
Teil 4 der Serie. Teil 3 hat die Infrastruktur geklärt: Sync über Nextcloud, Backup via BorgBackup. Jetzt geht es ums Schreiben selbst.
Der häufigste Einwand gegen Zettelkasten-Systeme lautet: “Ich habe keine Zeit, meine Notizen so aufwendig zu pflegen.”
Der Einwand verkennt den Zweck. Notizen zu pflegen ist nicht der Aufwand – es ist die Arbeit, die später beim Schreiben fehlt. Wer gut notiert, fängt beim Schreiben nicht bei null an.
Stufe 1: Die rohe Notiz
Alles beginnt in der Inbox. Ein Artikel, den ich gelesen habe. Ein Gedanke beim Spazierengehen. Ein Zitat, das mich nicht loslässt. Ein Widerspruch, den ich noch nicht auflösen kann.
Die Notiz ist kurz, unfertig, manchmal nur ein Satz. Das ist gewollt. Der Anspruch in diesem Moment ist nicht Vollständigkeit, sondern Festhalten.
Was ich immer mitschreibe: woher der Gedanke kommt, und was ich selbst davon halte. Nicht nur “Artikel über KI-Investitionen gelesen”, sondern: “Artikel über KI-Investitionen – interessant, dass trotz 344 Mrd. Dollar kaum Rendite entsteht. Erinnert mich an die Dotcom-Blase. Frage: Ist das Absicht oder Unvermögen?”
Der eigene Kommentar ist das Entscheidende. Ohne ihn ist die Notiz eine Kopie. Mit ihm ist sie ein Gedanke.
Stufe 2: Die verarbeitete Notiz
Beim nächsten Durchgang der Inbox entscheide ich: Was ist das? Eine flüchtige Beobachtung, die ich nicht weiterverfolge – oder ein Gedanke, der irgendwohin führt?
Wenn letzteres: Die Notiz bekommt Frontmatter, einen ordentlichen Titel, wird in den passenden Vault-Bereich verschoben und mit verwandten Notizen verlinkt.
Manchmal entdecke ich dabei, dass ich den Gedanken schon einmal hatte – in einer anderen Notiz, zu einem anderen Zeitpunkt. Dann verlinke ich beide. Aus zwei isolierten Beobachtungen wird ein Muster.
Das ist der Moment, auf den das ganze System abzielt.
Stufe 3: Der Artikel entsteht
Irgendwann gibt es genug Material zu einem Thema. Nicht weil ich beschlossen habe, jetzt einen Artikel zu schreiben – sondern weil sich die Notizen von selbst um eine Frage gruppiert haben.
Dann öffne ich eine neue Datei, diesmal mit Blog-Frontmatter:
---
title: "Der Titel"
date: 2026-04-15
description: "Ein Satz, der Lust macht weiterzulesen."
tags:
- thema1
- thema2
---title und description sind nicht nur Metadaten – die description erscheint später als Teaser auf der Startseite des Blogs und als Text des Bluesky-Posts. Ein guter Satz hier macht viel aus.
Den Artikel schreibe ich nicht aus dem Nichts, sondern durch Verknüpfen: Ich gehe die verlinkten Notizen durch, wähle aus, ordne, formuliere neu. Die meisten Sätze waren schon irgendwo vorhanden – als Rohfassung, als Zitat, als Beobachtung. Das Schreiben ist weniger Erfinden als Ernten.
Wann ist ein Artikel fertig?
Es gibt kein objektives Fertig. Aber es gibt ein pragmatisches: Wenn der Artikel die Frage beantwortet, die er sich selbst stellt, ist er fertig genug.
Was ich vor der Veröffentlichung noch prüfe:
- Ist die
descriptionein echter Satz, der neugierig macht? - Ist das
date-Feld korrekt gesetzt? (Quartz sortiert danach) - Ist ein Bild eingebunden?
- Endet der Artikel mit einem Hinweis auf den nächsten Teil?
Dann wandert die Datei aus dem Vault in den Blog-Ordner – und wartet auf die Freigabe.
Der Unterschied zu früher
Früher habe ich Artikel von Anfang bis Ende in einem Sitzung geschrieben. Das war anstrengend, die Ergebnisse oft flach, weil ich beim Schreiben noch gedacht habe.
Heute denke ich in Notizen – über Wochen, manchmal Monate. Wenn der Artikel dann entsteht, ist das Denken schon getan. Was bleibt, ist das Schreiben.
Teil 5 zeigt, wie der fertige Artikel vom Vault in den Blog kommt – mit Quartz als statischem Site-Generator und Cloudflare Pages als Hosting.