duotone: derselbe dunkle Holzschreibtisch wie in den vorherigen Teilen, jetzt benutzt – eine Hand schreibt an einer einzelnen Karteikarte, links ein ordentlicher kleiner Stapel fertiger Karten, rechts quillt eine Ablage mit ungelesenen Clippings über – am Bildrand ein schwacher, kühl-blauer Schein eines Terminals, der einzige Nicht-Sepia-Ton im Bild: der stille Mitarbeiter im Hintergrund

Dies ist Teil 6 einer Serie über Personal Knowledge Management. Teil 1 hat das Versprechen aufgespannt, Teil 2 Luhmanns Vorbild beschrieben, Teil 3 die drei Schulen verglichen, Teil 4 die einzelne Notiz verteidigt, Teil 5 die dunkle Seite gezeigt. Dieser Teil wird unbequem: Ich halte mein eigenes System gegen die Kritik, die ich im letzten Teil aufgeschrieben habe.


Fünf Teile lang habe ich aus sicherer Distanz geschrieben. Über Luhmann, über Ahrens, über die Collector’s Fallacy, über Vaults, die in Wildwuchs versinken. Es ist leicht, die Fehler anderer Leute zu sezieren.

Jetzt wird es persönlich. Das System, über das ich theoretisch geschrieben habe, ist meines. Und der ehrlichste Test, den ich diesem Artikel auferlegen kann, ist nicht zu zeigen, wie schön mein Vault aussieht – sondern ihn gegen meine eigene Kritik aus Teil 5 zu halten. Welche der Gegenmittel halte ich tatsächlich ein? Und wo tappe ich in genau die Fallen, die ich beschrieben habe?

Das „Wie” steht schon woanders

Eine Vorbemerkung, damit dieser Artikel nicht zur Werkzeugschau wird.

Wie mein Vault technisch funktioniert – die Ordnerstruktur, das Frontmatter, die Dataview-Abfragen, der Sync über Nextcloud, das Backup mit BorgBackup, der Weg von der Notiz zum veröffentlichten Artikel über Quartz – das habe ich an anderer Stelle ausführlich beschrieben: in einer eigenen fünfteiligen Serie, Von der Notiz ins Netz.

Wer die Mechanik wissen will, findet sie dort:

Ich wiederhole das hier nicht. Dieser Teil stellt die Frage, die in jener Serie fehlt – weil sie damals, als Werkzeug-Tour gedacht, gar nicht gestellt werden konnte: Hält dieses konkrete System der Kritik stand, die ich selbst formuliert habe?

Eine Sache hat sich seither ohnehin verschoben. Die alte Serie zeigt noch eine Ordnerstruktur nach Themenworld-events/, politics/, tech/. Inzwischen ist der Vault nach Funktion sortiert: 00 inbox, 10 quellen, 20 zettel, 30 synthesen, 40 maps of content, 50 projekte. Nicht mehr „worum geht es”, sondern „wo im Denkprozess steckt diese Notiz”. Das ist nichts anderes als Ahrens’ drei Notiztypen aus Teil 4, in Ordner gegossen: flüchtig, übernommen, eigen. Der Umbau war die einzige große Reorganisation, die ich nicht bereue – weil sie nicht der Ästhetik diente, sondern dem Schritt, an dem es wehtut: Information in eigenes Wissen zu überführen.

Die sechs Gegenmittel – und meine ehrliche Bilanz

In Teil 5 standen sechs Gegenmittel gegen die Sammlungsdrift. Ich habe sie nicht erfunden, sondern aus The Second Brain Delusion und der zettelkasten.de-Tradition zusammengetragen. Jetzt schulde ich ihnen Rechenschaft. Eins nach dem anderen.

Input Tax: bestanden, aber unter Druck

Die Regel: keine Quelle ins System ohne einen eigenen Gedanken dazu. Das halte ich – es ist strukturell in meinen Workflow eingebaut. Jede Quellen-Notiz in 10 quellen/ hat ein Feld für die eigene Einordnung, nicht nur die Zusammenfassung. Ein Artikel, den ich nur abspeichere, ohne einen Satz dazu zu schreiben, fühlt sich inzwischen falsch an. Das ist die wichtigste Gewohnheit, die ich besitze.

