ein als die Partei des Mannes, der sie ins Bündnis geholt hatte.

Und was daraus für 2026 folgt

Für die Debatte um Faschismus und Faschisierung folgt daraus zweierlei.

Erstens ist der Weg der Gewalt in Italien gescheitert, und zwar an seinem eigenen Ziel. Die Gruppen, die die Bomben der frühen siebziger Jahre legten, kamen aus dem MSI; Teile der Geheimdienste schützten sie, eine Geheimloge stand ihnen nahe. Sie wollten den Staat dazu bringen, von sich aus die Demokratie einzuschränken. Er tat es nicht: kein Kriegszustand, keine Todesstrafe, keine Sondergerichte. Die Wähler rückten 1975 und 1976 nach links, die Bekämpfung des Terrorismus stärkte die christdemokratische Mitte, und die Partei, die als einzige mit einer Kampagne Kriegszustand und Todesstrafe verlangte, bekam dafür im Parlament 21 Stimmen. Das macht die Bomben nicht kleiner, und es entlastet nicht die Teile des Staates, die ihre Urheber deckten. Es zeigt nur, dass die Gewalt nicht das Mittel war, mit dem die Rechte in Italien an die Regierung kam. Wer Faschisierung als Prozess beschreiben will, findet in den Anschlagsjahren den Versuch, einen solchen Prozess zu erzwingen, und sein Scheitern.

Zweitens führte der Weg in die Regierung über den Zusammenbruch der anderen. Woller beschreibt die italienische Formel nach 1945 als »normative Ächtung des Faschismus, rasche gesellschaftliche Integration des faschistischen Fußvolkes und langsame politische Akzeptanz der selbst ernannten Erben Mussolinis, die ihnen die Gewöhnung an den neuen Staat und am Ende vielleicht sogar die demokratische Läuterung ermöglichte«. Die Verwandlung des MSI in die Alleanza Nazionale und ihr Bündnis mit Berlusconi sind für ihn der »sichtbare Ausdruck dieses mühseligen, aber anscheinend erfolgreichen Ein- und Anpassungsprozesses«. Derselbe Woller beschreibt aber auch einen Parteichef, der zu Beginn der neunziger Jahre zur Mitte strebte, »ohne freilich vom Faschismus als Leitbild auch nur ein Jota abzurücken«, und der dem radikalen Flügel seiner Partei immer wieder Zugeständnisse machen musste. Ob 1994 das Ende einer Anpassung war oder eine Akzeptanz, die der Anpassung vorauslief, ist die Frage, die in den nächsten Teil führt. Sicher ist, wodurch sich die Tür öffnete: durch den Zerfall der Parteien, die den MSI ausgeschlossen hatten. Man kann es zuspitzen: Die Ausgrenzung, die den MSI klein gehalten hatte, hatte ihn auch aus den Affären herausgehalten, über die die anderen stürzten.

Seit Oktober 2022 regiert in Italien eine Partei, die die Flamme des MSI im Symbol trägt. Zum 46. Jahrestag von Bologna, am 2. August 2026, erklärte Ministerpräsidentin Giorgia Meloni, vor 46 Jahren habe »il terrorismo« einen seiner grausamsten Angriffe geführt, und versicherte, die Regierung werde weiterhin ihren Teil beitragen, »per fare piena luce sulle stragi che hanno insanguinato l’Italia nel Dopoguerra«, um volles Licht auf die Massaker zu bringen, die Italien in der Nachkriegszeit mit Blut befleckt haben. Die faschistische Herkunft des Massakers, die die Urteile festgestellt haben, nannte sie nicht, wie die Zeitung Domani vermerkte.

Die Uhr am Bahnhof von Bologna zeigt weiter 10.25. Die Geschichte, von der dieser Teil erzählt, ist trotzdem weitergegangen: nicht in die autoritäre Wende, für die die Bomben gelegt wurden, sondern in eine Republik, in der die Partei der Erben Mussolinis vierzehn Jahre nach Bologna Regierungspartei wurde.

Im nächsten Teil: vom Ausgeschlossenen zur Regierung. Fiuggi 1995 und die Auflösung des MSI, die Jahre an Berlusconis Seite, Finis Bekenntnis zum Antifaschismus 2008, die Gründung von Fratelli d’Italia 2012 und der Wahlsieg von 2022 — und die Frage, was der italienische Fall für die Debatte um Faschismus und Faschisierung bedeutet.


Quellen

Primärquellen

Übersetzungen aus dem Italienischen vom Verfasser.

Sekundärliteratur

  • Tobias Hof, Staat und Terrorismus in Italien 1969–1982, München (Oldenbourg) 2011, Open Access bei De Gruyter.
  • Hans Woller, Geschichte Italiens im 20. Jahrhundert, München (C.H. Beck) 2010, Kapitel 22 bis 25 und Epilog.
  • Vito Ruggiero, Il sogno anticomunista. Neofascisti italiani in America Latina 1977–1982, Rom (Roma TrE-Press) 2023, DOI 10.13134/979-12-5977-237-4, besonders Cap. II.
  • Johannes Hürter, Gian Enrico Rusconi (Hrsg.), Die bleiernen Jahre. Staat und Terrorismus in der Bundesrepublik Deutschland und Italien 1969–1982, München (Oldenbourg) 2010, DOI 10.1524/9783486708288, darin Tobias Hof, »Anti-Terrorismus-Politik in Italien 1969–1982«, S. 21–30, und Vladimiro Satta, »Die Polizei und der Terrorismus in Italien«, S. 43–52.
  • Gian Enrico Rusconi, Thomas Schlemmer, Hans Woller (Hrsg.), Berlusconi an der Macht. Die Politik der italienischen Mitte-Rechts-Regierungen in vergleichender Perspektive, München (Oldenbourg) 2010, DOI 10.1524/9783486702743, darin Hans Woller, »Berlusconi – Unternehmer, Politiker, Selbstdarsteller«, S. 9–24, und Aram Mattioli, »Tabubruch und Kalkül. Berlusconis Geschichtspolitik zwischen Apologie und Umdeutung«, S. 139–150.

Presse

Weiterführend: Franco Ferraresi, Threats to Democracy. The Radical Right in Italy after the War, Princeton 1996 · Mirco Dondi, L’eco del boato. Storia della strategia della tensione 1965–1974, Rom/Bari 2015 · Anna Cento Bull, Italian Neofascism. The Strategy of Tension and the Politics of Nonreconciliation, New York/Oxford 2007 · Vladimiro Satta, I nemici della Repubblica. Storia degli anni di piombo, Mailand 2016 · zum Anschlag vom 2. August 1980 auf diesem Blog: »Bologna, 10.25 Uhr«, August 2026.


Die Serie zur Geschichte der italienischen Rechten

  1. Das Versprechen von Caporetto. Italien vor dem Faschismus, 1900 bis 1920
  2. Der Marsch, der nicht stattfand. Wie der italienische Faschismus an die Macht kam
  3. Was das Regime tat. Italien unter dem Faschismus, 1925 bis 1939
  4. Imperium und Rasse. Was Italien in Afrika tat und was davon heimkam, 1911 bis 1938
  5. Die Flamme im Gesetzblatt. Wie der Faschismus legal in die Republik kam, 1943 bis 1969
  6. Die Bomben und der Zusammenbruch. Wie der MSI in die Regierung kam, 1969 bis 1994 — dieser Teil

↩ Zum Anfang: Das Versprechen von Caporetto. Italien vor dem Faschismus, 1900 bis 1920