Der ehrliche Zusatz: Diese Steuer steht gerade unter Druck, und der Druck heißt KI. Dazu unten mehr.

Titled Claims: nur halb

Notizen sollen Aussagen als Titel tragen, keine Themen. Hier wird es gemischt. Meine Zettel in 20 zettel/ sind oft tatsächlich Aussagen: „Obsidians Wette auf Plain Text – warum Markdown gewann”, „Lokale KI ist die simple Architektur – Cloud-KI ist die easy”. Das funktioniert, und es funktioniert genau so, wie Matuschak es versprochen hat: Der Titel zwingt zur Festlegung.

Aber meine Quellen-Notizen und ein Teil meiner Synthesen heißen weiter brav nach Autor und Thema. Da habe ich die Regel nicht durchgezogen. Sie ist auch nicht überall sinnvoll – eine Literaturnotiz ist an eine Quelle gebunden. Trotzdem: Bei den Notizen, wo es zählt, beim eigenen Denken, halte ich sie. Bei den anderen bin ich nachlässig. Note für mich selbst: ehrlich, aber nicht stolz.

Verlinkungen mit Grund, nicht bloß Backlink-Automatik. Das halte ich, und es ist mir wichtig. Meine Zettel enden mit einer Liste verknüpfter Notizen, und fast jede Verknüpfung trägt einen Halbsatz, warum sie da ist: „→ Mein größter Fehler”, „→ Das Prinzip, das funktioniert”, „→ Warum Markdown auch für KI ideal ist”. Wenn ich den Halbsatz nicht hinkriege, ist der Link verdächtig – und fliegt meistens raus. Die automatischen Backlinks, die Obsidian nebenbei erzeugt, behandle ich als das, was sie sind: ein Vorkommen, kein Argument.

Löschen als Hygiene: gemogelt

Hier komme ich nicht sauber durch. Löschen fällt mir schwer – die Verlustangst aus Teil 5 ist keine Theorie, ich kenne sie aus erster Hand. Mein Kompromiss: Ich archiviere statt zu löschen. Quellen, die nach 90 Tagen niemand mehr verlinkt hat, wandern quartalsweise in ein _archiv. Eine Routine erledigt das, halb automatisch.

Das ist ehrlicherweise eine abgemilderte Form des Gegenmittels. Echtes Löschen würde mehr Reibung erzeugen und damit besser wirken. Das Archiv ist der Ausweg, den ich mir gönne, weil mir das harte Löschen nicht gelingt. Ich nenne es Hygiene; in Wahrheit ist es ein Aufschub mit gutem Gewissen.

Fokus statt Vollständigkeit: durchgefallen

Das ist meine größte Schwäche, und es hat keinen Sinn, sie zu beschönigen. Wienckes Diagnose „zu viele Themen” trifft mich direkt. Mein Vault enthält ernsthaft betriebene Notizstränge zu Geopolitik, China, KI-Souveränität, Homelab-Infrastruktur, Reisen, Medienanalyse, amerikanischer Innenpolitik – und PKM. Das sind nicht drei bis fünf Kernfelder. Das sind doppelt so viele.

Teil 5 hat es so formuliert: Es ist okay, in fünfzehn Themen interessiert zu sein. Es ist nicht okay, in fünfzehn Themen ernsthaft Permanent Notes schreiben zu wollen. Ich tue genau das, und ich merke den Preis – in einigen Feldern bleibt die Verlinkungsdichte zu dünn, um produktiv zu werden. Das einzige Gegengewicht, das ich habe, ist das nächste Gegenmittel. Es ist auch das einzige, das mein System trägt.

Output erzwingen: bestanden – und der Grund, warum es überhaupt funktioniert

Das härteste Gegenmittel ist bei mir das stärkste. Es gibt einen externen Output, der nicht verhandelbar ist: dieser Blog und die begleitenden Threads auf Bluesky – seit Kurzem auch auf Mastodon. Und diese Serie ist der lebende Beweis. Der Artikel, den du gerade liest, ist nicht aus dem Nichts entstanden – er ist die Ernte aus Zetteln, die teils seit über einem Jahr im Vault liegen. „Mein PKM – ehrlicher Erfahrungsbericht”, „Der Wartungsaufwand – wann kippt das System?”, „PKM und KI”. Geschrieben, lange bevor klar war, dass daraus ein Artikel wird.

Das ist der Mechanismus aus der Obsidian-Serie, nur jetzt unter dem Druck der Kritik betrachtet: Weil der Output erzwungen ist, wird das System regelmäßig benutzt, statt nur gepflegt. Der Zwang, alle paar Tage etwas nach außen zu geben, ist die Kraft, die meinen viel zu breiten Vault davon abhält, in reines Sammeln zu kippen. Ohne den Blog wäre mein Fokus-Problem tödlich. Mit ihm ist es nur teuer.

Die Bilanz, nüchtern: drei klar bestanden (Input Tax, Intentional Links, Output), eine halb (Titled Claims), zwei gemogelt oder durchgefallen (Löschen, Fokus). Das ist kein vorbildliches System. Es ist ein benutztes. Der Unterschied zu Wienckes gescheitertem Vault ist nicht, dass ich disziplinierter wäre – sondern dass ein einziges Gegenmittel, der erzwungene Output, stark genug ist, um die Schwächen der anderen aufzufangen.

Claudian: der stille Mitarbeiter im Vault

Es gibt einen Teil meines Setups, der in der Obsidian-Serie noch gar nicht vorkam, weil es ihn damals so nicht gab: einen KI-Agenten, der im Vault mitarbeitet. Ich nenne ihn Claudian – Claude Code, eingebettet als Obsidian-Plugin, mit Lese- und Schreibzugriff auf den gesamten Vault.

Was Claudian konkret tut, ist unspektakulär und genau deshalb wertvoll:

  • Die Inbox sichten. Eingehende Schnipsel lesen, einordnen, Vorschläge machen, wohin sie gehören.
  • Quellen-Notizen anlegen. Aus einem RSS-Treffer, einem gespeicherten Bluesky-Thread, einem Web-Clipping wird eine strukturierte Notiz in 10 quellen/ – mit Frontmatter, Zusammenfassung und einer ersten Einordnung.
  • Verbindungen vorschlagen. „Das hier berührt einen Gedanken, den du vor Monaten in einem anderen Zettel hattest.” Die semantische Suche über den eigenen Vault, die ein Mensch in dieser Breite nicht leistet.
  • Hygiene-Routinen ausführen. Der quartalsweise Quellen-Archiv-Lauf, das Aufräumen von Tag-Wildwuchs – die Wartungsarbeit, die Teil 5 als Einfallstor fürs Productivity Theater beschrieben hat.

Letzteres ist der Punkt, an dem KI das Kostenproblem tatsächlich verschiebt. Die Systemwartung, vor der die dunkle Seite warnt, ist die Arbeit, die ein Agent am besten übernehmen kann – weil sie regelbasiert, langweilig und unkreativ ist. Eric J. Ma berichtet, sein PKM-Overhead sei durch KI-Integration von 30–40 Prozent auf unter 10 gesunken. Ich habe keine sauberen Zahlen, aber die Richtung stimmt: Die Stunde Wartung pro Woche, die Teil 5 als Warnsignal markiert hat, ist bei mir keine Stunde mehr, in der ich Tags sortiere.

Die Grenze, die nicht verhandelbar ist

Und hier ist der Satz, an dem alles hängt: Claudian verarbeitet. Er denkt nicht.

Die Zettel in 20 zettel/ – die eigenen Gedanken, die Aussagen, das, was Teil 4 als die kleinste und schwerste Einheit beschrieben hat – die schreibe ich. Oder, ehrlicher: die erarbeiten wir gemeinsam, im Gespräch, aber der Gedanke, der am Ende dasteht, muss meiner sein. Eine KI-Zusammenfassung ist die KI, die denkt, nicht ich. Genau diese Verschiebung war der Kern von Teil 4, und sie gilt auch dann, wenn der Assistent gut ist.

Ich halte mich nicht immer an diese Grenze, und das gehört zur Ehrlichkeit dieses Artikels dazu. Es ist verführerisch, einen halbgaren Gedanken vom Agenten glattbügeln zu lassen und das Ergebnis für den eigenen zu halten. Der Generation Effect – selbst Formuliertes wird tiefer verarbeitet als Gelesenes – funktioniert nicht, wenn das Formulieren ausgelagert wird. Wo ich Claudian die Sätze schreiben lasse statt nur die Recherche, betrüge ich mich selbst. Ich weiß das. Ich tue es trotzdem manchmal.

Die unbequeme Pointe: KI macht die Collector’s Fallacy billiger

Das ist die Stelle, an der ich gegen den Strich der eigenen Begeisterung bürsten muss. Ein KI-Agent senkt die Kosten des Sammelns drastisch. Wenn Claudian fünfzig Artikel am Tag lesen, zusammenfassen und ablegen kann, dann ist die natürliche Folge nicht weniger Sammeln, sondern mehr.

Die Collector’s Fallacy aus Teil 5 lebt davon, dass Sammeln sich anfühlt wie Wissen. KI macht das Sammeln noch müheloser – und damit die Täuschung noch größer. Ein Vault, der sich von einem Agenten füllen lässt, wächst schneller, sieht voller aus und ist potenziell noch leerer an eigenem Denken als der handbefüllte Vault, vor dem Wiencke gewarnt hat.

Deshalb wird die Input Tax in einem KI-gestützten System nicht unwichtiger, sondern wichtiger. Sie ist die einzige Regel, die die Beschleunigung wieder einbremst: Egal wie viel der Agent reinspült – was keinen eigenen Gedanken trägt, zählt nicht. Der Agent darf das Material besorgen. Den Satz, der es zu meinem Wissen macht, schulde nach wie vor ich.

Was bleibt

Mein System ist kein Vorzeigemodell. Es ist zu breit, ich lösche zu wenig, und ich lasse den Agenten gelegentlich Dinge tun, die ich selbst tun sollte. Aber es lebt – seit Jahren, durch mehrere Tool-Wechsel und einen kompletten Struktur-Umbau hindurch –, und es produziert regelmäßig etwas, das die Grenze des Vaults verlässt. Nach den Maßstäben aus Teil 5 ist das die einzige Definition von Erfolg, die zählt: Output → Welt, nicht Output → Vault.

Wenn ich aus diesen sechs Jahren eine Lektion ziehen müsste, dann diese: PKM ist kein System-Problem, sondern ein Denk-Problem. Das beste Werkzeug, der schlaueste Agent, die sauberste Ordnerstruktur ändern nichts an der einen Tätigkeit, die nicht auszulagern ist – langsam zu lesen, gründlich zu verarbeiten, ehrlich zu schreiben. Alles andere ist Infrastruktur.

Bleibt die Frage, die ich in diesem Teil bewusst offengelassen habe. Claudian verarbeitet, habe ich gesagt, er denkt nicht. Aber stimmt das noch? Wo verläuft die Grenze zwischen einem Agenten, der mir Arbeit abnimmt, und einem, der mir das Denken abnimmt? Und was passiert mit einem Zettelkasten, dessen „Kommunikationspartner” – Luhmanns Wort aus Teil 2 – plötzlich selbst antworten kann?


Im nächsten und letzten Teil: PKM und KI. Wenn der Agent mitdenkt – LLMs als Wissenspartner, MCP und RAG als technische Brücke, die automatische Verarbeitung des eigenen Vaults. Wo die Chancen liegen, wo die Risiken, und warum die spannendste Frage nicht ist, was die KI kann, sondern was sie uns abnimmt, das wir besser selbst täten.


Quellen

Eigene Vorarbeiten (Vault-Zettel, geerntet für diesen Artikel)

  • Mein PKM – ehrlicher Erfahrungsbericht – die Rückschau, aus der dieser Teil entstanden ist
  • Der Wartungsaufwand – wann kippt das System? – die Eine-Stunde-Faustregel in der Praxis
  • PKM und KI – wenn der Agent den Zettelkasten pflegt – Claudians Rolle, ausführlicher in Teil 7
  • Obsidians Wette auf Plain Text – warum Markdown das ideale Format für KI-Agenten ist

Externe Quellen

Meine Werkzeug-Serie (das technische „Wie”)

  • Von der Notiz ins Netz – fünfteilige Serie zu Vault, Sync, Backup und Blog-Publishing mit Obsidian und Quartz